29
Jun
2009

Ob die wohl auch fliegen?

warrug
4 Helicopter 2 Tank War Rug

Wieso eigentlich diese Befremdung auf den ersten Blick? Wir freuen uns doch über bildliche Zeugnisse aus alten Zeiten und nehmen es einfach so selbstverständlich hin, dass früher schon immer Krieg war. Historiker, Antiquitätensammler, Kunstliebhaber und Museumskuratoren werden in 500 oder 1200 Jahren aus dem Häuschen sein, wenn solche Teppiche zum Vorschein kommen, vielleicht in den Ruinen amerikanischer oder schweizerischer Wohnungen. Sie werden Granaten und Panzer so niedlich und primitiv finden wie manche von uns Heutigen Kataphrakte und Triremen. Nach eingehender Betrachtung der vielfältigen Designs könnte ich mir schon fast vorstellen, so einen Teppich zum gemütlichen Draufrumfläzen in der Stube zu haben. Die meisten war rugs stammen aus Afghanistan. Moderne Motive (bis hin zu kartographischen Darstellungen z.B. des Irakkrieges oder des World Trade Center) werden in traditionellen Stilrichtungen verarbeitet, neuer Wein in alten Schläuchen. Und so bunt!

Die Homepage: warrug.com.
Gefunden wieder einmal bei Strange Maps, unter dem Titel Strange Mats.

27
Jun
2009

Zweierlei Lava

Das Grosse-Schwester-Syndrom, vielleicht das Privileg der Vermutterungsweigerung: ich, die Grosse Schwester, bilde kleine Mädchen aus. In einem Stall bauen sie unter meiner Anleitung eine konvexe Brücke, über die zwölf Kühe, immer zwei nebeneinander, gleichzeitig laufen können sollen. Die Mädchen sind mit Feuereifer bei der Sache. Sie hieven Holzplanken auf Strohballen, mit einem Ärmchen verschieben sie kichernd das Vierfache ihres eigenen Körpergewichts. Beinah routiniert arbeiten sie, obwohl sie zum ersten Mal eine Kuhbrücke bauen (viele von ihnen sind ja noch nicht mal eingeschult). Ich kann sie machen lassen, das tut ihnen gut, wenn sie sich selbständig beraten und organisieren müssen. Ich ziehe mich in die leere Kälberbox zurück, wo ich die Schützlinginnen hören kann, und sortiere ihre Jahrgänge und Siedlungsorte und bereite ihre Kuhbrückenbau-Zertifikate vor. Stemple sie bereits, denn keines meiner Mädchen wird durchfallen.
Du stehst in der Boxentür. Wirfst wohlbeherrschten Schatten, Du, für den ich einst die Blumenbande eines erhabenen Gebäudes verwüstete, für den ich sogar ein Grosses Gewächs ermordete und es wieder tun würde, so unvermittelt wirfst Du diesen fransenlosen Schatten, dass ich nicht dazukomme zu denken, dass ich nicht mehr mit Dir gerechnet habe (ich habe doch...). Das passiert ja immer wieder, dass Du plötzlich auftauchst, ohne Dich vorgängig zu vermitteln, und wie jedes Mal auch dieses Mal: Du schaust SO. So, dass ich rückwärts weiche, bis sich mir die Schultern in die Ecke falten, dann kann ich nicht weg und will es gar nicht, aber mit diesem Blick verhinderst Du, dass wir es aussprechen, was jedes Mal (nicht dieses Mal, schwöre ich mir, während ich weiche), immer und immer wieder, zum Letzten Kuss führt. Verstehst Du denn nicht, wie grausam die Wiederholung des Letzten ist?! Ich bleibe stehen, bevor sich meine Schultern in die Ecke falten. - "Was ist es, was du mich seit zwölf Jahren fragen willst?" frage ich. - "Das weisst du ganz genau," antwortest Du. - "Nein, ich habe keine Ahnung!" lüge ich. (Wir haben nie etwas kaputtgemacht.) - "Was willst du denn von mir wissen seit zwölf Jahren?" so drehst Du den Spiess um. Dein gediegenes Kupfer noch heute, und die Pupille aus Grünspan, die mich anfleht und notabweist, vor und rück - "meine Frage ist dieselbe wie deine," gebe ich nach zwölf Jahren endlich zu in hilfloser Kapitulation. Ich breche in Tränen aus, als wär ich so Kind wie meine Schützlinginnen, sinke an Deine Schulter fast wie im richtigen Kitsch. Der Letzte Kuss findet bei jedem Wetter statt. Er beginnt gerade.
Ein Schrei von der Kuhbrücke. Ein Mädchen schrie! Ich materialisiere mich unter der fertigen Brücke, lege mir den Kopf des gestürzten Kindes in den Schoss, rufe die Ambulanz mit meiner Hundepfeife (für solche Notfälle, ich weiss, was ich tue, wenn ich Kuhbrückenbaukurse gebe), das Mädchen stirbt einige Male in meinen Armen, sie weiss noch nichts von Letzten Küssen, aber jedesmal wenn sie die milchigen Augen kurz aufschlägt, liegt kein Groll in ihrem Blick, nur die Sorge, dass die Brücke keine zwölf Kühe tragen wird. Gaffer drängen sich im Stall. Die feiste Insektenkönigin mit dem winzigen Kopf und dem geschwollenen Abdomen verdrängt das Gedränge, immer war das so, ich muss das Mädchen an der Schwelle vor ihr schützen, sonst entreisst sie es mir und gar noch dem Tod. Du klebst mit Deiner ganzen einen Seite an dem Insekt und willst nicht mehr wollen, da stehst Du und schaust SO, Deine Schultern, die fürs Hängen nicht vorgesehen sind, hängen, und Dein grünes Hemd hat an der einen Schulter einen nassen Fleck und der Fleck hat einen feinen weissen Rand aus Salz. Ich habe dieselbe Frage wie Du, Kupfer & Grünspan.
Später, nach dem Kaffee, fallen schwindlige Bienen aus dem schwülen Himmel und legen sich mir vor die Füsse und sterben, gleich neben den beiden Lavastücken, und weisst Du noch, was Du damals sagtest, flehentlich und notabweisend, vor und rück, als Du sie mir gabst? (Natürlich weisst Du.) Was ich Dir sagen würde, wenn es ginge (warum fragen wir, was wir wissen), dann, dass jener Abend auf und in dem See, dass, an jenem Abend, das Boot mit dem blauen Streifen, zwölf Sommer, die Luftbläschen im Dunkelgrünen, dass ein wackliger Graureiher am Aprikosenhimmel über dem Wasser, wie ich fast erstickte vor Lachen beim Ausspucken, dass wir etwas hätten kaputtmachen sollen, ja, dass es das ist, das Nichtkaputtmachen im Einen Augenblick, was ich in meinem Leben von Allem am Meisten bereue, Kupfer & Grünspan. Und das will was heissen.

