Adel und der Preis dafür

Ich wünsche mir, klagte die Schildkröte, für unzurechnungsfähig erklärt und entmündigt zu werden, damit ein Vormund meine Buchhaltung bändigt und die Steuererklärung aus meinem Sichtfeld räumt. Überhaupt zu erblinden, um die Kontoauszüge nicht zu sehen und schon gar nicht das Leid auf allen Kontinenten. Ich möchte einmal nach Strich und Faden verlassen werden, um mich nicht schuldig zu fühlen für all die Scherben in meinem Kielwasser. Wer partout nicht aus eigenem Antrieb gehen mag, soll mich wenigstens schlagen und auf alle ausgekochten Arten demütigen. Ich bliebe bei meinem Peiniger, weil ich keine Wahl hätte, ginge es mit rechten Dingen zu im determinierten Universum. Überhaupt wäre es erhebend, ein Opfer zu sein, strahlend unschuldig und glorios, mit dem Hut umgehen und das Mitleid der Gaffer einsammeln. Gern wäre ich noch dümmer und unwissender, als ich es ohnehin schon bin. Ich ginge nicht mehr an die Urne und gäbe unumwunden zu, dass ich auch zuvor nicht wusste, wen ich eigentlich wähle und wie tief das Grab ist, das ich uns allen schaufle. Welche Ehre wäre es mir, angeklagt und vor Gericht gestellt zu werden, damit Seine Ehren ein unverdientes, überrissen grausames Urteil über mich verhängt. Im Gefängnis müsste ich nicht selber kochen. Ich bin versucht, einen Berufskiller auf mich anzusetzen. Ja, das will ich, peinlich und untragbar sein, austicken auf offener Strasse oder einfach irgendwie zu Tode kommen, ohne dass ich dafür eine durchdachte, wohl abgewogene, ethisch vertretbare Entscheidung treffen müsste. Ich will nicht mehr länger schuld sein an meiner Erschöpfung, ich will, dass alle anderen schuld sind, ich will mich nicht wehren können, mich nicht rechtfertigen oder entschuldigen müssen, überhaupt nichts müssen, ich will auch nichts mehr wollen und nichts nicht wollen, ich will nicht weiter entscheiden!

So so, murmelte das Kamel. Willst du das. Wozu du deinen Panzer hast, musst du selbst entscheiden. Jawohl, entscheiden!

Was ist das, fragte die Schildkröte, dies riesige Dunkel, das auf deinem einzigen Höcker sitzt (denn eigentlich bist du ja ein Dromedar), diese Fratze mit dem fiesen Grinsen, die so schwer wirkt, als ob sie deinen geduldigen Höcker konkav in deinen Leib eindellte?

Kannst du es dir nicht denken, brummte das Kamel.

Ich bin es auch müde, sprach die Schildkröte, fast unhörbar leise, immer und immer Fragen zu stellen, ich mag nicht mehr zum Fragen verpflichtet sein, aber ich frage dich trotzdem noch dies eine Mal. Quäl mich nicht und rücks raus, stures Trampeltier.

Was es ist? Was es ist, fragst du! Es ist die Verantwortung auf meinem Buckel, die mich zum Wüstenemir adelt.

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