Botendämmerung

21
Mai
2008

Ein Tribut an die Wolfsmenschen

Der Wunder-Uhrenträger hat noch einige Zusatzwunder beschert (neben Formulierungen wie "der letzte Plumps geklot" - unvergänglich wie ein Svarowsi-Diamant!). Hexenhaare beispielsweise. Ich stellte mir darunter im ersten Impuls einfach eine hässliche Haarpracht vor, wurde dann aber misstrauisch und recherchierte. Zu meiner Freude stellte ich fest, dass ich selbst ungefähr 2-4 Hexenhaare trage und damit schon eine Voraussetzung erfülle, um überhaupt geliebt werden zu können; verhext nennt man sie wohl deshalb, weil sie immer noch kräftiger nachwachsen, je öfter man sie mitsamt Wurzel ausreisst, während etwa eine ausgefallene Wimper verloren bleibt und man sich in ferner Zukunft auf einen lidlosen Schlangenblick gefasst machen muss. Haare sind etwas Magisches, jeder Schamane weiss das. Ich habe mich immer geweigert, meine zusammengewachsenen Brauen zu zupfen, obwohl mich schon mal ein Kind fragte, weshalb ich einen Schnauz über den Augen hätte. Ich wünschte, sie wären noch prägnanter - man denke an Frida Kahlo, das Inbild nicht-anämischer weiblicher Schönheit.

Man nennt stark behaarte Menschen "Wolfsmenschen", man nennt sie "krank", die "Krankheit" heisst Hypertrichosis oder Werwolf"syndrom" (es sind weltweit nur 40 bis 50 "Fälle" bekannt, darunter die berühmte mexikanische Wolfsmenschenfamilie). Hyper: zuviel! Wer legt fest, wieviele Haare man haben darf?! Man sucht und findet: Ursache, Diagnose, Therapie. Findet gleichzeitig Frühhominiden, Freakshows, billige Horrorfilme, verkrüppelte Tiere. Es zeigt einmal mehr, dass "krank" manchmal bedeutet, dass eigentlich die Betrachter krank sind, so wie Behinderte oft nicht behindert sind, sondern behindert werden. Vermutlich leiden Wolfsmenschen tatsächlich, aber nicht an ihrem Haar, sondern am psychischen Druck, der auf sie ausgeübt wird. Es bleibt ihnen in dieser Gesellschaft nichts anderes übrig, als sich verschämt zurückzuziehen oder sich als Freaks zu vermarkten; ich wünsche ihnen, dass es ihnen gelingt, ihre Besonderheit mit Stolz zu zeigen, ohne sich dabei ausstellen zu lassen. Ich für meinen Teil finde sie ausnehmend schön, nicht nur, weil fast alles Seltene ästhetisch ist - der Mensch ist doch gerade durch die nackte Haut hässlicher als andere Säugetiere (... dann wiederum: auch so manche Glatze wirkt anziehend; hässlich ist eigentlich das, was sich selbst in eine Norm zwingt oder gezwungen wird, was sich in behaarter oder nackter Haut nicht wohl fühlt).

Hypertrichosis-Frau
Eine beneidenswert schöne Frau.

Hypertrichosis-Mann
Ein begehrenswert schöner Mann. (... Liest man dahinter das Wort Circus?!)

Hypertrichosis-Kind
Ein liebenswert schönes Kind. ("Seine Eltern haben alles versucht", hiess es; von Anfang an wurde also dieses Kind dazu angehalten, sich krank und hässlich zu fühlen.)

15
Mai
2008

Mein Bananenbaum

Bananenbaum

Das ist mein lieber Bananenbaum am Pazifik, von dem ich nicht weiss, ob es ihm auch etwas ausmacht, dass wir uns noch nicht persönlich kennen. Eine Weile lang hatte ich es mir aus dem Kopf geschlagen, und plötzlich bilde ich mir wieder ein, dass sich die Moche-Fürsten freuen würden über meine Nachbarschaft. Vielleicht kommen die Legenden und Geschichten doch noch zurück, und ich weiss nicht recht, ob ich es mir wünschen darf, wünschen soll. Man soll bekanntlich vorsichtig sein beim Wünschen. Wie viele Monate habe ich gebraucht, um mich an den Geruch von Koriander zu gewöhnen, und jetzt ist mir jede Küche ohne Koriander eine traurige Küche. Eine Küche, in der keine Meerschweine pfeifen, verdient den Namen Küche nicht.
Soll ich, soll ich nicht ... Vielleicht wüsste Markus Rat, ich sollte ihn fragen, werde ich, bei Gelegenheit. Es hat ja noch unbestimmt Zeit, derweil werde ich mich wohl x-mal umentscheiden.

