28 Pferdchen in der Basilika
(Zweite Hymne an Attila, König der Hunnen - ich weiss gar nicht mehr die wievielte Auflage inzwischen. Von jeder Hymne gibt es etwa ein Dutzend Versionen, ohne dass ich wüsste, welche gültig ist.)
Weil ich unartig war und eigenartig, wie sie sagten, zu arm und zu hässlich um zu heiraten, wie sie dachten, steckten sie mich ins Kloster, und da niemand von meiner Liebelei mit einem Mithrasanhänger wusste, hing mir die verdorrte Äbtissin mit Freuden das Novizinnengewändchen um. Stund um Stund, von Matutin zu Laudes, Prim Terz Sext Non, zu Vesper zu Komplet ging ich zickzack im Kreuzgang und langweilte mich so schief, dass ich zu hinken begann und schliesslich einen Klumpfuß entwickelte. Träg und marode hing der ewig blassblaue römische Paxhimmel über unseren lächerlichen Häubchen. Allnächtlich betete ich um ein Gewitter, einen apokalyptischen Wirbelsturm, der diese geistige Schwüle aufbrechen möchte.
Als ich das Donnergrollen hörte, brach ich in die Knie und drückte die Stirn in die staubige Erde hinter den Bienenstöcken. Endlich wart ihr gekommen, ihr aschenen Reiter, und hier warst du, Fürst Attila, feral und auratisch und entsetzlicher als ich dich geträumt hatte, irdischer Erlöser, du Hund! Die Mitschwestern stürzten schreiend auseinander und warfen sich auf die eisernen Spitzen der Zaunlatten, bevor ihr ihrer habhaft werden konntet. Ich kreuzte die Arme vor der Brust und bannte eure Pferde, so dass sie aus vollem Lauf die Vorderhufe in den Boden stemmten und sich auf die Kruppen setzten. Ihr wagtet es nicht, mich anzufassen. Ein Blitz schlug in die Wetterlinde, die Sündflut ergoss sich vom Himmel. Ich öffnete die schweren Tore der Basilika und gewährte euch Einlass. Postkarte aus der Hölle!, lachtet ihr und rittet in Schlachtordnung durch das Kirchenschiff. Achtundzwanzig zerzauste Pferdchen drängten sich im Hause Gottes. Heisser Dampf stieg aus ihrem regennassen Fell. Achtundzwanzig Männer blieben im Sattel sitzen und nickten ein, umgeben von all dem Prunk, der euch über die praktische Nützlichkeit hinaus nichts bedeutete. Ihr kanntet keinen Besitz und kein Dach über dem Kopf; ihr wolltet stete Bewegung, Frauen, frisches Weideland und Vieh.
Anderntags ritt ich mit euch. Ein Klumpfussknöchelchen liess ich zum Abschied im Konvent, damit man eine Reliquie hätte, sie zu Gold zu machen. Denn eine Märtyrerin war ich: niemals gab ich euch meine Einwilligung, wodurch ich unbefleckt und keusch auch am Fleische blieb; eure Lust entzündete sich am Widerstand umso mehr. So ging niemand leer aus während des Weltuntergangs. Wie ihr mir labenden Schatten spendetet gegen das grelle Licht des Christentums, so schenkte ich euch die Freuden der Polyandrie – und einige zweitrangige Hymnen auf den König Attila.
Was waren wir schamlos glücklich, ihr Hunnen! Ich war euch nicht zu arm oder zu hässlich und ihr mir niemals schrecklich genug. Am meisten aber freute mich, wie ihr gebannt an meinen Lippen hingt des nachts, in den Sätteln zusammengesunken rund um das Feuer, und wie kein Pferd es wagte zu scharren oder mit dem Schweif zu schlagen, wenn ich erzählte.
Nur dies eine ... Ich habe euch die Schrift vorenthalten und masste mir an zu glauben, es sei zu eurem Besten. Natürlich spracht ihr fliessend Latein und Gotisch und wart des Schreibens kundig. Sprache und Schrift waren euch Werkzeug für Handel, Diplomatie und Krieg. Eure Geschichten jedoch konnten ihre gewellten ockergrünen Steppen nur auf dem weiten Ritt zwischen Mund und Ohr auffalten, nur auf gegenwärtigem Atem konnten Kumuluswolken über Tiefebenen rollen; Geschichten niederzuschreiben hätte geheissen, einen Zaun um die Viehweide zu errichten.
