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29
Nov
2009

Aufruf zum Boykott

Vor einiger Zeit habe ich einen Eintrag zur Volksiniative für ein Minarettverbot eingestellt, ihn aber bald wieder gelöscht, weil ich befand, dass man den eitrigen Ausdünstungen der Hirntumore einer Handvoll Faschospinner gar nicht so viel Aufmerksamkeit schenken sollte; einfach nur lächerlich, kein halbwegs vernünftiger Mensch wird dafür stimmen. Dachte ich. Naiv, blauäugig, im guten Glauben an die Pappenheimer. Bis vor kurzem hatten so krasse Kriegserklärungen an der Urne nie eine Chance. Was passiert gerade in diesem Land?! Tja. Deutlich weniger als die Hälfte der Schweizer sind halbwegs vernünftige Menschen. Nun ist es nicht mehr nur peinlich, das Negativ eines Rotkreuz-Passes zu haben, sondern bodenlos beschämend. Ich muss mich informieren, wie man aus diesem Verein austreten kann (ein Deutscher hat vor ein paar Jahren dem Bundespräsidenten geschrieben, er trete aus dem Staat aus - für ihn hat es funktioniert, für den Bundespräsidenten nicht). Dass der Bundesrat jetzt auch noch relativiert, ist schlicht skandalös. Darauf gäbe es nur eine Antwort: das Amt mit sofortiger Wirkung niederlegen; soll sich das Idiotenvolk, das die eigene Verfassung nicht respektiert, doch selbst regieren! Da wir aber weiterhin wacker Bubenspielzeug exportieren, könnte die Retourkutsche nicht lange auf sich warten lassen. Ich fange an zu hoffen, dass demnächst etwas in die Luft fliegt (bloss werden die 99,999% nicht-fundamentalistischen Muslime diese kindische Aggression vermutlich mit schweigender Verachtung strafen). Libyen könnte uns allenfalls von der Dummheit befreien, mit den Sumpfpänzerchen made in Switzerland eben. Qhaddafis Barbarei ist im Gegensatz zur unsrigen wenigstens kreativ.
Und Ihr da draussen: boykottiert uns! Kotzt auf unseren Käse und unsere Schokolade (obwohl Milka und Ritter nicht essbar sind, Ihr werdet's überleben), macht dort Ferien wo Menschen wohnen, zügelt Eure Konten auf die Kanalinseln! Verklagt uns in Strassburg!


Addendum 30.11.: Wer mit dem Abstimmungsresultat nicht einverstanden ist, trägt diese ganze Woche eine weisse Armbinde. Habe heute niemanden damit gesehen, und es hat mich auch niemand angesprochen. Offenbar organisieren sich solche Aktionen nur noch per facebook und sms (wer beides verweigert wie ich, kann sich ja dennoch mühelos informieren). Bin gespannt, ob ich morgen in Zürich ein anderes Bild vorfinde. Die machen da draussen alle weiter, als wäre nichts geschehen. Über Mittag gehen sie scheinheilig zum Türken.

28
Nov
2009

Agronomische Aufpimpung der Agricola-Regeln

agricola
Landw. Betrieb im Vordergrund: links oben Schaf- und Schweineweide (erstere mit Stall), rechts oben drei Bauern und das Haustier in der Holzhütte, unten links knapp sichtbar zwei Getreideäcker.

"Agricola", das Brettspiel der Extraklasse, das man lobenswerterweise auch Solitaire spielen kann, hilft abzuspannen, Konzentration, Taktik und Strategie zu schulen (alles drei hat bei mir Training mehr als nötig!), und in meinem Fall zudem, das Heimweh nach dem Stallmief zu stillen. Obwohl es jeweils in Stress ausartet, weil man andauernd von Hungersnot bedroht wird und deshalb fischt und taglöhnert und schlachtet und backt wie blöd (oder das teure Saatgut auffrisst), während man sich um viel zu Vieles simultan kümmern muss: Ackerbau, Viehzucht, den Ausbau und die zweimalige Renovierung des Hauses (von Holz zu Lehm zu Stein) und die Fortpflanzung der Bauernfamilie, was zwar Arbeitskräfte bringt, die einem aber die Haare vom Kopf fressen. Allerdings simuliert die ewige Futtersorge wohl sehr treffend die Situation der Kleinbauern im 17. Jahrhundert (und heute). In der Vollversion - und die ist erst richtig taff - muss man ausserdem den Landwirt weiterbilden und sich die Arbeit mit zig Anschaffungen erleichtern, und beides kommt schweineteuer zu stehen, zahlt sich aber gewaltig aus, sofern man ein starkes Blatt auf die Hand bekommt. Die neue Erweiterung (hurraaa!) "Die Moorbauern" kompliziert die Lage in orgiastischem Ausmass. Man muss jetzt auch noch Torf stechen und die Hütte heizen (hat man zur Erntezeit nicht genug Brennstoff gebunkert, werden die Figüren krank und liegen im Spital darnieder, anstatt zu rackern), Wald roden, um Holz zu ernten und Acker- und Weideland urbar zu machen, sowie eine Pferdezucht aufbauen. Die naturgegebene Verteilung der Moor- und Waldflächen erfordert eine vorausschauende Planung, dass einem Hören und Sehen vergeht. Alles in allem, müssig, es zu sagen: ich verliere eigentlich immer. Dieses Komplexum übersteigt meine intellektuellen Kräfte.


