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8
Okt
2009

Umwägä schufte

Dieser Tage ist es eine meiner Hauptaufgaben, Umwege zu schuften, mehr noch als sonst. Denn es gilt, neue Schuhe einzulaufen, ein Vergnügen, das mir die letzten paar Jahre nie vergönnt war und mich nun umso mehr fasziniert.
Umwägä schufte, das ist einer dieser vielen Ausdrücke der Grosselternzunge, die mich immer wieder verzaubern. Schuften als Verb bedeutet ja harte Arbeit, und zwar körperliche, es riecht nach Schweiss. Ich glaube aber, es klingt in dieser Formulierung auch der Schuft an, die Tätigkeit eines Schufts. Wer also Umwege macht (wie jämmerlich blass: "Umwege machen"!), der verdient sich einerseits Ehre durch redliche Arbeit und ist andererseits ein Gauner, vermutlich weil er Zeit vetrödelt, anstatt stracks am Arbeitsplatz sich einzufinden. Schon als Kind verkörperten mir die Umwege beide Aspekte: das Ruhmvolle des unerschrockenen Entdeckens; Gefahren lauerten an jeder Ecke, und mich reute weder meine Haut noch die Zeit; und zugleich der Reiz des Verbrechens, denn ja, es war ein streng geahndetes Verbrechen, zu spät in die Schule oder nach Hause zu kommen. Mein Schulweg, im Grunde nur 1km lang, war ein unendlicher Umweg, jeden Tag neu, und ich schuftete ihn mit Leidenschaft. Dann beugte ich schuldbewusst das Haupt und versteckte meinen Triumph, wenn es auf mich herabdonnerte: "Hesch wider Umwägä gschuftet?" - Umweg verhält sich zu Weg wie der Freibeuter zum Admiral ohne Kaperbrief. Abweg verhält sich zu Umweg wie der Pirat zum Freibeuter.
Ein anderes derartiges Wort (die Assoziation wird vom Schuft heraufbeschworen) ist tüüssele: sehr leise gehen, schleichen. Im Gegensatz zum Schleichen aber hat das Tüüssele gar nichts Perfides oder Feiges, sondern einen respekt-, ja liebevollen und womöglich auch humoristischen Unterton. Man geht auf Zehenspitzen, um einen Schläfer, den man sehr gern hat, nicht zu wecken. Ein Dieb mit Ehre im Leib schleicht durchs Haus und nimmt nur die Hälfte des Bargeldes aus der Kaffeedose mit. Vielleicht hinterlässt er zum Trost sogar einen Strauss Gänseblümchen, den er auf der taunassen Wiese gepflückt hat, bevor er das Schloss aufbrach (so vorsichtig, dass man es noch reparieren kann).
Und was nun die neuen Schuhe betrifft: ich verstehe einfach nicht warum, aber ohne Blasen geht es nie ab (Massnahmen: am ersten Abend mit Nadel und Faden Drainage legen; morgens Pflaster kleben, damit kein Blut im neuen Schuh ist, und dann wieder ab auf die Piste, jeden Tag, bis auf der Blase dicke Hornhaut gewachsen ist; danach will man nie wieder ohne diese Schuhe begraben werden!).
Noch weniger verstehe ich, dass immer nur ein Fuss Blasen wirft. Jetzt stelle ich mit Entsetzen fest, dass mir ein Überbein wächst, da steht ja am verblasten Fuss ein Fersenknochen viel weiter vor als am unversehrten Fuss! Dabei ist das nur die natürliche Asymmetrie, die den ganzen Körper so subtil aus dem Ideal rückt. Eine Hypochondrie, das Überbein, wie all die fürchterlichen Tumore, die bestenfalls kommune Pickel sind. Und wie ich mich darin suhle! Das ganze Leben ein einziger geschufteter Umweg.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

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