Frühjarsdepression entlarvt
Als hätte Jemand den Schalter umgelegt: mürbe Sonne tagelang, über der Käseglocke und ohne die Bise zu entschärfen; ohne Wolken verliert jeder vernünftige Mensch die Orientierung. Abends ist es viel zu lange hell und morgens viel zu früh. Man müsste zentnerschwere Vorhänge kaufen, um das durchzustehen; das Haus verlässt man nur im äussersten Notfall, schliesslich ist man ja nicht krank. Die entsetzlichen Vögel kehren aus dem Norden zurück, wo sie dauerhaft hingehörten, ginge es mit rechten Dingen zu, es ist unerträglich, ihnen zuzuhören. Selbiges gilt für Stöckelschuhe, laute Schuhe überhaupt, dieses Geräusch weckt Mordlust, seit man sich erinnern kann. Appetitlosigkeit gepaart mit ziellosem Fressen, was zu ständiger Übelkeit führt. Schwierige Lebensumstände sind keine hinreichende Erklärung, nicht annähernd, denn die hatte man auch im Winter, in dem man guter Dinge war. Hauptsymptom: die Verwechslung von Ursache und Wirkung. So dass man sich nach suboptimalen Dauerzuständen zurücksehnt, nur weil dumpfe Gewohnheit etwas Sicherheit verspricht. Ängstliches Festhalten an allem Möglichen oder Unmöglichen, und wenns noch so wabblig ist, trügerische Stabilität, die Augen verschliessen, sobald man wieder ins Leere greift. Weinerlichkeit bis zum Einnässen des Brustlatzes. Belästigung der Freunde mit alten, unverständlichen Liedern (... dass sie überhaupt noch da sind!), sofern man sich dazu noch aufraffen kann. Die Verschärfung der flankierenden Massnahmen zur Verhinderung von Kurzschlüssen, darin hat man längst Erfahrung, immerhin hat man noch viel Nutzloses zu erledigen. Alle Jahre kommt es unfehlbar wieder, das war schon so, als man noch nicht mal in den Kindergarten musste. Ängstlich wartet man darauf, lässt sich langsam daran hinunter ins Inferno, begrüsst es wie einen antiken, ebenbürtigen, nein überlegenen, Feind. Selbsterfüllende Prophezeiung? Keine Entlarvung, das wäre zu hoch gegriffen. Das einzige, was man in aller Gründlichkeit durchschaut: die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Sinnlos, in einem akausalen Universum! Ha! Es ist eben der Preis, den man bezahlt. Wofür, das wird man - es ist ungerecht - niemals erfahren. Später bleibt nur der Stolz, dass man es einmal mehr ausgehalten hat. Noch einmal und noch einmal. Für jedes ausgehaltene Mal sollte man sich ein Mal in ein weithin sichtbares Stück Haut brennen. Wie weit ist es eigentlich noch? Was kann man derweil tun? Verbissen (lustlos, wertlos) arbeiten und niemals aufhören, nach dem Land zu fahnden, in dem es immer November ist.
La Tortuga - 12. Feb, 19:50








