Botendämmerung

26
Okt
2009

Die frohe Botschaft:

DAS HIGGS-BOSON IST GEFUNDEN!










Es rollte schon die ganze Zeit unter meinem Bett herum. Und ich dachte, ich hätte bloss einen Poltergeist zu Gast.
Jetzt verrate ich natürlich keinem, wie das Teil aussieht und was es so den lieben langen Tag macht (nicht zu reden von der Nacht!). Derweil erpresse ich vom CERN Lösegeld. Oder präziser - da es denen ja gar nicht entlaufen, sondern mir aus freien Stücken zugekullert ist - ich verhandle über die Bedingungen der Auslieferung. Ich bin eine gemachte Frau! Erst noch eine mit Nobelpreis für Physik.

17
Okt
2009

Graue Schmiere

Ein terroristischer oder militärischer Anschlag mittels Nanorobotern, die ausser Kontrolle geraten und zu krankheitserregenden molekularen Strukturen, der sogenannten grauen Schmiere (grey zoo), werden könnten, hätte laut Kurzweil das Potenzial, innerhalb einiger Tage die gesamte Zivilisation zu vernichten.

Raymond Kurzweil in einem Interview über Nanotechnologie.
Quelle: Le Monde diplomatique 10/09, deutsche Ausgabe.



Meine Beunruhigung über diese Sci-Fi-Möglichkeiten in greifbarer Nähe ist jedenfalls mit Abstand geringer als die Begeisterung über dieses brandneue Vokabular. Graue Schmiere, grey zoo! Das ist, ich bitte in aller Form um Entschuldigung für die ordinäre Ausdrucksweise, schlicht geil. Ausserdem geht, unter anderen Spektakularitäten, die Rede von Antimaterie-Fallen (wie wär das wohl, da hineinzulatschen?!) oder Kleidern aus Zucker. Ja, wirklich geil!

6
Okt
2009

Alles ist schöner. Und Herbst

Weg radelte der Prinz Schalk. Ihm kann weder der Schnupfen noch eine Zeit etwas anhaben, und der Wind wehte mir schier das angeborne Toupet landein davon an dem See, der sich aufspielte als wär er ein ausgewachsenes Meer. Er spie die Schwäne an, die ihn verrieten. Was für ein Laientheater!: auch der Himmel konnte sich nicht entscheiden, ob er nun regnen wolle oder nicht, geiferte ein bisschen und dann wieder nicht, die Stadt selbst wusste wie immer nicht auf welche Seite sich schlagen, aber das ist nicht neu. Und mein Gesicht! Ich kriegte die Mundwinkel nicht mehr auf Halbmast, sie blieben oben, beweglich, ohne einzurasten. Beinah wäre ich über eine Kreuzspinne gestolpert. Ihr Rumpf war so prallgross und orange wie ein Kürbis (wir feiern ja Herbst!), das weisse Kreuz für meinen Geschmack etwas zu barock, zu katholisch, aber ich musste trotzdem darüber streicheln. Die Spinne reichte mir zwei ihrer acht behaarten Pfoten (vorderste und zweitvorderste links) und wollte gar nicht mehr loslassen. Eine Yacht namens "Neandertaler" (ohne H! grrr!!) schipperte auf dem trüben Kanal an unserer interspeziellen Verständigung vorbei. Wie würde sich so ein Schiff in einer Hochseegeschichte machen ... Die Neandertal kreuzte gegen den Wind und gewann rasch das offene Meer.(Sie war aber eine Motoryacht.) Später staute ein alter Mann eine Menschenmenge auf der Bahnhofstreppe, weil er an seinen Krücken, mit seinen schrumpligen Lungen, nur ganz gaaanz langsam trippeln konnte, die Eilenden wurden ranzig und ich deswegen aggressiv, wähnt Ihr Euch eigentlich sicher, Ihr, die Ihr jung seid von Beruf! Der alte Mann schwitzte und zitterte und tat mir sehr leid (ich hätte ihn umarmt, wäre ich mutig genug, bald werde ich sicher so mutig sein). Dann dachte ich an den Prinzen Schalk und an das reife Grün, das er soeben in meinem Gärtchen ausgesät hatte, und ich fragte mich (und fragte mich zugleich, wieso ich mich das nie vorher gefragt hatte): Lach nicht! Das ist nicht lustig! - Warum sagt man das so oft, und warum sagt man nie: Weine nicht! Das ist nicht traurig. --- Lach ODER weine nicht! Das ist traurig! - Lach nicht ODER weine! Das ist lustig! Alles wäre schöner als das, was man oft sagt. Und dann fiel mir noch dieser Satz ein, ich fand ihn so über alle Massen blöd, dass ich mich kurz in einem Schaufenster bespiegeln musste: Look at me and weep!


