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15
Mrz
2009

Markus A. Hediger: Das TamTam Grand Hotel

tamtam
Markus A. Hediger: Das TamTam Grand Hotel.
edition taberna kritika, 2008. 130 S., ISBN: 978-3-905846-04-1


"Wenn du einen Spiegel zerschlägst und du dich darin nicht länger siehst, heisst das doch nicht, dass du aufgehört hast zu existieren, oder?"


Lieber Markus. Wie versprochen, wenn auch spät. Du weisst ja, dass bei mir alles sein Weil hat. In diesem Fall wollte ich sogar bewusst etwas Zeit verstreichen lassen, um Dein Buch neu zu lesen. Rezensionen, auch das weisst Du, sind nicht das Meine. Mir ist ein Brief lieber.
Zwei Ereignisse sagten mir, dass es nun Zeit war für die Relektüre: Beim Wechseln der Bettwäsche stand ich plötzlich in einem Blizzard. Mein Daunendeckbett, wohl mehrere Dekaden alt, ist in Auflösung begriffen. Milliarden Federn flogen! Und ein feiner weisser Staub, vermutlich Zersetzungsprodukte von Vogelmilben, wirbelte umher und setzte sich nur langsam. Auf einmal wurde mir klar, dass meine nächtlichen Erstickungsanfälle nicht vom Rauchen und auch nicht vom Kummer herrühren, wie ich mir bisher eingeredet hatte, sondern in direktem Zusammenhang stehen mit dem Umstand, dass ich diesen Winter wie nie zuvor an den Hintern gefroren habe. Auch das zweite Ereignis war eine Folge meiner Hardcore-Notsparerei: eine Kerze, die ich aus bereits zigmal recyclierten Wachsresten gegossen hatte, explodierte. Das Wachs entzündete sich, der ganze Tisch schien lichterloh zu brennen, in Zeitlupe zogen sich krachend Risse ins Laternenglas, bevor es mit einem Knall in drei Teile zersprang.

Mein Schlafzimmer eine Volière! Federn, Vögel! In meiner Küche Schüsse wie in den Strassen Rios! Wie bei einem Showdown in einem gespenstischen Hotel.
Ja, es war Zeit. Ich las Dein TamTam Grand Hotel wie zum ersten Mal.

Einen Teufel werd ich tun und zusammenfassen, interpretieren, urteilen. Wer nicht selber liest, ist selber schuld (und in Sicherheit). Wer liest und dann nicht erschüttert vor den Spiegel tritt, sich nicht sofort das (linke oder rechte?? Markus!!) Hosenbein hochkrempelt und nach Narben sucht, der hat nichts begriffen. Das TamTam bleibt mir unbegreiflich! Wie kann jemand, der zwei oder drei in einem ist, die eigene Beerdigung verpassen?!, naja, in gewisser Weise? Wann hast Du Bruna Lombardi und Rubem Fonseca erfunden, vor oder nach dem Buch (wie mir scheint, sind sie in Brasilien berühmt)? Oder sie Dich? Oder steckt Mandrake hinter dem Urheberrecht? Bin ich es, die in Schachtelhaft sitzt? Glaube ich an Gott, und wenn nein, wer glaubt an mich? Während Du noch am TamTam arbeitetest und unsere Diskussion durchaus theologische Dimensionen annahm - es war mir eine Freude dabeizusein, und es hat mich beflügelt - kam es mir so vor, als würde ich neben Dir (oder einem Deiner (?) Protagonisten) auf jener Treppe in Flagstaff sitzen; manchmal war mir unheimlich zumute, und jeder Leser wird an der Stelle den Spiegel fallenlassen. Dabei lag zwischen uns der halbe Globus, und eigentlich könnte ich physikalisch gesehen nicht schwören, dass Du existierst (ist ein Buch ein Beweis, oder wenigstens ein Indiz?). Aber ich schwöre! Unter anderem sehe ich das am letzten Kapitel. Es sitzt.
Und das TamTam mir im Nacken. Ich hatte gehofft, diesmal vorbereitet zu sein und ungeschoren davonzukommen. Gehofft, zu begreifen und damit über der Sache zu stehen. Stattdessen klafft eine Wunde auch unter meinem linken Schlüsselbein, Durchschuss!, war ich dort? In Rio? Am Lago Maggiore? In einem erinnerten Hotel? Papageien und Singvögel in schreienden Farben stürzen sich auf meinen Kadaver. Vielleicht gibts aber noch Originale von mir. Und vielleicht ist alles irgendwie gar nicht wahr. Gewiss ist: Deine mit feinem Strich gezeichneten Augenblicke sind hyperreal, sagen wir (ein Beispiel unter vielen), wie der sechsjährige Junge ruhig zusieht, wie zwei Männer einander ins Messer fallen.
Ich wünsche Dir ein glückliches Rends-toi; und mir, dass Du schreibst; ein Buch, eine Doppelung, einen Spiegel, ein Kaleidoskop, eine Geisterachterbahn ... eine Schöpfung? - - - - -
Herzlich, U.

(Was mich betrifft: mit der nächtlichen Atemnot werde ich mich zwar bis auf weiteres abfinden müssen, doch mit dem Brand habe ich Schwein gehabt. Bin mit einem Russfleck an der Wand davongekommen.)
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

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