Dankunsterblich

20
Okt
2009

Früchteschale

In den letzten Tagen rückte ich zum Flanieren irgendwie mit einer anderen Haltung aus als sonst, ich weiss nicht wie und warum. Ich nahm die Form einer offenen Schale an und wurde wie durch Zauberei reichlich mit Geschichtengeschenken gefüllt. Bemerkenswerte Zeitgenossen, die ich traf:

Eine mit allen Wassern vieler Jahre gewaschene Ladendetektivin. Sie verriet mir bei einem Glas Prosecco sämtliche Schliche, die der Diebe wie die der Detektive. Beinah hätte sie mir noch die Narben der Handgemenge gezeigt.

Einen Logistiker, der alles über das Hoch- und Tief- und das Stapeln im Allgemeinen und überhaupt weiss. Mit einem Blick aus intelligentesten Augen und einem Lächeln auf cleverem Mund teilte er mir mit, dass er in seinem Land sehr lange studiert hat, um nun hierzulande einfach ... zu stapeln. "Nur" kann man aber bei seiner Arbeitsweise nicht sagen.

Einen Pilger aus einem französischen Fischerdorf, der mir nicht kohärent zu erzählen wusste, was er eigentlich vertritt. Es ging um ein zutiefst existentialistisches und annähernd marxistisches Weltbild auf der Basis des Christentums, Judentums und des Islam, glaube ich, aber ohne eine Religion zu sein (Religion sei so verlogen wie Politik). Von einem brennenden Dornbusch so gross wie ein brennender Urwald. Jesus sei nicht Gott, sondern Mensch und Prophet genau wie Muhammad, die Kreuzigung eine Folterhinrichtung, die man nicht mit verklärenden Bedeutungen aufladen und somit verharmlosen dürfe, die heilige 3faltigkeit existiere nicht, es gehe einzig darum, gütig zu sein. Er hielt das Buch, das er weder verkaufen noch pentrant gratis aufdrängen wollte (bei Interesse in der Buchhandlung bestellen, sagte er), verkehrt herum, so dass ich den Titel gar nicht sah. Ich musste nichts kaufen, nichts glauben (glauben sei schädlich für den Geist des freien Menschen), nicht beten (beten nütze nichts, denn der Vater denke nicht daran, den Karsumpel aufzuräumen, den seine Kinder ganz allein veranstalten, handeln müsse man, nicht beten). Vielmehr schenkte er mir franko eine wilde Geschichte und ein Weilchen Windschutz. Ich fühlte mich gerade kalt und elend und allein und allso von ihm gerettet für wertvolle Augenblicke, und nachher, als er sich zuerst verabschiedete, geradezu ausgesetzt. Nie war ein Missionar unaufdringlicher. Er ist ja auch ein Pilger, kein Missionar. Hätte seinem warmen Akzent noch lange zuhören mögen; frage mich, ob ihm klar ist, dass er genau das in Vollendung ist: gütig. (Wenn er das doch jetzt lesen würde!)

Einen Spaziergänger, der im Walde stundenlang vom Blitz gefällte Bäume von allen Seiten betrachtet und Horrorszenarien entwirft, wenn diese Blitze in die Stadt umgeleitet würden undsoweiter, man stelle sich mal vor!, und andere Spaziergänger grosszügig mit wohligem Gruseln versorgt, selbst solche wie mich, die sich nun gar nicht vor Gewittern fürchten, sondern sie im Gegenteil herbeisehnen (man sollte jedoch, wenn sie kommen, keinen BH mit Metallbügel tragen, aber die gehen in der Wäsche sowieso immer kaputt und im Ernst, wer braucht im Walde einen BH).

Ha. Was für eine Früchteschale! Es könnte daran liegen, dass ich neue Schuhe habe, die mich häufiger und aufrechter aus der Haustür jagen. Die alten musste ich ja nach jedem Ausflug wieder zusammenkleben, also blieb ich oft lieber gleich auf dem Ofen hocken.

