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Carnivorschriften

15
Nov
2009

Das Postamt Kangerlussuaq gratuliert

mit einem Jahr Verspätung (zuweilen frieren halt die Telegraphen-Drähte ein, und manche Landwirte sind viel zu bescheiden, um grosse Siege mitzuteilen), aber deshalb keinen Deut weniger herzlich, umso mehr, als die Postamtbelegschaft ohne die megalomanen Wurstpakete des Beglückwünschten letzten Winter hungers umgefallen wäre!:

Walter Bühler und seiner Familien- und Metzgerequippe vom Bauernhof Langerlen auf dem finstern finstern Schwarzenberg zum Preis des Vereins zur Förderung des Ansehens der Blut- und Leberwürste in der Metzgete-Saison ... letzten Jahres eben (der Pressebericht).

Für dieses Jahr drücken wir die Daumen und sind selbstverärgert, dass wir uns nicht rechtzeitig zum Gelage angekündigt haben. Mögen die Schwarzenberger Schweineeinzelteile wiederum die Höchstnoten für Oralhaptik und Munderotik ergattern!


Lasset uns in Ehrfurcht vor dem edlen Metzgerhandwärch die Blut- und Leberwursthymne anstimmen:


Heil Dir, geliebtes Schwein
Heil Dir, Blutwurstverein
Sanguophilie;
Ehre der Leberwurst
und dem saumäss'gen Durst.
Ehre der VBL- Kunst
und des Keilers Brunst.

Melodie: Heil Dir Helvetia
(feierlich, würdig)

14
Sep
2009

Abenteuertee

Am liebsten mag ich Nahrungsmittel, die unendlich kompliziert angebaut, geerntet, getötet, verarbeitet, verfeinert und gereift werden: Käse, Würste, Dauerfisch, Pemmikan, Wein, Tee, Tabak, Kaffee, Schokolade, Gewürze, komplexe Gerichte wie die südamerikanische Pachamanca, für die man erst einen Erdofen bauen muss, oder Tiere, die ausgenommen und dann umstrukturiert wieder in ihre eigene Haut genäht werden. Delikatessen, auf die man sich stunden-, monate- oder gar jahrelang freuen kann. Es gibt ja auch kaum Essbares, das roh schmeckt, bis auf manche Fleischsorten und Eier.
Endlich, endlich habe ich eine Menschenseele gefunden, die meine Vorliebe für den herben Lapsang Souchong teilt. Es überrascht mich eigentlich wenig, dass diese Seele mein Götterbruder Hermes ist. Alle meine anderen Gäste verschmähen diesen unglaublichsten aller Tees. Er stammt aus den Wuyi-Bergen in der chinesischen Provinz Fujian und wird über Kiefer und Fichte geräuchert, geröstet, gerollt, oxidiert, nochmals auf Bambusrosten oder in Körben geräuchert, dann auf dem Kamelrücken nach Moskau transportiert, manchmal dauert die Reise länger als ein Jahr!, und in all der Zeit nimmt der Tee den Rauch der Wegelagerfeuer unter Steppensternen auf. Weshalb man den Lapsang Souchong auch Russian Caravan nennt. Am üppgisten schmeckt er angeblich aus dem Samowar. Ich gestehe, dass ich ihn allerdings bestenfalls auf meinem Sturmkocher brühe und - das ist nun mal meine ureigene Teekultur - aus dem unverzichtbaren Berghaferl trinke. Lapsang Souchong, das ist eine lange Nacht auf der Hütte, der Ofen russt, Harz tropft in die Glut, man legt Patiencen, führt das Logbuch und wartet, dass der Schneesturm nachlässt. Traut sich nicht aufs Plumpsklo nach dem Erzählen der Gespenstergeschichten. Also die Grundatmosphäre meiner Jugend und hoffentlich auch wieder meines nahenden Alters. Ein Tee wie eine geräucherte Speckseite (manchmal gebe ich Butter hinein, das ist der Gipfel des Genusses).
Die Wahrheit ist auch, dass ich erst von meiner Schwäschwägerin (oder wie nennt man die Frau des Vetters?) aus Japan lernte, was Tee bedeutet; so wie ich ebenfalls erst in der Türkei erfuhr, was Kaffee eigentlich wäre (die Türken haben sich immer sehr gewundert, dass ich auch noch den Kaffeesatz auslöffelte).
Dennoch bleibe ich bei Sturmkocher, Haferl und - das ist nun wirklich barbarisch - beim Teebeutel, letzteres wohl aus Faulheit. Es sind ordinäre Beutel, die man im Supermarkt kaufen kann, aber immerhin die teuerste Marke, soviel Noblesse muss dann doch sein. Immer muss, auch das ist vermutlich kulturlos, ein grosszügiger Gutsch fetter Rahm rein; ohne Fett kann der Darm das Tein (dito für Koffein) nicht absorbieren, dann würde Teetrinken physiologisch gar keinen Sinn ergeben.
Darjeeling, wenn mich der Berggeist ruft und ich mich nach nassen Socken auf einer improvisierten Leine sehne. Earl Grey bei Liebeskummer und kreativen Schüben. Ceylon Orange Pekoe an melancholischen Nachmittagen, Prince of Wales zum Anlocken adliger und beinah reicher Männer (ehrlich, das funktioniert nicht!), Irish Breakfast an hellblauen, bewölkten Sonntagvormittagen; dieser Tee ist so vollmundig, dass man bis zum Abend nichts zu essen braucht.
Aber letztlich: Lapsang Souchong über alles! Der schmeckt, um es etwas überspannt auszudrücken, genau so wie mein eigenes Leben. Geräuchert, gerollt, oxidiert, wieder geräuchert, kamelisiert, samowartet eben.

