14
Jun
2009

Penthesilea unter Betablocker

Mein Amazonenvolk (Männeranteil 30%) verehrte mich, und die feindlichen Stämme zitterten vor mir, das ja schon. Die fürchterlichsten Krieger wurden blass und liessen ihre Kindergartentaschen fallen, wenn sie nur meinen Namen hörten. Meine tapferen Heerführer brachten mir Beeren- und Bonbonopfer dar (die begehrten grünen Smarties und überhaupt sämtliche Löwenbeuteanteile immer für mich!). Aber dann, bei der Schlacht an der General-Guisan-Strasse, die Nemesis ... Soeben hatte ich meine Kartonschwert-Infanterie und die Wasserpistolen-Artillerie aufgestellt, gedeckt von Haselruten-Bogenschützen, und die Drahtpferd-Kavallerie an die Flanken beordert, als meine Sollbruchstelle (das schnell verliebte Auge) auf den Häuptling an der feindlichen Schlachtlinie fiel: und Teufel auch, es verdampfte mein Blutrausch und löste sich in süssem Sirup auf! Wenig überzeugend war wohl mein Kampfschrei, aber ich hatte schwer abverdienten Vertrauensbonus bei meinen Truppen (im Ernst, die wollten für mich sterben!), sie stürzten sich todesmutig ins Getümmel. Als ich die erste Alibi-Wunde eingefangen hatte - ein Kratzer am Arm, von dem zu befürchten war, dass er keine respektheischende Narbe hinterlassen würde - fällte ich ein paar schlecht ausgebildete gegnerische Milizionäre, die allesamt einen halben Kopf kleiner waren als mich, kämpfte mich dann in die Schusslinie des Häuptlings und fingierte eine Ohnmacht durch Blutverlust. Plan aufgegangen! Er riss mich hinter sich auf sein Drahtpferd (... man kann auf ein solches schwerlich gezwungen werden, nicht wahr), galoppierte die Heerstrasse entlang bis zu seiner Festung und sperrte mich in den unterirdischen Kerker. Nachdem er mich auf den Folterstuhl gefesselt hatte, holte er mir Decken und stahl unter Einsatz seines Lebens die üppigsten Speisen aus der Küche seiner Stammesältesten. Ich gestehe: ich trug noch meinen Dolch (Pfadfindermesser mit abgebrochener Spitze) am Gürtel. Es wäre ein Leichtes gewesen, mich zu befreien und meinem Peiniger (?) lautlos den Garaus zu machen. Ich hörte draussen meine treue Leibgarde verzweifelt nach mir suchen - ich aber gab keinen Mucks von mir. Oh, ich verriet mein Volk, das derweil die Schlacht für uns entschieden hatte! Ich blieb ihren Siegesfeiern fern in freiwilliger Gefangenschaft, nachdem ich sie feig im Stich gelassen hatte! Es fiel mir nicht einmal ein, den Häuptling zum Zweikampf zu fordern und die Liebe mit Unterwerfung oder gar mit dem Tod zu gewinnen. Stattdessen fragte ich ihn, ob er mich heiraten würde. Pffff! Um der Götter Willen!!! - Wahrscheinlich schon, sagte er, aber sind wir nicht zu jung?, nächstes Jahr reden wir wieder drüber (ich war 7, er 8 - die Hochzeit kam glücklicherweise nie mehr aufs Tapet; ein paarmal führte ich meine Amazonen zwar noch in die Schlacht, aber unsere Macht war gebrochen, lang bevor uns hinderliche Brüste wuchsen).
Oh, die Schmach, die Scham!! Diese widerstreitenden Kräfte: der Wunsch nach einem gemütlichen Routineabend vs. die Sehnsucht, ein abenteuerliches, gefährliches, romantisches, kopf- und sinnloses Leben zu führen. Das Herz ist willig, aber das Fleisch ist schlapp. Es ist grausam, Penthesileas Mascara- und Blumenunfähigkeit zu teilen, ohne Penthesilea bis ins Mark zu sein. Ich nenne es meine Trägödheit.


Ach, Nereïdensohn - Sie ist mir nicht,
Die Kunst vergönnt, die sanftere, der Frauen!
Nicht bei dem Fest, wie deines Landes Töchter,
Wenn zu wetteifernd frohen Übungen
Die ganze Jugendpracht zusammenströmt,
Darf ich mir den Geliebten ausersehn;
Nicht mit dem Strauß, so oder so gestellt,
Und dem verschämten Blick, ihn zu mir locken;
Nicht in dem nachtigalldurchschmetterten
Granatwald, wenn der Morgen glüht, ihm sagen,
An seine Brust gesunken, daß er's sei.
Im blut'gen Feld der Schlacht muß ich ihn suchen,
Den Jüngling, den mein Herz sich auserkor,
Und ihn mit ehrnen Armen mir ergreifen,
Den diese weiche Brust empfangen soll.

Heinrich von Kleist: Penthesilea - Trauerspiel, 15. Auftritt
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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La Tortuga - 7. Nov, 22:57
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