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27
Jun
2009

Zweierlei Lava

Das Grosse-Schwester-Syndrom, vielleicht das Privileg der Vermutterungsweigerung: ich, die Grosse Schwester, bilde kleine Mädchen aus. In einem Stall bauen sie unter meiner Anleitung eine konvexe Brücke, über die zwölf Kühe, immer zwei nebeneinander, gleichzeitig laufen können sollen. Die Mädchen sind mit Feuereifer bei der Sache. Sie hieven Holzplanken auf Strohballen, mit einem Ärmchen verschieben sie kichernd das Vierfache ihres eigenen Körpergewichts. Beinah routiniert arbeiten sie, obwohl sie zum ersten Mal eine Kuhbrücke bauen (viele von ihnen sind ja noch nicht mal eingeschult). Ich kann sie machen lassen, das tut ihnen gut, wenn sie sich selbständig beraten und organisieren müssen. Ich ziehe mich in die leere Kälberbox zurück, wo ich die Schützlinginnen hören kann, und sortiere ihre Jahrgänge und Siedlungsorte und bereite ihre Kuhbrückenbau-Zertifikate vor. Stemple sie bereits, denn keines meiner Mädchen wird durchfallen.
Du stehst in der Boxentür. Wirfst wohlbeherrschten Schatten, Du, für den ich einst die Blumenbande eines erhabenen Gebäudes verwüstete, für den ich sogar ein Grosses Gewächs ermordete und es wieder tun würde, so unvermittelt wirfst Du diesen fransenlosen Schatten, dass ich nicht dazukomme zu denken, dass ich nicht mehr mit Dir gerechnet habe (ich habe doch...). Das passiert ja immer wieder, dass Du plötzlich auftauchst, ohne Dich vorgängig zu vermitteln, und wie jedes Mal auch dieses Mal: Du schaust SO. So, dass ich rückwärts weiche, bis sich mir die Schultern in die Ecke falten, dann kann ich nicht weg und will es gar nicht, aber mit diesem Blick verhinderst Du, dass wir es aussprechen, was jedes Mal (nicht dieses Mal, schwöre ich mir, während ich weiche), immer und immer wieder, zum Letzten Kuss führt. Verstehst Du denn nicht, wie grausam die Wiederholung des Letzten ist?! Ich bleibe stehen, bevor sich meine Schultern in die Ecke falten. - "Was ist es, was du mich seit zwölf Jahren fragen willst?" frage ich. - "Das weisst du ganz genau," antwortest Du. - "Nein, ich habe keine Ahnung!" lüge ich. (Wir haben nie etwas kaputtgemacht.) - "Was willst du denn von mir wissen seit zwölf Jahren?" so drehst Du den Spiess um. Dein gediegenes Kupfer noch heute, und die Pupille aus Grünspan, die mich anfleht und notabweist, vor und rück - "meine Frage ist dieselbe wie deine," gebe ich nach zwölf Jahren endlich zu in hilfloser Kapitulation. Ich breche in Tränen aus, als wär ich so Kind wie meine Schützlinginnen, sinke an Deine Schulter fast wie im richtigen Kitsch. Der Letzte Kuss findet bei jedem Wetter statt. Er beginnt gerade.
Ein Schrei von der Kuhbrücke. Ein Mädchen schrie! Ich materialisiere mich unter der fertigen Brücke, lege mir den Kopf des gestürzten Kindes in den Schoss, rufe die Ambulanz mit meiner Hundepfeife (für solche Notfälle, ich weiss, was ich tue, wenn ich Kuhbrückenbaukurse gebe), das Mädchen stirbt einige Male in meinen Armen, sie weiss noch nichts von Letzten Küssen, aber jedesmal wenn sie die milchigen Augen kurz aufschlägt, liegt kein Groll in ihrem Blick, nur die Sorge, dass die Brücke keine zwölf Kühe tragen wird. Gaffer drängen sich im Stall. Die feiste Insektenkönigin mit dem winzigen Kopf und dem geschwollenen Abdomen verdrängt das Gedränge, immer war das so, ich muss das Mädchen an der Schwelle vor ihr schützen, sonst entreisst sie es mir und gar noch dem Tod. Du klebst mit Deiner ganzen einen Seite an dem Insekt und willst nicht mehr wollen, da stehst Du und schaust SO, Deine Schultern, die fürs Hängen nicht vorgesehen sind, hängen, und Dein grünes Hemd hat an der einen Schulter einen nassen Fleck und der Fleck hat einen feinen weissen Rand aus Salz. Ich habe dieselbe Frage wie Du, Kupfer & Grünspan.
Später, nach dem Kaffee, fallen schwindlige Bienen aus dem schwülen Himmel und legen sich mir vor die Füsse und sterben, gleich neben den beiden Lavastücken, und weisst Du noch, was Du damals sagtest, flehentlich und notabweisend, vor und rück, als Du sie mir gabst? (Natürlich weisst Du.) Was ich Dir sagen würde, wenn es ginge (warum fragen wir, was wir wissen), dann, dass jener Abend auf und in dem See, dass, an jenem Abend, das Boot mit dem blauen Streifen, zwölf Sommer, die Luftbläschen im Dunkelgrünen, dass ein wackliger Graureiher am Aprikosenhimmel über dem Wasser, wie ich fast erstickte vor Lachen beim Ausspucken, dass wir etwas hätten kaputtmachen sollen, ja, dass es das ist, das Nichtkaputtmachen im Einen Augenblick, was ich in meinem Leben von Allem am Meisten bereue, Kupfer & Grünspan. Und das will was heissen.

