Es wäre ja eigenartig, wenn das dumme Volk einen klugen Mund hätte. Wie grotesk dumm der Volksmund ist, zeigen die Redensarten "aus den Augen, aus dem Sinn" und "man liebt das, was man sieht". Genau das Gegenteil ist der Fall; wer das nicht weiss, hat nie geliebt. Jedesmal, wenn mir der antik-bauchige Archäologe aus den Augen ging (bzw. ich ihm, auf sein unausgesprochenes "Geh mir aus den Augen!" hin), machte er sich in meinem Sinn noch breiter, als er in Natura ohnehin schon war. Das, was man sieht, geht einem dagegen allzubald auf den Keks, oder schlimmer, es wird einem selbstverständlich oder gar gleichgültig. Mein Archäologe war in dieser Hinsicht ein Hybride: ich liebte ihn umso mehr, je weniger ich ihn sah (obwohl er monumental anzusehen war!), und unabhängig davon, ob ich ihn gerade sah oder nicht, ging er mir gewaltig auf den Keks.
Gerüchte besagten, er sei nach dem süssen Debakel in Isfahan kurz ans Institut zurückgekehrt, habe einen Herzkatarrh erlitten, weil Science sein bahnbrechendes Paper über die Vor- und Frühgeschichte des Marzipans abgelehnt hatte (grrrr! -
meinetwegen kriegte er keinen Katarrh!), und sei vor ein paar Wochen wutschnaubend Richtung Südost geholpert in seinem Jeep. Beinah konnte ich die Staubwolke sehen. Ich packte routiniert den Rucksack, um mich wie so oft zuvor hoffnungsbebend und angstzitternd an seine Allradspur zu heften, -- als mich ganz unvermittelt die amouröse Energie verliess. Ich war überfordert und mutlos, und ich schwitzte. Ich schwitzte. Ich schwitzte, verdammt! Plötzlich war ich überzeugt, dass er mich hässlich finden würde, so schwitzend und mit geschwollenen Fingern und blauen Venen und rutschender Brille. Denn die einzigen Frauen, die ihm wohl je gefallen hatten, waren buchstäblich knochentrocken verwesen. Sie trugen weder Finger noch Venen noch Brillen, sondern Goldgeschmeide oder wenigstens Kaurimuscheln.
Ich packte den Rucksack wieder aus und holte die Muschelsammlung aus dem Keller. Begab mich damit in eine Kurklinik für Paläoschönheitschirurgie und fädelte Meergetiergehäuse auf Lederbändchen, während ich mich zwischen den OPs erholte. Skrupelloser Antik-Bauch!! Seinetwegen warf ich all meine Prinzipien über Bord! Er würde mich noch ins Grab bringen, zweifellos. Die Krux: genau dann erst hätte er sich in mich verlieben können.
Wieder zuhaus veranstaltete ich eine Privatausgrabung in meinem Garten, um nach der viergestromerten Katze zu suchen, die ich letztes Jahr vergraben hatte. Die brauchte ich für den von langer Hand geplanten Liebeszauber. Aber ich fand sie in keinem einzigen Horizont, obwohl ich inzwischen fast mehr von Stratigraphie verstand als das Objekt meiner Begierde. Alle meine Glieder schmerzten; ich hatte mir in der Klinik halbwertzerfallene Isotope in den linken Femur sondieren lassen. In meiner Magenschleimhaut kunstvoll eingebettet lagen palynologische Mahlzeitenüberreste von Mahlzeiten, die ich nie gegessen hatte. Meine rechte Wade war ägyptologisch mumifiziert. An der linken Schulter prunkten dezente aztekische Spuren von rituellem Kannibalismus. Und da, wo einst meine rechte Brust gestrotzt? strammgestanden? gehangen? hatte, schwärte nun ein Brandloch und roch schlecht (aber
dieser Operation hätte ich mich auch ohne ihn irgendwann unterzogen). Alles tat mir weh und ich schwitzte. Schwitzte. Schwitzte. Jetzt, wo ich sein Ideal verkörperte (soweit zu Lebzeiten möglich), wollte ich ihn nicht sehn. Schon gar nicht ohne die verarbeitete viergestromerte Katze.
Beinah hätte ich ihn vergessen. Ich hätte ihn vergessen! Ich hätte ein liebloses, unbeschwertes Leben beginnen können!
Dann schickte er mir eine e-Mail. Der Bürostuhl erodierte im Zeitraffer unter mir.
Ich laufe mit Saugnapfflossen und Sauerstoffbombe der quartären Küstenlinie Sahul-Lands entlang und beweise, dass die ersten Australier zu Fuss aus Sunda-Land gekommen waren. Bin verzweifelt. Alles geht schief. Habs Dir nie gesagt, aber alles ging schon immer schief. Ich bin ein Loser. Meine Karriere ist am Ende. Science hat Marzipan abgelehnt. Jeep hat 4 Platten. Weib und Kind haben mich verlassen. Gott auch. Pisse Blut, habe Amöben und nicht mal den Mut, mir den Damaszener Stahl zu geben. Komm doch zum Picknick auf Wallacea, ich lade Dich ein! Würde mich sehr freuen. Solltest Du zu spät eintreffen, so wisse: es wäre möglich, dass es nett war, Dich gekannt zu haben. Adieu aus Sahul.
NETT!!! Es
wäre (möglicherweise) NETT
gewesen! Überhaupt. Mail! Hatte der Archäologe noch nie was von Papyrus gehört?! Er hatte früher einmal versucht, mich mit seinem salzwasser- und druckresistenten Laptop zu beeindrucken; es hatte mir das Ovar in den Mastdarm gekrempelt. Und weiters, welches Weib, welches Kind, welcher Gott?! Die Ärmsten! Gegenüber denen musste ich mir also auch noch eine Strategie überlegen. Kampflos aufgeben oder heissblütig aus dem Weg räumen? ... Oder mich mit ihnen zusammentun?
Der bauchig-antike Archäologe wollte mich sehen! Entweder war ich ihm für diesmal geradeso gut genug. Oder er schützte den Weltschmerz nur vor, um mit mir auf Wallacea zu picknicken. (Ach, töricht Herz!) Jedenfalls hätte ich die vorübergehende Steinerweichung schamlos nutzen sollen (die viergestromerte Katz für einen Regentag aufhebend).
Es würde mir mit ihm nie langweilig werden. Ohne ihn erst recht nicht. Immerhin schoss mir die
aventüröse Energie wieder ein. Ich packte den Rucksack und fuhr Richtung Südwest. Gab in Feuerland ein Telegramm nach Sahul Unter-dem-Meer auf.
trepanier mich doch STOP keine zeit für kindisches pn STOP mache mich rar STOP produziere neuzeitliche kjökkenmöddinger kannst sie ja später ausgraben haha STOP lebewohl aus bahia inutil
Die Äonen auf der Ausgrabung, bisherige Folgen:
I.
Sommer auf der Ausgrabung
II.
Herbst auf der Ausgrabung
III.
Winter auf der Ausgrabung
IV.
Frühling auf der Ausgrabung