10
Okt
2009

Der Hauptverdächtige leuchtet

Auch das war noch!: Sie erzählte ihm von der Zeit und vom Vertrauen und vom Glück und wie alles so plötzlich neu gut geworden sei und nach vorn sperrangelweit offen (warum bloss?, so etwas erzählt man doch nicht, nicht so, nicht dann). Und dass sie nun eigentlich tot umfallen könnte. Aber nein, fall doch jetzt nicht tot um!, lachte er, so wie die Bienen lachen, wenn sie im April oder Mai erstmals ausschwärmen. Gelbe und schwarze Samtstreifen wuchsen ihr um den Bauch. Vielleicht meinte er damit: genau das, das jetzt, ist ja gerade der Anfang! (Die Geburt eines Sterns aus der Asche.) Ganz sicher meinte er damit, dass er dann die Umtriebe am Hals gehabt hätte, dass er sie als Letzter lebend gesehen hätte, dass er der Hauptverdächtige gewesen wäre. Nein, das hätte er nicht verdient, er am allerwenigsten, ihr Kronzeuge. Selbst ihr, die so oft schon nach dem Zipfel des Totenhemdchens ins Leere gegriffen hatte, wäre in diesem Augenblick das Sterben auf grauem Makkadam ungelegener gekommen als je, so wunders fein gestreift. Keine Polizei. Weit und breit. Kein Alibi. Die Zeit. Diese Zeit!

6
Sep
2009

Werkschau: Dankeschön!

Jau, die Werkschau war den heutigen Kater mehr als wert. Herzlichen Dank nochmals an die Veranstalter für die Einladung; an die anderen Künstler für so viel Augen-, Ohren-, Herz- und Hirnweide; an die 4, die meinetwegen so weit gereist sind; und insbesondere an das Publikum: Euer Wohlwollen, Euer Gelächter und so viel aufrichtige Anerkennung haben mich wirklich überrascht und überwältigt. Das bedeutet mir sehr viel! Eine Erinnerung, die ich als Glücksbringer um den Hals tragen werde.

Viele haben mich gefragt, wo die gelesenen Texte zu finden seien. Nun, irgendwo hier in Kangerlussuaq, wenn ich mich recht erinnere. Allerdings dermassen irgendwo, dass es eine Frechheit wäre, die Gäste selber danach suchen zu lassen. Deshalb hier die Lesung zum Download:

Lesung-Werkschau (pdf, 108 KB)

Addendum: Es gibt die Ginsterkatze tatsächlich - was ich selbst erst herausfand, nachdem ich sie erfunden hatte. Ginsterkatzen, zur Familie der Schleichkatzen gehörend, sind unheimlich. Und ihr Fell hat ein Hämorrhoidenmuster. Aber ich habe ihnen Unrecht getan, denn hässlich sind sie nicht.

21
Jun
2009

Heimweh ...

nach den Rinderherden, nach den Dialekten aller Landesteile, nach den Flurnamen, nach den 10'000 Namen der Quecke und der Blacke, nach dem Schrei des Bussards, nach dem Muskelkater, nach den Zuchtausweisen und Brunstkalendern, nach dem Motorgeräusch des IH International Jahrgang '69, wenn er vom ersten in den zweiten Gang springt, nach den Vier-Nummern-zu-grossen-Gummistiefeln und dem Sonnenbrand im Nacken.

Heute haben mich die Viehhändler eingeladen (wieder eingeladen, obwohl ich schon so viele Einladungen ausgeschlagen habe). Sie sind der händlerischen Unruhe zum Trotz so treu, dass sie sich allesamt an mich erinnern, und so verbindlich, wie auch ich es bin, und selbst jene, die mich noch nicht kennen, strahlen diese seltene Verlässlichkeit aus, dass man sich ohne Zögern selbst an ihren Schatten anlehnen würde; es so furchtbar möchte, wenn man ehrlich ist. Der Wein war sehr gut und sehr viel! (Ausserhalb der Landwirtschaft pflegt er ja entweder gut oder viel zu sein, nicht wahr, und in beiden Fällen ohne "sehr".) Jetzt bin ich ganz fiebrig und zu 93% unzurechnungsfähig im Vermissen meiner alten Kraft, vergeblich, vergeblich, und erstmals seit langem fällt mir die selbstgewählte Einsamkeit schwer wie Düngersäcke für 300 Hektaren und 21 Jahre, jau.

