Keine Frage
Die Ertrinker waren an einer internationalen Casting Show einige Wochen vor dem Orientierungslauf rekrutiert worden. Für jeden angemeldeten Läufer wurde je ein Ertrinker in den Kategorien "2-12 Jahre", "25-43 Jahre" und "86-101 Jahre" benötigt. Ausser in der Kategorie "Alte" gab es über 1000 Bewerber auf einen einzigen Ertrinkplatz. Die einzige zu erfüllende Bedingung lautete "Nichtschwimmer". Davon gibt es mehr als man denken würde. Besonders die Kategorie "Kinder" platzte aus allen Nähten, die Castings und Rerererererecalls nahmen kein Ende. Die meisten Eltern wollen ihre Sprösslinge am TV sehen, auf dem Sportkanal noch dazu. Alle Bewerber waren darüber aufgeklärt worden, dass mindestens zwei Drittel von ihnen ertrinken würden. Es meldeten sich zuwenige "Alte" - wollen die Schmarotzer nichts beitragen zu den Spielen? -, man räumte deshalb ein paar Demenzzentren auf, denn auch diese werden kaum fertig mit ihren eigenen Castings, dieser Flux war hochwillkommen.
Ich lag gut in der Zeit, als ich Posten 5 erreichte. Drei Köpfe dümpelten wie Bojen weit draussen im Karpfenteich. Alle gleich hydroencephalisch, aber ich wusste, es waren ein Kind, ein Mensch im gebär- oder zeugungsfähigen Alter und ein für alles zu Alter. Ich musste mich entscheiden und einen von ihnen retten, um zu Posten 6 aufbrechen zu dürfen, ansonsten ich aus dem Rennen wäre (rettete ich mehrere oder keinen, ersteres war ohnehin unmöglich). Sollte das eine philosophische, ethische, moralische, ökologische Frage sein?! Ich sah keine Frage. Im Bruchteil einer Sekunde rechnete ich durch:
Das Kind retten! Das wäre mehrheitsfähig. Es gibt dafür Medaillen und viele gerührte Briefe. Man wird reich und berühmt, gewinnt vielleicht auch den Orientierungslauf, weil so ein Kind weniger wiegt. Je jünger und todesnaher das Kind, umso heldenhafter steh ich da. Mein grosses weltanerkanntes Herz! Nur die Rettung eines jungen Hundes brächte mir noch mehr Allgemeinliebe ein. Das Kind ist für mich gestorben.
Den Zeugungsfähigen/die Gebärfähige retten! Dann könnte die Menschheit fortbestehen. Die Gebärfähige könnte meine Freundin werden, der Zeugungsfähige mein Liebhaber. So einen ausgewachsenen Menschen aus dem Karpfenteich zu ziehen ist kein Pappenstiel, die Unsterblichkeit in der Sportwelt wäre mir sicher. Die Chance, dass der/die sich nach der Rettung sterilisieren lässt, ist verschwindend klein, sie werden Casting-Kandidaten züchten. Der Zeugungsfähige/die Gebärfähige ist in meinen Augen tot.
Den alten Menschen retten! Oh das gäbe einen Aufruhr! Retten was sowieso nicht mehr arbeitet, nicht mehr produziert, reproduziert, was ohnehin, vielleicht noch auf dem Platz, bald stirbt! Skandal! Ja, das wäre recht nach meinem Geschmack. So ein Alter oder eine Alte hat ordentlich lang gelebt und gelernt. Das könnte zu gratis hergestottertem Wissen führen. Erfahrung braucht die Welt, nicht immer noch mehr Windelscheisser. Allerdings ein hohes Risiko, einen der Dementen zu erwischen. Immerhin wäre das eine Art Gerechtigkeit, die kamen ja nicht freiwillig zum Casting, eigentlich wurden sie nicht gecastet, sondern ungefragt in den Teich getunkt.
