Die Zähmung
Die Kleines-Mädchen-zähmt-wildes-Pferd-Geschichte, die immer funktioniert, gibt es natürlich entsprechend in einer Erwachsenenversion (extrem jugendfrei), und die ist nun nicht so harmlos: die Rechte-Frau-zähmt-linken-Mann-Geschichte. Akutestes Beispiel ist "Australia" (Trailer: "You want to own forever!", gemeint ist die DVD, hahaa!). Schlimmer haben wirs nie gesehen, wirklich jedes Klischee wird episch ausgewalzt. Und der herzzerreissende Plot geht so:
Noble Frau aus zivilisiertem Land reist aus privaten (ihr Mann ist ein Streuner) und politischen (Verwaltung der Kolonie) Gründen in ein primitives Land (wahlweise auch: urbane Single-Workaholic in den Busch, um Fotos zu machen, siehe "Crocodile Dundee"). Der Streuner vögelt irgendwo rum oder wurde schon umgebracht, weil er nicht nur ihr gegenüber ein Arsch war, jedenfalls aus dem Weg geräumt; stattdessen trifft die noble Frau einen ungehobelten muskulösen Kerl, der gegen den Wind spucken kann. Sie tun beide so, als fänden sie sich doof und arrogant. Dann ziehen sie zusammen los auf einen Wildnistrip. Jetzt gibt es was zu Lachen: sie benimmt sich zickig-zimperlich, er häutet demonstrativ ein unappetitliches Tier. Nach der ersten Nacht - sie hat allein im Zelt gepennt, er und seine Bimbos, die er Brüder nennt, draussen am Feuer - erweist sie sich als tapfer und er als sensibel, wer hätte das gedacht! Der gegenseitige Respekt wächst ins Unermessliche, und am zweiten Abend nach einem hartem Tag (paar Zwischenfälle mit gefährlichen Tieren und so ) ist es dann soweit. Die Sterne funkeln, ein Bimbo singt am neuen Feuer, sie kommen sich schon ganz nah, sie fragt, ob er verheiratet ist, er sagt, dass er es war, dann schweigt er tragisch. Er hat nämlich in seinem Leben genau einmal unsterblich geliebt, dumm ist nur, dass die Frau, die er liebte, sterblich war. Nach all den Jahren hat er aber nun doch einen brutalen Notstand, also küssen sie sich, nachdem sie Mitgefühl geheuchelt hat. Voll in die Falle getappt! Er muss jetzt zu ihr auf die Farm (oder wahlweise in die Stadt). Sie vergnügen sich bei Laternenlicht und irgendwie auch immer im Wasser eine ganze glückliche Weile lang. Der Dreitagebart muss ab (damit auch die Eier, aber das schnallt sie nicht)! Das Wetter wechselt. Sein Wandertrieb holt ihn ein und das Dach oben hält er nicht mehr aus. Er springt aufs Pferd und galoppiert aus dem Tor hinaus ins Weite Land; sie steht salzsäulig auf der Veranda, oh so tough!, in ihrer Stimme dräut Unheil, sie spricht emphatischstens den in Stein gemeisselten Satz, der uns Mädchen schon mit der Pockenimpfung eingespritzt wird:
WENN DU JETZT GEHST, DANN KOMM BITTE NICHT WIEDER.
Er machts richtig, er schaut nicht zurück und haut dem Pferd die Sporen in die Flanken. Und tschüss! Wenn bloss der Film hier zuende wäre! Aber nein: der Edelwilde (irgendwann dazwischen hat sich ja noch herausgestellt, dass er Griechisch und Latein und Shakespeare kann) sitzt nunmehr allein am Feuer und wird nachdenklich, denn er weiss jetzt nicht, was er mit seinem Ständer anfangen soll. Fast allein; ein Bimbobruder ist immer dabei, der ihm ins Gewissen redet: du läufst vor dir selbst davon! Stell dich und sag ihr, dass du sie liebst! Oder willst du etwa ewig so verloren hier draussen rumtigern?! Ja, genau das will er. Er ist überhaupt nicht auf der Flucht, nur neugierig und unabhängig. Aber obwohl der Bart schon fast wieder regeniert wäre, schwankt er, der Depp (das ist der logische Bruch, den ich nie begreifen werde). Wie ein Hund, mit dem Schwanz zwischen den Beinen, trabt er zurück, leckt ihr die Füsse und der in Stein gemeisselte Satz zerbröselt. Sie lächelt triumphal, hats doch gewusst, dass er das Rechte tun würde. Den Daheim-und-für-immerewig-Fick dürfen wir nur durchs Moskitonetz mitansehen, oh Mysterium! In dieser Nacht zeugen sie vier Kinder, oder zumindest adoptieren sie ein Eingeborenenwaislein am nächsten Morgen. Er ist gezähmt und macht in Zukunft den Bürokram für die Farm. Und wenn sie nicht gestorben sind. Obwohl mindestens einer von beiden schon Leichengeruch verströmt (der bartlose Kerl nämlich).