(Der Kreuzspinne hätte ich ums Haar eine günstige Untermiete angeboten. Es ist ein drollig Wesen hier mit meinen Spinnen! Von ihnen wird bestimmt noch die Rede gehen.)

26
Sep
2009

Die Propheten: das Buch Imaët

Sehungen und Weissagen der Porphyretin Imaët.

I.1.
Am Abend aller Tage machte Gott noch mich aus den Resten vom Fleischteig. Er wurde fast nicht mit mir fertig, so sind seither alle Tage am Abend lang. Als Gott mich endlich fertiggemacht hatte, war es ihm sehr peinlich. Die Kritiker aller Länder höhnten: Gott hat eine Schaffenskrise! Allso versteckte mich Gott, denn er brachte es nicht über sein zürnendes Herz, mich kaputter zu machen, als ich ihm vom Abend aller Tage an bereits geraten war. Ich wanderte verlassen durch das leere Haus, da zeigte Gott sich mir auf einem Küchenstuhl. Er hatte einen Strick um den Hals und stand auf einem Bein. Der Anblick Gottes ist nichts für Memmen. Und Gottes heisere Stimme donnerte: Du bist mein schlechtester Scherz!!! (Spruch des HErrn). Und mein Herz lachte und war geröstet.

24
Sep
2009

Tingo Maria

War ich ausgehungert. Hatte ich zuviel Sonne erwischt. War mir ein bisschen übel in dem VW-Bus und schmerzten die Knie, weil die Abstände zwischen den Sitzreihen zu kurz waren. Ein Dorf, was sage ich, vielleicht vier Häuser, keins davon eine Kapelle, unter dem gleissenden Mittag, auf der Schwelle des mittleren der vier Häuser sitzt eine Frau, rund wie ein grosser Gasplanet, aufrecht wie ein Strommast in Niemandsland, mit einem Gesicht so alt wie Eva in 3000 Jahren. Aber erst als ich ihr Haar sehe, kann ich nicht mehr glauben, was ich sehe. Eisbärweiss am Scheitel, fällt es ihr in dichten Wellen über die Schulter, glänzt siberfuchssilbern auf Höhe ihrer Hüfte, an ihren im Schneidersitz gekreuzten Füssen ist das Haar glatt und geschmeidig wie das einer dunkelgrauen, zivilisierten Maus, wie sie Kinder als Haustiere halten. Von da entfernt sich das Haar von seiner Trägerin, über die Terrassen der andern drei Häuser hinweg, bergauf und bergab entlang der Strasse, an den nächsten und übernächsten und allerletzten Dörfern vorbei, immer tiefer grau, immer dunkler, hellschwarz, mittelschwarz, anthrazit, obsidian, dunkelschwarz. Wir fahren abwärts. Mehrere Stunden rollt der Bus neben der vollen Strähne dahin. Schliesslich schluckt uns das Loch. Die Haarspitzen sind so vollendet schwarz, dass die Landschaft in ihnen verschwindet wie der Astronaut im Wurmloch. Haarspitzen, die in wer weiss welchem Tertiär geboren und nie abgeschnitten wurden. Tingo Maria. Wahrscheinlich nicht die vier Häuser hiessen so, sondern ein anderes Dorf, vielleicht die Raststätte, wo wir hielten um Limonade zu trinken und zu pinkeln, das weiss ich nicht mehr. Womöglich gab es keine vier Häuser. Die Frau heisst Tingo Maria, die Frau mit dem HAAR. Mein Blick hatte nur eine Zigilliardstelsekunde gedauert, bevor er vom Schwarz an der Haarspitze absorbiert wurde. Als ich den Kopf gleich wieder dahin wandte, weil ich für den Rest meines Lebens nur noch diese Frau und dieses Haar sehen wollte (es hätte mich unsterblich gemacht), sah ich nichts. Nichts. War Tingo Maria nie. Ist das jetzt bald zehn Jahre her. Kann ich seither nicht mehr Bus fahren, ohne andauernd den Kopf zu wenden. Ich halte Ausschau nach dem alten alten Haar der Tingo Maria.

