Wider das Sofa
Früher gab es das Wohnen nicht. Die Dächer der Berner Bauernhäuser sind schwere Fittiche, die fast bis auf den Erdboden hängen, kurzsichtige Fenster blinzeln darunter hervor. Geben den Blick nicht frei und drinnen ist es dunkel. Das Berner Bauernhaus, erklärte mir eine alte Bäuerin, ist die Höhle der Nacheiszeit. Sommers sind wir auf den Feldern und kriechen nur zum Schlafen unters Dach. Winters arbeiten wir im Wald, sobald uns die Wärme des Ofens durchdringt, nicken wir ein. Ja, es war mir auch passiert, noch beim Abendessen plumpste mein Kopf einfach in den Suppenteller. Die Schmerzen in der Schulter vom Abasten, die Kettensäge lang im Ohr, eine ehrliche, pathetische Müdigkeit.
Wann kam das Wohnen in Mode? Was soll das sein, Wohnen? Ist man im Haus, sitzt, steht oder liegt man, vielleicht geht man auf und ab, man liest, arbeitet, kocht, putzt das Klo oder kackt hinein, man vögelt oder pennt, man zündet Kerzen an, frisst mit den Fingern, streitet sich, telefoniert, hängt vor der Glotze, probiert alte Kleider an, saugstaubt, suhlt oder grämt sich in Einsamkeit, fühlt sich eingesperrt oder geborgen. Für alles, was man im Haus tut, gibt es präzise Bezeichnungen, die das Verb Wohnen überflüssig machen. Überhaupt ist Wohnen so passiv, dass es auch nur im Passiv benutzt werden sollte, um als Verb durchzugehen: gewohnt werden. Viele der Dinge, die man im Haus tut, sind zu peinlich oder zu intim, um sie sonstwo zu tun. Ist es das, was Wohnen meint?
Ich werde in einem Kleinkaff gewohnt, eine Zweizimmerwohnung wohnt mich. Aber ich weiss nicht, wie ich gewohnt werden soll, es liegt mir nicht und fern. Mein leiser Widerstand äussert sich darin, dass ich mich standhaft weigere, ein Sofa anzuschaffen. Ich achte darauf, es mir nicht allzu bequem zu machen.
Wann kam das Wohnen in Mode? Was soll das sein, Wohnen? Ist man im Haus, sitzt, steht oder liegt man, vielleicht geht man auf und ab, man liest, arbeitet, kocht, putzt das Klo oder kackt hinein, man vögelt oder pennt, man zündet Kerzen an, frisst mit den Fingern, streitet sich, telefoniert, hängt vor der Glotze, probiert alte Kleider an, saugstaubt, suhlt oder grämt sich in Einsamkeit, fühlt sich eingesperrt oder geborgen. Für alles, was man im Haus tut, gibt es präzise Bezeichnungen, die das Verb Wohnen überflüssig machen. Überhaupt ist Wohnen so passiv, dass es auch nur im Passiv benutzt werden sollte, um als Verb durchzugehen: gewohnt werden. Viele der Dinge, die man im Haus tut, sind zu peinlich oder zu intim, um sie sonstwo zu tun. Ist es das, was Wohnen meint?
Ich werde in einem Kleinkaff gewohnt, eine Zweizimmerwohnung wohnt mich. Aber ich weiss nicht, wie ich gewohnt werden soll, es liegt mir nicht und fern. Mein leiser Widerstand äussert sich darin, dass ich mich standhaft weigere, ein Sofa anzuschaffen. Ich achte darauf, es mir nicht allzu bequem zu machen.
La Tortuga - 2. Okt, 10:54
noel noe (Gast) - 2. Okt, 18:05
Sehr schön gemacht! :-)
antworten
Gregor Keuschnig - 2. Okt, 21:04
Irgendwo
in der "Versuchen" schreibt Handke einmal sinngemäss, wie schön es wäre, doch einfach einen Tag lang nur zu wohnen. An diesen Satz musste ich bei Deiner Miniatur denken.
Du hast den Widmer auf dem Tisch. Vielleicht wurde wegen solcher Bücher das Wohnen erfunden.
Du hast den Widmer auf dem Tisch. Vielleicht wurde wegen solcher Bücher das Wohnen erfunden.
La Tortuga - 2. Okt, 21:45
Dass sich einer wie Handke nach Wohnen sehnt, ist verständlich. Dennoch, dazu müsste man zuerst wissen, was das denn zu sein hätte, wohnen.
(Widmer kann man durchaus im Zug lesen, auf einem Friedhof - am besten an Walsers oder Kellers Grab - oder irgendwie beim Picknick.)
