Dachbodenfund III - Die Narrenmaske
Die Fulehung-Maske. Erinnert dich das nicht an die Hitlerjugend, fragte mein Bruder. Doch, tut es. Der Thuner Ausschiesset war alljährlich der monströseste Anlass meiner Kindheit. Für alle Kinder der Stadt, an unserer Sekundarschule ganz besonders, hing alles allein davon ab, welchen Rang man bei den Kadetten bekleidete. Uniformen und Kniesocken, Spiel- und Tambourenführer, Armbrust und Kleinkaliber, Leibesertüchtigung und Marschieren bis zur Auflösung. Ein Junge, der nicht Irgendwas-Führer der Kadetten war, galt als Kastrat, ein Mädchen, das nicht mindestens zwei Nelken als Einladung zum Kadettenball bekam, war abgeschrieben.
Wir waren pro Jahrgang nicht mal eine Handvoll, die sich den Kadetten verweigerten, die wir zu Recht Hitlerjugend nannten, denn hier wurde faschistoides Elitedenken herangezüchtet. Die subtilen Demütigungen durch andere Kinder, anderer Kinder Eltern (die auch unsere Eltern hinnehmen mussten, aber sie waren stolz auf uns) und Lehrer nahmen oft groteske Ausmasse an. Es kulminierte jeweils am Tag des "Kadettenausmarsches", an dem für die paar sturen Krüppel und Minderbemittelten, die nicht dazugehörten, ein "Nichtkadettenausmarsch" organisiert wurde unter der Leitung des dazu verdonnerten Lateinlehrers, der unter seinen Kollegen genauso im Schilf stand wie wir unter den Kindern. Es ging schliesslich nicht an, dass wir oder der Lateinlehrer an einem schulfreien Tag nichts taten. So fühlte sich ein simples Cervelat-Braten am limes ziemlich subversiv an.
Der Fulehung aber, das ist etwas anderes. Man durchkämmte den Schlossberg des nachts um drei, man musste ihn, den Faulen Hund, zuerst finden, warum weiss ich nicht mehr. Einmal aufgestört, rannte er zweidrei Tage lang durch die Stadt und schlug uns mit Schweineblasen und Holzscheit. Die blauen Flecken, nicht die Schiessabzeichen, waren die echten Trophäen. Mich störte jedoch, dass der Fulehung Turnschuhe trug.

Die Thuner hatten sich 1476 an der Schlacht bei Murten beteiligt und den Hofnarren Karls des Kühnen gefangen. Die Fulehung-Maske ist ein Beutestück, auch für mich: sie erinnert mich daran, dass wir uns der Hitlerjugend verweigert haben - vielleicht ja nur, weil wir für jeglichen Sport zu faul waren, wir faulen Hunde - und somit von klein auf unserer Narrenpflicht nachkamen. Ja, doch, ich werde die Maske aufhängen, irgendwo in der Nähe des Arbeitsplatzes.
Wir waren pro Jahrgang nicht mal eine Handvoll, die sich den Kadetten verweigerten, die wir zu Recht Hitlerjugend nannten, denn hier wurde faschistoides Elitedenken herangezüchtet. Die subtilen Demütigungen durch andere Kinder, anderer Kinder Eltern (die auch unsere Eltern hinnehmen mussten, aber sie waren stolz auf uns) und Lehrer nahmen oft groteske Ausmasse an. Es kulminierte jeweils am Tag des "Kadettenausmarsches", an dem für die paar sturen Krüppel und Minderbemittelten, die nicht dazugehörten, ein "Nichtkadettenausmarsch" organisiert wurde unter der Leitung des dazu verdonnerten Lateinlehrers, der unter seinen Kollegen genauso im Schilf stand wie wir unter den Kindern. Es ging schliesslich nicht an, dass wir oder der Lateinlehrer an einem schulfreien Tag nichts taten. So fühlte sich ein simples Cervelat-Braten am limes ziemlich subversiv an.
Der Fulehung aber, das ist etwas anderes. Man durchkämmte den Schlossberg des nachts um drei, man musste ihn, den Faulen Hund, zuerst finden, warum weiss ich nicht mehr. Einmal aufgestört, rannte er zweidrei Tage lang durch die Stadt und schlug uns mit Schweineblasen und Holzscheit. Die blauen Flecken, nicht die Schiessabzeichen, waren die echten Trophäen. Mich störte jedoch, dass der Fulehung Turnschuhe trug.

Die Thuner hatten sich 1476 an der Schlacht bei Murten beteiligt und den Hofnarren Karls des Kühnen gefangen. Die Fulehung-Maske ist ein Beutestück, auch für mich: sie erinnert mich daran, dass wir uns der Hitlerjugend verweigert haben - vielleicht ja nur, weil wir für jeglichen Sport zu faul waren, wir faulen Hunde - und somit von klein auf unserer Narrenpflicht nachkamen. Ja, doch, ich werde die Maske aufhängen, irgendwo in der Nähe des Arbeitsplatzes.
La Tortuga - 26. Apr, 16:20
Narr ohne Maske (Gast) - 29. Apr, 22:40
Legen böse Hühner böse Eier?
Wie das 6000 Jahre alte Hakenkreuz zum Sinnbild für das Böse der Nazis wurde, wird besagte Narrenmaske als Sinnbild der Thuner HJ missbruacht, wie zahlreiche Autoaufkleber stolzer Eltern belegen. Ich würde nie ein Hakenkreuz an meine Wand hängen, also auch nicht diese Maske. Tröstlich aber auch beunruhigend ist, dass sich die Verehrer dieses Wanhnsinns als Narren outen, ohne es zu merken.
Uniformen vereinfachen Erkennung, Ausgrenzung und schliesslich Vernichtung alles Andersartigen; militärische Ränge dienen der Legitimation und Gewissenlosigkeit. Damit werden die Kinder unserer Stadt bereits früh (politisch) "rechten* Bürgern erzogen und Rassismus zur Tugend verklärt.
mfg
Uniformen vereinfachen Erkennung, Ausgrenzung und schliesslich Vernichtung alles Andersartigen; militärische Ränge dienen der Legitimation und Gewissenlosigkeit. Damit werden die Kinder unserer Stadt bereits früh (politisch) "rechten* Bürgern erzogen und Rassismus zur Tugend verklärt.
mfg
La Tortuga - 29. Apr, 23:08
Wäre ich ein Kadett gewesen, würde ich jetzt sagen: hurraaa, ein(e) Landsmann/-frau! Aber ich sage, schön, ein anständiger unkorrumpierter Mensch. Ich sehe es genau so - bis auf die Symbolik der Narrenmaske. Karl der Kühne war ein blutrünstiger Herrscher, er verlor in Murten erst ... weiss nicht mehr, den Mut oder das Gut? ... sein Narr musste erst mal den Kopf hinhalten. Und der heutige Fulehung, scheint mir, dreht dem ganzen potenzgestörten rechtsdrehenden Ausschiesset-Tamtam eine lange Nase. Die Thuner werden es auch in den kommenden Jahrhunderten nicht merken. Der Narr ist eben derjenige, der sich nicht narren lässt. Die stolzen Kadetteneltern sind keine Narren, sie haben weder Verstand noch Beobachtungsgabe, keinen Mut, keinen Humor und keine Leidensfähigkeit - das sind die Eigenschaften des Narren.



Hu, das kommt mir vor...