11
Mai
2008

Die Geographie meiner mittleren Jahre entordnet sich

Meine allererste Weltkarte tauchte wieder aus dem Meer (s. auch -> Dachboden). Abgeschossen, ausgebleicht und vielfach gelöchert, pflegte ich doch früher interessante Orte oder Ortsnamen mit Stecknadeln zu markieren. Beispielsweise der Name meines Lieblingspegasos. Hamilton in Schottland, in Neuseeland und Australien, auf den Bermudas, viele Hamiltons in Nordamerika, Mount Hamilton, Lake Hamilton, Hamilton Island. Einige Inseln waren klein genug, um von der Nadel ins Erdinnere gestülpt zu werden. Hätte man diese Weltkarte gegen das Licht gehalten - leider fiel mir das zu spät ein - so wäre sie zur Sternkarte geworden. Zu spät: ich habe das Wasser vom Land getrennt. Habe in nächtelanger Kleinarbeit alle Kontinente und Inseln sauber ausgeschnitten. Asienafrikaeuropa und Südamerikamittelamerikanordamerika werden im Herbar gepresst, denn die Karte lagerte jahrelang gerollt. In einem dicken Umschlag parken die Inseln, Antarktis, Australien, Grönland, und eine Unzahl winzigster Landmassen oder Vulkanspitzen, auch schier mikroskopisch kleine blaue Saturnringlein - das Wasser um diejenigen Inseln, die ich früher unter die Erdkruste gestochen hatte. Ich kann das zur Nachahmung empfehlen, man muss es einmal im Handgelenk spüren, wie absurd viele winzige Inseln es gibt. Ich weiss jetzt, wo der Erdmittelpunkt liegt. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn seit wann hat eine Kugeloberfläche einen Mittelpunkt? Diese Handvoll Erde werde ich in die Mitte meiner neuen Weltkarte kleben. Sie wird viel grösser als das Original, ich nähe mehrere Blätter zusammen und grundiere sie aquamarin. (Ein Globus wäre natürlich besser, aber dafür fehlt mir das handwerkliche Geschick.) Warum bin ich damit noch nicht weiter? Weil ich ausser derjenigen des Erdmittelpunktes noch keine einzige Koordinate kenne. Ich will der Versuchung widerstehen, die Kontinente zu ordnen. Mehr Chaos tut not. Aber wie ich die trockenen Teile und Teilchen auf dem nassen Untergrund auch umherschiebe und auslege, bereits nach kurzer Betrachtung kann ich jedesmal ein neues Ordnungsprinzip ausmachen (es gibt grotesk viele verschiedene Ordnungsprinzipien, mehr als Inseln - allein zu behaupten, das ist ein Kontinent, das ist eine Insel, welch ein Buchhalterdenken). Ein Chaosdichter hat Recht, wenn er zu mir sagt: man spürt bei dir die Angst. Du bist noch nicht locker genug.

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Reh Volution - 13. Mai, 16:23

locker = autonom ?

La Tortuga - 13. Mai, 21:31

Ich denke nicht. Autonom zu sein bilde ich mir jedenfalls ein. Locker meint wohl: Kontrollverzicht (ist nicht mein wundervolles Wort, ich habs in einem Buch gelesen, nur weiss ich nicht mehr in welchem).
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