Eine unglaubliche Stimme aus den Anden, um das Fernheimweh zu schüren: Luzmila Carpio, Wiñay llaqta. Quechua, eine Sprache, in der ich knapp gelernt habe, nach dem Weg zu fragen; wenn ich es inzwischen nicht vergessen hätte, könnte ich genau das jetzt tun: nach dem Weg fragen.

11
Mai
2008

Die Geographie meiner mittleren Jahre entordnet sich

Meine allererste Weltkarte tauchte wieder aus dem Meer (s. auch -> Dachboden). Abgeschossen, ausgebleicht und vielfach gelöchert, pflegte ich doch früher interessante Orte oder Ortsnamen mit Stecknadeln zu markieren. Beispielsweise der Name meines Lieblingspegasos. Hamilton in Schottland, in Neuseeland und Australien, auf den Bermudas, viele Hamiltons in Nordamerika, Mount Hamilton, Lake Hamilton, Hamilton Island. Einige Inseln waren klein genug, um von der Nadel ins Erdinnere gestülpt zu werden. Hätte man diese Weltkarte gegen das Licht gehalten - leider fiel mir das zu spät ein - so wäre sie zur Sternkarte geworden. Zu spät: ich habe das Wasser vom Land getrennt. Habe in nächtelanger Kleinarbeit alle Kontinente und Inseln sauber ausgeschnitten. Asienafrikaeuropa und Südamerikamittelamerikanordamerika werden im Herbar gepresst, denn die Karte lagerte jahrelang gerollt. In einem dicken Umschlag parken die Inseln, Antarktis, Australien, Grönland, und eine Unzahl winzigster Landmassen oder Vulkanspitzen, auch schier mikroskopisch kleine blaue Saturnringlein - das Wasser um diejenigen Inseln, die ich früher unter die Erdkruste gestochen hatte. Ich kann das zur Nachahmung empfehlen, man muss es einmal im Handgelenk spüren, wie absurd viele winzige Inseln es gibt. Ich weiss jetzt, wo der Erdmittelpunkt liegt. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn seit wann hat eine Kugeloberfläche einen Mittelpunkt? Diese Handvoll Erde werde ich in die Mitte meiner neuen Weltkarte kleben. Sie wird viel grösser als das Original, ich nähe mehrere Blätter zusammen und grundiere sie aquamarin. (Ein Globus wäre natürlich besser, aber dafür fehlt mir das handwerkliche Geschick.) Warum bin ich damit noch nicht weiter? Weil ich ausser derjenigen des Erdmittelpunktes noch keine einzige Koordinate kenne. Ich will der Versuchung widerstehen, die Kontinente zu ordnen. Mehr Chaos tut not. Aber wie ich die trockenen Teile und Teilchen auf dem nassen Untergrund auch umherschiebe und auslege, bereits nach kurzer Betrachtung kann ich jedesmal ein neues Ordnungsprinzip ausmachen (es gibt grotesk viele verschiedene Ordnungsprinzipien, mehr als Inseln - allein zu behaupten, das ist ein Kontinent, das ist eine Insel, welch ein Buchhalterdenken). Ein Chaosdichter hat Recht, wenn er zu mir sagt: man spürt bei dir die Angst. Du bist noch nicht locker genug.

7
Mai
2008

Wohnt hier Rico B.?

Seit Wochen geht das schon mit den gelben Zetteln. Der Postbote klebt sie an unsere Briefkästen, jedesmal an einen anderen, manchmal auch an die Haustür. Es geschieht alle paar Tage in schöner Unregelmässigkeit. Wohnt hier Rico B.? Das ist die Frage, die wahrscheinlich mittlerweile mindestens zwei Arbeitsplätze bei der Post sichert. Ich stelle mir vor, dass Rico B. jung ist, ich weiss nicht warum, vielleicht weil er oft Post bekommt. Post bekäme, wenn sie zustellbar wäre. Ich habe ein deutliches Bild von Rico B., könnte ihn mit absoluter Sicherheit identifizieren. B. ist ein bodenständiger Schweizer Nachname, kein Mensch führt in unserem Haus einen solchen Namen, alle heissen westlich wie ich oder südöstlich, bis auf Frau B., die zwar schweizerisch B. heisst, aber nicht B. wie Rico B. Also vermute ich, dass er mit niemandem von uns verwandt ist.

