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18
Jun
2009

Die Inquietüden der Kaiserin Sissyphüdi VII

Da ist plötzlich ein gewaltiger Gletscher in meinem Kühlschrank, ich weiss nicht, wo der über Nacht hergekommen ist und ob findenswerte Leichen darin sind, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich dagegen etwas unternehmen sollte, und wenn ja was, und ob ich es noch hinauszögern kann. Denn wenn einmal etwas entschieden ist, heisst das noch lange nicht, dass ich mich auch zu Massnahmen entschliessen kann. Ich wage es nicht, das Gefrierfach zu öffnen. Überhaupt kann ich mich immer seltener erinnern, ob etwas gestern oder heute war, vor allem dann, wenn ich dazwischen nicht geschlafen habe, die Tage verschwimmen so, und wenn es die lästige Aussenwelt nicht gäbe, wäre das sehr angenehm. So aber führt es zu Komplikationen, Konfrontationen, Konvulsionen und Kollisionen. Das Wasser hier ist so hart, dass ich in der Pfanne, in die ehemals 6 Eier passten, nur noch 2 aufs Mal kochen kann, und selbst an meinen Zähnen wachsen - im Ernst! - Stalaktiten (das sind die von unten nach oben, nämlich seltsamerweise nur in der unteren Zahnreihe). Die ungeheurlichen Parasiten fliegen noch immer, endlich habe ich ihr geheimes Nest gefunden, hoffentlich das letzte: nämlich im Barte dieser schrecklichen Narrenmaske. Von der ich nach längerer Betrachtung bald überzeugt bin, dass sie eine grausige Erinnerung an die Hunnen darstellt. Der Duschenschlauch knickt ab und ich kann von unten die Seife nicht wegspülen. Ständig erledige ich irgendwas und sogleich entledigt sich etwas anderes, um sich mir wie ein Findling in den Weg zu legen. Vom Putzen nicht zu reden. Vieles kriegt man nie wieder sauber, seit den Vormietern nicht, selbiges gilt für die Kleider, und vor Gästen schäme ich mich und sage ihnen, dass es nur dreckig aussieht, aber eigentlich sauber ist ( ... zumindest geputzt, ich schwöre!), was es nur peinlicher macht, denn so stosse ich sie mit der Nase darauf, aber es sieht eben dermassen dreckig aus, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemand übersehen könnte. Und wenn ich selbst irgendwo zu Gast bin, frage ich mich verzweifelt, wie die das machen, alles so blanz und blik, dabei haben alle viel mehr los als ich, und sogar wenn sie eine Putzfrau haben sollten, weiss ich nicht, wie eine ausgebildete Reinigungskraft solche Privatkrankenhäuser zustandebrächte. Meist wünsche ich mir ein Gewehr, wenn ich das Staubsaugerrohr anfasse; es würde weniger Mut brauchen. Es ist verschwendete Lebenszeit! Ich komme gar nie zum Arbeiten vor lauter Sinnblödung. Wann habe ich mich zum letzten Mal ob der 4 Wände gefreut? Überhaupt jemals? Es hat ursächlich mit dem "Wohnen" zu tun, diesem Quadratquatsch. Es ist eine gerechte Strafe. Man sollte nicht "wohnen". Ich konzentriere die Kräfte darauf, einen Ausweg aus dem "Wohnen" zu finden, sonst bringt es mich um. Ich weiss nur noch nicht wie. Erwähnte lästige Aussenwelt ( derentwegen ich die 4 Wände auch als Schutzmembran benötige) beharrt darauf, dass ich gefälligst eine feste Adresse haben müsse, ohne mir aber eine Putzfirma, einen Klempner, einen Schreiner, einen Küchengehilfen und einen Kammerjäger freihaus zu stellen. Schreiendes Elend! Nur die Post kommt von selber. Das ist ein Trost, obwohl andauernd keine Post kommt, nichts jedenfalls, was den Namen "Post" verdient.

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