Erstens möchte ich vermuten, daß Du von Kindheit an gelesen hast. Zweitens geht es nicht um satt sein, sondern darum eine Eigenschaft durch eigenes Erleben identifizieren und durch Kreativität reproduzieren zu können. Wer nicht weiß, wie etwas schmeckt, wird nicht wirklich über geschmackvolles Essen debattieren können, geschweige denn kochen. Ein Blinder wird sich schwertun, eine Farbe zu beschreiben, noch mehr, sie absichtsvoll und in ästhetischen Konzepten zu verwenden. Im Falle des Lesens kann man nachholen, d.h., es ist nicht unbedingt vonnöten, seit dem siebten Lebensjahr überhaupt, seit dem fünfzehnten ernsthafte Literatur gelesen zu haben. Aber ich meine schon, daß es ohne nicht gehen kann, wenn man sprachliche Mechanismen, Stil, Aufbau und Komposition zu einer kunstvollen Einheit fügen will.
Einverstanden, ja. Vielleicht war das Lesen ja gerade deshalb so attraktiv, weil man sich als Kind dadurch zum Outcast machte ("der Reiz des Verbotenen" wäre jetzt übertrieben, wenn man vom weit verbreiteten Taschenlampenlesen unter der Bettdecke absieht :-) ).
Lessing meinte aber definitiv das In-die-Wiege-Gelegte; es war zuvor die Rede von den Büchern, die die elterliche Lehmhütte füllten und immerzu importiert wurden. Also angeleitetes Frühlesen von Literatur, nicht halb-heimliches Konsumieren von Erwachsenenschund (da fällt mir mit Entsetzen ein: den Kitschroman "Die venezianische Braut" von Victoria Holt habe ich im Primarschulalter x-mal gelesen und dafür Lindgren verpasst, das ist übel. Lieber Kinderliteratur als Erwachsenenschund! Dennoch packen mich schier zärtliche Gefühle, wenn ich an jenes Buch zurückdenke. :-) ).
Vielleicht belle ich auch deshalb, weil ich oft selbst den Verdacht hege, dass sich das Versäumte nie, nie, niemals wird aufholen lassen, dass man den Bibliotheksgeborenen nie ebenbürtig begegnen wird. Nackte Angst, noch umsonster zu leben als ohnehin.
Die Diskussion mit dem Elternhaus ist eine aktuelle pädagogische. Ein diagnostizierter Grund für zurückgehende Leserzahlen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das fehlende Vorbild der Eltern. Wenn die nie lesen, wie soll das Kind - problemlos - dies als eine möglicherweise praktikable Beschäftigungsmöglichkeit ansehen ? Allenfalls durch Umwege - und auf die kann man sich nicht verlassen. Dabei geht es weniger um angeleitetes Frühlesen, sondern um die Bereitstellung einer Erfahrungswelt.... Menschen, die das nicht haben und unglücklicherweise auf dem Weg zum Abitur nicht damit in Berührung kommen, weil spätestens nach der Realschule Schluß ist, entbehren einer grundlegenden Fähigkeit - und wären im Falle eines aufkommenden Nachholbedürfnisses ziemlich auf sich allein gestellt. - Mhm, bei mir war das anders : ich bin meist Außenseiter gewesen, und das Lesen diente sowohl der Abgrenzung als auch dem Ersatz von mit Menschen verbrachter Zeit. - Mann kann Lindgren auch noch als erwachsener Mensch lesen (oder wiederlesen). Meine Lieblingskinder - und Jugendbücher habe ich mir inzwischen wiederbeschafft : von Pu, der Bär bis hin zur Grünen Wolke oder Krabat stehen sie bei mir inzwischen wieder im Regal. ;) Meine Erwachsenenlektüre begann mit fünfzehn mit Werfels "Die vierzig Tage des Musa Dagh", das man ganz gut als Abenteuerrroman lesen konnte und etlichen Büchern von Graham Greene, deren Plots auch eher der Genreliteratur nahe waren. Und danach habe ich mich von Buch zu Buch gehangelt - selber Autor, selbes Thema, Erwähnung im Buch oder im Nachwort. Da ergab sich beinahe von selbst eine gewisse Systematik, die ich heute kaum noch verfolge... LG tinius
dieses "von Buch zu Buch hangeln". Für mich zeigt sich darin der Leser (die Leserin).
Ich bin skeptisch denen gegenüber, die mit 12 schon Dostojewski gelesen haben (wollen) oder Tolstoj und die das "heimlich" aus der "Bibliothek" der Eltern geholt haben und später darüber grosskotzen. Ich glaube das nicht (ausser es sind Genies). Insofern ist Lessings Aussage - sollte sie so gemeint sein, wie Tortuga sie hier darstellt - in diese Absolutheit eher falsch. Doris Lessing ist eine alte Frau, die auch das Internet nicht mag und die von ihren - sagen wir: feudalen - Verhältnissen allzu leicht auf andere(s) schliesst. Vielleicht werden wir - wenn wir mal so alt sind - alle so: Wir glauben, schon mit 12 Dostojewski gelesen zu haben, dass uns die Bibliotheken im Kinderzimmer standen und das sowieso früher alles besser war.
Ich habe als Kind kaum oder gar nicht gelesen. Vielleicht kann man das wirklich nicht mehr "aufholen". Sei's drum.