Als ihr in den Sonnenaufgang rittet, nahmt ihr eure Geschichten mit euch zwischen all dem Raubgut auf den Trosswagen. Niemand kennt sie heute noch; eure Sprache ist verklungen. Die eine Geschichte aber haben andere geschrieben. Hagel, Pest, Feuersbrunst und Heuschrecken: alles Böse, was danach die Zaunbauer heimsuchte, wurde mit euch verglichen. Dass es so kommen würde, ahnte ich, wenn ich am Feuer bereits dagegen anerzählte, wenn ich euch edelmütiger sang als ihr wart und euch ebenmässige Gesichter erdichtete, um Gleichgewicht herzustellen. Daß ich eure Geschichten hätte einlegen müssen in die Sehne der Schrift, um sie vom Bogen der einen Geschichte abzuschiessen – dieser Gedanke wurde, wann immer er in mir dräute, so beiläufig weggescheucht wie eine Fliege vom schlagenden Schweif eines Pferdes. Zur Strafe erinnern sich die Jahrhunderte an meine feigen Schwestern, die Märtyrerinnen, und an die dümmliche Honoria, aber nicht an mich, die Dichterin, die mit den Hunnen ritt und euch dereinst besingen wird. Eine sentimentale Postkarte in die Hölle!; ein Lied so flüchtig wie das Schnauben eines Pferdes.
Addendum: Hunnen, Mongolen und Skythen rückwirkend (... was immer auch irgendwie zum Gotenkönig Gahlarich führt), soweit noch zusammenstiefelbar.
22.02.2007 Attilas Stuten
24.06.2008 Ici la Champagne devora les Huns
06.09.2008 Temüdschins Erben
15.09.2008 yasaq und bilik
21.11.2008 Die Untreue vor der Hochzeitsnacht
09.03.2009 Apollo 5XII, tödlich Regen, Kugelfisch
Weil ich unartig war und eigenartig, wie sie sagten, zu arm und zu hässlich um zu heiraten, wie sie dachten, steckten sie mich ins Kloster, und da niemand von meiner Liebelei mit einem Mithrasanhänger wusste, hing mir die verdorrte Äbtissin mit Freuden das Novizinnengewändchen um. Stund um Stund, von Matutin zu Laudes, Prim Terz Sext Non, zu Vesper zu Komplet ging ich zickzack im Kreuzgang und langweilte mich so schief, dass ich zu hinken begann und schliesslich einen Klumpfuß entwickelte. Träg und marode hing der ewig blassblaue römische Paxhimmel über unseren lächerlichen Häubchen. Allnächtlich betete ich um ein Gewitter, einen apokalyptischen Wirbelsturm, der diese geistige Schwüle aufbrechen möchte.
Als ich das Donnergrollen hörte, brach ich in die Knie und drückte die Stirn in die staubige Erde hinter den Bienenstöcken. Endlich wart ihr gekommen, ihr aschenen Reiter, und hier warst du, Fürst Attila, feral und auratisch und entsetzlicher als ich dich geträumt hatte, irdischer Erlöser, du Hund! Die Mitschwestern stürzten schreiend auseinander und warfen sich auf die eisernen Spitzen der Zaunlatten, bevor ihr ihrer habhaft werden konntet. Ich kreuzte die Arme vor der Brust und bannte eure Pferde, so dass sie aus vollem Lauf die Vorderhufe in den Boden stemmten und sich auf die Kruppen setzten. Ihr wagtet es nicht, mich anzufassen. Ein Blitz schlug in die Wetterlinde, die Sündflut ergoss sich vom Himmel. Ich öffnete die schweren Tore der Basilika und gewährte euch Einlass. Postkarte aus der Hölle!, lachtet ihr und rittet in Schlachtordnung durch das Kirchenschiff. Achtundzwanzig zerzauste Pferdchen drängten sich im Hause Gottes. Heisser Dampf stieg aus ihrem regennassen Fell. Achtundzwanzig Männer blieben im Sattel sitzen und nickten ein, umgeben von all dem Prunk, der euch über die praktische Nützlichkeit hinaus nichts bedeutete. Ihr kanntet keinen Besitz und kein Dach über dem Kopf; ihr wolltet stete Bewegung, Frauen, frisches Weideland und Vieh.