3
Sep
2009

Echte Alternativen aus Libyen

Noch immer bekriegen sich die béliers und die sangliers ohne Resultat um den Jura (ein Konflikt, der zeitweilig sogar meine Familie spaltete, obwohl man insbesondere die sangliers nicht ernstnehmen kann; was habe ich mich immer wundgeschämt über den "Ich bin Berner zum Glück"-Aufkleber!). Wenn die mal schnallen würden, dass sich das erübrigt...
Qaddafi, dieser kreative Sprengkopf, gibt Vollgas: er hat der UNO-Vollversammlung den formellen Antrag gestellt, die Schweiz unter den Nachbarländern aufzuteilen (aah, hahaaa!, ich hab mir wieder in aller Öffentlichkeit einen runtergelacht, als ich das las). Ich weiss gar nicht, was es da noch zu diplomatisieren gibt. Ist doch ein fairer Deal: Qaddafi rückt die Geiseln raus, wir verteilen uns rundum, das heisst, falls die Nachbarn uns wollen. Ich bin mir bloss nicht sicher, ob sich die Bündner mit Österreich identifizieren könnten.
Es fällt mir jedoch schwer, meine neue Nationalität zu wählen. Ich finde alle angrenzenden Länder sympathisch, wenn auch keine der aktuellen Regierungen. Nach kulinarischem Ausschlussprinzip fällt Deutschland weg. Zucker in der Mayonnaise, Zucker in der Salatsauce, das ist einfach der Gipfel der Kulturlosigkeit. Auch die Würste sind unter jedem Hund - mit Ausnahme der schwäbischen Leberwurst -, allein die Brechreizfarben!!! Wie ist das eigentlich in Österreich mit der Mayo (ich befürchte das Schlimmste...)?! Die italienische Küche passt mehrheitlich nicht in meinen Futterplan, aber mit der bisteca fiorentina vom legendären Chianina-Rind könnte ich mich mehr als nur abfinden. Vermutlich würden letztlich die Franzosen das Rennen machen. Die haben einfach alles, was das carnivore, lactivore piscivore Herz begehrt. Oder aber, ich würde mich im Grossfürstentum Liechtenstein breitmachen (eine nihilistische Aktion, es gäbe dafür wirklich keine Gründe - oder doch: der Schweizer Franken, denn Euros sind potthässlich, unberechenbar unpraktisch, und die Bleimünzhaufen versauen den Rücken).