23
Jun
2009

Funktionalität ist Bockmist

Es gibt keinen Zweck und hat keinen.
Die Mittel heiligen sich selbst.

21
Jun
2009

Heimweh ...

nach den Rinderherden, nach den Dialekten aller Landesteile, nach den Flurnamen, nach den 10'000 Namen der Quecke und der Blacke, nach dem Schrei des Bussards, nach dem Muskelkater, nach den Zuchtausweisen und Brunstkalendern, nach dem Motorgeräusch des IH International Jahrgang '69, wenn er vom ersten in den zweiten Gang springt, nach den Vier-Nummern-zu-grossen-Gummistiefeln und dem Sonnenbrand im Nacken.

Heute haben mich die Viehhändler eingeladen (wieder eingeladen, obwohl ich schon so viele Einladungen ausgeschlagen habe). Sie sind der händlerischen Unruhe zum Trotz so treu, dass sie sich allesamt an mich erinnern, und so verbindlich, wie auch ich es bin, und selbst jene, die mich noch nicht kennen, strahlen diese seltene Verlässlichkeit aus, dass man sich ohne Zögern selbst an ihren Schatten anlehnen würde; es so furchtbar möchte, wenn man ehrlich ist. Der Wein war sehr gut und sehr viel! (Ausserhalb der Landwirtschaft pflegt er ja entweder gut oder viel zu sein, nicht wahr, und in beiden Fällen ohne "sehr".) Jetzt bin ich ganz fiebrig und zu 93% unzurechnungsfähig im Vermissen meiner alten Kraft, vergeblich, vergeblich, und erstmals seit langem fällt mir die selbstgewählte Einsamkeit schwer wie Düngersäcke für 300 Hektaren und 21 Jahre, jau.

Ein Trinkspruch auf alle Landwirte und Viehhändler und den gesamten globalen Rindviehbestand.

20
Jun
2009

Wie der Schatz aus der Kloake des Regenbogens tropft, wo man ihn nicht findet und was böse Menschen darüber sagen

Man findet die Regenbogenschüsselchen beim Pflügen oder nach heftigen Regengüssen, weil sie aus und in den Regenbögen, und zwar an demjenigen Orte, wo sie sich auf die Erde zu stützen scheinen, gezeugt werden. Paracelsus hat diese vage Erklärung wissenschaftlich präzisiert: die Schüsselchen entstehen in dem Augenblick, in dem sich Sonne und Regenbogen vermischen, und danach fallen die Münzen vom Himmel herab. Ein weiterer Beweis findet sich im Grimmschen Märchen "Sterntaler" (... es ist ein besonderes Glück, in der Nacht einen Regenbogen zu beobachten!). Regenbogenschüsselchen haben, müssig, es zu sagen, magische Kräfte. Sie können Krankheiten heilen und Schmerzen lindern.

regenbogensch3

Natürlich wurde in neuerer Zeit rücksichtslos und dogmatisch profaniert. 1714 schrieb der Gelehrte Michael Bernhard Valentini in "Museum Museorum, oder Vollständige Schau Bühne aller Materialien und Specereien", dass es mit den Schüsselchen eine andere Bewandtnis haben müsse, weil der Regenbogen überall auf der Welt auftrete, während nur in Europa, fast ausschliesslich in Deutschland, Sterntaler gefunden würden. Ausserdem stehe der Regenbogen je nach Betrachter in verschiedenen Winkeln, deshalb müssten überall solche Schätze liegen.
Diesen Scharlatan zu widerlegen, kostet mich ja kein müdes Synapsenzucken: erstens ist die Glaubwürdigkeit eines Wissenschaftlers, der das Wort "vollständig" in einem Werktitel verwendet, von Vornherein aufs Gröbste anzuzweifeln. Zweitens ist meines Wissens nicht bewiesen, dass überall auf der Erde Regenbögen auftreten (... in Höhlen? ... im mittlersten Punkt der Sahara? ... auf dem Meeresgrund? ... in der Innerantarktis?). Drittens wissen wir nicht, wer sonst noch Regenbogenschätze gefunden hat und wo, es ist ja besonders typisch für uns in Mitteleuropa (und eigentlich nur für uns), jeden aufgefundenen Hundsschiss den Behörden zu melden, von einem Schatz nicht zu reden. Viertens, - und das ist das schlagendste Argument, mit dem man Heerscharen von Wissenschaftlern sämtlicher Fachgebiete demontieren kann -, viertens also ist nicht überall tatsächlich nichts, wo man bisher nichts gefunden hat oder auch später nichts finden wird. Ganz im Gegenteil.
Zusatz zu zweitens und drittens: der Mann macht ohnehin nicht den Eindruck, als wäre er weit herumgekommen, aber ich will jetzt nicht so unsachlich werden wie er selbst.