Keine Zehntelsekunde überlegte ich so, hechtete ins Wasser, es war höchste Zeit, hinter mir langte der nächste Läufer bei Posten 5 an und oben wurden drei neue Ertrinker in den Teich geworfen. Ich crawlte, packte den Alten am Kragen, begann, ihn in Richtung Ufer zu ziehen, er war charmant dement, er versuchte, mich zu ersäufen (an diese Möglichkeit - mich selbst nicht zu retten - hatte ich nicht mal gedacht, thinking out of the box!) und sich selbst. Ich änderte meine Strategie, tauchte, wühlte im Schlamm am Grund des Teiches, fasste einen Karpfen am Schwanz. Der wäre mein Medailleneinbringer, meine Freundin, mein Liebhaber, mein Lehrmeister, es stand hierzu nichts im Wettkampfreglement, ich konnte den Lauf noch immer gewinnen.
Jetzt bin ich am Posten 6. Soll ich den grünen oder den roten Knopf drücken? Das ist eine Frage.
Ich lag gut in der Zeit, als ich Posten 5 erreichte. Drei Köpfe dümpelten wie Bojen weit draussen im Karpfenteich. Alle gleich hydroencephalisch, aber ich wusste, es waren ein Kind, ein Mensch im gebär- oder zeugungsfähigen Alter und ein für alles zu Alter. Ich musste mich entscheiden und einen von ihnen retten, um zu Posten 6 aufbrechen zu dürfen, ansonsten ich aus dem Rennen wäre (rettete ich mehrere oder keinen, ersteres war ohnehin unmöglich). Sollte das eine philosophische, ethische, moralische, ökologische Frage sein?! Ich sah keine Frage. Im Bruchteil einer Sekunde rechnete ich durch:
Das Kind retten! Das wäre mehrheitsfähig. Es gibt dafür Medaillen und viele gerührte Briefe. Man wird reich und berühmt, gewinnt vielleicht auch den Orientierungslauf, weil so ein Kind weniger wiegt. Je jünger und todesnaher das Kind, umso heldenhafter steh ich da. Mein grosses weltanerkanntes Herz! Nur die Rettung eines jungen Hundes brächte mir noch mehr Allgemeinliebe ein. Das Kind ist für mich gestorben.
Den Zeugungsfähigen/die Gebärfähige retten! Dann könnte die Menschheit fortbestehen. Die Gebärfähige könnte meine Freundin werden, der Zeugungsfähige mein Liebhaber. So einen ausgewachsenen Menschen aus dem Karpfenteich zu ziehen ist kein Pappenstiel, die Unsterblichkeit in der Sportwelt wäre mir sicher. Die Chance, dass der/die sich nach der Rettung sterilisieren lässt, ist verschwindend klein, sie werden Casting-Kandidaten züchten. Der Zeugungsfähige/die Gebärfähige ist in meinen Augen tot.
Den alten Menschen retten! Oh das gäbe einen Aufruhr! Retten was sowieso nicht mehr arbeitet, nicht mehr produziert, reproduziert, was ohnehin, vielleicht noch auf dem Platz, bald stirbt! Skandal! Ja, das wäre recht nach meinem Geschmack. So ein Alter oder eine Alte hat ordentlich lang gelebt und gelernt. Das könnte zu gratis hergestottertem Wissen führen. Erfahrung braucht die Welt, nicht immer noch mehr Windelscheisser. Allerdings ein hohes Risiko, einen der Dementen zu erwischen. Immerhin wäre das eine Art Gerechtigkeit, die kamen ja nicht freiwillig zum Casting, eigentlich wurden sie nicht gecastet, sondern ungefragt in den Teich getunkt.
Keine Zehntelsekunde überlegte ich so, hechtete ins Wasser, es war höchste Zeit, hinter mir langte der nächste Läufer bei Posten 5 an und oben wurden drei neue Ertrinker in den Teich geworfen. Ich crawlte, packte den Alten am Kragen, begann, ihn in Richtung Ufer zu ziehen, er war charmant dement, er versuchte, mich zu ersäufen (an diese Möglichkeit - mich selbst nicht zu retten - hatte ich nicht mal gedacht, thinking out of the box!) und sich selbst. Ich änderte meine Strategie, tauchte, wühlte im Schlamm am Grund des Teiches, fasste einen Karpfen am Schwanz. Der wäre mein Medailleneinbringer, meine Freundin, mein Liebhaber, mein Lehrmeister, es stand hierzu nichts im Wettkampfreglement, ich konnte den Lauf noch immer gewinnen.
Jetzt bin ich am Posten 6. Soll ich den grünen oder den roten Knopf drücken? Das ist eine Frage.
La Tortuga - 1. Apr, 13:08