10
Aug
2009

Lauter Lügen

Früher gab es keine hässlichen Prinzessinnen. Das kann man nachlesen. Nie ist ein Königreich zerbröselt wegen eines erbitterten Kampfes um eine hässliche Frau. Über die Jahrhunderte ist aber das Blut verlottert. Die meisten zeitgenössischen Royalen, Frauen wie Männer, sind hässlich (oder liegt das am Schmuddelpapier, auf dem die Regenbogenpresse druckt?!).
Heute gibt es keine hässlichen Adoptivkinder. Rumänische Waisenhäuser räumen blonden ebenmässigen Knuddeln Vorrecht ein, denn die laufen im Westen wie warme Grittibänzen; das geben Heime unumwunden zu, und warum auch nicht, Armut ist Armut, und der Absatzmarkt, der das Angebot bestimmt, befindet sich hier.
Man sollte aber ein überirdisch hübsches Kind auf dem Spielplatz nicht fragen, ob es adoptiert sei (das ist recht wahrscheinlich), denn vermutlich wurde es darüber nicht aufgeklärt, und man könnte mit so einer Frage irreversible psychische Schäden verursachen.
Was die Spielplätze an sich betrifft: sie signalisieren auf brachiale Weise, dass nirgendwo sonst im öffentlichen Raum das Spielen toleriert wird. Die fragilen Klettergerätchen und Gampirössli geben zudem zu verstehen, dass gefälligst nicht mehr zu spielen hat, wer einmal das eilfte Lebensjahr überschritten.
Altsein darf man nachher zwar, aber bitte in den dafür vorgesehenen Silos mit absolut beleidigenden Tischdekorationen. Was sich hinter diesen Mauern abspielt, geht auf keine Kuhhaut. Man wird dann wieder mit Gugguus-Kindersprache angesprochen, überlaut, auch wenn man beteuert, dass das Hörgerät auf on ist. Es herrschen Regeln wie im Konfirmationslager. Mann darf Frau, Frau darf Mann nicht im Zimmer besuchen, "es könnte ja sonst was passieren", oh Gott! Was sollte man den sonst tun zwischen dem 11-Uhr-Mittagessen und dem 17-Uhr-Abendbrot?!
Letztlich haben es im Allgemeinen immer noch die Kinder am besten, die adoptierten wie die hausgemachten. Sie werden staatstragend xenophob demographiepanisch (ja, auch die inkognito blonden Rumänchen) und 50er-jahre-familien-ideologisch verhätschelt, und sie dürfen vor allem spielen, wenn auch nur in den eigens dafür vorgesehenen putzigen Räumchen zwischen Bäumchen, und sie dürfen einander im Sandkasten besuchen, ohne dass jemand ein unschickliches Passieren befürchtet.

(Ah, ich förchte mich nicht. Kein erbostes Adoptivelter wird mich jetzt anblaffen: aber hallooo, Sie Fotze, unser Adoptivkind ist im Fall potthässlich!)

3
Jun
2009

Mammut, nimm dich in Acht!

holmegaard

Mittelsteinzeitlicher Bogen (Holmegaard, Dänemark), ca. 8000 bis 5000 v.u.Z.

Das baue ich mir übers Wochenende an einem sumpfigen See, der eigentlich mehr für seine Edlen Pfahlbauer bekannt ist, aber dass ich ein Retro bin und mich mit Vorgestern nicht zufrieden gebe, hat sich ja längst herumgesprochen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass meine vier linken Hände ein zuverlässiges Abendessensbeschaffungswerkzeug bis zur Funktionsfähigkeit vollenden können, oder auch nur die Sehne mit flämischem Spleiss verzwirnen. Aber da will ich jetzt durch! Und wir haben fachkundige archäologische Anleitung.
Doch selbst wenn ich (seeehr vorübergehend ...) als Vegetarier enden müsste: das ist so oder so die erste zukunftsträchtige Unternehmung seit ungefähr vier Jahren. Ich freue mich wie der Neanderthaler, als er in der Zeitung las, dass er doch nicht ausgestorben ist.

