Robinsons gescheiterte Beziehung mit sich selbst
Die heutige Robinsonade beim Turmsegler bewiegt mich dazu, auch gleich ein paar Worte zu diesem Urschiffbrüchigen zu verlieren. Es ist wahr, man kann den Robinson Crusoe einfach nicht zuschlagen, ich glaube, vor allem deshalb, weil das Buch ein einziges Ärgernis ist (ich für meinen Teil rege mich extrem gern und sehr lustvoll auf).
Szenario: Jemand kriegt einfach so gratis und franko einen Dauerurlaub, mehr noch, eine ganze Insel geschenkt. Meer und Sonne, genug Wasser und Frass, Ruhe vor dem menschlichen Gewusel, kein Beziehungsstress, kein Chef, keine Steuererklärung weit und breit. Dieser Auserwählte könnte jetzt eine ruhige Kugel schieben und hätte allen Anlass, der glücklichste Mensch zu sein.
Was aber tut der Mann? Er grämt sich, weil keiner da ist. Er fürchtet sich davor, dass sich einer zu ihm gesellen könnte. Er arbeitet rund um die Uhr, obwohl die tägliche Futterbeschaffung allerhöchstens ein Halbtagesjob wäre. Aber nein, er kann einfach nicht raus aus seinem tiefsitzenden Kapitalistenarbeitsethos. Und woran arbeitet er so hart? Die meiste Zeit spitzt er immer noch fettere Palisaden und baut noch höhere Zäune, pflegt seine Waffen und wundert sich dabei, dass ihn niemand besuchen mag, sieht ja so gastfreundlich aus, seine spröde Behausung. Er möchte von der Insel weg, glaubt er; aber den massiven Hochseekahn zimmert er am küstenfernsten Punkt der Insel und wundert sich dann masslos, dass er nicht vorher darüber nachdachte, wie das fertige Vehikel denn vom Stapel laufen soll. Kann mir doch keiner weismachen! Die Wahrheit ist, er will gar nicht weg (er wäre ja blöd!). Er kann nicht aufhören, die Zeit zu messen, was in dieser Lage gänzlich absurd ist, hat er doch das Paradies zu Lebzeiten erreicht.
Robinson liefert das präzise Psychogramm dieses weitverbreiteten Menschentypus, der einfach nicht allein sein kann und mit sich selbst absolut nichts anzufangen weiss. Er lebt lieber in miserablen Beziehungen als in gar keinen. Er schiebt die ganze Verantwortung seiner eigenen Zeitverbringung und Inspiration auf die Mitmenschen. Er ist bedauernswert phantasielos. Selbst in 28 Jahren lernt er nicht, mit sich selbst in Beziehung zu treten (was meines Erachtens eigentlich erst die Voraussetzung wäre, um Beziehungen mit anderen zu führen - denn es ist zerstörerisch, jemanden zu brauchen und gebraucht zu werden). Dementsprechend armselig entwickelt sich nachher die "Freundschaft" zu Freitag. Lieber spricht Robinson mit einer vagen Entität namens Gott als mit dem einzigen Menschen aus Fleisch und Blut, sich selbst.
Hat sich Robinson in seinen langen Ferien erholt? Hat er die Ruhe genossen? Hat er eine Strategie entwickelt gegen die Einsamkeitsdepression, die selbst Eremiten aus Leidenschaft hin und wieder heimsucht? Hat er irgendetwas Schönes geschaffen auf der Insel? Hat er je Einmanntheater am nächtlichen Strand gespielt? Nein. Nein. Nein. Nein. Auch nicht. Er hat keinen Ziergarten angelegt, es gibt kein liebevoll ausgestattetes Gästezimmer (also keine echte Hoffnung auf Besuch?), nicht mal für sich selbst hat er etwas Schönes hergestellt. Nirgendwo ein Ornament. Keine Blumen, keine hübschen Kieswege, kein Altar. Er hat keine Genussmittel und Gewürze angebaut und kein kunstvolles Geschirr getöpfert. Er ging sicher nicht zur Freude schwimmen, sondern nur, um sich zu waschen. Er hat keine Girlanden geflochten, keinen Schmuck getragen, keine Heilmittel, keine Solitairespiele und keine neuen Ziegenrezepte erfunden (ich frage mich, ob er überhaupt jemals masturbiert hat). Nie hat er sich nach Kunst gesehnt, obwohl seine Grundbedürfnisse befriedigt waren. Land-Art-Projekte wären ihm nicht eingefallen. Er hat sich nicht im Geringsten um Schönheit bemüht. Nicht ein Funken Lust, Alberei und Sinnlicheit war in diesem traurigen Mann. Alles was er tat, war nur nüchtern funktional und effizient (bis auf die nutzlosen Palisaden, die aber nicht eben zum Schönerwohnen beitragen). 97% Notwendiges (davon einiges abverreckt), 3% Nützliches, rein nichts Nutzloses und Schönes. Ich würde fast meinen, Robinson hat noch nicht einmal etwas gelernt ausser ein bisschen Handwerk, und dass Hochseewerften besser direkt am Meer liegen sollten.