Spannend, dachte ich jedesmal, wenn ein neuer Zettel klebte, ein Verschollener!, und fühlte mich geehrt, als es auch einmal meinen Briefkasten traf. Als hätte der Verschollene Vetrauen zu mir gefasst und für ein paar Tage um Asyl ersucht.

Aber als ich eine Gebrauchsanleitung für ein komplexes elektronisches Gerät (dessen Zweck sich mir trotz der Bilder nicht erschloss) in meinem Kasten fand, verfasst in einer schnörkligen skandinavischen Sprache, ging mir ein Licht auf: Rico B. ist kein Verschollener! Verschollene sind gar nicht so interessant, sie produzieren sich selbst jede Nacht, es gibt von ihnen Millionen, und sie verblassen rasch. Nein, Rico B. ist ein Entschollener! Es hat ihn nie gegeben, niemand vermisst ihn, er ist nirgends registriert, und plötzlich taucht er auf, aus dem Nichts. Kein Doppel- oder Wiedergänger, kein Untoter, kein Poltergeist, nein, Rico B. ist ein Wesen, das nicht auf irgendein Vorleben angewiesen ist, sondern sich ohne jede fremde Hilfe selbst gebiert.

Die einzige offene Frage bleibt, weshalb ausgerechnet die Post Rico B.s Existenz ex machina zuerst bemerkt hat und ihn zudem verdächtigt, in unserem Haus zu wohnen. Wir Nachbarn schweigen hartnäckig auf die schon hundertmal gestellte Frage: wohnt hier Rico B.? Mein Entschluss ist gefasst, ich werde Rico B. schreiben und ihn fragen, ob ich ihn - natürlich unter Wahrung seiner Anonymität - als literarische Figur verwenden darf. Seine Adresse habe ich ja bereits herausgefunden.


Addendum: dieses winzige Zitat aus James Joyce's Finnegans Wake aufgeschnappt und deshalb plötzlich überzeugt, dass ich mir das ganze Buch werde aufnötigen müssen: glittergates of elfinbone.

28
Apr
2008

Es ist die Nase

Hör auf in der Nase zu bohren, sagte eine sichtlich bösartige Grossmutter zu dem kleinen Mädchen namens Lola. Mein Grosseschwesterinstinkt schlug Alarm, und geistesgegenwärtig versicherte ich der Lola: Nasebohren ist prima. Tu es, wenn keiner zusieht, bis du so vielbunt gewachsen bist, dass es niemand mehr wagt, dich zurechtzuweisen. Alle lachten, sogar widerwillig die Grossmutter. So habe ich mein Soll an guten Taten für dieses Jahr erfüllt und kann die Bettelbriefe ungeöffnet wegwerfen. Was ich ohnehin kann, und ob ich kann. Lolas Kulleraugen leuchten mir lang.

Das letzte, was ich aus den Lautsprechern hörte, bevor man mir alle sechs Räder abhackte und meine blutenden Achsen in siedendes Öl tauchte:

"Meine Damen und Herren, aus mir noch unbekannten Gründen konnten wir den Bahnhof Zürich mit ca. acht Minuten Verspätung verlassen."

Und das obwohl der Zug bereits in Bewegung war. Gründe sind immer unbekannt, ich kenne keinen einzigen Grund persönlich.

Jetzt gaff nicht so, sagt mein Spiegel. Das Geschwür auf deiner Nase ist kein Geschwür. Ist kein Geschwür! Vielmehr ist es die Nase. Und sei nicht so verunsichert, so demütig, so hündisch, sagt der Spiegel überdies. Guck doch nur: Alles ist so wie es scheint.