6
Mai
2009

30
Apr
2009

Die Essenz des Emmentalers

Wenn wir schon dabei sind: Emmentaler ist natürlich ein Kinderkäse. Je jünger man ist, umso mehr liebt man ihn, aber sind die Geschmacksknospen einmal erwachsen, findet man fast an jedem anderen Käse mehr Rasse. Es sei denn, man könne sich einen Emmentaler leisten, der zwei Jahrhunderte in einem Reduit-Bunker reifte. Man hört dennoch nicht auf, auch den profanen Alltagsemmentaler zu lieben, und zwar wegen der Löcher natürlich!
Als ich klein war, bestellte ich jeweils beim Znacht: "Bitte noch ein Stück Emmentaler!" - Bevor der Vater-Kellner reagieren konnte, fügte ich an: "Aber mit möglichst viel Loch!" - Also schnitt der Vater mit dem Messer die imaginäre Verlängerung des Käses ab und legte mir ein Stück Luft auf den Teller. - "Voilà, Fräulein, Emmentaler mit nur Loch." - Dass er es einfach nicht kapierte! - "Nein, ich meinte mit möglichst viel Rand um die Löcher!" - Sodann musste der Käse mehr oder weniger mit der Laubsäge bearbeitet werden; mir wurde ein filigranes Lochgebilde kredenzt, und auf dem Käsebrett zurück blieb ein ... wie könnte man das bloss nennen?, jedenfalls ein Käsekadaver ohne jeden Charme. Das ist ja das Eigenartige an Löchern: das Beste daran sind die Ränder, ohne die jene gar keine Löcher wären. Aber zugleich ist nur Rand ohne Loch darin, wie etwa beim Gruyère (der dafür Rasse hat!), so wenig attraktiv wie ein Loch ohne Rand.

27
Apr
2009

Emmentaler surchoix

Wann immer ich mein Zahnprofil in ein Stück Käse drücke und es dann von allen Seiten betrachte, bin ich bass entsetzt.

17
Mrz
2009

Die Zähmung

Die Kleines-Mädchen-zähmt-wildes-Pferd-Geschichte, die immer funktioniert, gibt es natürlich entsprechend in einer Erwachsenenversion (extrem jugendfrei), und die ist nun nicht so harmlos: die Rechte-Frau-zähmt-linken-Mann-Geschichte. Akutestes Beispiel ist "Australia" (Trailer: "You want to own forever!", gemeint ist die DVD, hahaa!). Schlimmer haben wirs nie gesehen, wirklich jedes Klischee wird episch ausgewalzt. Und der herzzerreissende Plot geht so:

Noble Frau aus zivilisiertem Land reist aus privaten (ihr Mann ist ein Streuner) und politischen (Verwaltung der Kolonie) Gründen in ein primitives Land (wahlweise auch: urbane Single-Workaholic in den Busch, um Fotos zu machen, siehe "Crocodile Dundee"). Der Streuner vögelt irgendwo rum oder wurde schon umgebracht, weil er nicht nur ihr gegenüber ein Arsch war, jedenfalls aus dem Weg geräumt; stattdessen trifft die noble Frau einen ungehobelten muskulösen Kerl, der gegen den Wind spucken kann. Sie tun beide so, als fänden sie sich doof und arrogant. Dann ziehen sie zusammen los auf einen Wildnistrip. Jetzt gibt es was zu Lachen: sie benimmt sich zickig-zimperlich, er häutet demonstrativ ein unappetitliches Tier. Nach der ersten Nacht - sie hat allein im Zelt gepennt, er und seine Bimbos, die er Brüder nennt, draussen am Feuer - erweist sie sich als tapfer und er als sensibel, wer hätte das gedacht! Der gegenseitige Respekt wächst ins Unermessliche, und am zweiten Abend nach einem hartem Tag (paar Zwischenfälle mit gefährlichen Tieren und so ) ist es dann soweit. Die Sterne funkeln, ein Bimbo singt am neuen Feuer, sie kommen sich schon ganz nah, sie fragt, ob er verheiratet ist, er sagt, dass er es war, dann schweigt er tragisch. Er hat nämlich in seinem Leben genau einmal unsterblich geliebt, dumm ist nur, dass die Frau, die er liebte, sterblich war. Nach all den Jahren hat er aber nun doch einen brutalen Notstand, also küssen sie sich, nachdem sie Mitgefühl geheuchelt hat. Voll in die Falle getappt! Er muss jetzt zu ihr auf die Farm (oder wahlweise in die Stadt). Sie vergnügen sich bei Laternenlicht und irgendwie auch immer im Wasser eine ganze glückliche Weile lang. Der Dreitagebart muss ab (damit auch die Eier, aber das schnallt sie nicht)! Das Wetter wechselt. Sein Wandertrieb holt ihn ein und das Dach oben hält er nicht mehr aus. Er springt aufs Pferd und galoppiert aus dem Tor hinaus ins Weite Land; sie steht salzsäulig auf der Veranda, oh so tough!, in ihrer Stimme dräut Unheil, sie spricht emphatischstens den in Stein gemeisselten Satz, der uns Mädchen schon mit der Pockenimpfung eingespritzt wird:

