La Tortuga - 17. Jan, 22:33

Herzlichen Dank für den üppigen Input! Da kristallisieren sich in der Tat gleich mehrere neue Ansätze heraus, und ich muss mich nochmal auf die Suche machen, wo denn das Problem liegen könnte. Nein, ich glaube nicht, dass ich Lesens- und Lebenszeit trenne, im Gegenteil. Aber es ist wohl so, dass für mich zumeist Lesenszeit die bessere Lebenszeit ist. Ich möchte wetten, dass ich seit meiner Alphabetisierung maximal 4 Tage ohne Lektüre verbracht habe. An mindestens 331 Tagen pro Jahr ist die Lektüre der Höhepunkt des Tages. Ausserdem peile ich mal so über den Daumen, dass für mich Fiktion und Metabene die plausiblere Realität sind, sich besser mit meiner Wahrnehmung von "Allem" decken. Also bin ich "dort" vielleicht echter und noch am ehesten existent.
Das Argument, dass man sich erst über ein Buch äussern darf, wenn man es gelesen hat (selbst wenn man keine Rezensionen schreibt), zieht bei mir jedenfalls auch. Sogar dann, wenn ich mich gar nicht äussere, ich will ein gerechtes inneres Urteil. Dazu kommt: a) finanzielle Knappheit führt eben nicht nur im Kühlschrank dazu, dass man jedes Bröselchen aufbrauchen muss, es wird - teils ungewollt - zu einer Haltung. b) ich beobachte an mir einen unsympathischen Vollständigkeitsfimmel (also eigentlich Sammlertick) und bin daneben fast in allem ein penetranter Perfektionist. Selbst einen Erzählungsband könnte ich nicht in beliebiger Reihenfolge oder nur teilweise lesen. Gibts ein T-Shirt in mehreren Farben, finde ich es nur schön, wenn ich alle Farben kaufe (obwohl ich dann ja nur eins aufs Mal tragen kann), sonst lass ichs lieber bleiben. Das geht so weit, dass ich ausgelesene Bücher zurückspulen muss, ansonsten ich nicht zur Ruhe komme. Deshalb leihe ich auch nicht gern Bücher aus - man muss sie schon vor dem Lesen zurückspulen. Richtig neurotisch das!

Habe mir jetzt nochmal überlegt, woran die derzeitige Krise liegen könnte. Vermutungen:
- Es ist wahrscheinlich eher eine emotionale denn eine intellektuelle Erschöpfung, es nimmt mich zu sehr mit, ein Symptom könnte sein, dass mir Lyrik gerade am schwersten fällt.
- Das Eindenkvermögen erlahmt, was andere Kulturen und Epochen betrifft (vorübergehend hoffentlich).
- Ich bin noch zerstreuter als normalerweise, falls das überhaupt möglich ist.
- Geduld nimmt ab. Ich lese hauptsächlich um der Sprache willen und nehme dafür oft öden Inhalt in Kauf. Zudem ist die anstrengendste Lektüre in aller Regel die beste.

Ja, eine Erholungsphase wäre zwar schön. Aber das geht eben auch nicht. Ich habe mich schon gefragt, was ich eigentlich täte, wenn ich weder lesen noch schreiben dürfte/könnte/müsste. Das blanke Entsetzen. Es gäbe schlicht und einfach keinen Grund zu leben (den gibt es ohnehin nicht, aber mit Buchstaben macht die Sinnlosigkeit Freude). Optimal wäre es, einfach mehr zu schreiben während der Abstinenz. Auch unmöglich; weil ohne Lektüre die Inspiration sofort auf Null absackt.

Aber wie auch immer: da muss ich jetzt durch! Habe erst mal ein paar Zeitschriften am Kiosk geholt, so als Schonkost.

Talakallea Thymon - 17. Jan, 23:06

zurückspulen?!?!?!

das ist jetzt nicht dein ernst! und wenn doch: darf ich fragen, wie das vor sich geht? noch einmal rückwärts lesen? und wenn ja, dann phonetisch, phonemisch, lexikalisch oder syntaktisch rückwärts? oder abschnittsweise?

oder reicht einmal daumenkino rückwärts? und steckt dahinter wirklich die vorstellung, mit den buchstaben (oder den sie repräsentierenden sprachlauten) geschehe etwas, während die augen darübertasten? -- kurios!

aber noch ein vorschlag zur schonkost: wie sieht es mit dem sachbuch aus? also nicht dem fachbuch oder der wissenschaftlichen monographie, eher so etwas wie "Wonderful life" (Gould) oder "The Blind Watchmaker" (Dawkins) oder "The onmivore's dilemma"? wäre das was?