Abartig übrigens, wie viele Zeitschriften es zum Thema Wohnen gibt, wesentlich mehr als über Literatur, Wirtschaft oder Politik. Und das Zeug wird gelesen. Es gibt Leute, für die wird Wohnen zum Lebensinhalt, Gardinen farblich auf das SOFA abgestimmt. Dass man sich für einen Garten begeistert kann ich nachvollziehen. Aber wohnen?!?!
Interessant auch, dass andere Sprachen eher von "leben" sprechen. I live at 73 Grasseyer Street. Vivo en un palacio. (Was ist mit "habiter"?) Da sollte man mal einen umfassenden Sprachvergleich anstellen.
(Widmer kann man durchaus im Zug lesen, auf einem Friedhof - am besten an Walsers oder Kellers Grab - oder irgendwie beim Picknick.)
Abartig übrigens, wie viele Zeitschriften es zum Thema Wohnen gibt, wesentlich mehr als über Literatur, Wirtschaft oder Politik. Und das Zeug wird gelesen. Es gibt Leute, für die wird Wohnen zum Lebensinhalt, Gardinen farblich auf das SOFA abgestimmt. Dass man sich für einen Garten begeistert kann ich nachvollziehen. Aber wohnen?!?!
Interessant auch, dass andere Sprachen eher von "leben" sprechen. I live at 73 Grasseyer Street. Vivo en un palacio. (Was ist mit "habiter"?) Da sollte man mal einen umfassenden Sprachvergleich anstellen.
Gregor Keuschnig - 3. Okt, 12:51
Versuch
Manchmal hilft ja Heidegger – mindestens entdeckt man bei ihm interessante Definitionen. Ich habe was dazu gefunden (ab Kapitel XIII), was aber auch nicht total befriedigt.
Also ein eigener Versuch (bitte aber um Nachsicht, da ich ja nachweislich kein Dichter, noch nicht einmal ein Schriftsteller bin). Wohnen ist für mich ein Ort. Ein Ort des Sich-Einrichtens – nicht unbedingt ein physisches Einrichten durch Möbel oder sonstiges (Wohnung ist der Ort des Wohnens; ein anderer Ort!). Daher kann ich nicht in Hotelzimmern "wohnen"; ganz schwierig in anderen Wohnungen, bspw. im Urlaub. Sie bieten allenfalls eine "Bleibe".
Wohnen ist ein Gewöhnen. Alte Leute, die in ein Heim gehen, können dort sehr oft nicht mehr wohnen. Sie "bleiben" nur.
Zugegeben, ich bin ein notorisch-Sesshafter und vielleicht ist das alles Unsinn (dann lösch es lieber).
Also ein eigener Versuch (bitte aber um Nachsicht, da ich ja nachweislich kein Dichter, noch nicht einmal ein Schriftsteller bin). Wohnen ist für mich ein Ort. Ein Ort des Sich-Einrichtens – nicht unbedingt ein physisches Einrichten durch Möbel oder sonstiges (Wohnung ist der Ort des Wohnens; ein anderer Ort!). Daher kann ich nicht in Hotelzimmern "wohnen"; ganz schwierig in anderen Wohnungen, bspw. im Urlaub. Sie bieten allenfalls eine "Bleibe".
Wohnen ist ein Gewöhnen. Alte Leute, die in ein Heim gehen, können dort sehr oft nicht mehr wohnen. Sie "bleiben" nur.
Zugegeben, ich bin ein notorisch-Sesshafter und vielleicht ist das alles Unsinn (dann lösch es lieber).
La Tortuga - 4. Okt, 11:27
Das trifft die Sache möglicherweise tatsächlich (Deins und Heideggers). Mmhh... Wenn ich unterwegs bin, habe ich, egal wo, meist schon ab der zweiten Übernachtung das Gefühl zu "wohnen", es sei denn, ich fühle mich gar nicht wohl (?!). Vielleicht wohnt man (jedenfalls als eher Nichtsesshafter) da, wo die Zahnbürste ist?
Klaus (Gast) - 7. Okt, 20:58
Wie man gefälligst wohnt ...
Ich habe 22 Räume zu bewohnen, das ist nicht leicht.
Die Gitarre im Kulturium spiele ich, ebenso den Plattenspieler, die Bücher lese ich, zur Zeit die Autoren mit "R".