Als Kind dachte ich, dass der Schatz am Ende des Regenbogens früher einmal von jemandem versteckt worden war, und dass ihn der inzwischen verstorbene (unrechtmässige, romantische) Besitzer deshalb unter dem Regenbogen eingrub, damit er sein Gold später wiederfände. Zudem, aber das ist ein Detail, zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie man herausfinden könnte, welches Ende des Regenbogens das Ende ist und nicht etwa der Anfang - dass an Regenbogenanfängen keine Taler liegen, hätte mich eigentlich darauf bringen müssen, dass diese Exkremente oder Sekrete der Regenbögen selbst sind (ich war ein einfältiges Kind ...). Die ehemaligen Schatzbesitzer wären, will man den aktuellsten Forschungen glauben, keltische Söldner gewesen, die unter anderen Kriegsherren auch Alexander dienten und mit griechischem Geld aus kleinasiatischem Gold bezahlt wurden. Daraus folgt zumindest, dass es in Kleinasien fruchtbare Regenbögen gab (die von den Griechen gemolken wurden), was den Herrn Valentini wohl fuxen mag.

Quelle (wobei ich die Interpretation etwas umrüsten musste): Michael Wachtler & Georg Kandutsch: Goldgrube Alpen - Sammler, Sucher, Schatzgräber. Ein herzblütiges, querstgedachtes, üppig bebildertes Träumer-& Abenteurer-Buch. Der Verlag scheint auf Lektorat und Korrektorat zu verzichten, viel Druckgefehle, viieeeel Pathos (Stufe: 12+, Art: Naturdokumentarfilm), dafür auch von sonst allem viel viel viel! Bunteste Nagelfluh, Therapie für Pedanten (die auch mir guttut).

18
Jun
2009

Die Inquietüden der Kaiserin Sissyphüdi VII

Da ist plötzlich ein gewaltiger Gletscher in meinem Kühlschrank, ich weiss nicht, wo der über Nacht hergekommen ist und ob findenswerte Leichen darin sind, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich dagegen etwas unternehmen sollte, und wenn ja was, und ob ich es noch hinauszögern kann. Denn wenn einmal etwas entschieden ist, heisst das noch lange nicht, dass ich mich auch zu Massnahmen entschliessen kann. Ich wage es nicht, das Gefrierfach zu öffnen. Überhaupt kann ich mich immer seltener erinnern, ob etwas gestern oder heute war, vor allem dann, wenn ich dazwischen nicht geschlafen habe, die Tage verschwimmen so, und wenn es die lästige Aussenwelt nicht gäbe, wäre das sehr angenehm. So aber führt es zu Komplikationen, Konfrontationen, Konvulsionen und Kollisionen. Das Wasser hier ist so hart, dass ich in der Pfanne, in die ehemals 6 Eier passten, nur noch 2 aufs Mal kochen kann, und selbst an meinen Zähnen wachsen - im Ernst! - Stalaktiten (das sind die von unten nach oben, nämlich seltsamerweise nur in der unteren Zahnreihe). Die ungeheurlichen Parasiten fliegen noch immer, endlich habe ich ihr geheimes Nest gefunden, hoffentlich das letzte: nämlich im Barte dieser schrecklichen Narrenmaske. Von der ich nach längerer Betrachtung bald überzeugt bin, dass sie eine grausige Erinnerung an die Hunnen darstellt. Der Duschenschlauch knickt ab und ich kann von unten die Seife nicht wegspülen. Ständig erledige ich irgendwas und sogleich entledigt sich etwas anderes, um sich mir wie ein Findling in den Weg zu legen. Vom Putzen nicht zu reden. Vieles kriegt man nie wieder sauber, seit den Vormietern nicht, selbiges gilt für die Kleider, und vor Gästen schäme ich mich und sage ihnen, dass es nur dreckig aussieht, aber eigentlich sauber ist ( ... zumindest geputzt, ich schwöre!), was es nur peinlicher macht, denn so stosse ich sie mit der Nase darauf, aber es sieht eben dermassen dreckig aus, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemand übersehen könnte. Und wenn ich selbst irgendwo zu Gast bin, frage ich mich verzweifelt, wie die das machen, alles so blanz und blik, dabei haben alle viel mehr los als ich, und sogar wenn sie eine Putzfrau haben sollten, weiss ich nicht, wie eine ausgebildete Reinigungskraft solche Privatkrankenhäuser zustandebrächte. Meist wünsche ich mir ein Gewehr, wenn ich das Staubsaugerrohr anfasse; es würde weniger Mut brauchen. Es ist verschwendete Lebenszeit! Ich komme gar nie zum Arbeiten vor lauter Sinnblödung. Wann habe ich mich zum letzten Mal ob der 4 Wände gefreut? Überhaupt jemals? Es hat ursächlich mit dem "Wohnen" zu tun, diesem Quadratquatsch. Es ist eine gerechte Strafe. Man sollte nicht "wohnen". Ich konzentriere die Kräfte darauf, einen Ausweg aus dem "Wohnen" zu finden, sonst bringt es mich um. Ich weiss nur noch nicht wie. Erwähnte lästige Aussenwelt ( derentwegen ich die 4 Wände auch als Schutzmembran benötige) beharrt darauf, dass ich gefälligst eine feste Adresse haben müsse, ohne mir aber eine Putzfirma, einen Klempner, einen Schreiner, einen Küchengehilfen und einen Kammerjäger freihaus zu stellen. Schreiendes Elend! Nur die Post kommt von selber. Das ist ein Trost, obwohl andauernd keine Post kommt, nichts jedenfalls, was den Namen "Post" verdient.

