The Leaden Notebook
Ich hoffe, ich tue Doris Lessing nicht Unrecht, indem ich ein Fitzelchen ihrer Nobelpreis-Rede aus dem Zusammenhang reisse (schlimmer noch, dieses habe ich aus einem etwas grösseren Fitzelchen herausgeschnitten und zwar, Schande!, ohne zuvor die ganze Rede gelesen zu haben - auf mich zu schiessen ist also legitim):
"...das Schreiben, ein Schriftsteller kommt nicht aus einem Haus ohne Bücher. Wenn man schreiben, wenn man Literatur produzieren will, muss man in enger Verbindung zu Bibliotheken stehen, zu Büchern, zur Tradition."
Was heisst das?! Dass man von Anfang an satt gewesen sein muss, um kochen zu können? Dass nur diejenigen, die in den Genuss einer Wassergeburt kamen, jemals schwimmen lernen? Welche Bücher meint sie? Wie viele? Was ist mit denen, die erst durch einsame Arbeit erfahren, dass es überhaupt eine Tradition gibt? Haben sie kein Recht auf diese Tradition, wird sie nur über das Geschlecht weitergegeben? Was ist mit denen, deren Laufgitter nicht in einer Bibliothek stand, sondern die sich ihre persönliche Regalfüllung (oder auch nur den Büchereiausweis) über Jahrzehnte hinweg vom Mund absparen?
Mich treibt der Hunger, wenn es ums Schreiben geht. Deshalb fühle ich mich getroffen (und belle, nein heule). Warum sagt das Doris Lessing, ausgerechnet sie? Müsste nicht gerade jemand mit ihrem Lebenslauf abschätzen können, wohin es führen würde, dächte man diesen Gedanken konsequent weiter, über das Schreiben hinaus?
"...das Schreiben, ein Schriftsteller kommt nicht aus einem Haus ohne Bücher. Wenn man schreiben, wenn man Literatur produzieren will, muss man in enger Verbindung zu Bibliotheken stehen, zu Büchern, zur Tradition."
Was heisst das?! Dass man von Anfang an satt gewesen sein muss, um kochen zu können? Dass nur diejenigen, die in den Genuss einer Wassergeburt kamen, jemals schwimmen lernen? Welche Bücher meint sie? Wie viele? Was ist mit denen, die erst durch einsame Arbeit erfahren, dass es überhaupt eine Tradition gibt? Haben sie kein Recht auf diese Tradition, wird sie nur über das Geschlecht weitergegeben? Was ist mit denen, deren Laufgitter nicht in einer Bibliothek stand, sondern die sich ihre persönliche Regalfüllung (oder auch nur den Büchereiausweis) über Jahrzehnte hinweg vom Mund absparen?
Mich treibt der Hunger, wenn es ums Schreiben geht. Deshalb fühle ich mich getroffen (und belle, nein heule). Warum sagt das Doris Lessing, ausgerechnet sie? Müsste nicht gerade jemand mit ihrem Lebenslauf abschätzen können, wohin es führen würde, dächte man diesen Gedanken konsequent weiter, über das Schreiben hinaus?
La Tortuga - 8. Feb, 19:25










Lessing meinte aber definitiv das In-die-Wiege-Gelegte; es war zuvor die Rede von den Büchern, die die elterliche Lehmhütte füllten und immerzu importiert wurden. Also angeleitetes Frühlesen von Literatur, nicht halb-heimliches Konsumieren von Erwachsenenschund (da fällt mir mit Entsetzen ein: den Kitschroman "Die venezianische Braut" von Victoria Holt habe ich im Primarschulalter x-mal gelesen und dafür Lindgren verpasst, das ist übel. Lieber Kinderliteratur als Erwachsenenschund! Dennoch packen mich schier zärtliche Gefühle, wenn ich an jenes Buch zurückdenke. :-) ).
Vielleicht belle ich auch deshalb, weil ich oft selbst den Verdacht hege, dass sich das Versäumte nie, nie, niemals wird aufholen lassen, dass man den Bibliotheksgeborenen nie ebenbürtig begegnen wird. Nackte Angst, noch umsonster zu leben als ohnehin.
Ja, das ist es...
Ich bin skeptisch denen gegenüber, die mit 12 schon Dostojewski gelesen haben (wollen) oder Tolstoj und die das "heimlich" aus der "Bibliothek" der Eltern geholt haben und später darüber grosskotzen. Ich glaube das nicht (ausser es sind Genies). Insofern ist Lessings Aussage - sollte sie so gemeint sein, wie Tortuga sie hier darstellt - in diese Absolutheit eher falsch. Doris Lessing ist eine alte Frau, die auch das Internet nicht mag und die von ihren - sagen wir: feudalen - Verhältnissen allzu leicht auf andere(s) schliesst. Vielleicht werden wir - wenn wir mal so alt sind - alle so: Wir glauben, schon mit 12 Dostojewski gelesen zu haben, dass uns die Bibliotheken im Kinderzimmer standen und das sowieso früher alles besser war.
Ich habe als Kind kaum oder gar nicht gelesen. Vielleicht kann man das wirklich nicht mehr "aufholen". Sei's drum.
Oh, genau, Krabat, den hatte ich fast vergessen, obwohl ich heute noch beim Treppensteigen ein schwarzes Mal auf der Stirn spüre. Blitz, den Schwarzen Hengst möchte ich lebenslang im Stall haben. Ganz zu schweigen vom hölzernen Rössli Hü. Und mit dem Kurier des Zaren reiten...
@Gregor, das beruhigt mich wirklich. Wenn so ein unbestechlicher Leser und begnadeter Rezensent wie Du als Kind nicht gelesen hat, dann ist definitiv nichts verloren. - Du warst ja auch ein Bub! Und die sind eben tendenziell zählesiger.
Vielleicht hätte ich auch nicht so viel gelesen, wenn ich hätte fernsehen dürfen. Obwohl ich unter dem Fernsehverbot als Kind (und Teenie) arg litt, allein schon durch die Diskriminierung durch Schulkameraden weil ich schlicht von nichts eine Ahnung hatte, ist es genau das, wofür ich meinen Eltern am allermeisten dankbar bin. Wenn ich jetzt behaupte, dass Eltern einem Kind nichts Grösseres schenken können als ein Fernsehverbot, dann laufe ich Gefahr, auf die Früher-war-alles-besser-Schiene zu geraten. :-) Ansonsten natürlich: Nobelpreisträger dürfen alles behaupten. Und Dostojewskij hat Lessing (bzw. umgekehrt :-) ) vermutlich tatsächlich mit 5 gelesen.