Aus agronomischer Sicht schlage ich ein paar Änderungen der offiziellen Spielregel (Download) zur Güte vor:

1. Es ist ein Unding, dass verschiedene Tierarten nicht auf derselben Weide gehalten werden dürfen. Schafe und/oder Rinder und/oder Pferde im Team sorgen erst für eine optimale Nutzung des Grünlandes (der Futterbau ist die Königsdisziplin der Landwirtschaft, es wird ihm - auch in der Praxis - zuwenig Bedeutung beigemessen). Für gemischte Weiden (Schweine ausgenommen) sollte es Extrapunkte geben.

2. Freilandschweine versauen Grasnarbe und Boden beinah irreversibel (jedenfalls für geraume Zeit). Deshalb sollte es Abzug geben für Schweine, die ohne Stall gehalten werden.

3. Zwischenfutter auf Ackerflächen sollte genutzt werden dürfen; auf jedem Acker, der zur Erntezeit brachliegt, könnte man ein Tier halten (was den notorischen Platzmangel zur Reproduktionszeit der Nutztiere entschärfen würde; wenn man nachher wieder aussäen will, bevor man mehr Weiden gezäunt hat, müsste man das Tier halt aufessen).

4. Zwar wird den geschlossenen Nährstoffkreisläufen im Spiel bereits Rechnung getragen, indem man eigentlich nicht gewinnen kann, wenn man nur einen Betriebszweig ausbaut. Hübscher wäre noch, wenn man zusätzlich für Dünger bezahlen müsste, solange der Ackerbau massiv überwiegt, und umgekehrt Abzug kriegen würde für zuviele Tiere pro Ackerfläche (oder hospitalisierte Knechte wegen Grundwasserversauung).

Allerdings ... ich würde lieber nur Zusatzregeln wollen, die das Spiel erleichtern. Aber es steht mir ja frei, durch Privatkodex meiner Vorliebe für Stressbekämpfung zu frönen.


Addendum: Dieses Spiel hat uns nicht zuletzt das wunderbare Wort animeeples beschert. Meint: hölzerne Tierfiguren, die auch ohne viel Phantasie als Tiere erkennbar sind.

24
Nov
2009

Der Hauptnachteil des Buches:

Immer nur ein Buch pro Buch.


Aus einem Zeitungsartikel, worinnen die Vor- und Nachteile des analogen Buches denjenigen der verschiedenen Sorten digitaler Bücher gegenübergestellt werden. Nun ist "immer nur ein Buch pro Buch" nicht gerade ein dem Buch inhärenter Fehler, sondern "ein Buch" ist schlicht die Definition des Buches im Singular. Dem Buch wird seine eigene Definition erst von den neuern Arten zu lesen als Nachteil ausgelegt (heisst eigentlich nichts anderes als: das Buch ist ein Nachteil). Es wird aber nicht erwähnt, dass ein Reader, ein PC oder ein Handy keine Bücher sind, noch nicht mal ein einziges. Ausserdem gibt es ja auch sowas wie: "Erstmals alle drei Romane in einem Band!" - Das sind mehrere Bücher pro Buch. Oder Sekundärliteratur: ein Buch über andere Bücher. Oder Bibliotheksromane. Tausende Bücher pro Buch. Ob "das Buch" eigentlich sein Papier mit Zugemüse oder sein Inhalt ist, wurde aber vermutlich auch nie abschliessend geklärt.

19
Nov
2009

Der Mann, der nicht zu pissen wagte

The pleasantest dotage that I ever read, saith Laurentius, was of a gentleman at Senes in Italy, who was afraid to piss, lest all the town be drowned; the physicians caused the bells to be rung backward, and told him the town was on fire, whereupon he made water, and was immediately cured. Another supposed his nose so big that he should dash it against the wall if he stirred; his physician took a great piece of flesh, and holding it in his hand pinched him by the nose, making him believe that flesh was cut from it. Forestus, Obs. lib. I, had a melancholy patient who thought he was dead; "he put a fellow in a chest, like a dead man, by his bed's side, and made him rear himself a little, and eat: the melancholy man asked the counterfeit whether dead men use to eat meat? he told him yea; whereupon he did eat likewise and was cured."
Lemnius, lib. 2, cap. 6, de 4 complex., hath many such instances, and Jovianus Pontanus, lib. 4, cap. 2, of Wisdom, of the like: but amongst the rest I find one most memorable, registered in the French chronicles, of an advocate of Paris before mentioned, who believed verily he was dead, etc. I read a multidude of examples of melancholy men cured by such artificial inventions.


Robert Burton: The Anatomy of Melancholy, Second Partition (The Cure of Melancholy) - Help from friends by counsel, comfort, fair and foul means, witty devices, satisfaction, alteration of his course of life, removing objects, etc.

17
Nov
2009

innocent passage

Gespenstisch leer im Warenhaus. Unten wuselt das Kind um die Regale und stopft sich die Taschen mit Kettchen und Ohrringen voll. Die Grossmutter hat kapituliert. Sie steht einige Meter vor mir auf der Rolltreppe, fährt nach oben, blickt nicht zurück. Ich starre auf ihren Rücken und denke: sie hat es schwer.
Sie dreht sich um zu mir und sagt: wissen Sie, ich habe es schwer! Mein Mann ist gestorben und ich bin allein mit den Enkelkindern.


innocent passage: friedliche Durchfahrt. Aus dem Seefahrtsrecht.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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La Tortuga - 30. Nov, 14:21
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