Dankunsterblich

27
Sep
2008

Kraft & Kontrolle

Lila Downs verfügt über eine Stimme, die mich immer wieder wegfegt, und ausserdem über ein Charisma, dem man nichts entgegensetzen kann. Sie singt das ganze breite Spektrum mittelamerikanischer Volksmusik, beispielsweise Rancheras, die unsterbliche Tödin La Llorona in einer schier beängstigenden Interpretation, aber auch traditionelle Lieder auf Mixtekisch (Hörprobe: Yunu Yucu Ninu), Nahuatl (Hörprobe: Icnocuicatl) und Zapotekisch (Hörprobe: Simuna). Abgesehen davon, dass ich ganze Nachmittage damit vertrödeln (?) kann, mich durch alle möglichen Sprachen hindurchzulauschen, halte ich mir gern eine solche Stimme vor Ohren, um mich darauf zu besinnen, was auch das Ziel des Dichteradepten sein muss: unbegrenzte Kraft bei vollkommener, anstrengungsloser Kontrolle.
Seit Lila Downs in Julie Taymors Film "Frida" mitgewirkt hat, geniesst sie weltweiten Ruhm. Ich hoffe fest, dass sie sich nicht verkauft und am World-Music-Einheitsbrei mitmixt.
Paloma Negra ist wohl dortzulande das, was hierzulande Ruedi Rymanns Schacher Seppäli ist (himmlische Kopfstimme!) - ich mag beides und lächle über diejenigen, die das belächeln.


Lila Downs, Paloma Negra

11
Sep
2008

Die Federboas könnten lachen

Der Stundenansatz des Jammerjägers liegt jenseits meiner Unmöglichkeiten. So sieht es aus in meinen zwei Kummern: es wackeln Getisch und Gestühl. Der Fauteuil lässt die Ohren hängen. Keine Schränke; nur begehbare Fehler und alles Ungebügelte und ein Karton, in dem ein Gespenst wohnt, von dem ich den Kindern nichts erzählen darf, weil sich ihre Eltern sonst fürchten. Ein Wasserbett, das keine Tränen mehr hat, daneben ein Wachtisch, der in Habachtstellung jede Nacht ein bisschen weiter einknickt. Zahnlose Reihen verblauter Bände auf durchhängenden Irregalen. Eine rostige Büchse mit bröckelnden Schmerzkeksen, angeschrieben nach Tageszeiten und Wochentagen. Die Badewanne erinnert sich nicht mehr ans Meer; sie hat vergessen, dass Enten schwimmen und Schiffe fahren. Trauergardinen vor lidlosen Fenstern, an denen das Glas so langsam hinunterrinnt, dass ich es von blossem Auge nicht erkennen kann. Sogar die Schimmelsporen legen sich zum Sterben hin. Selbst die Weberknechte sind schon ausgewandert. Nur Wimmerfischchen und Desolaken halten es hier noch aus. Alles vertanzt! Aber gemäss den Gelben Zeiten will kein Jammerjäger für weniger Gelb arbeiten.
Heut früh unter dem Leichentuch hervorgekrochen, die Pappschildchen von den Zehen geklaubt (ich schreibe sie an mit "links", "rechts", um mich im Morgen-Grauen richtig zusammenzusetzen, ich schreibe auch, wie ich heisse, sollte mich jemand nicht rechtzeitig entdecken), zum Schiefkasten gewankt, gefunden: einen Umschlag voller Sorgizid. Darauf steht in Buchstaben, die ich mir genau so vorgestellt habe: Atmen! Vorsicht, Melancholieklasse 1!
Genau. Genug der niederen Klagen! Hinweg, Gedankenungut! Manege frei für die traurigen Zirkuspferde, die grollenden Wellenberge, die Eichenfässer mit dem Wein, den wir uns nicht leisten können! Was kann uns passieren, wenn wir ausser Tintenzoll gar nichts zahlen? Hahaa, ja: Die Federboas könnten lachen.

(Für Dich, Ken. Vorerst - Du wirst von mir hören!)

31
Aug
2008

lost & found

Or never lost?! Ich stehe neben mir und meinen Schuhen (wärs jetzt Zeit, sie wiedermal zu putzen?) vor Freude, dass Du noch da bist.

Dominik-Dachs

Und auch unser Kapitän Dominik hat uns nie verlassen!