14
Jun
2009

Penthesilea unter Betablocker

Mein Amazonenvolk (Männeranteil 30%) verehrte mich, und die feindlichen Stämme zitterten vor mir, das ja schon. Die fürchterlichsten Krieger wurden blass und liessen ihre Kindergartentaschen fallen, wenn sie nur meinen Namen hörten. Meine tapferen Heerführer brachten mir Beeren- und Bonbonopfer dar (die begehrten grünen Smarties und überhaupt sämtliche Löwenbeuteanteile immer für mich!). Aber dann, bei der Schlacht an der General-Guisan-Strasse, die Nemesis ... Soeben hatte ich meine Kartonschwert-Infanterie und die Wasserpistolen-Artillerie aufgestellt, gedeckt von Haselruten-Bogenschützen, und die Drahtpferd-Kavallerie an die Flanken beordert, als meine Sollbruchstelle (das schnell verliebte Auge) auf den Häuptling an der feindlichen Schlachtlinie fiel: und Teufel auch, es verdampfte mein Blutrausch und löste sich in süssem Sirup auf! Wenig überzeugend war wohl mein Kampfschrei, aber ich hatte schwer abverdienten Vertrauensbonus bei meinen Truppen (im Ernst, die wollten für mich sterben!), sie stürzten sich todesmutig ins Getümmel. Als ich die erste Alibi-Wunde eingefangen hatte - ein Kratzer am Arm, von dem zu befürchten war, dass er keine respektheischende Narbe hinterlassen würde - fällte ich ein paar schlecht ausgebildete gegnerische Milizionäre, die allesamt einen halben Kopf kleiner waren als mich, kämpfte mich dann in die Schusslinie des Häuptlings und fingierte eine Ohnmacht durch Blutverlust. Plan aufgegangen! Er riss mich hinter sich auf sein Drahtpferd (... man kann auf ein solches schwerlich gezwungen werden, nicht wahr), galoppierte die Heerstrasse entlang bis zu seiner Festung und sperrte mich in den unterirdischen Kerker. Nachdem er mich auf den Folterstuhl gefesselt hatte, holte er mir Decken und stahl unter Einsatz seines Lebens die üppigsten Speisen aus der Küche seiner Stammesältesten. Ich gestehe: ich trug noch meinen Dolch (Pfadfindermesser mit abgebrochener Spitze) am Gürtel. Es wäre ein Leichtes gewesen, mich zu befreien und meinem Peiniger (?) lautlos den Garaus zu machen. Ich hörte draussen meine treue Leibgarde verzweifelt nach mir suchen - ich aber gab keinen Mucks von mir. Oh, ich verriet mein Volk, das derweil die Schlacht für uns entschieden hatte! Ich blieb ihren Siegesfeiern fern in freiwilliger Gefangenschaft, nachdem ich sie feig im Stich gelassen hatte! Es fiel mir nicht einmal ein, den Häuptling zum Zweikampf zu fordern und die Liebe mit Unterwerfung oder gar mit dem Tod zu gewinnen. Stattdessen fragte ich ihn, ob er mich heiraten würde. Pffff! Um der Götter Willen!!! - Wahrscheinlich schon, sagte er, aber sind wir nicht zu jung?, nächstes Jahr reden wir wieder drüber (ich war 7, er 8 - die Hochzeit kam glücklicherweise nie mehr aufs Tapet; ein paarmal führte ich meine Amazonen zwar noch in die Schlacht, aber unsere Macht war gebrochen, lang bevor uns hinderliche Brüste wuchsen).
Oh, die Schmach, die Scham!! Diese widerstreitenden Kräfte: der Wunsch nach einem gemütlichen Routineabend vs. die Sehnsucht, ein abenteuerliches, gefährliches, romantisches, kopf- und sinnloses Leben zu führen. Das Herz ist willig, aber das Fleisch ist schlapp. Es ist grausam, Penthesileas Mascara- und Blumenunfähigkeit zu teilen, ohne Penthesilea bis ins Mark zu sein. Ich nenne es meine Trägödheit.


Ach, Nereïdensohn - Sie ist mir nicht,
Die Kunst vergönnt, die sanftere, der Frauen!
Nicht bei dem Fest, wie deines Landes Töchter,
Wenn zu wetteifernd frohen Übungen
Die ganze Jugendpracht zusammenströmt,
Darf ich mir den Geliebten ausersehn;
Nicht mit dem Strauß, so oder so gestellt,
Und dem verschämten Blick, ihn zu mir locken;
Nicht in dem nachtigalldurchschmetterten
Granatwald, wenn der Morgen glüht, ihm sagen,
An seine Brust gesunken, daß er's sei.
Im blut'gen Feld der Schlacht muß ich ihn suchen,
Den Jüngling, den mein Herz sich auserkor,
Und ihn mit ehrnen Armen mir ergreifen,
Den diese weiche Brust empfangen soll.

