Nordost
Dieser nordostige Biswind bringt zu anderen Zeiten Schnee und Frost vom kontinentalsten aller Kontinente, jetzt aber sorgt er dafür, dass man sich unter wohligem Frösteln die Waden bräunen und Vitamin D synthetisieren kann, ohne im eigenen Salzsaft zu ertrinken. Der Nordost hat über Nacht den Himmel saubergeleckt. Ein Himmel so frisch wie ein fabrikneuer Nachttopf, die Emaille mit Tau besprenkelt, er sieht aus, dieser Himmel mit seinem babyblauen Popo, als wäre er soeben geboren worden. Der Wind selbst ist es, der die Unterseite der Blätter und Nadeln silbern aufglimmen lässt, ja selbst noch die Unterseite meines Deckhaars (kupfern, nicht silbern!) (ansonsten so struppig wie das eines greisen Ponys); die Sonne ist dabei höchstens eine Souffleuse, die sich nicht so ganz an den Text erinnert und dem Wind, der die Bühne souverän monologisch ausfüllt, nur asynchron nachflüstert. Und riefen nicht die Schwalben zur Jagd, auf einer Flügelspitze balancierend, so wäre heute derselbe Tag wie ein anderer Tag eines Septembers, als der Wettergott Kataloniens den Herbst-auf-die-Plätze-los-Schalter gedrückt hatte. Die willkürlich in einem willkürlichen Kalender angeordneten christlichen Feste verstehe ich nur am Rande (seit ich in einem katholischen Kanton siedle, haben alle Leute fast das ganze Jahr über Ferien). Aber Pfingsten mag ich, weil es da um Zunge, um Flammenschrift, um Heiligen Atem - Nordostwind! - geht. Pfingsten steht auch im unwillkürlichen Kalender der Dichter. Auf dem Balkon lagen heute früh vier flammende Blütenblätter der Pfingstrose, im Halbrund abgelegt. Niemand kümmert sich hier in der Gegend um Blumen. Es ist nicht zu erraten, woher der Wind sie gebracht hat.
La Tortuga - 30. Mai, 11:06


