7
Mai
2008

Wohnt hier Rico B.?

Seit Wochen geht das schon mit den gelben Zetteln. Der Postbote klebt sie an unsere Briefkästen, jedesmal an einen anderen, manchmal auch an die Haustür. Es geschieht alle paar Tage in schöner Unregelmässigkeit. Wohnt hier Rico B.? Das ist die Frage, die wahrscheinlich mittlerweile mindestens zwei Arbeitsplätze bei der Post sichert. Ich stelle mir vor, dass Rico B. jung ist, ich weiss nicht warum, vielleicht weil er oft Post bekommt. Post bekäme, wenn sie zustellbar wäre. Ich habe ein deutliches Bild von Rico B., könnte ihn mit absoluter Sicherheit identifizieren. B. ist ein bodenständiger Schweizer Nachname, kein Mensch führt in unserem Haus einen solchen Namen, alle heissen westlich wie ich oder südöstlich, bis auf Frau B., die zwar schweizerisch B. heisst, aber nicht B. wie Rico B. Also vermute ich, dass er mit niemandem von uns verwandt ist.

Spannend, dachte ich jedesmal, wenn ein neuer Zettel klebte, ein Verschollener!, und fühlte mich geehrt, als es auch einmal meinen Briefkasten traf. Als hätte der Verschollene Vetrauen zu mir gefasst und für ein paar Tage um Asyl ersucht.

Aber als ich eine Gebrauchsanleitung für ein komplexes elektronisches Gerät (dessen Zweck sich mir trotz der Bilder nicht erschloss) in meinem Kasten fand, verfasst in einer schnörkligen skandinavischen Sprache, ging mir ein Licht auf: Rico B. ist kein Verschollener! Verschollene sind gar nicht so interessant, sie produzieren sich selbst jede Nacht, es gibt von ihnen Millionen, und sie verblassen rasch. Nein, Rico B. ist ein Entschollener! Es hat ihn nie gegeben, niemand vermisst ihn, er ist nirgends registriert, und plötzlich taucht er auf, aus dem Nichts. Kein Doppel- oder Wiedergänger, kein Untoter, kein Poltergeist, nein, Rico B. ist ein Wesen, das nicht auf irgendein Vorleben angewiesen ist, sondern sich ohne jede fremde Hilfe selbst gebiert.

Die einzige offene Frage bleibt, weshalb ausgerechnet die Post Rico B.s Existenz ex machina zuerst bemerkt hat und ihn zudem verdächtigt, in unserem Haus zu wohnen. Wir Nachbarn schweigen hartnäckig auf die schon hundertmal gestellte Frage: wohnt hier Rico B.? Mein Entschluss ist gefasst, ich werde Rico B. schreiben und ihn fragen, ob ich ihn - natürlich unter Wahrung seiner Anonymität - als literarische Figur verwenden darf. Seine Adresse habe ich ja bereits herausgefunden.


Addendum: dieses winzige Zitat aus James Joyce's Finnegans Wake aufgeschnappt und deshalb plötzlich überzeugt, dass ich mir das ganze Buch werde aufnötigen müssen: glittergates of elfinbone.
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