Heinrich von Kleist: Penthesilea - Trauerspiel, 15. Auftritt

5
Jun
2009

Bekenntnisse einer Kaminfegerin

Ich kroch unter jeder Leiter hindurch, nahm Umwege auf mich, um der schwarzen Katz stets von rechts über den Weg zu laufen, reservierte in allen billigen Hotels das Zimmer 13 und bewohnte es auch, zertrümmerte so manchen Spiegel und stiess wie unabsichtlich mit dem Ellenbogen den Salzstreuer vom Tisch, frisierte mein Hörgerät, um keinen Käuzchenschrei zu überhören, verpasste nie auch nur den mickrigsten Kometen, ruinierte mich in Zoohandlungen, um Schlangennester und Totenvögel aufzukaufen. Allein meine Episteln an den Papst mit dem Begehr, den Kalender auf einen immerwährenden 13. Freitag umzuschalten, fruchteten nicht. Ich schmolz alle Hufeisen ein, derer ich habhaft werden konnte. Ich zertrampelte jedes vierte Blatt auf Kleefeldern so gross wie Brasilien, stach Legionen von Ferkeln ab und schlug Marienkäfer tot, bis sie auf die Rote Liste gesetzt wurden. Aber ich glaube nichts geschah. Mit 57 liess ich mich zur Kaminfegerin umschulen; selbsternannte Untiefenpsychologen behaupteten, um wenigstens einen der Kaminfeger zu ersetzen, die ich erdrosselt hatte. Aber ich glaube nicht. Nichts geschah. Ausser dass alles, einfach alles, an mir kleben blieb wie Pech, so wie immer schon.

3
Jun
2009

Mammut, nimm dich in Acht!

holmegaard

Mittelsteinzeitlicher Bogen (Holmegaard, Dänemark), ca. 8000 bis 5000 v.u.Z.

Das baue ich mir übers Wochenende an einem sumpfigen See, der eigentlich mehr für seine Edlen Pfahlbauer bekannt ist, aber dass ich ein Retro bin und mich mit Vorgestern nicht zufrieden gebe, hat sich ja längst herumgesprochen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass meine vier linken Hände ein zuverlässiges Abendessensbeschaffungswerkzeug bis zur Funktionsfähigkeit vollenden können, oder auch nur die Sehne mit flämischem Spleiss verzwirnen. Aber da will ich jetzt durch! Und wir haben fachkundige archäologische Anleitung.
Doch selbst wenn ich (seeehr vorübergehend ...) als Vegetarier enden müsste: das ist so oder so die erste zukunftsträchtige Unternehmung seit ungefähr vier Jahren. Ich freue mich wie der Neanderthaler, als er in der Zeitung las, dass er doch nicht ausgestorben ist.

1
Jun
2009

28 Pferdchen in der Basilika

(Zweite Hymne an Attila, König der Hunnen - ich weiss gar nicht mehr die wievielte Auflage inzwischen. Von jeder Hymne gibt es etwa ein Dutzend Versionen, ohne dass ich wüsste, welche gültig ist.)


Weil ich unartig war und eigenartig, wie sie sagten, zu arm und zu hässlich um zu heiraten, wie sie dachten, steckten sie mich ins Kloster, und da niemand von meiner Liebelei mit einem Mithrasanhänger wusste, hing mir die verdorrte Äbtissin mit Freuden das Novizinnengewändchen um. Stund um Stund, von Matutin zu Laudes, Prim Terz Sext Non, zu Vesper zu Komplet ging ich zickzack im Kreuzgang und langweilte mich so schief, dass ich zu hinken begann und schliesslich einen Klumpfuß entwickelte. Träg und marode hing der ewig blassblaue römische Paxhimmel über unseren lächerlichen Häubchen. Allnächtlich betete ich um ein Gewitter, einen apokalyptischen Wirbelsturm, der diese geistige Schwüle aufbrechen möchte.

Als ich das Donnergrollen hörte, brach ich in die Knie und drückte die Stirn in die staubige Erde hinter den Bienenstöcken. Endlich wart ihr gekommen, ihr aschenen Reiter, und hier warst du, Fürst Attila, feral und auratisch und entsetzlicher als ich dich geträumt hatte, irdischer Erlöser, du Hund! Die Mitschwestern stürzten schreiend auseinander und warfen sich auf die eisernen Spitzen der Zaunlatten, bevor ihr ihrer habhaft werden konntet. Ich kreuzte die Arme vor der Brust und bannte eure Pferde, so dass sie aus vollem Lauf die Vorderhufe in den Boden stemmten und sich auf die Kruppen setzten. Ihr wagtet es nicht, mich anzufassen. Ein Blitz schlug in die Wetterlinde, die Sündflut ergoss sich vom Himmel. Ich öffnete die schweren Tore der Basilika und gewährte euch Einlass. Postkarte aus der Hölle!, lachtet ihr und rittet in Schlachtordnung durch das Kirchenschiff. Achtundzwanzig zerzauste Pferdchen drängten sich im Hause Gottes. Heisser Dampf stieg aus ihrem regennassen Fell. Achtundzwanzig Männer blieben im Sattel sitzen und nickten ein, umgeben von all dem Prunk, der euch über die praktische Nützlichkeit hinaus nichts bedeutete. Ihr kanntet keinen Besitz und kein Dach über dem Kopf; ihr wolltet stete Bewegung, Frauen, frisches Weideland und Vieh.

Anderntags ritt ich mit euch. Ein Klumpfussknöchelchen liess ich zum Abschied im Konvent, damit man eine Reliquie hätte, sie zu Gold zu machen. Denn eine Märtyrerin war ich: niemals gab ich euch meine Einwilligung, wodurch ich unbefleckt und keusch auch am Fleische blieb; eure Lust entzündete sich am Widerstand umso mehr. So ging niemand leer aus während des Weltuntergangs. Wie ihr mir labenden Schatten spendetet gegen das grelle Licht des Christentums, so schenkte ich euch die Freuden der Polyandrie – und einige zweitrangige Hymnen auf den König Attila.

Was waren wir schamlos glücklich, ihr Hunnen! Ich war euch nicht zu arm oder zu hässlich und ihr mir niemals schrecklich genug. Am meisten aber freute mich, wie ihr gebannt an meinen Lippen hingt des nachts, in den Sätteln zusammengesunken rund um das Feuer, und wie kein Pferd es wagte zu scharren oder mit dem Schweif zu schlagen, wenn ich erzählte.