Bezeichnend finde ich auch diesen Ausschnitt des vom Turmsegler zitierten FAZ.NET-Artikels (Quelle dort):
Die Chronik der achtundzwanzigjährigen Gefangenschaft ist ein unerhörter Vorgang, der aus fast nichts als Alltäglichkeit besteht. Wie sollte es auch anders sein, bei einem Buch, das in zwei Dritteln seines Umfanges jegliche Sozialität ausschließt?
Offenbar wird ganz allgemein davon ausgegangen, dass es eine Sozialität mit sich selbst gar nicht gibt. Man ist selbst also niemand, oder zumindest niemand, der der Mühe wert wäre, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Daher rührt wohl diese krankhafte Sucht nach ständiger Gesellschaft, Unterhaltung und vollem Programm. Dazu kommt: man kann sehr wohl in innigster Sozialität stehen zu abwesenden Personen. Selbst zu solchen, die man noch gar nicht kennt, die aber jederzeit zu Besuch kommen könnten.
Die Spannung in Defoes Robinson liegt darin, dass man ständig darauf wartet, diesem Pflock möge endlich der Knopf aufgehen. Eine Vision, ein Aha-Erlebnis. Die Frustration nach der Lektüre ist total.
An dieser Stelle sei wiedermal auf den Schweizer Robinson hingewiesen. Auch dieses Buch ist ein Ärgernis sondergleichen. Betulich, moralinsauer, staatstragend durch "Familie über alles", unbedingten Glauben und Fernwehpatriotismus (Schweizer Kolonialismus, iiihh!), vor zweifelhaften Werten nur so strotzend und einigermassen schlecht geschrieben. Dem geforderten Sozialitätsfaktor wird Rechnung getragen, indem eine ganze Familie strandet. Aber zumindest schwelgen diese Schiffbrüchigen des öfteren und tun manche phantastische Werke. Nun ja. Diese Insel hat in Sachen Flora, Fauna und Diversität der Landschaft auch ein klein bisschen mehr zu bieten als Robinsons Eiland.
Szenario: Jemand kriegt einfach so gratis und franko einen Dauerurlaub, mehr noch, eine ganze Insel geschenkt. Meer und Sonne, genug Wasser und Frass, Ruhe vor dem menschlichen Gewusel, kein Beziehungsstress, kein Chef, keine Steuererklärung weit und breit. Dieser Auserwählte könnte jetzt eine ruhige Kugel schieben und hätte allen Anlass, der glücklichste Mensch zu sein.
Was aber tut der Mann? Er grämt sich, weil keiner da ist. Er fürchtet sich davor, dass sich einer zu ihm gesellen könnte. Er arbeitet rund um die Uhr, obwohl die tägliche Futterbeschaffung allerhöchstens ein Halbtagesjob wäre. Aber nein, er kann einfach nicht raus aus seinem tiefsitzenden Kapitalistenarbeitsethos. Und woran arbeitet er so hart? Die meiste Zeit spitzt er immer noch fettere Palisaden und baut noch höhere Zäune, pflegt seine Waffen und wundert sich dabei, dass ihn niemand besuchen mag, sieht ja so gastfreundlich aus, seine spröde Behausung. Er möchte von der Insel weg, glaubt er; aber den massiven Hochseekahn zimmert er am küstenfernsten Punkt der Insel und wundert sich dann masslos, dass er nicht vorher darüber nachdachte, wie das fertige Vehikel denn vom Stapel laufen soll. Kann mir doch keiner weismachen! Die Wahrheit ist, er will gar nicht weg (er wäre ja blöd!). Er kann nicht aufhören, die Zeit zu messen, was in dieser Lage gänzlich absurd ist, hat er doch das Paradies zu Lebzeiten erreicht.