1
Sep
2009

Bahnhof

ist die einzige Sprache, die ich verstehe.

26
Aug
2009

Waldglas

Mit einem übernatürlich präzis kalkulierten Schlag aus dem Handgelenk (es ist viel zu grob zu sagen: Schlag) trennt er das Glas von der metallenen Nabelschnur, durch die er ihm zuvor das Licht eingehaucht. Dann, ein Schattenspiel am lohen Ofen, lockt er flüssiges Quarz aus der Schlacke und beginnt ein anderes Stück. Er hat es bereits vor Augen, Farbe, Form, in dieser Reihenfolge, als er die Backen bläht, ganz kurz nur (er liebt), und nun dreht und dreht und dreht, kühlt und formt und neu erhitzt und dreht und dreht. Es geschieht ein Wunder im Boden des Handwerks (ich habe das schon oft gesehn, beim Käser, beim Schreiner, beim Metzger, beim Schuhmacher, und es doch noch nie begriffen).

_____ Ein Schweisstropfen rinnt ihm über das Schlüsselbein _____

die Zeit gerinnt zu Glas _____ ich gerinne zur Schale _____ aber niemand hats bemerkt zum Glück.

Ich bin der Zeuge der Glashütte. Man könnte, glaube ich, mit den Schweissperlen eines Glasbläsers ganze Archipele erhandeln.



Ansonsten: Sauerkrautalarm. Gegen Skorbut.

15
Aug
2009

Hundstage auf der Ausgrabung

Es wäre ja eigenartig, wenn das dumme Volk einen klugen Mund hätte. Wie grotesk dumm der Volksmund ist, zeigen die Redensarten "aus den Augen, aus dem Sinn" und "man liebt das, was man sieht". Genau das Gegenteil ist der Fall; wer das nicht weiss, hat nie geliebt. Jedesmal, wenn mir der antik-bauchige Archäologe aus den Augen ging (bzw. ich ihm, auf sein unausgesprochenes "Geh mir aus den Augen!" hin), machte er sich in meinem Sinn noch breiter, als er in Natura ohnehin schon war. Das, was man sieht, geht einem dagegen allzubald auf den Keks, oder schlimmer, es wird einem selbstverständlich oder gar gleichgültig. Mein Archäologe war in dieser Hinsicht ein Hybride: ich liebte ihn umso mehr, je weniger ich ihn sah (obwohl er monumental anzusehen war!), und unabhängig davon, ob ich ihn gerade sah oder nicht, ging er mir gewaltig auf den Keks.