Nur dies eine ... Ich habe euch die Schrift vorenthalten und masste mir an zu glauben, es sei zu eurem Besten. Natürlich spracht ihr fliessend Latein und Gotisch und wart des Schreibens kundig. Sprache und Schrift waren euch Werkzeug für Handel, Diplomatie und Krieg. Eure Geschichten jedoch konnten ihre gewellten ockergrünen Steppen nur auf dem weiten Ritt zwischen Mund und Ohr auffalten, nur auf gegenwärtigem Atem konnten Kumuluswolken über Tiefebenen rollen; Geschichten niederzuschreiben hätte geheissen, einen Zaun um die Viehweide zu errichten.

Als ihr in den Sonnenaufgang rittet, nahmt ihr eure Geschichten mit euch zwischen all dem Raubgut auf den Trosswagen. Niemand kennt sie heute noch; eure Sprache ist verklungen. Die eine Geschichte aber haben andere geschrieben. Hagel, Pest, Feuersbrunst und Heuschrecken: alles Böse, was danach die Zaunbauer heimsuchte, wurde mit euch verglichen. Dass es so kommen würde, ahnte ich, wenn ich am Feuer bereits dagegen anerzählte, wenn ich euch edelmütiger sang als ihr wart und euch ebenmässige Gesichter erdichtete, um Gleichgewicht herzustellen. Daß ich eure Geschichten hätte einlegen müssen in die Sehne der Schrift, um sie vom Bogen der einen Geschichte abzuschiessen – dieser Gedanke wurde, wann immer er in mir dräute, so beiläufig weggescheucht wie eine Fliege vom schlagenden Schweif eines Pferdes. Zur Strafe erinnern sich die Jahrhunderte an meine feigen Schwestern, die Märtyrerinnen, und an die dümmliche Honoria, aber nicht an mich, die Dichterin, die mit den Hunnen ritt und euch dereinst besingen wird. Eine sentimentale Postkarte in die Hölle!; ein Lied so flüchtig wie das Schnauben eines Pferdes.


Addendum: Hunnen, Mongolen und Skythen rückwirkend (... was immer auch irgendwie zum Gotenkönig Gahlarich führt), soweit noch zusammenstiefelbar.

22.02.2007 Attilas Stuten
24.06.2008 Ici la Champagne devora les Huns
06.09.2008 Temüdschins Erben
15.09.2008 yasaq und bilik
21.11.2008 Die Untreue vor der Hochzeitsnacht
09.03.2009 Apollo 5XII, tödlich Regen, Kugelfisch

30
Mai
2009

Nordost

Dieser nordostige Biswind bringt zu anderen Zeiten Schnee und Frost vom kontinentalsten aller Kontinente, jetzt aber sorgt er dafür, dass man sich unter wohligem Frösteln die Waden bräunen und Vitamin D synthetisieren kann, ohne im eigenen Salzsaft zu ertrinken. Der Nordost hat über Nacht den Himmel saubergeleckt. Ein Himmel so frisch wie ein fabrikneuer Nachttopf, die Emaille mit Tau besprenkelt, er sieht aus, dieser Himmel mit seinem babyblauen Popo, als wäre er soeben geboren worden. Der Wind selbst ist es, der die Unterseite der Blätter und Nadeln silbern aufglimmen lässt, ja selbst noch die Unterseite meines Deckhaars (kupfern, nicht silbern!) (ansonsten so struppig wie das eines greisen Ponys); die Sonne ist dabei höchstens eine Souffleuse, die sich nicht so ganz an den Text erinnert und dem Wind, der die Bühne souverän monologisch ausfüllt, nur asynchron nachflüstert. Und riefen nicht die Schwalben zur Jagd, auf einer Flügelspitze balancierend, so wäre heute derselbe Tag wie ein anderer Tag eines Septembers, als der Wettergott Kataloniens den Herbst-auf-die-Plätze-los-Schalter gedrückt hatte. Die willkürlich in einem willkürlichen Kalender angeordneten christlichen Feste verstehe ich nur am Rande (seit ich in einem katholischen Kanton siedle, haben alle Leute fast das ganze Jahr über Ferien). Aber Pfingsten mag ich, weil es da um Zunge, um Flammenschrift, um Heiligen Atem - Nordostwind! - geht. Pfingsten steht auch im unwillkürlichen Kalender der Dichter. Auf dem Balkon lagen heute früh vier flammende Blütenblätter der Pfingstrose, im Halbrund abgelegt. Niemand kümmert sich hier in der Gegend um Blumen. Es ist nicht zu erraten, woher der Wind sie gebracht hat.

29
Mai
2009

Plötzlich mit Globi

Plötzlich hatte ich genug vom genug haben. Oder nein, überhaupt nicht plötzlich, das ging schon eine doppelte Ewigkeit. Was plötzlich kam, war ein Glückshammer (luck, nicht happiness) auf die Hinterbirne. Den konnte ich nach dem Zumirkommen nicht geniessen, weil ich schon so lang kein Glück gehabt, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, Glück überhaupt zu verdienen. Es scheint nicht ins Universenraster zu passen. Schlimmer, es kam mir so vor, als hätte dies Glück jemand anderem zufallen müssen, und ich traute mich bisher nicht, diesem Jemand von meinem Glück zu erzählen, weil er es genauso sehen würde wie ich (ohne es mir zu missgönnen, aber das allein nützt mir gar nichts). Was ist es eigentlich, was man am (nicht mal gerechtfertigten) Schuldgefühl dermassen braucht, dass man es einfach nicht ins Klo spülen kann?! Also packte ich eine Rolle Klopapier in den Rucksack und floh vor dem Glück. Sechsunddreissig Stunden mit dem Zug von Moskau hieher ohne Plan. Jetzt guck ich mal, was ich hier so tun oder nichtstun könnte, jedenfalls ist man als Carnivor kein odd man out, zunächst schlage ich mir den Ranzen voll mit vier Mahlzeiten am Tag.
Mit herzlichem Gruss aus einem der 71 Internetcafés in Ulan Bataar downtown, Eure Käpten Pum