Firlefanz fürs Setting: breeeeite leeeere Sonnenuntergangslandschaften, die uns wunderbar einlullen. Die Natur ist schliesslich das Gute per se und zur Erholung da. Ein bisschen Soziales, Politisches, Historisches, damit wir wissen, wir haben einen Film von Gewicht gesehen.
So. Einmal mehr wurde uns vorgeführt, welche Liebe wir gefälligst anzustreben haben. Es gehören dazu eigener Grund und Boden (am besten Kolonie!), eine missionarische Aufgabe (Zivilisation!), falls keine eigenen Kinder, dann sollte man zumindest eine Schule bauen. Man muss dreimal täglich drohend fragen: wo bist du gewesen?, das ist die Essenz zwischen Mann und Frau. Wer nur mal alleine kacken will, ist beziehungsunfähig, bindungsgeängstigt, egoistisch und verantwortungsscheu (seltsamerweise immer der Mann, aber er kommt glücklicherweise zur Räson). Liebe heisst schliesslich, einander zu brauchen. Verbindlichkeit ist eine Sache von Zentimetern zwischen zwei Menschenhäuten. Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein, steht schon in der Bibel. Gott weiss halt, dass die Wengisten etwas mit sich selber anzufangen wissen (ein sexuelles Abenteuer mit sich selber anzufangen ist sogar streng verboten). Der Nomade ist abartig, seine zyklische Zeit ein Dunkles Zeitalter, seine Besitzlosigkeit verdächtig. Man muss diese unordentlichen Wanderer disziplinieren, wo kämen wir den sonst hin.
Gosh! Ich muss kotzen. Bimbo, sattle mein Pferd!
Addendum: Bitte bitte nicht gegen "Out of Africa" losdonnern jetzt. Klar, das ist der Prototyp dieser Didaktik. Die härteste Version davon, denn der Wilde lässt sich nicht gängeln und wird umgehend mit einem fulminanten Tod bestraft. Aber haaach, "Out of Africa" ... Das wird mir noch einen separaten Eintrag wert sein.
Noble Frau aus zivilisiertem Land reist aus privaten (ihr Mann ist ein Streuner) und politischen (Verwaltung der Kolonie) Gründen in ein primitives Land (wahlweise auch: urbane Single-Workaholic in den Busch, um Fotos zu machen, siehe "Crocodile Dundee"). Der Streuner vögelt irgendwo rum oder wurde schon umgebracht, weil er nicht nur ihr gegenüber ein Arsch war, jedenfalls aus dem Weg geräumt; stattdessen trifft die noble Frau einen ungehobelten muskulösen Kerl, der gegen den Wind spucken kann. Sie tun beide so, als fänden sie sich doof und arrogant. Dann ziehen sie zusammen los auf einen Wildnistrip. Jetzt gibt es was zu Lachen: sie benimmt sich zickig-zimperlich, er häutet demonstrativ ein unappetitliches Tier. Nach der ersten Nacht - sie hat allein im Zelt gepennt, er und seine Bimbos, die er Brüder nennt, draussen am Feuer - erweist sie sich als tapfer und er als sensibel, wer hätte das gedacht! Der gegenseitige Respekt wächst ins Unermessliche, und am zweiten Abend nach einem hartem Tag (paar Zwischenfälle mit gefährlichen Tieren und so ) ist es dann soweit. Die Sterne funkeln, ein Bimbo singt am neuen Feuer, sie kommen sich schon ganz nah, sie fragt, ob er verheiratet ist, er sagt, dass er es war, dann schweigt er tragisch. Er hat nämlich in seinem Leben genau einmal unsterblich geliebt, dumm ist nur, dass die Frau, die er liebte, sterblich war. Nach all den Jahren hat er aber nun doch einen brutalen Notstand, also küssen sie sich, nachdem sie Mitgefühl geheuchelt hat. Voll in die Falle getappt! Er muss jetzt zu ihr auf die Farm (oder wahlweise in die Stadt). Sie vergnügen sich bei Laternenlicht und irgendwie auch immer im Wasser eine ganze glückliche Weile lang. Der Dreitagebart muss ab (damit auch die Eier, aber das schnallt sie nicht)! Das Wetter wechselt. Sein Wandertrieb holt ihn ein und das Dach oben hält er nicht mehr aus. Er springt aufs Pferd und galoppiert aus dem Tor hinaus ins Weite Land; sie steht salzsäulig auf der Veranda, oh so tough!, in ihrer Stimme dräut Unheil, sie spricht emphatischstens den in Stein gemeisselten Satz, der uns Mädchen schon mit der Pockenimpfung eingespritzt wird:
WENN DU JETZT GEHST, DANN KOMM BITTE NICHT WIEDER.