(mmmh ... also: ".novad neklowhcuaR ned tim tbiert dnu dnaH red sua runhcS ied ethcas mhi theiz ,..." --- nee, da kriegt man ja kopfschmerzen. zurückspulen, ts ...)
tinius - 17. Jan, 23:10

Kino, Theater, Freunde, Konzerte fielen mir da spontan ein. Wobei das den Nachteil hat, immer nur ein augenblickliches Vergnügen zu sein. Bin ich vor die Wahl gestellt, ein Buch zu kaufen oder ins Kino oder Konzert zu gehen, gewinnt immer das Buch, schon aus finanziellen Gründen. - "Das Haus", tja, ich habe es gerade bis knapp zur Hälfte durchgelesen / durchgearbeitet. Und es ist absolut meins. Die Metaebene der Metaebene. ;) Es ist nichts wirklich neu - das variierende Textbild fand ich schon bei Federmans "Alles oder Nichts", die Fußnoten sah ich zuletzt bei Susanna Clarkes "Jonathan Strange and Mr. Norrell", zuerst aber wohl bei "Tristram Shandy". Das Spiel mit "nachgelassenen" oder aufgefundenen Manuskripten ist seit der Romantik bekannt, wird aber hier potenziert, bis der Nachweis der Echtheit in sein Gegenteil verkehrt ist. ;) Es hat Feinheiten, denen ich mangels akademischer Bildung nicht unbedingt zu folgen mag, auf der anderen Seite lese ich und bin wenig geneigt, jeder Verschlüsselung, jedem Rätsel auf die Spur zu kommen. Dennoch tragen für mich die beiden miteinander verwobenen Geschichten zumindest bis zur Hälfte. Und sie machen durchaus Spaß.
La Tortuga - 17. Jan, 23:22

Hahaaaa! Wie lang hast Du jetzt für letzteres gebraucht?!?!

Doch, es ist mein Ernst, leider. Die, die mich kennen, rufen jeweils aus dem Nebenzimmer: "Hast wieder eins fertig? Man hörts!" Also das geht so: ich blättere Seite für Seite von hinten nach vorn. Bei jedem Kapitelanfang lege ich einen Finger hinein. Beim nächsten Kapitel springt der Finger dorthin. Bei dicken Büchern ohne Kapitel separiert der Finger jeweils bei 100 Seiten, bei dünnen Büchern nach 50 Seiten. Überspringe ich aus Versehen eine Seite, muss ich nochmal von vorn (bzw. hinten) anfangen, das wäre sonst wie so ein Gewickel bei einer Tonbandkassette. Am Schluss drücke ich den Buchrücken wieder schön rechtwinklig. Wichtig ist auch, dabei allfällige Eselsohren auszustreichen (das mache ich aber auch schon während des Lesens - da habe ich auch immer schon die nächsten 4 (exakt 4) Seiten in der rechten Hand und "blättere" die andauernd durch; Zuhörer sagen, dass es nervt, aber mich bringt das Geräusch in den Lesefluss).
Ein Bibliotheksbuch muss ich also vor und nach dem Lesen zurückspulen (weil es sich nicht gehört, ungespult zurückzugeben). Gibt mir jemand eins meiner Bücher zurück, muss ich es meist auch selbst zurückspulen, obwohl ich die Leute darum bitte. Ich kann weder schlafen noch essen, wenn irgendwo ein ungespultes Buch herumliegt. Bin ich über mehrere Tage bei jemandem zu Gast, fange ich auch dort an, in der Bibliothek herumzuspulen; schiefe Buchrücken treiben mich in den Wahnsinn (nur zurechtdrücken reicht aber nicht).
Das muss ich auch mit Zeitschriften machen. Früher wars sogar noch die Zeitung - da konnte ich mich mittlerweile überwinden, damit aufzuhören. Ich muss mich einfach fest daran erinnern, dass ich die Zeitung ja wegwerfe.
Hab das mal meiner Ärztin erzählt. Die erste Person, die darüber nicht gelacht hat! Sie fragte trocken: "Leiden Sie darunter?" - Ich verstand die Frage nicht. Ich leide nicht unter dem Spulen, sondern unter ungespulten Büchern!
(Aber es macht mir nichts aus, wenn darüber gelacht wird. Es ist ja auch komisch, und nicht so schädlich wie ein Waschzwang. --- Ich geh jetzt tendenziell schlafen und achte darauf, heute kein Buch mehr auszulesen).

edit: nein, eine "Logik" hat es eigentlich nicht. Auch ein neu gekauftes Buch muss ich vor dem Lesen zurückspulen - was ja eigentlich Nonsens ist.
Vielleicht hilft es irgendwie, das Gelesene zu rekapitulieren und Abschied zu nehmen. So wie man sich bei der Abreise vor dem Einsteigen in den Zug nochmals umdreht und zurückblickt.
Gregor Keuschnig - 18. Jan, 08:14

Geduld nimmt ab. Ich lese hauptsächlich um der Sprache willen und nehme dafür oft öden Inhalt in Kauf. Zudem ist die anstrengendste Lektüre in aller Regel die beste.
Das ist wunderbar. Der Sprache willen den Inhalt in Kauf nehmen. Ja, das ist es. Und das macht es so schwierig. Gelegentlich.

Mir ist es zwar auch möglich, Bücher (zunächst) nur zu besitzen. Vor vielen Jahren habe ich aus dem Bestand einer damaligen Freundin einiges aufgekauft - und heute noch stehen einige davon ungelesen im Regal. Eine Schmach. Mit Büchern so umgehen wie mit Lebensmitteln. Das muss der Anspruch sein.

Bücher nur "anlesen" oder irgendwann liegenlassen ist wie ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, sich damit auseinandersetzen. Manchmal trifft das ja zu und es ist auch nicht schlimm. Umgekehrt ist aber auch nicht erstrebenswert, zur bücherverschlingenden Pflanze zu mutieren. Eine Pseudo-Literaturkritikerin aus Deutschland hält es für ein Qualitätskriterium, ein Büch "verschlungen" zu haben. Dann muss ich immer abschalten vor soviel Ungeist.

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