(Morgen latsche ich mitten in die Gobi, weder Glück noch Pech noch Schuldgefühl wird mich doch in dies Wunderleer verfolgen. Mögen mich die Aasgeier holen und sich verschlucken an meiner Undankbarkeit. Es sei denn, es kämen noch ungefähr vier weitere Glückshämmer, die mich langfristig oder für immer retten könnten, und dazu noch was von der Sorte happiness, dann würde ich mich bäuchlings hinfläzen und heiser flüstern: "daran könnt ich mich gewöhnen", und mir gar nicht mehr vorstellen können, Pechhämmer zu verdienen. Danke, Götter, für den ersten von vielen Hämmern! Morgen erzähl ichs Jemandem per Telegramm, und wenn er die Verteilung falsch sieht, dann solls schön sein Problem sein. Bevor ich in die Gobi latsche mach ich das und scheisse das Schuldgefühl dorten hinter einen Krüppelbusch (dafür ist die Klosettrolle gedacht).)

globi

26
Mai
2009

Zweimal kremieren, bitte

Jede Lebensphase ist eine Bearbeitung, die die vorangegangenen korrigiert und in der Folge ebenfalls korrigiert wird, bis das Ende erreicht ist, das der Bearbeiter den Würmern präsentiert.

Machado de Assis, zitiert von Alberto Manguel in: "Tagebuch eines Lesers"


Hullalla!

@Senhor de Assis: Kuhl! Noch ein Argument für die Feuerbestattung. Meine Verschlimmbesserungen mag ich nicht mal den Würmern vortraben. Das Problem mit dem Krematorium ist bloss, dass der Ofen genau so gebaut ist wie ein Computertomograph. In letzterem wäre ich beinahe vorzeitig abgelebt wegen der Klaustrophobie - die war so unerträglich grausam! Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das nichts mehr anhaben könnte, und wäre ich noch so tot.

@Señor Manguel: ein schönes, feingesponnenes Buch mit vielen wunderlichen Denkanstössen und einigen Leseempfehlungen mit Geheimtippcharakter. Dennoch (es liegt nicht an Ihnen!): mit einem Schlag habe ich es so pappsatt, immer und immer wieder zu hören, haaaach, die Bücher!!, wie sie meine Kindheit geprägt und meine Phantasie wachgeküsst und meine Leiden erträglicher und mich überhaupt intelligenter gemacht haben, und wie sie mir jetzt Trost spenden und Erkenntnis einträufeln und Fragen auftürmen! Natürlich erging es mir ebenso, und ich gestehe, ich habe an diesem Quatsch auch schon zur Genüge mitgetan. Ganz plötzlich kotzt mich dieses Gesülze gewaltig an - man liebt Griessbrei mit Zimt, aaaber: nur ein einziger Löffel zuviel, und man kann ihn für den Rest der Zeit nicht mal mehr riechen, ohne dass es einem den Magen umstülpt. Es ist nun mal so, dass es vielleicht 15% aller Menschen so mit Büchern ergeht (Krankheiten, die als extrem häufig gelten, betreffen 2% der Bevölkerung, darüber mag keiner mehr was hören) - es ist obsolet und belanglos und langweilig, noch länger darüber zu schwadronieren. Es ist auch ein Sich-Aufspielen, a) vor anderen Lesern und b) vor den 85%, die von Bäumen oder Wasser oder Flugzeugen oder Streichhölzern oder einem Saxophon zum Leben erweckt wurden. Dazu kommt ausserdem, dass diejenigen Bücher (manchmal ist es ein einziges), die einen wirklich irreversibel aus dem Orbit geschleudert haben, viel zu intim sind, um sie presizugeben. Das wäre ja so, als würde man die Erste Liebe - oder schlimmer, die einzige Wahre Liebe - bei e-bay verscherbeln. Ich bin überzeugt, dass auch Sie rein gar nichts öffentlich enthüllt haben. Darum war diese Lektüre für mich - bei aller Schönheit - absolut überflüssig. Sie dürfen es (bitte bitte!!) nicht persönlich nehmen, es ist reiner Zufall, dass gerade Ihre Vor-der-ganzen-Welt-Leserei der eine letzte Löffel Griessbrei war.

Aber eine Bemerkung kann ich mir nicht verklemmen (Sie können das schultern): Ist es nicht insgesamt ein bisschen billig? Meine Notizen eines Jahres in Buchform wären nicht weniger interessant (und ebensowenig von allgemeinem Interesse) wie die Ihren. Das Aussortieren, Zusammenstellen und Überarbeiten wäre ein Spaziergang im Gegensatz dazu, einen Roman oder ein Sachbuch zu überarbeiten. Und ich für meinen Teil würde nicht einen Viertel der Arbeit auf die Zitierten abwälzen (kriegten die noch Lebenden Tantiemen?!). Es wäre schon sexy, meine ganz private Passion oder Sucht, wie man will, ein paar Millionen Mal zu verkaufen - Sie können das, weil Sie sich Ihren Ruhm hart erarbeitet haben. Das ist ja okay. Aber trotzdem. Wenn es ein wirksames Plädoyer für das Lesen wäre, sähe es anders aus; allein, Sie erreichen damit nur die 15%, die schon immer gelesen haben, somit ist es kollektive Masturbation einer rändlichen (aber doch legionären) Bevölkerungsgruppe.