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tja - 27. Jun, 20:19

schultern in die ecke falten

finde ich stark.
die gesamte tragödien - liebesgeschichte ist stark. ich glaube, du hast sie schon anderenorts 2-3 mal erzählt, nur mit anderer umgebung/ kontext. kein wunder, ungeklärte romanzen spiegeln sich facettenhaft im leben weiter, als hätte man noch hoffnung, dass sie sich irgendwann auch so spiegeln, dass man versteht, dass man die fortsetzung erfährt... dass sich endlich auch der erträumte schluss erfüllt.

La Tortuga - 28. Jun, 19:57

Danke. Diese Geschichte ist ja immer ein Risiko, denn sie ist nicht nur die ernsthafteste und schönste aller Geschichten, sondern auch die banalste und lächerlichste, unabhängig vom Kontext und von den Protagonisten (das sind wir wohl alle). Sie muss irgendwie immer wieder erzählt werden. Nur das Herz hofft natürlich auf den Schluss, der Hintern weiss aber, dass alles, was sich erfüllt, die Geschichte zerstört. Davon erzählt man dann so pragmatisch und abgefeimt, wenn überhaupt.
Talakallea Thymon - 30. Jun, 11:11

Das erinnert mich an zweierlei. Erstens erinnere ich mich, wie schön Sprache sein kann. Zweitens erinnere ich mich an ein fiktives Gespräch:
"Das würde so vieles kaputtmachen zwischen uns ... laß uns lieber Freunde bleiben."
"Du ahnst gar nicht, was ich noch alles dafür kaputtmachen würde."

La Tortuga - 30. Jun, 19:08

Au ja! Das wär mal eine zünftige Antwort (... wer da nicht schwach wird, ist nicht ganz gebacken) auf eine biedere Behauptung (oder eher ein feiges Hintertürchen, denn eigentlich bedeutet es ja - zumindest solang sich das Kaputtmachen nur auf die zwei Beteiligten bezieht - : "sorry, du bist zwar lieb, aber du riechst nicht gut" (was wiederum im Klartext heisst: "nichts zu machen, du bist lieb und riechst nicht gut") - und das soll dann Freundschaft sein).
Talakallea Thymon - 3. Jul, 10:24