WENN DU JETZT GEHST, DANN KOMM BITTE NICHT WIEDER.

Er machts richtig, er schaut nicht zurück und haut dem Pferd die Sporen in die Flanken. Und tschüss! Wenn bloss der Film hier zuende wäre! Aber nein: der Edelwilde (irgendwann dazwischen hat sich ja noch herausgestellt, dass er Griechisch und Latein und Shakespeare kann) sitzt nunmehr allein am Feuer und wird nachdenklich, denn er weiss jetzt nicht, was er mit seinem Ständer anfangen soll. Fast allein; ein Bimbobruder ist immer dabei, der ihm ins Gewissen redet: du läufst vor dir selbst davon! Stell dich und sag ihr, dass du sie liebst! Oder willst du etwa ewig so verloren hier draussen rumtigern?! Ja, genau das will er. Er ist überhaupt nicht auf der Flucht, nur neugierig und unabhängig. Aber obwohl der Bart schon fast wieder regeniert wäre, schwankt er, der Depp (das ist der logische Bruch, den ich nie begreifen werde). Wie ein Hund, mit dem Schwanz zwischen den Beinen, trabt er zurück, leckt ihr die Füsse und der in Stein gemeisselte Satz zerbröselt. Sie lächelt triumphal, hats doch gewusst, dass er das Rechte tun würde. Den Daheim-und-für-immerewig-Fick dürfen wir nur durchs Moskitonetz mitansehen, oh Mysterium! In dieser Nacht zeugen sie vier Kinder, oder zumindest adoptieren sie ein Eingeborenenwaislein am nächsten Morgen. Er ist gezähmt und macht in Zukunft den Bürokram für die Farm. Und wenn sie nicht gestorben sind. Obwohl mindestens einer von beiden schon Leichengeruch verströmt (der bartlose Kerl nämlich).

Firlefanz fürs Setting: breeeeite leeeere Sonnenuntergangslandschaften, die uns wunderbar einlullen. Die Natur ist schliesslich das Gute per se und zur Erholung da. Ein bisschen Soziales, Politisches, Historisches, damit wir wissen, wir haben einen Film von Gewicht gesehen.

So. Einmal mehr wurde uns vorgeführt, welche Liebe wir gefälligst anzustreben haben. Es gehören dazu eigener Grund und Boden (am besten Kolonie!), eine missionarische Aufgabe (Zivilisation!), falls keine eigenen Kinder, dann sollte man zumindest eine Schule bauen. Man muss dreimal täglich drohend fragen: wo bist du gewesen?, das ist die Essenz zwischen Mann und Frau. Wer nur mal alleine kacken will, ist beziehungsunfähig, bindungsgeängstigt, egoistisch und verantwortungsscheu (seltsamerweise immer der Mann, aber er kommt glücklicherweise zur Räson). Liebe heisst schliesslich, einander zu brauchen. Verbindlichkeit ist eine Sache von Zentimetern zwischen zwei Menschenhäuten. Es ist nicht gut für den Menschen, allein zu sein, steht schon in der Bibel. Gott weiss halt, dass die Wengisten etwas mit sich selber anzufangen wissen (ein sexuelles Abenteuer mit sich selber anzufangen ist sogar streng verboten). Der Nomade ist abartig, seine zyklische Zeit ein Dunkles Zeitalter, seine Besitzlosigkeit verdächtig. Man muss diese unordentlichen Wanderer disziplinieren, wo kämen wir den sonst hin.
Gosh! Ich muss kotzen. Bimbo, sattle mein Pferd!