Gerüchte besagten, er sei nach dem süssen Debakel in Isfahan kurz ans Institut zurückgekehrt, habe einen Herzkatarrh erlitten, weil Science sein bahnbrechendes Paper über die Vor- und Frühgeschichte des Marzipans abgelehnt hatte (grrrr! - meinetwegen kriegte er keinen Katarrh!), und sei vor ein paar Wochen wutschnaubend Richtung Südost geholpert in seinem Jeep. Beinah konnte ich die Staubwolke sehen. Ich packte routiniert den Rucksack, um mich wie so oft zuvor hoffnungsbebend und angstzitternd an seine Allradspur zu heften, -- als mich ganz unvermittelt die amouröse Energie verliess. Ich war überfordert und mutlos, und ich schwitzte. Ich schwitzte. Ich schwitzte, verdammt! Plötzlich war ich überzeugt, dass er mich hässlich finden würde, so schwitzend und mit geschwollenen Fingern und blauen Venen und rutschender Brille. Denn die einzigen Frauen, die ihm wohl je gefallen hatten, waren buchstäblich knochentrocken verwesen. Sie trugen weder Finger noch Venen noch Brillen, sondern Goldgeschmeide oder wenigstens Kaurimuscheln.
Ich packte den Rucksack wieder aus und holte die Muschelsammlung aus dem Keller. Begab mich damit in eine Kurklinik für Paläoschönheitschirurgie und fädelte Meergetiergehäuse auf Lederbändchen, während ich mich zwischen den OPs erholte. Skrupelloser Antik-Bauch!! Seinetwegen warf ich all meine Prinzipien über Bord! Er würde mich noch ins Grab bringen, zweifellos. Die Krux: genau dann erst hätte er sich in mich verlieben können.
Wieder zuhaus veranstaltete ich eine Privatausgrabung in meinem Garten, um nach der viergestromerten Katze zu suchen, die ich letztes Jahr vergraben hatte. Die brauchte ich für den von langer Hand geplanten Liebeszauber. Aber ich fand sie in keinem einzigen Horizont, obwohl ich inzwischen fast mehr von Stratigraphie verstand als das Objekt meiner Begierde. Alle meine Glieder schmerzten; ich hatte mir in der Klinik halbwertzerfallene Isotope in den linken Femur sondieren lassen. In meiner Magenschleimhaut kunstvoll eingebettet lagen palynologische Mahlzeitenüberreste von Mahlzeiten, die ich nie gegessen hatte. Meine rechte Wade war ägyptologisch mumifiziert. An der linken Schulter prunkten dezente aztekische Spuren von rituellem Kannibalismus. Und da, wo einst meine rechte Brust gestrotzt? strammgestanden? gehangen? hatte, schwärte nun ein Brandloch und roch schlecht (aber dieser Operation hätte ich mich auch ohne ihn irgendwann unterzogen). Alles tat mir weh und ich schwitzte. Schwitzte. Schwitzte. Jetzt, wo ich sein Ideal verkörperte (soweit zu Lebzeiten möglich), wollte ich ihn nicht sehn. Schon gar nicht ohne die verarbeitete viergestromerte Katze.

Beinah hätte ich ihn vergessen. Ich hätte ihn vergessen! Ich hätte ein liebloses, unbeschwertes Leben beginnen können!

Dann schickte er mir eine e-Mail. Der Bürostuhl erodierte im Zeitraffer unter mir.

Ich laufe mit Saugnapfflossen und Sauerstoffbombe der quartären Küstenlinie Sahul-Lands entlang und beweise, dass die ersten Australier zu Fuss aus Sunda-Land gekommen waren. Bin verzweifelt. Alles geht schief. Habs Dir nie gesagt, aber alles ging schon immer schief. Ich bin ein Loser. Meine Karriere ist am Ende. Science hat Marzipan abgelehnt. Jeep hat 4 Platten. Weib und Kind haben mich verlassen. Gott auch. Pisse Blut, habe Amöben und nicht mal den Mut, mir den Damaszener Stahl zu geben. Komm doch zum Picknick auf Wallacea, ich lade Dich ein! Würde mich sehr freuen. Solltest Du zu spät eintreffen, so wisse: es wäre möglich, dass es nett war, Dich gekannt zu haben. Adieu aus Sahul.