Anderntags ritt ich mit euch. Ein Klumpfussknöchelchen liess ich zum Abschied im Konvent, damit man eine Reliquie hätte, sie zu Gold zu machen. Denn eine Märtyrerin war ich: niemals gab ich euch meine Einwilligung, wodurch ich unbefleckt und keusch auch am Fleische blieb; eure Lust entzündete sich am Widerstand umso mehr. So ging niemand leer aus während des Weltuntergangs. Wie ihr mir labenden Schatten spendetet gegen das grelle Licht des Christentums, so schenkte ich euch die Freuden der Polyandrie – und einige zweitrangige Hymnen auf den König Attila.
Was waren wir schamlos glücklich, ihr Hunnen! Ich war euch nicht zu arm oder zu hässlich und ihr mir niemals schrecklich genug. Am meisten aber freute mich, wie ihr gebannt an meinen Lippen hingt des nachts, in den Sätteln zusammengesunken rund um das Feuer, und wie kein Pferd es wagte zu scharren oder mit dem Schweif zu schlagen, wenn ich erzählte.
Nur dies eine ... Ich habe euch die Schrift vorenthalten und masste mir an zu glauben, es sei zu eurem Besten. Natürlich spracht ihr fliessend Latein und Gotisch und wart des Schreibens kundig. Sprache und Schrift waren euch Werkzeug für Handel, Diplomatie und Krieg. Eure Geschichten jedoch konnten ihre gewellten ockergrünen Steppen nur auf dem weiten Ritt zwischen Mund und Ohr auffalten, nur auf gegenwärtigem Atem konnten Kumuluswolken über Tiefebenen rollen; Geschichten niederzuschreiben hätte geheissen, einen Zaun um die Viehweide zu errichten.
Als ihr in den Sonnenaufgang rittet, nahmt ihr eure Geschichten mit euch zwischen all dem Raubgut auf den Trosswagen. Niemand kennt sie heute noch; eure Sprache ist verklungen. Die eine Geschichte aber haben andere geschrieben. Hagel, Pest, Feuersbrunst und Heuschrecken: alles Böse, was danach die Zaunbauer heimsuchte, wurde mit euch verglichen. Dass es so kommen würde, ahnte ich, wenn ich am Feuer bereits dagegen anerzählte, wenn ich euch edelmütiger sang als ihr wart und euch ebenmässige Gesichter erdichtete, um Gleichgewicht herzustellen. Daß ich eure Geschichten hätte einlegen müssen in die Sehne der Schrift, um sie vom Bogen der einen Geschichte abzuschiessen – dieser Gedanke wurde, wann immer er in mir dräute, so beiläufig weggescheucht wie eine Fliege vom schlagenden Schweif eines Pferdes. Zur Strafe erinnern sich die Jahrhunderte an meine feigen Schwestern, die Märtyrerinnen, und an die dümmliche Honoria, aber nicht an mich, die Dichterin, die mit den Hunnen ritt und euch dereinst besingen wird. Eine sentimentale Postkarte in die Hölle!; ein Lied so flüchtig wie das Schnauben eines Pferdes.
Addendum: Hunnen, Mongolen und Skythen rückwirkend (... was immer auch irgendwie zum Gotenkönig Gahlarich führt), soweit noch zusammenstiefelbar.
22.02.2007 Attilas Stuten
24.06.2008 Ici la Champagne devora les Huns
06.09.2008 Temüdschins Erben
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21.11.2008 Die Untreue vor der Hochzeitsnacht
09.03.2009 Apollo 5XII, tödlich Regen, Kugelfisch
La Tortuga - 1. Jun, 17:11