Und wenn man mal auf das Wort vom "kaputtmachen" draufklopft, dann stellt sich heraus, was für eine hohle Phrase das ist. Was denn kaputtmachen bitteschön? Ich habe das nie begriffen, aber immer schön brav meinen Mund gehalten und gedacht, sie wird es wissen, Frauen sind ja in solchen Dingen klüger.
Schön blöd. Kaputt macht man höchstens eine Gelegenheit, einen Augenblick oder eine Stunde Leben. Kaputt macht man ein Ereignis, die Möglichkeit eines ganz anderen Herzschlags und währte er auch nur Minuten. Kaputt macht man die Sonne, die sich in einem Augenpaar spiegelt. Was zählt, ist doch, was man tut, getan hat, tun wird. Nicht das, was man wegwirft. Ja, man wirft es weg und sagt sich dann noch zum falschen Troste, besser so. Und am Ende ging es gar nicht um die sogenannte Freundschaft.
Glücklicherweise darf ich sagen, daß einmal und zweimal und vielleicht dreimal ich und sie es vorzogen, nichts wegzuwerfen.
Kaputt ging dabei nichts.

La Tortuga - 3. Jul, 15:27

Eigentlich bereut man ja nie Dinge, die man getan hat (auch und besonders an begangenen Fehlern erfreut man sich meist lebenslang), sondern jene, die man NICHT getan hat - nicht nur in Liebesangelegenheiten.
Aber ich würde nun auch nicht sagen, dass alles Unterlassene automatisch weggeworfen ist. Aus so einem losen Ende oder endlosen Los kann man immerhin zig Gedichte (oder was auch immer) auspressen. Die meisten stattgefundenhabenden Liebesgeschichten dagegen verderben irgendwann. Und ein valider Punkt ist der Selbstschutz, an allem Scharfen kann man sich schliesslich grausig verletzen. Dann wäre es vielleicht angebracht, zur eigenen Angst zu stehen anstatt "Freundschaft" vorzuschützen (gegenüber einem Freund würde man sich ja nicht fürchten).
Talakallea Thymon - 3. Jul, 22:17

Ja, du hast recht.

Zuerst hatte ich sagen wollen, mir wäre lieber, der eine oder andere Schmerz wäre zugunsten einer gleißenden Erfüllung mir erspart und als Quelle für Schönheit verloren gewesen.

Aber das stimmt nicht.

Es ist ein bitteres Los, ich weiß nicht ob alle es teilen, aber meines ist es: Über das Glück nicht schreiben zu können. Ein Los, das seinen eigenen Trost schon in sich hat, nämlich, die Gabe (oder den Zwang), aus Herzweh Gewächse der Schönheit züchten zu müssen. Wenn ich je etwas Schönes verfaßt habe, dann unter dem schwarzen Fittich unerfüllter Liebe, nicht immer zu einer Frau, aber Liebe und nicht erwiderte, oder unmögliche Liebe, die Unmöglichkeit, eins zu werden mit dem Geliebten, war immer der Grund; und es gab kaum eine größere Enttäuschung, als im Liebestaumel zu spüren, daß mir inmitten der Erfüllung und dem Glück ein herber Verlust zuteil wurde und mir die Worte abhanden gekommen waren.

La Tortuga - 4. Jul, 18:27

Ja, so eine mittlere Horde sind wir wohl schon, die wir dies Los teilen (die anderen sind deshalb glücklich, weil für sie "nicht schlecht" gut genug ist - wahrscheinlich sind sie die besseren Menschen). Aber was wäre alles nicht, wenn dem nicht so wäre! Es gäbe ja keine Dichtung und keine Kunst und keine Irrenhäuser.

Und was gerade Deine Schmerzgewächse betrifft, auf die möchte ich nicht verzichten. Ich züchte im Keller böse schöne Frauen, die ich den Rhein runterschicke mit einem Dolch im Negligée, Dir das Herz zu verdrehen und Dich mit Unerfüllung zu füllen, damit Du überläufst - und wir dann lesen dürfen. :-)
Talakallea Thymon - 4. Jul, 22:30

Aha, Du bist das also gewesen ...! Na, Dir werd ich .... nicht daß hier der Zauber zum Erliegen komme!

La Tortuga - 6. Jul, 18:45

Bewaaaaahre! ... Aber die müssten dann stromaufwärts. Das schaffen die eh nicht. Ich bin ja sooo immun!
Pituffik

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