In unseren Adern fliesst dasselbe Ketchup. Da kann mir keiner kommen, Verwandtschaft sei ein Fluch. Wenn es nicht wieder dauern soll, bis mir ein zweites graues Haar wächst: an mir wirds nicht liegen! Ich setze mich in DEN Stuhl, den es längst nicht mehr gibt (ja, ich brauche ihn! - habe ich es Dir damals nicht erklärt? Die partielle Heilung der Mondsucht ...) und lasse die Beine übers kriminelle Sims baumeln. Es grüsst Dich, verehrter Vetter, na wer wohl: Du weisst schon. Jene, der Du nach wie vor 28 kg Marzipan schuldest.

23
Jul
2008

Fischli & Weiss

Ich glaube, dass diese Postkarte mit einem Bild aus der "Wurstserie" von Peter Fischli und David Weiss die erste war, die ich mir selbst an einem Museumskiosk kaufte (ganz ungeachtet meines Carnivorentums ausserdem).

wurstserie

Fischli & Weiss gehörten auf jeden Fall zu den Künstlern, die mein Interesse an der Kunst weckten. (Es hat mich der Schmetterlingsflügelschlag getroffen.)

Mit dem "Lauf der Dinge" sind wir alle aufgewachsen, wir haben oft versucht, ihn nachzubauen; es gibt niemanden, der das noch nie gesehen hat, aber das Erschütternde daran ist ja, dass man es immer wieder sehen will, ja muss. Diese dreiste Täuschung: es gibt Ursache und Wirkung! Perfekte Camouflage: das Chaos tarnt sich als Kausalität! Selber schuld, wer nach dieser Offenbarung noch an Gründe glaubt.



Peter Fischli und David Weiss, "Der Lauf der Dinge", 1987.
(Der vollständige Film dauert 30 Minuten und ist meines Wissens nirgends kostenlos erhältlich.)

2
Jan
2008

Maultrommeln

Am Anfang war der Klang! Wer hätte gedacht, dass ich jemals so etwas behaupten würde, ich, die Logos-Mönchin! Was an mir Leser ist (also fast alles) wurde ohne Ohren geboren. Mein Eierkopf besass auch keinen Mund und keine Nase, nur zwei riesige ovale Augen, blind vorerst, aber sie öffneten sich früh, lernten sehen, dunkelten nach, wurden - in manchen Stunden - vielleicht hellsichtig. Dann überrollte mich eine Lawine aus dem sagenumwobenen Toggenburg. Ich rang nach Luft und hörte ein weisses Rauschen. Wie war das möglich ohne Ohren? Die Knötchen links und rechts am Eierkopf fühlten sich an wie gemeine Pickel. Ein Glück hinderten mich die Fäustlinge daran, sie auszudrücken. Raschelnd entfalteten sich meine Ohren, und das ganze ebenfalls eierförmige Anhängsel unter Hals und Kopf mutierte zum Resonanzbecken. Bässe und Orgelpfeifen und die allgegenwärtige Maultrommel! Aus unserem engen, farb- und tonlosen Land entfesselst Du wilde Tektonik, unterkellerst es mit unheimlichen Karsthöhlensystemen, lässt es in Dolinen sinken und sich zu schlafenden Vulkanen auftürmen, als wäre dies immer ein mittelatlantischer Rücken gewesen und eine gehandorgelte Tethys. Inzwischen könnte ich meine Ohren als Umhang tragen, würde ich sie hinten zusammennähen; Radio Schildkrötenherzschlag wäre weltweit zu empfangen. Wagte ich es, mich von den Churfirsten in den Aufwind zu werfen, diese Ohren liessen mich fliegen und segeln und gleiten auf dem Sirren der Luft! Der Zeit und dem Geist der Zeit drehst Du eine lange Nase. Aus grauem blasenwerfendem Brei ragst Du als Stimmgabel, Tonmesser, Klanglöffel empor. Während ich die Götter anrufe auf dass Du so alt werden mögest wie der Urton und die Allstille, bebt die Erde unter meinen Füssen. Bomm --- Bomm --- Bomm. Aus dem Erdkern. Oder meinem Unterbauch. Ich stehe auf meinen Ohrläppchen, damit sich die Ohrmuscheln aufrecht in den Wind trichtern. Ich bohre Löcher in Konservendosenböden und ziehe Schnüre ein, rühre einen unendlichen Kabelsalat an in der Hoffnung, dass Du mich eines Tages anrufst und dabei flüsterst und brummst. Ich verneige mich vor Dir, König der Hummeln!

Für Peter Weber in Ehrfurcht.