Robinson liefert das präzise Psychogramm dieses weitverbreiteten Menschentypus, der einfach nicht allein sein kann und mit sich selbst absolut nichts anzufangen weiss. Er lebt lieber in miserablen Beziehungen als in gar keinen. Er schiebt die ganze Verantwortung seiner eigenen Zeitverbringung und Inspiration auf die Mitmenschen. Er ist bedauernswert phantasielos. Selbst in 28 Jahren lernt er nicht, mit sich selbst in Beziehung zu treten (was meines Erachtens eigentlich erst die Voraussetzung wäre, um Beziehungen mit anderen zu führen - denn es ist zerstörerisch, jemanden zu brauchen und gebraucht zu werden). Dementsprechend armselig entwickelt sich nachher die "Freundschaft" zu Freitag. Lieber spricht Robinson mit einer vagen Entität namens Gott als mit dem einzigen Menschen aus Fleisch und Blut, sich selbst.
Hat sich Robinson in seinen langen Ferien erholt? Hat er die Ruhe genossen? Hat er eine Strategie entwickelt gegen die Einsamkeitsdepression, die selbst Eremiten aus Leidenschaft hin und wieder heimsucht? Hat er irgendetwas Schönes geschaffen auf der Insel? Hat er je Einmanntheater am nächtlichen Strand gespielt? Nein. Nein. Nein. Nein. Auch nicht. Er hat keinen Ziergarten angelegt, es gibt kein liebevoll ausgestattetes Gästezimmer (also keine echte Hoffnung auf Besuch?), nicht mal für sich selbst hat er etwas Schönes hergestellt. Nirgendwo ein Ornament. Keine Blumen, keine hübschen Kieswege, kein Altar. Er hat keine Genussmittel und Gewürze angebaut und kein kunstvolles Geschirr getöpfert. Er ging sicher nicht zur Freude schwimmen, sondern nur, um sich zu waschen. Er hat keine Girlanden geflochten, keinen Schmuck getragen, keine Heilmittel, keine Solitairespiele und keine neuen Ziegenrezepte erfunden (ich frage mich, ob er überhaupt jemals masturbiert hat). Nie hat er sich nach Kunst gesehnt, obwohl seine Grundbedürfnisse befriedigt waren. Land-Art-Projekte wären ihm nicht eingefallen. Er hat sich nicht im Geringsten um Schönheit bemüht. Nicht ein Funken Lust, Alberei und Sinnlicheit war in diesem traurigen Mann. Alles was er tat, war nur nüchtern funktional und effizient (bis auf die nutzlosen Palisaden, die aber nicht eben zum Schönerwohnen beitragen). 97% Notwendiges (davon einiges abverreckt), 3% Nützliches, rein nichts Nutzloses und Schönes. Ich würde fast meinen, Robinson hat noch nicht einmal etwas gelernt ausser ein bisschen Handwerk, und dass Hochseewerften besser direkt am Meer liegen sollten.
Bezeichnend finde ich auch diesen Ausschnitt des vom Turmsegler zitierten FAZ.NET-Artikels (Quelle dort):
Die Chronik der achtundzwanzigjährigen Gefangenschaft ist ein unerhörter Vorgang, der aus fast nichts als Alltäglichkeit besteht. Wie sollte es auch anders sein, bei einem Buch, das in zwei Dritteln seines Umfanges jegliche Sozialität ausschließt?
Offenbar wird ganz allgemein davon ausgegangen, dass es eine Sozialität mit sich selbst gar nicht gibt. Man ist selbst also niemand, oder zumindest niemand, der der Mühe wert wäre, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Daher rührt wohl diese krankhafte Sucht nach ständiger Gesellschaft, Unterhaltung und vollem Programm. Dazu kommt: man kann sehr wohl in innigster Sozialität stehen zu abwesenden Personen. Selbst zu solchen, die man noch gar nicht kennt, die aber jederzeit zu Besuch kommen könnten.
Die Spannung in Defoes Robinson liegt darin, dass man ständig darauf wartet, diesem Pflock möge endlich der Knopf aufgehen. Eine Vision, ein Aha-Erlebnis. Die Frustration nach der Lektüre ist total.
An dieser Stelle sei wiedermal auf den Schweizer Robinson hingewiesen. Auch dieses Buch ist ein Ärgernis sondergleichen. Betulich, moralinsauer, staatstragend durch "Familie über alles", unbedingten Glauben und Fernwehpatriotismus (Schweizer Kolonialismus, iiihh!), vor zweifelhaften Werten nur so strotzend und einigermassen schlecht geschrieben. Dem geforderten Sozialitätsfaktor wird Rechnung getragen, indem eine ganze Familie strandet. Aber zumindest schwelgen diese Schiffbrüchigen des öfteren und tun manche phantastische Werke. Nun ja. Diese Insel hat in Sachen Flora, Fauna und Diversität der Landschaft auch ein klein bisschen mehr zu bieten als Robinsons Eiland.
La Tortuga - 30. Sep, 18:46