NETT!!! Es wäre (möglicherweise) NETT gewesen! Überhaupt. Mail! Hatte der Archäologe noch nie was von Papyrus gehört?! Er hatte früher einmal versucht, mich mit seinem salzwasser- und druckresistenten Laptop zu beeindrucken; es hatte mir das Ovar in den Mastdarm gekrempelt. Und weiters, welches Weib, welches Kind, welcher Gott?! Die Ärmsten! Gegenüber denen musste ich mir also auch noch eine Strategie überlegen. Kampflos aufgeben oder heissblütig aus dem Weg räumen? ... Oder mich mit ihnen zusammentun?

Der bauchig-antike Archäologe wollte mich sehen! Entweder war ich ihm für diesmal geradeso gut genug. Oder er schützte den Weltschmerz nur vor, um mit mir auf Wallacea zu picknicken. (Ach, töricht Herz!) Jedenfalls hätte ich die vorübergehende Steinerweichung schamlos nutzen sollen (die viergestromerte Katz für einen Regentag aufhebend).

Es würde mir mit ihm nie langweilig werden. Ohne ihn erst recht nicht. Immerhin schoss mir die aventüröse Energie wieder ein. Ich packte den Rucksack und fuhr Richtung Südwest. Gab in Feuerland ein Telegramm nach Sahul Unter-dem-Meer auf.

trepanier mich doch STOP keine zeit für kindisches pn STOP mache mich rar STOP produziere neuzeitliche kjökkenmöddinger kannst sie ja später ausgraben haha STOP lebewohl aus bahia inutil



Die Äonen auf der Ausgrabung, bisherige Folgen:
I. Sommer auf der Ausgrabung
II. Herbst auf der Ausgrabung
III. Winter auf der Ausgrabung
IV. Frühling auf der Ausgrabung

3
Aug
2009

Unter Platanen

Wann immer ich mich zwischen die Wurzeln einer Platane lege und in die Krone hinaufschaue, glaube ich, einen in der Krone zu haben. Aber die Wahrheit ist, dass ich erst einmal unter einer Platane besoffen war. Miki und ich drückten die Schulbank einer Akademie in der gelehrten Stadt Salamanca, und wochenends flogen wir immer zusammen aus. Der Platanensuff ereignete sich chronologisch folgendermassen:
Erstens: Wir besuchten das Cervantes-Haus in Valladolid. Miki gefiel das Monument an sich, mir gefielen das Efeu und alles, was von der Hand des Meisters noch unter Glas zu besichtigen war.
Zweitens: Wir gingen in ein Lokal namens "El Fogón" (ja ja, das sind Sachen, die ich niemals vergesse), und wir brauchten Stunden, um die zarten Wachteln von ihren Knöchelchen zu lutschen. Dazu und danach tranken wir Wein. Viel Wein! Immer schwereren und dunkleren, bis der Nachmittag sich verspätete.
Drittens: Wir hängten uns kopfunter an ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz, damit sich der Wein auch richtig in den Kopf senkte (er war teuer genug gewesen, aber jede Peseta wert). Solcherart hängend gestanden wir einander, dass wir beide unseren schneidigen Grammatiklehrer Miguel hormonal sehr mochten (mögen war noch gar kein Ausdruck!), weshalb wir uns den Arsch komplett aufrissen und dennoch immer schlechte Noten schrieben. Miguel, oh Miguel! Wir lachten sehr.
Viertens: Wir legten uns - jetzt kommts! - auf zwei eiernd sich drehende Bänklein unter Platanen (das Aufspringen war nicht leicht!) und schauten in die Kronen. Ich machte ein Foto von dem Blätterdach über mir, um diesen schönsten aller Süffe für die Zukunft zu konservieren. Miki fand, das sei schade um den Film, denn auf einem Reisefoto müsse man selbst sein und ein Monument, das rund um die Welt jeder kennt, um später zuhause zu beweisen, das man wirklich dort gewesen war. Miki kam aus Japan. Sie hatte immer einen entsetzlichen Stress mit diesen Prestigefotos, aber ich unterstützte sie stets nach Kräften.
Ich jedoch machte dieses Bild für mich allein. Und, wirklich wahr!, man sieht darauf nicht einfach nüchterne Platanenblätter, sondern eine Platanenkrone wie ganz Amazonien durch einen Schleier edlen Alkohols!
Ah, Platanen! Rindenschiffchen! Die Platane ist der Grossmutterbaum und der Grosse-Schlange-Baum. Valladolid, das war im Sommer 1993. Das musste ich im Gegensatz zum Namen des Restaurants in den Annalen nachsehen.
Fünftens: Mikis letzter Brief erreichte mich aus Santander. Aber das ist alles so lang her.