@tinius, ja, ich habe auch schon daran gedacht, mir die prägenden frühen Bücher wieder zuzulegen (inkl. Holt, hahaa!). Aber verflüssigt sich die Erinnerung denn nicht beim Wiederlesen?
Oh, genau, Krabat, den hatte ich fast vergessen, obwohl ich heute noch beim Treppensteigen ein schwarzes Mal auf der Stirn spüre. Blitz, den Schwarzen Hengst möchte ich lebenslang im Stall haben. Ganz zu schweigen vom hölzernen Rössli Hü. Und mit dem Kurier des Zaren reiten...
@Gregor, das beruhigt mich wirklich. Wenn so ein unbestechlicher Leser und begnadeter Rezensent wie Du als Kind nicht gelesen hat, dann ist definitiv nichts verloren. - Du warst ja auch ein Bub! Und die sind eben tendenziell zählesiger.
Vielleicht hätte ich auch nicht so viel gelesen, wenn ich hätte fernsehen dürfen. Obwohl ich unter dem Fernsehverbot als Kind (und Teenie) arg litt, allein schon durch die Diskriminierung durch Schulkameraden weil ich schlicht von nichts eine Ahnung hatte, ist es genau das, wofür ich meinen Eltern am allermeisten dankbar bin. Wenn ich jetzt behaupte, dass Eltern einem Kind nichts Grösseres schenken können als ein Fernsehverbot, dann laufe ich Gefahr, auf die Früher-war-alles-besser-Schiene zu geraten. :-) Ansonsten natürlich: Nobelpreisträger dürfen alles behaupten. Und Dostojewskij hat Lessing (bzw. umgekehrt :-) ) vermutlich tatsächlich mit 5 gelesen.
Lessing meinte aber definitiv das In-die-Wiege-Gelegte; es war zuvor die Rede von den Büchern, die die elterliche Lehmhütte füllten und immerzu importiert wurden. Also angeleitetes Frühlesen von Literatur, nicht halb-heimliches Konsumieren von Erwachsenenschund (da fällt mir mit Entsetzen ein: den Kitschroman "Die venezianische Braut" von Victoria Holt habe ich im Primarschulalter x-mal gelesen und dafür Lindgren verpasst, das ist übel. Lieber Kinderliteratur als Erwachsenenschund! Dennoch packen mich schier zärtliche Gefühle, wenn ich an jenes Buch zurückdenke. :-) ).
Vielleicht belle ich auch deshalb, weil ich oft selbst den Verdacht hege, dass sich das Versäumte nie, nie, niemals wird aufholen lassen, dass man den Bibliotheksgeborenen nie ebenbürtig begegnen wird. Nackte Angst, noch umsonster zu leben als ohnehin.
Ja, das ist es...
Ich bin skeptisch denen gegenüber, die mit 12 schon Dostojewski gelesen haben (wollen) oder Tolstoj und die das "heimlich" aus der "Bibliothek" der Eltern geholt haben und später darüber grosskotzen. Ich glaube das nicht (ausser es sind Genies). Insofern ist Lessings Aussage - sollte sie so gemeint sein, wie Tortuga sie hier darstellt - in diese Absolutheit eher falsch. Doris Lessing ist eine alte Frau, die auch das Internet nicht mag und die von ihren - sagen wir: feudalen - Verhältnissen allzu leicht auf andere(s) schliesst. Vielleicht werden wir - wenn wir mal so alt sind - alle so: Wir glauben, schon mit 12 Dostojewski gelesen zu haben, dass uns die Bibliotheken im Kinderzimmer standen und das sowieso früher alles besser war.
Ich habe als Kind kaum oder gar nicht gelesen. Vielleicht kann man das wirklich nicht mehr "aufholen". Sei's drum.
Oh, genau, Krabat, den hatte ich fast vergessen, obwohl ich heute noch beim Treppensteigen ein schwarzes Mal auf der Stirn spüre. Blitz, den Schwarzen Hengst möchte ich lebenslang im Stall haben. Ganz zu schweigen vom hölzernen Rössli Hü. Und mit dem Kurier des Zaren reiten...
@Gregor, das beruhigt mich wirklich. Wenn so ein unbestechlicher Leser und begnadeter Rezensent wie Du als Kind nicht gelesen hat, dann ist definitiv nichts verloren. - Du warst ja auch ein Bub! Und die sind eben tendenziell zählesiger.
Vielleicht hätte ich auch nicht so viel gelesen, wenn ich hätte fernsehen dürfen. Obwohl ich unter dem Fernsehverbot als Kind (und Teenie) arg litt, allein schon durch die Diskriminierung durch Schulkameraden weil ich schlicht von nichts eine Ahnung hatte, ist es genau das, wofür ich meinen Eltern am allermeisten dankbar bin. Wenn ich jetzt behaupte, dass Eltern einem Kind nichts Grösseres schenken können als ein Fernsehverbot, dann laufe ich Gefahr, auf die Früher-war-alles-besser-Schiene zu geraten. :-) Ansonsten natürlich: Nobelpreisträger dürfen alles behaupten. Und Dostojewskij hat Lessing (bzw. umgekehrt :-) ) vermutlich tatsächlich mit 5 gelesen.