15
Apr
2008

Im Geisterhaus

Ich bezahle keine Miete. Rücke das Bett so an den Radiatior, dass ich das Ohr an die Röhren legen kann. / Ganz schön schmutzig in diesem Treppenhaus! - Welches Treppenhaus, da ist kein Treppenhaus. - Und wo stünde dieser Kaktus dann, wenn nicht im Treppenhaus? - On thin air? / Mir ist so leid, noch mehr Formulare auszufüllen. - Geboren am Schalttag eines ungeschalteten Jahres. Dissident. Besondere Kennzeichen. Satisfaktionsfähig. / In einem Punkt hast Du Recht. Have mercy! / Mit alles? - Ja. - Mit scharf? - Ja. Nein. Nein. Muss ich das jetzt gleich entscheiden? / Die Pakete! Jeden Tag um 11:00 Uhr zig Pakete. Der eine bestellt bitterernstes Spielzeug, die andere frisch gebügelte Tagesordnungen. / Wehe dem, der den Handschuh vor dem Frühstück aufhebt! / Auf der Couch der Charlatana liegt allmittwochs der Hierophant. Ist es sein eigenes Blatt, das er zieht?: The Chariot. The Wheel of Fortune. Strength. The Hanged Man. Judgement. / Warst auch schon mal besser, halt bloss Deine sieben Federn beisammen, rate ich nur. / Man kann alles noch auf vier andere Arten sagen. / Ich habe mir diese Nachbarn nicht ausgesucht! Um das Turmzimmer hatte ich mich beworben: - Aber es gibt da oben keine Radiatoren. Können Sie das überhaupt bezahlen? – Woher soll ich das jetzt schon wissen? / Schicksal, ach Quatsch. Wir führen nur unsere Wildsau gassi. – Wussten Sie, dass die Alte von gegenüber ein ganzes Deck The Fool besitzt? Sie trägt The Fool als Slipeinlage. – Schönen Tag noch, wir müssen weiter. (Also das ist ja unerhört.) / Über anderes aber täuschst Du Dich! Nun, wenn Du es so willst … reich ich Dir das Taschentuch. / Ich bin Ihr Postbote, vertrauen Sie mir und erbrechen Sie diesen Umschlag nicht! – Zu spät. Schon passiert. Einfach eine Nelke. / Sehr geehrte Verwaltung. Ich bezahle die Miete nicht. Mit freundlicher Hochachtung. Das Ohr am Radiator.

8
Apr
2008

Wir räumen das Postamt auf

Wenigstens planen wir das. Sortieren die Briefe, die nach Svalbard retourniert wurden mit dem Vermerk "unbekannt verzogen" oder "verstorben"; es gibt noch uheimlichere Vermerke, aber das ist Postgeheimnis.
Allein die Postämter selbst sind etwas ausser Kontrolle geraten. Erinnern wir uns: das Kamel eröffnete das "Transglobale Postbüro" in Timbuktu (in diversen Schreibweisen, gibts also auch mehrere Büros?), ursprünglich. Plötzlich, wir wissen selbst nicht wie und warum, befand sich das "Hauptpostamt" in Svalbard, offensichtlich ist das der status quo. Es macht sich Personalmangel breit, denn die Schildkröte betreut ja hauptberuflich die Bibliothek der Chelonia zu Kaktovik. So ganz unter der Hand entstanden die "Relaisstationen" und "Aussenposten" (nicht mal einheitliche Begriffe für ungefähr dieselben Einrichtungen wurden eingeführt), wahrscheinlich haben wir nicht von allen Kenntnis. Über Punta Arenas, Kangerlussuaq daselbst natürlich, Ultima Thule, Tarragona, Ulan Bataar, Damaskus, La Réunion sind wir unterrichtet. Weitere eher vage Ämter befinden sich in der Wüste, im Weltraum bzw. auf nicht näher bezeichneten Planeten, in den Kolonien, in der Schweiz, in der Küche und in der Akademie zu Akkadé.

Manche Briefsteller und Kartographen sind leicht zu identifizieren, folgende haben wir ausgemacht: einen tollwütigen Leser, einen liebeskranken Dichterverehrer (oder sind die zwei in eins?), einen verbrämten Politinaktivisten, einen Hypochonder, einen Experimentalwissenschaftler, einen Geschichtsschreiber; sie alle gebärden sich manchmal etwas interferent.