24
Jun
2007

Seltene Linie

Ein unverwüstlicher Freund, den ich immer für seine unerschrockene Brust und die sichere Hand bewundert habe, zeichnete mein Portrait. Erstmals erkannte ich mein Äusseres als das meine, all das, was ich auf Fotos und selbst im Spiegel bisher vergeblich suchte. Das bin ich! Und sogar ein bisschen Inneres wurde sichtbar. Ich habe Züge, von denen ich nichts wusste, und sie gefallen mir. Es gibt in meinem Gesicht eine Linie, die selten sei, der Künstler nennt sie "spezielles Merkmal" (jeder hat ein solches, aber immer ein anderes). Ja, für einmal finde ich mich schön. Schönheit brachte ich nie mit meinem Bildnis in Verbindung, genauso wenig wie Hässlichkeit, weil ich weder das eine noch das andere an mir finden konnte (in mir dagegen beides), und es schien mir auch nie wichtig. Heute denke ich, dass ich diesen Blick kultivieren und die seltene Linie ins rechte Licht rücken sollte.

20
Dez
2006

Dem Beschwörer des Engels Asrael:

Seit ich Dich lese, sehne ich mich nach dem Widerhall des Hufschlags auf dem Kopfsteinpflaster Budapests.


Joyeuses Fêtes, Monsieur le Comte Arthur, avec tous mes remerciements. Cordialement vôtre, la Tortue

18
Okt
2006

Geliebter Prinz

von Theben, Tino von Bagdad und was Deiner Titel mehr sind.
In meinen weissen Nächten lese ich Deine blauen, wandle durch Deine Paläste, besaufe mich an Met und Nektar aus Deinen goldenen Füllhörnern, werde opulent um die Hüften allein schon vom Anblick der Speisen aus Deinen Vorratskammern und schattigen Gärten. Immer wieder entwischst Du mir, wirbelnder Derwisch, und nur Deine Gewänder, grün und rot und gelb, flattern noch im Mondwind eine Meile hinter Dir her. Eine Feder setzt sich auf meinen linken Orientpantoffel; ein Gruss von Dir, nicht wahr? Ich lausche dem flockenden Flötenspiel. Eins ums andere Mal verschlägt es mir die (meine eigene) - .

29
Sep
2006

Tarragona III

Caracol.

Sehr geehrte Maezene.

Eure Faulheit und Verantwortungsscheu gehen auf keine Kuhhaut. Kaum kehrt man Euch ein paar Wochen den Ruecken und rackert sich ab in fremden Landen, um Inspiration und wer weiss was noch alles zu erlangen, geht Ihr Millioenchen sortieren derweil und vergesst getrost die Kuecken unter Euren schimmligen Fluegeln.
Nun habe ich diese Plastikkarte in den Automaten gesteckt und was ist herausgekommen? Der Jackpot etwa?! Pah. Heifffe Lufffft!! Ich kann mich auch hemwaertshalbtagloehnern, wenns sein muss. Wie es Euch ergeht, weiss ich nicht, aber ich hatte bis anhin eine ziemlich hehre Vorstellung von Maezenatentum.
¡Camarero! Media copita de vino, por favor (es que no puedo pagar una entera, o sea... Ya pues, lavaré el pescado).
Herzlich, La Tortuga

31
Aug
2006

Nagib Machfus zum Gedenken

Widerstanden hast Du, den Irrealisten und den Realisten, den Festgefahrenen und den Windfahnen, auch den Zeremonienmeistern des Positiven Denkens. Deinen Attentätern zum Trotz verstummtest Du nicht, und zeitlebens, so will es die Legende bereits heute, schriebst Du Stunde um Stunde mit unbeirrter Hand. Du setztest Deiner Mutter Al Qahira ein Denkmal und bautest Brücken über das Mittelmeer und weiter. Eine glückliche Reise sei Dir beschieden, mögest Du Ruhe finden für all Deine Unruhe in einem anderen Zuckergässchen.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.

Tritt ein, lieber Gast, der Hund ist tot. (Aber den Wein musst Du bringen.)

Du bist nicht angemeldet.

Zugehör

Anlaufstelle für Dichter und Mäzene:

U. T. Rossel Escalante Sánchez clandestin0 primatenschwanz mixmail.com (Das vermeintliche O ist eigentlich eine 0, ein vedisches K0sm0s-Ei.)

*****

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Diese Jahre kenne ich auch. Ich habe sie mir im nachhinein...
Gregor Keuschnig - 15. Okt, 10:23
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La Tortuga - 15. Okt, 10:22

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Hohler Stein steht den Tropfen.

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Zuletzt aktualisiert: 15. Okt, 10:23

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