30
Jul
2009

radio bemba

Oh, es wäre gut, sich an einem Meer niederzulassen, gleich neben den Kindergärten der lilafarbenen Seehunde. Am besten wäre eine Küste mit einem brandgefährlichen vorgelagerten Riff, das nur die wetterversehrtesten Kapitäne überwinden könnten. Und wer tatsächlich in der Bucht dann ankern würde, lebendig und unter verwundertem Gelächter, wäre selten, wenn nicht einzig, und meinte es wirklich dunkelbierernst. Im Rücken hätte man baumverstandene Wälder mit Bartflechten, Felsen mit Guano vollgeschissen, und vielleicht (aber das wäre die Deluxe-Version!) ein zahmes Aktivvulkänchen, auf dem man Spiegeleier braten könnte. Es wäre ein behördenloser Ort. Man dürfte flugunfähige Reptilien jagen und die Latrine grün streichen, ohne eine Bewilligung einholen zu müssen. Überhaupt wäre man von allem reregistriert, ein christliches Begräbnis alles andere als garantiert (ohnehin ein Affront, das! - nicht das Begräbnis an sich, sondern die Garantie desselben). Vielleicht würden schon noch irgendwo andere Menschen wohnen, man wüsste es jedoch nicht so genau (sie wären sehr artuntypisch, ganz entsetzlich eigenartig). Aus dem Funkgerät- manchmal, bestenfalls - würde radio bemba bröseln, damit es nicht so still wäre beim Abendfleisch. Es gäbe eine ständige diffuse Bedrohung aus dem unbeforschten Hinterland, ohne dass man je etwas Verdächtiges wahrgenommen hätte, ausser dieser tumorösen Beklemmung eben, die einen wach hielte, ohne den Schlaf zu rauben. Man hätte ja eine Wachtrute mit wucherndem Halsplempel aufgestellt. Und der überträchtige Nebel! Man müsste sich ein klein bisschen am Riemen reissen, um dem Tagwerk mutig nachzugehn. Die Drübenwesen würden auferstehen, wegen der Emailleschüssel Affirmation, die man jeden Abend neben der Schwelle für sie hinstellte; jeden Morgen fände man sie blankgeleckt! Und das da capo: die zerdepperten Geisterschiffe am Riff. Das Wracktauchen wäre aber dann doch einen Zacken zu gefährlich; das würde zuverlässig für das Quentchen Melancholie sorgen, das man benötigt, um weiterzuatmen allezeit; so lange Zeit halt, wie einem zugeteilt.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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***** T. U. Rossel Escalante Sánchez ***** la trouvère

*****

Zugehör:

In der Post wühlen:

 

Eilbriefkasten:

Ach sooooo! Das ist aber...
Ach sooooo! Das ist aber seltsam (bzw. wiederum mir...
La Tortuga - 6. Nov, 20:39
das bezog sich auf diese...
Leute, die gegen Charme, Charisma, Intelligenz, Humor...
tja - 6. Nov, 15:59

Hohler Stein steht den Tropfen.

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