Wir haben uns eine Liste der ausbaufähigen Protagonisten ans Clipboard gepinnt, sie kamen einmal oder mehrmals in den gestrandeten Schriften vor, wir werden hoffentlich mehr von ihnen lesen: Lukas der Hauer, Attila und seine Hunnen, die Skythen, der Pegasos, Sir Arthur, die Zoodirektorin, die Millionäre und Mäzene (wir zerfliessen vor Sehnsucht!), ES, die Neanderthalerin, die bekennenden Illiterati und die unfreiwilligen Analphabeten, Albert der Physiker, die Kaiserin Sissyphüdi, der Gote Gahlarich, der Ritter von der Lustigen Gestalt, Vercingetorix, der chercheur d'or und der Archäologe, von dem wir bisher nicht mehr wissen, als dass er "bauchig und antik" sei, besonders von ihm erhoffen wir uns viel; nicht zu vergessen, wir beide, Schildkröte und Kamel.

Fürderhin gestehen wir, dass wir die Postalberatung sträflich vernachlässigt haben. Wir mussten uns bald eingestehen, dass wir uns damit überhoben hatten. Ausserdem erhielten wir dadurch, dass wir beispielsweise die drängende Googler-Frage *ho waben wir öberall xymphknoten* kompetent beantworteten, x-1000mal genau diese Anfrage erneut. Also hat die Lösung das zugehörige Problem multipliziert, wo gibts denn sowas! Vielleicht führen wir die Rubrik weiter, aber nur noch maskiert; am Schlimmsten ist nach wie vor der *bexxelbrief*, es ist zum Kotzen.

(Wir wundern uns manchmal, dass die meisten Blogger seriös metabloggen und fragen uns dann, ob wir vielleicht Dilettanten sind. Jedoch: ceci n'est pas un(e) blog. Es ist nach wie vor ein Postamt, und wir sind Kartographen.)

1
Apr
2008

Keine Frage

Die Ertrinker waren an einer internationalen Casting Show einige Wochen vor dem Orientierungslauf rekrutiert worden. Für jeden angemeldeten Läufer wurde je ein Ertrinker in den Kategorien "2-12 Jahre", "25-43 Jahre" und "86-101 Jahre" benötigt. Ausser in der Kategorie "Alte" gab es über 1000 Bewerber auf einen einzigen Ertrinkplatz. Die einzige zu erfüllende Bedingung lautete "Nichtschwimmer". Davon gibt es mehr als man denken würde. Besonders die Kategorie "Kinder" platzte aus allen Nähten, die Castings und Rerererererecalls nahmen kein Ende. Die meisten Eltern wollen ihre Sprösslinge am TV sehen, auf dem Sportkanal noch dazu. Alle Bewerber waren darüber aufgeklärt worden, dass mindestens zwei Drittel von ihnen ertrinken würden. Es meldeten sich zuwenige "Alte" - wollen die Schmarotzer nichts beitragen zu den Spielen? -, man räumte deshalb ein paar Demenzzentren auf, denn auch diese werden kaum fertig mit ihren eigenen Castings, dieser Flux war hochwillkommen.

Ich lag gut in der Zeit, als ich Posten 5 erreichte. Drei Köpfe dümpelten wie Bojen weit draussen im Karpfenteich. Alle gleich hydroencephalisch, aber ich wusste, es waren ein Kind, ein Mensch im gebär- oder zeugungsfähigen Alter und ein für alles zu Alter. Ich musste mich entscheiden und einen von ihnen retten, um zu Posten 6 aufbrechen zu dürfen, ansonsten ich aus dem Rennen wäre (rettete ich mehrere oder keinen, ersteres war ohnehin unmöglich). Sollte das eine philosophische, ethische, moralische, ökologische Frage sein?! Ich sah keine Frage. Im Bruchteil einer Sekunde rechnete ich durch:

Das Kind retten! Das wäre mehrheitsfähig. Es gibt dafür Medaillen und viele gerührte Briefe. Man wird reich und berühmt, gewinnt vielleicht auch den Orientierungslauf, weil so ein Kind weniger wiegt. Je jünger und todesnaher das Kind, umso heldenhafter steh ich da. Mein grosses weltanerkanntes Herz! Nur die Rettung eines jungen Hundes brächte mir noch mehr Allgemeinliebe ein. Das Kind ist für mich gestorben.