Oder war es doch eine notwendige Lektüre?: mir wurde bewusst, dass ich über meine persönliche Lesensgeschichte höchstens noch mit denen reden sollte, die explizit danach fragen. Und dass ich mir die Ohren zuhalten muss, wenn ein anderer davon anfängt, es sei denn, ich hätte danach gefragt. Alles in allem, auf jeden Fall danke! Kaufen Sie sich eine Flasche Wein von dem Ertrag meines Exemplars (29 weitere müssen Sie dazunehmen; doch, ich gönne es Ihnen!).

24
Mai
2009

musher

Ich habe einmal eine Skizze studiert, auf der schematisch dargestellt war, wie man einen Hundeschlitten um 180° wendet. Der Schlitten ein Rechteck, die Geschirre durchgezogene Linien, die Hunde dicke Punkte, der Leithund ein dickerer Punkt, die Fahrspur des Schlittens eine gestrichelte Linie, die Laufspuren der einzelnen Hunde anders gestrichelte Linien. Das Ganze war in mehreren Phasen des U-turns abgebildet (ist das denn auf der Loipe erlaubt?!), sämtliches Gestrichel und Getupfe einander überlagernd. Akustische Kommandos, Gewichtsverlagerung, Bedienung der Bremsen und worauf man ansonsten noch achten muss, wurde daneben in der Bildlegende beschrieben. Und das alles war nur das Erklärbare am Vorgang des Wendens eines Hundeschlittens, also wohl keine 5% der Zauberei. Mir schwirrte der Kopf. Ich studierte und studierte und kam zum Schluss, dass mein räumliches Vorstellungsvermögen nicht ausreichen würde, einen Hundeschlitten zu wenden, schon gar nicht in dem Tempo, in dem es vermutlich normalerweise vonstatten geht.

Natürlich könnte ich den Schlitten trotzdem wenden, wenn es absolut notwendig wäre. Ich müsste halt:
vollbremsen und Anker werfen;
einen Hund nach dem anderen ausschirren (zuerst eine Zeichnung machen und die Positionen mit den Namen der Hunde anschreiben) und alle bis auf den Leithund am Schlitten arretieren;
den Leithund wenden und in der neuen Blickrichtung an ein Bäumchen binden (falls da gerade ein Bäumchen stünde);
das Geschirr degestalt in Relation zum Leithund auf dem Boden auslegen, dass ich nachher beim Anschirren kein Puff mache;
jetzt würde es schwierig;
wenn es genug Bäumchen in praktischen Abständen gäbe (aber das ist eher unrealistisch), könnte ich einen Hund nach dem andern wieder anschirren und vorübergehend an die Bäumchen leinen, damit sie kein Gewickel machen (sicher würden sie ja nicht zu sehr auf mich hören), bis ich den Schlitten in Position hätte (falls der leicht genug wäre, um ihn ohne die Hunde zu bewegen);
oder ich würde versuchen, falls die Hunde so kooperativ wären mit einem Anfänger wie mir, den Schlitten mitsamt den angebundenen Hunden zu wenden und zuerst das Geschirr am Schlitten und dann erst die Hunde im Geschirr zu befestigen;
das geringste Gewusel der Hunde oder Knoten im Geschirr oder festgefrorene Kufen würden mich zu Tränen der Wut und Verzweiflung bringen (die ebenfalls sofort an den Wimpern zu Eiszapfen frieren würden);
sicher käme mir erst dann in den Sinn (denn die einfachste Lösung fällt mir immer erst ein (oder eher auf), wenn ich alle hochkomplizierten Vorgehensweisen vergeblich ausprobiert habe), dass ich besser einfach einen weiten Bogen gefahren wäre, sieht ja eh keiner zu, aber zu dem Zeitpunkt wäre ich längst zu schwach, um das "Hätte-ich-das-doch-gleich-gemerkt-ich-Idiot" ausser Kraft zu setzen;
vermutlich würde mir überhaupt von Anfang an der Mut in die Thermosocken sacken und ich würde mich auf den Boden setzen (worauf mein Hintern festfrieren würde) und losheulen (siehe Eiszapfen), toben und trotzen, und dem Grossen Niemand da draussen androhen, mich den Hunden zum Frass vorzuwerfen.

Ich kann den Schlitten wenden. Ich weiss, dass ich kann, allein aus dem Grund, weil ich muss. Irgendwie. Nicht zu wissen wie, ist keine Ausrede. Ich weiss ja erst, wie man es macht, wenn ich damit fertig bin (manchmal allerdings nicht mal dann), also muss ich es zuerst machen, bevor ich weiss wie. Und wenn ich einen Bogen vom Ausmass Anchorage Fairbanks Dawson Whitehorse Juneau fahren muss. Na dann: Come haw! Go! Hot hot go hot!

Addendum: Als ich noch regelmässig mit Pferden arbeitete, hatte ich manchmal bei gewissen Manövern einen ähnlichen Knoten im Kopf und probierte dementsprechend absurde Lösungen (die keine waren) aus. Man sieht einem Pferd in dem Moment unfehlbar an, dass es genau weiss, wie man es macht. Es fällt ihm aber nicht im Traum ein, einem auf die Sprünge zu helfen; ohne das Sesam-öffne-dich-Kommando rührt es keinen Huf (das soll es ja auch nicht). Das wirkt, als würde sich das Pferd köstlich amüsieren über soviel Stümperei und den Geruch des sauren Schweisses. Ich erinnere mich sehr deutlich, wie ich mich jeweils vor dem Tier in Grund und Boden schämte.
Pituffik

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