Ici la Champagne devora les Huns
Dieses Victor-Hugo-Zitat steht auf einer Tafel "wie ein Wirtshausschild, mit lecker-buntem Schlachtengemälde" zwischen Châlons-sur-Marne und Suippes, also plus ou moins auf den Katalaunischen Feldern, heute ein Übungsgelände der französischen Armee. Nachdem Aetius und Attila die West- und Ostgoten und einige andere Germanenstämme hatten sich gegenseitig aufreiben lassen, verschanzten sich die Hunnen und zogen ab, nachdem Attila sicher war, dass Aetius seine Westgoten tatsächlich zurückgepfiffen hatte. Nach diesem unvorstellbaren Massaker kehrte Attila vermutlich erst zu seinem Hauptsitz zurück um neue Truppen auszuheben, bevor er in Norditalien Aquileja und eine Reihe anderer Städte schleifte. Verwundete Hunnen mit ihren Frauen aus dem mitgeführten Tross blieben in der Champagne zurück. Notgedrungen liessen sie sich als Bauern nieder: "Das Dorf, das so entstand, ist das seltsamste von ganz Frankreich und wohl auch das hässlichste, ganz sicher aber das längste" - eine Häuserreihe von 8km Länge, ein Kuriosum in der Champagne: "Denn in den Dörfern der Umgebung drängen sich die Häuser in der grossen Ebene ängstlich zusammen wie eine Schafherde. Die Hunnen fürchteten die Ebene nicht, sie bauten ihre ersten Gehöfte unbesorgt ins Land hinaus, denn wer sollte ihnen etwas antun? Die Hunnen? Das waren sie selbst (...)." - Ebenso untypisch für die Champagne seien Hochzeits- und Bestattungsbräuche. Heute nennt sich das Dorf Courtisols (gesprochen: Kurtisu). Der Archäologe Abbé Boitel schrieb im 19. Jh., dass "die Leute des Dorfes einen schaurigen Hunnendialekt sprächen, den ein braver Christ und Franzose nicht verstehen könne." In der Tat konnte ein Philologe in diesem einzigartigen Patois Wortwurzeln aus mongolischen und Turk-Sprachen ausmachen. Ein weiteres Erbe war (oder ist vielleicht noch) der Mongolenfleck, auch Hunnenmal genannt.
Das alles entnehme ich dem Buch "Attila und die Hunnen" (erstmals 1997 erschienen) des österreichischen Historikers Hermann Schreiber. Mit seiner Sorgfalt und seinem Mut zur Lücke scheint er mir absolut vertrauenswürdig, weder idealisiert noch dämonisiert er die Hunnen und zeigt die Ambivalenz der Quellen ungeschönt auf.
Ein Urlaub in Courtisols scheint mir zwar nicht allzu verlockend. Aber nachdem ich lese, dass sich die Einwohner des Dorfes energisch von den Hunnen (wie auch von den "Suisses"!) distanzieren, les Huns d'Attila ins Reich der Legende verbannen und sich auf rein gallo-römische Wurzeln berufen, hätte ich gute Lust, mich auf die Suche zu machen und den Dialekt der alten Leute auszuhorchen. Obwohl ich "nach hundert Jahren Schulpflicht und Autoverkehr" (Schreiber) wahrscheinlich viel zu spät komme. Ich für meinen Teil stehe dazu, dass ich die Hunnen romantisiere und mich über jede Spur von ihnen freue - umgekehrt hege ich den Verdacht, dass die Franzosen so sehr zum Gallierpatriotismus neigen, dass ihnen eine Handvoll versprengter Steppenbarbaren schlicht nicht ins Vorfahrenkonzept passt.
Das alles entnehme ich dem Buch "Attila und die Hunnen" (erstmals 1997 erschienen) des österreichischen Historikers Hermann Schreiber. Mit seiner Sorgfalt und seinem Mut zur Lücke scheint er mir absolut vertrauenswürdig, weder idealisiert noch dämonisiert er die Hunnen und zeigt die Ambivalenz der Quellen ungeschönt auf.
Ein Urlaub in Courtisols scheint mir zwar nicht allzu verlockend. Aber nachdem ich lese, dass sich die Einwohner des Dorfes energisch von den Hunnen (wie auch von den "Suisses"!) distanzieren, les Huns d'Attila ins Reich der Legende verbannen und sich auf rein gallo-römische Wurzeln berufen, hätte ich gute Lust, mich auf die Suche zu machen und den Dialekt der alten Leute auszuhorchen. Obwohl ich "nach hundert Jahren Schulpflicht und Autoverkehr" (Schreiber) wahrscheinlich viel zu spät komme. Ich für meinen Teil stehe dazu, dass ich die Hunnen romantisiere und mich über jede Spur von ihnen freue - umgekehrt hege ich den Verdacht, dass die Franzosen so sehr zum Gallierpatriotismus neigen, dass ihnen eine Handvoll versprengter Steppenbarbaren schlicht nicht ins Vorfahrenkonzept passt.
La Tortuga - 24. Jun, 12:12



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