10
Jan
2008

Grabschändung

Leo Perutz hat explizit gewünscht, dass nichts über seine Person publiziert werde. Offenbar hat er bewusst sehr wenig aus seinem Leben schriftlich festgehalten. Und was erscheint? Eine 400 Seiten starke Perutz-Biographie! Der Biograph selbst brüstet sich auch noch damit, dass der Biographierte darüber nicht erfreut wäre. Diese Respektlosigkeit nimmt mir den Atem.
Es ist schlimm genug, dass auch die Lebenden oft auf solche Weise öffentlich entkleidet werden, aber sie können wenigstens Stellung nehmen, dementieren, sich neu verkleiden. Dabei sind doch diejenigen Legion, die gern mit ihrem Werk verwechselt werden wollen, Narzissten und Exhibitionisten wo man hinsieht, reichen die unserem Voyeurismus denn nicht?
Sicher: auch mich verzehrt die Neugier. Natürlich will man wissen, wer einem Nacht für Nacht das Leben rettet oder zumindest die bösen Träume vertreibt, wie denn auch nicht! Wie hat er gelebt, wen hat sie geliebt, wo ist er aufgewachsen, warum hat sie ihren Mann vergiftet? (Und bei den Lebenden: woher kennt er mich?! Wer hat ihr gesagt, dass ich heute gern Geburtstag hätte?? DAS IST MEINE FARBE!!!)
Jaaaa, das wünsche ich alles zu wissen! Und trotzdem lese ich nur, was mir die Dichter und Dichterinnen aus freiem Willen als Geschenk auf den Nachttisch legen.
Er soll nie wieder schlafen können, der Perutz-Biograph! Und Grabschänder alle, die nun kaufen und lesen!

Moral von der Geschicht: bevor man auch nur im Traum daran denkt, Romane oder Gedichte zu schreiben, sollte man die Schubladen füllen mit fiktiven Autobiographien (das ist doch zum Aufwärmen gar nicht schlecht). Fake-Briefe an imaginäre Freunde in der Welt herumschicken. Notizen aus Zeitungen abschreiben, in Leder binden und das Etikett "Tagebuch" draufkleben. Und so viele Gerüchte in Umlauf bringen wie nur möglich. Falsche Fährten legen, Fallen stellen, in die Finte locken. Gut ist auch, zu Lebzeiten wenigstens selbst Kapital zu schlagen aus der eigenen Biographie bevor andere es tun. Handkes Tagebücher sind zwar sicher echt. Aber ebenso sicher sind sie keine "Tagebücher".
Gregor Keuschnig - 10. Jan, 18:31

Ohne Brod...

keinen Kafka!

Und: Handke bezeichnet seine "Tagebücher" selber nicht als Tagebücher, sondern als Journale. (Ich würde gerne eines besitzen; man muss ihn besuchen. Ich bin sicher, er hat einige vergessen und in seinem Haus herumliegen.)

La Tortuga - 10. Jan, 19:16

Ja, das mit Kafka ist arg. In Brods Haut möchte ich nicht gesteckt haben. Es ist halt so wie mit der Archäologie, man will und will es nicht... Ich habe einmal den Armknochen eines Prinzen in Händen gehalten, vielleicht das schrecklichste und schönste Gefühl, das mir je widerfuhr.

edit: zwischen Werk und Person liegt ein himmelweiter Unterschied. Vermutlich kann man es ethisch irgendwie begründen, dass das Werk eines Künstlers der Allgemeinheit "gehört" (das Gegenteil kann man allerdings auch begründen) - private Dokumente, finde ich, sind unveräusserlich (es sei denn, der Autor veräussere sie selbst), auch wenn Briefe und Tagebücher oft einen literarischen Wert haben. Aber sie sind gerichtet, an eine bestimmte Person oder an niemanden, sicher nicht an alle. Ebenso kann man doch nicht über den Wunsch hinwegsteigen, dass KEINE Biographie geschrieben werden soll.

Eben, ja, Handke schreibt sicher nicht auf, was er gestern gegessen hat (oder wie war das mit "nudelgelb", war es das? Haaaach, Hunger!)
Wenn Du die Journale findest, krieg ich dann auch eins?
Gregor Keuschnig - 10. Jan, 22:06

"Andersgelb" waren die "Nudelnester" auf dem Markt von Belgrad. (Ich habe bis heute nicht verstanden, was daran schlimm gewesen ein soll oder ist.)
La Tortuga - 10. Jan, 22:13

Nein nein, nicht schlimm, im Gegenteil!!! Mir hat das massiv den Ärmel reingenommen. Aaaahh... andersgelb!! Was für ein Wort! Ich sollte das Patent darauf anmelden bevor Handke es selbst tut.
tinius - 17. Jan, 22:32

Es gibt ja einen Unterschied zwischen Brods Veröffentlichungen von Kafka - insbesondere bei Tagebüchern und Briefen beschleicht mich denn auch ein Gefühl, einer Leichenfledderei - und den "Tagebüchern" etwa von Frisch oder Handke, die durchaus in Hinsicht einer Öffentlichkeit geschrieben wurden. Im Falle einer posthumen biographie habe ich allerdings eher keine Skrupel. Zum einen ist Perutz tot, und in meinem festverankerten Atheismus gehe ich von einem Weiter(er)leben irgendeiner Art nicht aus, zum anderen hat er ja publiziert und ist somit Person eines öffentlichen und wissenschaftlichen Interesses. Da ich andererseits nur bedingt der biographisch - literarischen Interpretationslinie zu folgen gewillt bin, ist eine Biographie im Normalfall für mich allerdings auch nicht ganz so wichtig. Nur wenn es gilt Zeithintergründe und Publizierungs - bzw. Rezeptionsgeschichte etwas genauer zu betrachten, kommt überhaupt das bedürfnis auf. Allerdings wäre Perutz durchaus ein Kandidat, wo für mich genau das zutreffen könnte.
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