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Zweierlei Lava

Das Grosse-Schwester-Syndrom, vielleicht das Privileg der Vermutterungsweigerung: ich, die Grosse Schwester, bilde kleine Mädchen aus. In einem Stall bauen sie unter meiner Anleitung eine konvexe Brücke, über die zwölf Kühe, immer zwei nebeneinander, gleichzeitig laufen können sollen. Die Mädchen sind mit Feuereifer bei der Sache. Sie hieven Holzplanken auf Strohballen, mit einem Ärmchen verschieben sie kichernd das Vierfache ihres eigenen Körpergewichts. Beinah routiniert arbeiten sie, obwohl sie zum ersten Mal eine Kuhbrücke bauen (viele von ihnen sind ja noch nicht mal eingeschult). Ich kann sie machen lassen, das tut ihnen gut, wenn sie sich selbständig beraten und organisieren müssen. Ich ziehe mich in die leere Kälberbox zurück, wo ich die Schützlinginnen hören kann, und sortiere ihre Jahrgänge und Siedlungsorte und bereite ihre Kuhbrückenbau-Zertifikate vor. Stemple sie bereits, denn keines meiner Mädchen wird durchfallen.
Du stehst in der Boxentür. Wirfst wohlbeherrschten Schatten, Du, für den ich einst die Blumenbande eines erhabenen Gebäudes verwüstete, für den ich sogar ein Grosses Gewächs ermordete und es wieder tun würde, so unvermittelt wirfst Du diesen fransenlosen Schatten, dass ich nicht dazukomme zu denken, dass ich nicht mehr mit Dir gerechnet habe (ich habe doch...). Das passiert ja immer wieder, dass Du plötzlich auftauchst, ohne Dich vorgängig zu vermitteln, und wie jedes Mal auch dieses Mal: Du schaust SO. So, dass ich rückwärts weiche, bis sich mir die Schultern in die Ecke falten, dann kann ich nicht weg und will es gar nicht, aber mit diesem Blick verhinderst Du, dass wir es aussprechen, was jedes Mal (nicht dieses Mal, schwöre ich mir, während ich weiche), immer und immer wieder, zum Letzten Kuss führt. Verstehst Du denn nicht, wie grausam die Wiederholung des Letzten ist?! Ich bleibe stehen, bevor sich meine Schultern in die Ecke falten. - "Was ist es, was du mich seit zwölf Jahren fragen willst?" frage ich. - "Das weisst du ganz genau," antwortest Du. - "Nein, ich habe keine Ahnung!" lüge ich. (Wir haben nie etwas kaputtgemacht.) - "Was willst du denn von mir wissen seit zwölf Jahren?" so drehst Du den Spiess um. Dein gediegenes Kupfer noch heute, und die Pupille aus Grünspan, die mich anfleht und notabweist, vor und rück - "meine Frage ist dieselbe wie deine," gebe ich nach zwölf Jahren endlich zu in hilfloser Kapitulation. Ich breche in Tränen aus, als wär ich so Kind wie meine Schützlinginnen, sinke an Deine Schulter fast wie im richtigen Kitsch. Der Letzte Kuss findet bei jedem Wetter statt. Er beginnt gerade.
Ein Schrei von der Kuhbrücke. Ein Mädchen schrie! Ich materialisiere mich unter der fertigen Brücke, lege mir den Kopf des gestürzten Kindes in den Schoss, rufe die Ambulanz mit meiner Hundepfeife (für solche Notfälle, ich weiss, was ich tue, wenn ich Kuhbrückenbaukurse gebe), das Mädchen stirbt einige Male in meinen Armen, sie weiss noch nichts von Letzten Küssen, aber jedesmal wenn sie die milchigen Augen kurz aufschlägt, liegt kein Groll in ihrem Blick, nur die Sorge, dass die Brücke keine zwölf Kühe tragen wird. Gaffer drängen sich im Stall. Die feiste Insektenkönigin mit dem winzigen Kopf und dem geschwollenen Abdomen verdrängt das Gedränge, immer war das so, ich muss das Mädchen an der Schwelle vor ihr schützen, sonst entreisst sie es mir und gar noch dem Tod. Du klebst mit Deiner ganzen einen Seite an dem Insekt und willst nicht mehr wollen, da stehst Du und schaust SO, Deine Schultern, die fürs Hängen nicht vorgesehen sind, hängen, und Dein grünes Hemd hat an der einen Schulter einen nassen Fleck und der Fleck hat einen feinen weissen Rand aus Salz. Ich habe dieselbe Frage wie Du, Kupfer & Grünspan.
Später, nach dem Kaffee, fallen schwindlige Bienen aus dem schwülen Himmel und legen sich mir vor die Füsse und sterben, gleich neben den beiden Lavastücken, und weisst Du noch, was Du damals sagtest, flehentlich und notabweisend, vor und rück, als Du sie mir gabst? (Natürlich weisst Du.) Was ich Dir sagen würde, wenn es ginge (warum fragen wir, was wir wissen), dann, dass jener Abend auf und in dem See, dass, an jenem Abend, das Boot mit dem blauen Streifen, zwölf Sommer, die Luftbläschen im Dunkelgrünen, dass ein wackliger Graureiher am Aprikosenhimmel über dem Wasser, wie ich fast erstickte vor Lachen beim Ausspucken, dass wir etwas hätten kaputtmachen sollen, ja, dass es das ist, das Nichtkaputtmachen im Einen Augenblick, was ich in meinem Leben von Allem am Meisten bereue, Kupfer & Grünspan. Und das will was heissen.

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