Addendum: Bitte bitte nicht gegen "Out of Africa" losdonnern jetzt. Klar, das ist der Prototyp dieser Didaktik. Die härteste Version davon, denn der Wilde lässt sich nicht gängeln und wird umgehend mit einem fulminanten Tod bestraft. Aber haaach, "Out of Africa" ... Das wird mir noch einen separaten Eintrag wert sein.

25
Jan
2009

Körper revisited

Der menschl. Körper ist nicht nur effizient (was nicht per se eine Qualität ist, aber froh sind wir), sondern auch unhandlich, nicht-funktional (man denke an die Wirbelsäule, lauter Sollbruchstellen auf fast ganzer Körperlänge, und darunter noch die Knie, Verschleissteile), grotesk (hässlich im Vergleich zu den meisten anderen Tierkörpern) und schwer unter Kontrolle zu halten. Es ist sogar eine Kunst, ihm im ersten Anlauf die Batterie rauszunehmen, man muss schon wissen wie. Noch immer gibt es Idioten, die sich die Pulsadern quer anritzen (zimperlich; sie wecken den Verdacht, dass sie sich nur eine fragil-mysteriöse Narbenaura zulegen wollen); verdammt, längs muss man, und zackig runterschneiden, Puls aus. Aber besser am Hals! Intimcoiffeure (na ja, wenigstens eine handfeste Geschäftsidee) beteuern, dass graue Schamhaare schneller wachsen als originalbunte (nein, ich sage nicht, wieso ich das weiss). Die Natur ist impertinent, fraglos. Haare haben überhaupt die Tendenz, ihre Kompetenzen zu überschreiten. Wenn uns wenigstens das Fell geblieben wäre! Kein Kleiderzwang, kein Lappen- und Lumpensozialstatus, Grasland für unsere Wiederkäuer statt blödsinnige Baumwollplantagen und die Schafe ohne Umschweife auf den Teller. Nichts ist bemühender als Waschtag, nichts langweiliger als Kleider anzuprobieren, und kaum ein Geld ist sinnloser zum Fenster rausgeschmissen als die Klamottenzeche. Körper sind ein denkbar doofes Accesoire für schöne Seelen. Man sieht sich selbst zeitlebens nie von hinten (von oben und unten und innen auch nicht) und von vorn nur spiegelverkehrt, nie wird man also erfahren, ob nun eigentlich die linke oder die rechte Brust formvollendeter ist. Oder höchstens aus zweiter Hand, aber man sollte niemandem trauen. Diese ganzen Innenröhren und -beutel, dead ends und durchgehenden Schläuche. Die vertrackten Oberflächen. Es ist unmöglich, alle Körperschauplätze gleichzeitig zu überwachen, immer bröckelt, schuppt, saftet, dorrt, schmerzt, schlampt oder quillt irgendwo irgendwas, Nekrose auf der ganzen Linie. Ein Vorteil des Erdenzeit-Körperlehens ist jedoch, dass man sich nirgendwo so gut auf die Arbeit konzentrieren kann wie auf dem Klo. Und es gibt noch ein paar andere, jau. Geb ich ja zu.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


Du bist nicht angemeldet.

Postdata & Briefaufgabe:

***** T. U. Rossel Escalante Sánchez ***** la trouvère

*****

Zugehör:

In der Post wühlen:

 

Eilbriefkasten:

Unglaublich. Ich bin...
Unglaublich. Ich bin zwar alles andere als Freud, aber...
La Tortuga - 20. Nov, 14:47
Hier hab ich doch tatsächlich...
Hier hab ich doch tatsächlich was dazu gefunden.
Talakallea Thymon - 20. Nov, 11:45

Hohler Stein steht den Tropfen.

Online seit 1283 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Nov, 14:47

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