Den Zeugungsfähigen/die Gebärfähige retten! Dann könnte die Menschheit fortbestehen. Die Gebärfähige könnte meine Freundin werden, der Zeugungsfähige mein Liebhaber. So einen ausgewachsenen Menschen aus dem Karpfenteich zu ziehen ist kein Pappenstiel, die Unsterblichkeit in der Sportwelt wäre mir sicher. Die Chance, dass der/die sich nach der Rettung sterilisieren lässt, ist verschwindend klein, sie werden Casting-Kandidaten züchten. Der Zeugungsfähige/die Gebärfähige ist in meinen Augen tot.

Den alten Menschen retten! Oh das gäbe einen Aufruhr! Retten was sowieso nicht mehr arbeitet, nicht mehr produziert, reproduziert, was ohnehin, vielleicht noch auf dem Platz, bald stirbt! Skandal! Ja, das wäre recht nach meinem Geschmack. So ein Alter oder eine Alte hat ordentlich lang gelebt und gelernt. Das könnte zu gratis hergestottertem Wissen führen. Erfahrung braucht die Welt, nicht immer noch mehr Windelscheisser. Allerdings ein hohes Risiko, einen der Dementen zu erwischen. Immerhin wäre das eine Art Gerechtigkeit, die kamen ja nicht freiwillig zum Casting, eigentlich wurden sie nicht gecastet, sondern ungefragt in den Teich getunkt.

Keine Zehntelsekunde überlegte ich so, hechtete ins Wasser, es war höchste Zeit, hinter mir langte der nächste Läufer bei Posten 5 an und oben wurden drei neue Ertrinker in den Teich geworfen. Ich crawlte, packte den Alten am Kragen, begann, ihn in Richtung Ufer zu ziehen, er war charmant dement, er versuchte, mich zu ersäufen (an diese Möglichkeit - mich selbst nicht zu retten - hatte ich nicht mal gedacht, thinking out of the box!) und sich selbst. Ich änderte meine Strategie, tauchte, wühlte im Schlamm am Grund des Teiches, fasste einen Karpfen am Schwanz. Der wäre mein Medailleneinbringer, meine Freundin, mein Liebhaber, mein Lehrmeister, es stand hierzu nichts im Wettkampfreglement, ich konnte den Lauf noch immer gewinnen.

Jetzt bin ich am Posten 6. Soll ich den grünen oder den roten Knopf drücken? Das ist eine Frage.

21
Mrz
2008

Voynich entschlüsselt (5 von 5)

Misc Arkane Künste / Beeinflussung des Wetters * Erweckung der Toten * Illusion * Nekromantie * Stein der Weisen: also aus Dreck Gold machen und umgekehrt (siehe auch MBA) * Exorzismus * kreatives Schreiben * Telekinese * Telepathie * luzides Träumen * Topflappen häkeln * Beschwörung * MBA * Buche jetzt das nächste Modul und HERRSCHE!

20
Mrz
2008

Voynich entschlüsselt (4 von 5)

Schwarze Magie / , um Feinde aus dem Weg zu räumen oder Reichtum anzuhäufen, was nicht selten zwei Aspekte derselben Konjunktion sind. Bist du Kampfmagier, so lasse deinem Feind einen sechsten Finger wachsen an jeder Hand. (Dazu brauchst du nur sein Schamhaar; nimm ein graues!). Aber bedenke, ALLES fällt 3fach auf dich zur--- Hörst du noch zu?
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.

Tritt ein, lieber Gast, der Hund ist tot. (Aber den Wein musst Du bringen.)

Du bist nicht angemeldet.

Zugehör

Anlaufstelle für Dichter und Mäzene:

U. T. Rossel Escalante Sánchez clandestin0 primatenschwanz mixmail.com (Das vermeintliche O ist eigentlich eine 0, ein vedisches K0sm0s-Ei.)

Eilbriefkasten

Ein Tribut an die Wolfsmenschen
Der Wunder-Uhrenträger hat noch einige Zusatzwunder...
La Tortuga - 21. Mai, 23:23
Oh doch, man soll sogar...
Oh doch, man soll sogar ins Tischtuch schneuzen, man...
La Tortuga - 20. Mai, 21:22

*****

Auf dem Nachttisch


Vincent Virga and The Library of Congress
Cartographia: Mapping Civilizations




Janet Frame
Faces in the Water




Julio Cortázar
Rayuela

In der Post wühlen:

 

Hohler Stein steht den Tropfen.

Online seit 733 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 21. Mai, 23:38

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