Er machts richtig, er schaut nicht zurück und haut dem Pferd die Sporen in die Flanken. Und tschüss! Wenn bloss der Film hier zuende wäre! Aber nein: der Edelwilde (irgendwann dazwischen hat sich ja noch herausgestellt, dass er Griechisch und Latein und Shakespeare kann) sitzt nunmehr allein am Feuer und wird nachdenklich, denn er weiss jetzt nicht, was er mit seinem Ständer anfangen soll. Fast allein; ein Bimbobruder ist immer dabei, der ihm ins Gewissen redet: du läufst vor dir selbst davon! Stell dich und sag ihr, dass du sie liebst! Oder willst du etwa ewig so verloren hier draussen rumtigern?! Ja, genau das will er. Er ist überhaupt nicht auf der Flucht, nur neugierig und unabhängig. Aber obwohl der Bart schon fast wieder regeniert wäre, schwankt er, der Depp (das ist der logische Bruch, den ich nie begreifen werde). Wie ein Hund, mit dem Schwanz zwischen den Beinen, trabt er zurück, leckt ihr die Füsse und der in Stein gemeisselte Satz zerbröselt. Sie lächelt triumphal, hats doch gewusst, dass er das Rechte tun würde. Den Daheim-und-für-immerewig-Fick dürfen wir nur durchs Moskitonetz mitansehen, oh Mysterium! In dieser Nacht zeugen sie vier Kinder, oder zumindest adoptieren sie ein Eingeborenenwaislein am nächsten Morgen. Er ist gezähmt und macht in Zukunft den Bürokram für die Farm. Und wenn sie nicht gestorben sind. Obwohl mindestens einer von beiden schon Leichengeruch verströmt (der bartlose Kerl nämlich).
Firlefanz fürs Setting: breeeeite leeeere Sonnenuntergangslandschaften, die uns wunderbar einlullen. Die Natur ist schliesslich das Gute per se und zur Erholung da. Ein bisschen Soziales, Politisches, Historisches, damit wir wissen, wir haben einen Film von Gewicht gesehen.
So. Einmal mehr wurde uns vorgeführt, welche Liebe wir gefälligst anzustreben haben. Es gehören dazu eigener Grund und Boden (am besten Kolonie!), eine missionarische Aufgabe (Zivilisation!), falls keine eigenen Kinder, dann sollte man zumindest eine Schule bauen. Man muss dreimal täglich drohend fragen: wo bist du gewesen?, das ist die Essenz zwischen Mann und Frau. Wer nur mal alleine kacken will, ist beziehungsunfähig, bindungsgeängstigt, egoistisch und verantwortungsscheu (seltsamerweise immer der Mann, aber er kommt glücklicherweise zur Räson). Liebe heisst schliesslich, einander zu brauchen. Verbindlichkeit ist eine Sache von Zentimetern zwischen zwei Menschenhäuten. Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein, steht schon in der Bibel. Gott weiss halt, dass die Wengisten etwas mit sich selber anzufangen wissen (ein sexuelles Abenteuer mit sich selber anzufangen ist sogar streng verboten). Der Nomade ist abartig, seine zyklische Zeit ein Dunkles Zeitalter, seine Besitzlosigkeit verdächtig. Man muss diese unordentlichen Wanderer disziplinieren, wo kämen wir den sonst hin.
Gosh! Ich muss kotzen. Bimbo, sattle mein Pferd!
Addendum: Bitte bitte nicht gegen "Out of Africa" losdonnern jetzt. Klar, das ist der Prototyp dieser Didaktik. Die härteste Version davon, denn der Wilde lässt sich nicht gängeln und wird umgehend mit einem fulminanten Tod bestraft. Aber haaach, "Out of Africa" ... Das wird mir noch einen separaten Eintrag wert sein.
La Tortuga - 17. Mrz, 21:52


