Zahlenmerkunfähigkeit, gespenstisch!

Neulich kam mir ein Foto in die Quere, das meine Kindergartenklasse zeigt. Ich wusste von jedem Kameraden noch den Vor- und Nachnamen. Bis hierhin ist das wohl normal, aber als ich auch die Kinder auf dem Kindergartenfoto meines Bruders bis auf zwei Ausnahmen benennen konnte, obwohl ich die allermeisten seiner Kindergartenkollegen nie persönlich kannte, wurde mir etwas unheimlich. Ich vergesse niemals einen Namen, Name und Gesicht (auch Gesichter aus Erzählungen, wie die der Kameraden meines Bruders), das gehört untrennbar zusammen und brennt sich ein. Genauso, wie ich von einer Person, die ich vielleicht nur nach dem Weg gefragt habe, jederzeit die Augenfarbe weiss.
Aber Zahlen, gute Nacht! Geburtsdaten sind ein Hindernislauf: a) das Datum selbst: achtstellig, strukturiert nur durch zwei Punkte. Das Jahr Zehntausend möchte ich nicht erleben. b) die Abgleichung mit dem aktuellen Datum, wozu man wissen muss, welcher Tag heute ist. c) welches Datum gehört zu welchem Gesicht, welchem Namen, welcher Augenfarbe?
Am schlimmsten sind Telefonnummern, besonders seit sowohl die Telefondichte pro Einwohner als auch die Einwohnerzahl exponentiell explodieren, wodurch die Nummern immer länger werden, und man sogar inland noch lokale Vorwahlnummern einstellen muss. Durch "Abnutzung" der Nummern, also häufiges Wählen, könnte man das Problem etwas mildern, aber ich telefoniere nun mal nicht gern, lasse mich wenn schon anrufen und gehe auch dann höchst selten ran.
Den Gipfel der Zahlenmerkunfähigkeit markiert die eigene Festnetznummer (denn nur eine solche habe ich bekanntlich, auch sie ein Kompromiss). Es gibt ja selten einen Grund, sich selbst anzurufen. Weil es mir aber langsam peinlich wird, dass ich auch nach nunmehr über zwei Jahren mit derselben Nummer immer noch die Agenda hervorkramen muss, um sie jemandem vorzustottern, habe ich mir angewöhnt, mich von den von mir frequentierten Aussenposten aus anzurufen und - damit es mir mindestens so scheint als hätte das einen Sinn - einen Lagebericht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Rein rhetorisch frage ich nach dem Piepton immer zuerst: "Guten Tag, hier ist Frau R. Können Sie mich bitte mit Frau R. verbinden?"
Heute gefror mir das Blut in den Adern, als meine Stimme auf der anderen Seite dienstfertig erwiderte: "Ja, am Apparat."
("Tschuldigung, falsche Nummer", hauchte ich noch, bevor ich in der Telefonzelle ohnmächtig zusammensackte. Jetzt sitze ich hier am stummen Telefon, lausche dem Freizeichen und bin einigermassen besorgt. Wann komme ich endlich nach Hause, und warum habe ich mir heute keinen Lagebericht zukommen lassen?! Ist mir am Ende etwas zugestossen?!?!)

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