5XII Lektionen vom Gras
Complex systems cannot be optimized.
C. J. Pearson & R. L. Ison, "Agronomy of Grassland Systems"
In diesem Buch steht alles, was ich wäre und bräuchte, wenn ich nie alphabetisiert worden wäre. Bestimmt ist es eins der zwei Fachbücher, die mich in der formbaren Phase am nachhaltigsten geprägt haben, und eins der wenigen zeitgenössischen, das auf gewisse Art poetische Qualitäten aufweist (was sich bereits aus dem Thema ergibt). Ich kenne kein anderes Fachbuch, das dermassen weit ausgreift. Es war die Bibel an der Grasland-Akademie, der besten Schule, durch die ich jemals ging; ein geheimer, winziger, lichter Tempel aus Ziegenhaut und ohne Dach, inmitten eines Bordells der Antibildung. Wir Graslandschüler lernten Geduld, Beobachtungsgabe, Langsamkeit, Ausdauer, Respekt, Wandern und Wandlung, Plastizität, Präzision, Sturheit, Einsatz aller Sinne, Denken in Äonen (ohne dass ich irgendwas davon je ganz gemeistert hätte), während uns in allen anderen Sälen das genaue Gegenteil eingebläut wurde; vor allem aber lernten wir Metaphern. Im Grasland äst die Metapher, käut wieder und zieht weiter. Das schwebende Wunder, das Ausläufer bildet bis in die nächsten Jahrhunderte, findet immer an den Schnittstellen statt, beispielsweise dort, wo Schafszähne gerade ein Rhizom verbeissen. Und Wind ist sowieso immer, es ist kompliziert, sich eine Zigarette anzuzünden. Siehst Du, so ungefähr, nur noch viel phantastischer, hatte ich mir das vorgestellt, als ich vor Unzeiten Formulare ausfüllte, die das Bureau der Society gar nie ausgestellt hatte. Dass ich nicht verstand! Seither filze ich Wände für die Tempeljurte, unbeirrt in den lichtlosen Häuserschluchten, ich baue die Stangen auf für einen Stillen Raum, und wenn ich damit fast fertig bin, werde ich ihn nicht mehr brauchen und Dir begegnen unter Freiem Himmel. Draussen im Grasland, und Du wirst sagen: Schau!, das ist Alles. Und ich werde sagen: Ja. --- ( ... Und jetzt wirf mir bitte einen Windschatten, damit ich die Zigi anzünden kann.)
C. J. Pearson & R. L. Ison, "Agronomy of Grassland Systems"
In diesem Buch steht alles, was ich wäre und bräuchte, wenn ich nie alphabetisiert worden wäre. Bestimmt ist es eins der zwei Fachbücher, die mich in der formbaren Phase am nachhaltigsten geprägt haben, und eins der wenigen zeitgenössischen, das auf gewisse Art poetische Qualitäten aufweist (was sich bereits aus dem Thema ergibt). Ich kenne kein anderes Fachbuch, das dermassen weit ausgreift. Es war die Bibel an der Grasland-Akademie, der besten Schule, durch die ich jemals ging; ein geheimer, winziger, lichter Tempel aus Ziegenhaut und ohne Dach, inmitten eines Bordells der Antibildung. Wir Graslandschüler lernten Geduld, Beobachtungsgabe, Langsamkeit, Ausdauer, Respekt, Wandern und Wandlung, Plastizität, Präzision, Sturheit, Einsatz aller Sinne, Denken in Äonen (ohne dass ich irgendwas davon je ganz gemeistert hätte), während uns in allen anderen Sälen das genaue Gegenteil eingebläut wurde; vor allem aber lernten wir Metaphern. Im Grasland äst die Metapher, käut wieder und zieht weiter. Das schwebende Wunder, das Ausläufer bildet bis in die nächsten Jahrhunderte, findet immer an den Schnittstellen statt, beispielsweise dort, wo Schafszähne gerade ein Rhizom verbeissen. Und Wind ist sowieso immer, es ist kompliziert, sich eine Zigarette anzuzünden. Siehst Du, so ungefähr, nur noch viel phantastischer, hatte ich mir das vorgestellt, als ich vor Unzeiten Formulare ausfüllte, die das Bureau der Society gar nie ausgestellt hatte. Dass ich nicht verstand! Seither filze ich Wände für die Tempeljurte, unbeirrt in den lichtlosen Häuserschluchten, ich baue die Stangen auf für einen Stillen Raum, und wenn ich damit fast fertig bin, werde ich ihn nicht mehr brauchen und Dir begegnen unter Freiem Himmel. Draussen im Grasland, und Du wirst sagen: Schau!, das ist Alles. Und ich werde sagen: Ja. --- ( ... Und jetzt wirf mir bitte einen Windschatten, damit ich die Zigi anzünden kann.)
La Tortuga - 24. Apr, 19:31