In der Badewanne bade ich, in der Küche koche ich, heute zum Beispiel Rotkohl aus dem Garten, wo ca ein Dutzend Beete verschiedene Gemüse zur Verfügung stellen oder auch nur als Blumen (blühender Spinat) dem Auge zeigen. In der Garage stehen Fahrräder, auf einem fahre ich. Im Atelier male ich, oder schneide Heizungsrohre zu. Im Zauberzimmer besuche ich meine Frau, die dort bloggt. Die Texte inspirieren mich. Handkes Salzbuch verwende ich für die Treppenhausgestaltung, ein Mann in Weiß mit Hammer. Die Treppe verwende ich auch, um vom Erdgeschoß in die 1. Etage zu gelangen. Ein Bad, ungeheizt, ist mit Bier und Limonade vollgestellt. Ein Zimmer ist eine Art Kleiderschrank. In einem Regal des Kellers sammle ich leere Gläser und Kunststoffbehälter. Bei dem ein oder anderen Prozess spüre ich meine oder auch die Seele der Dinge, manchmal ist ein Prozeß aber auch nur für die Füße; trotz der Bilder an der Treppenwand gehe ich nur die Treppe hinauf. Manchmal lasse ich das Licht aus, um das Haus zu fühlen.
Die Gitarre im Kulturium spiele ich, ebenso den Plattenspieler, die Bücher lese ich, zur Zeit die Autoren mit "R".
In der Badewanne bade ich, in der Küche koche ich, heute zum Beispiel Rotkohl aus dem Garten, wo ca ein Dutzend Beete verschiedene Gemüse zur Verfügung stellen oder auch nur als Blumen (blühender Spinat) dem Auge zeigen. In der Garage stehen Fahrräder, auf einem fahre ich. Im Atelier male ich, oder schneide Heizungsrohre zu. Im Zauberzimmer besuche ich meine Frau, die dort bloggt. Die Texte inspirieren mich. Handkes Salzbuch verwende ich für die Treppenhausgestaltung, ein Mann in Weiß mit Hammer. Die Treppe verwende ich auch, um vom Erdgeschoß in die 1. Etage zu gelangen. Ein Bad, ungeheizt, ist mit Bier und Limonade vollgestellt. Ein Zimmer ist eine Art Kleiderschrank. In einem Regal des Kellers sammle ich leere Gläser und Kunststoffbehälter. Bei dem ein oder anderen Prozess spüre ich meine oder auch die Seele der Dinge, manchmal ist ein Prozeß aber auch nur für die Füße; trotz der Bilder an der Treppenwand gehe ich nur die Treppe hinauf. Manchmal lasse ich das Licht aus, um das Haus zu fühlen.
La Tortuga - 8. Okt, 12:26
Also SO habe ich Wohnen noch nie erahnt. Ganz neue Perspektive! Wenn man jedoch zwischen 22 Räumen + Garten herumwandelt, kommt da nicht schon fast ein Gefühl von Nomadismus auf? Halbnomadismus, im Sommer ins ungeheizte bierbestückte Bad, morgens ins Kleiderschrankzimmer, abends ins Zauberzimmer? Auf den Treppen ewig unterwegs?
Wie auch immer - vielleicht weiss ich jetzt doch, was Wohnen sein könnte. Nur putzen möchte ich das alles nicht. :-)
Wie auch immer - vielleicht weiss ich jetzt doch, was Wohnen sein könnte. Nur putzen möchte ich das alles nicht. :-)
Talakallea Thymon - 24. Jun, 12:01
Wohnen hat etwas mit dem genius loci zu tun, ein geist, der mich selbst viel beschäftigt. wohnen als ein zustand des gefundenhabens, als das ergebnis einer wahl, der das aufspüren eines dem eigenen genius wohlgesinnten, förderlichen, oder einfach nur verträglichen genius loci vorausgegangen ist, eine erleichterung. endlich zuhause. endlich wohnen und nicht gegen das widerwärtige außen kömpfe fechten müssen; mit den geistern im einklang stehen. so oder so ähnlich.
La Tortuga - 25. Jun, 19:55
Ja, mit dem genius loci kann ich durchaus was anfangen. Der hat mir schon an vielen Orten gefallen, manchmal für 2 Wochen, für ein halbes Jahr oder für 4 Jahre, aber spätestens dann verdirbt er. Anstatt mir zu dienen, oder sagen wir, mich willkommen-daheim zu heissen, fängt er an, mich zu besitzen und herumzukommandieren. Es gibt wohl schon diesen Drang nach dem Gefunden-haben-Werden. Aber ich für meinen Teil muss den einfach übergehen, ich werde nicht finden. Wurde halt schon als Mieter geboren, obwohl als Kind sesshaft, war doch immer das Bewusstsein da, dass man innerhalb von 3 Monaten weiterziehen - oder auch rausgeschmissen werden - könnte. Nichts finde ich belastender als die Vorstellung, etwas "Eigenes" (Boden, Haus) zu besitzen.