Ein Trinkspruch auf alle Landwirte und Viehhändler und den gesamten globalen Rindviehbestand.

11
Feb
2009

Finnmark

Blöde Horoskope übergehe ich einfach (Postomat: "Kontostand Fr. 20.36"), wenn ich dran glauben würde, wärs das Ende der Fahnenstange und meins ohnehin. An sexy Horoskope klammere ich mich wie der Lemur an einen Affenbrotbaum, notfalls wechsle ich auch das Sternzeichen (zwei, die wissen, was sie tun: " ........ " - nein, ich teile es mit niemandem! ... Ein Lob so vollfett, dass ich mit der Röte meiner Ohren das Schwarze Meer zum Erröten bringen könnte ... The multitudinous seas incarnadine, making the green one red).
Heben wir also einen mit echten Kerlen, und danach meinetwegen die Sündflut. Ach, Finnmark! Wär ich bloss schon dort! Gegen einen Besuch dieser schönen Barbaren mit der knackigen Sprache in meiner bescheidenen Hütte hätte ich gar nichts einzuwenden (immer vorausgesetzt, sie bringen das Bier mit).


Korpiklaani: Metsämies

4
Feb
2009

Barbapapa ist wieder da!

Langsam finden sie sich alle wieder ein, meine Jugendfreunde, so wie etwa der Schwarze Hengst. Zum ersten Mal begegnete mir Barbapapa in neuer Frische an den Solothurner Literaturtagen 2007 auf einem riesigen Bücherstapel wieder. Ich geriet so aus dem Häuschen, das ich ums Haar vergessen hätte, zu der Lesung zu gehen, für die ich ein Ticket in der Tasche hatte.
Falls es tatsächlich jemanden geben sollte, der Barbapapa nicht kennt: er ist ein Ideales Wesen, vereinigt die besten Eigenschaften von Menschen, Tieren, Pflanzen und Einzellern (Amöben!) in sich. Er ist ein innen nicht-hohler Ballon, ein gigantischer Kaugummi in Quietschrosa. - "Barbapapa kam in einem Garten zur Welt" - einfach so! Sein Freundeskreis ist klein, aber verbindlich, während ihn sonst eigentlich keiner versteht, obwohl er stets freundlich die Gestalt des Gegenübers annimmt (ohne jedoch seinen Kaugummicharakter zu verleugnen) oder sich zur Feuerleiter formt und viele Menschen rettet.
Er wird bald schwermütig, weil ihm eine Barbamama fehlt, und da die sehr selten sind, reist er sogar bis ins Weltall, um eine zu finden. Aber letztendlich platzt auch sie direkt aus Barbapapas Geburtsgarten ("Sieh, das Gute ..." - eine Botschaft, die ich ja pädagogisch für wenig sinnvoll halte). Und dann kommt dieser ganz und gar unerklärliche, absonderliche Vorgang der Barba-Fortpflanzung: das verliebte Paar legt "Keime" in die Erde, man weiss nicht, sind das Eier, Golfbälle, Zwiebeln, Fauna oder Flora?!, und bewässern muss man sie auch. Die Kinder schlüpfen bald alle in assortierten Farben (Grund und Komplementär!), und einer bricht als Steissgeburt aus dem Boden und ist über und über mit schwarzen Haaren bedeckt, obschon doch die völlige Nacktheit ein wesentliches Merkmal der Spezies Barba zu sein scheint.
Glücklicherweise fand ich mein eigenes Barbapapa-Buch wieder. Die Seiten fliegen lose, und dieses private Exemplar hatte für mich stets noch einen zusätzlichen Reiz: es hat nämlich unförmige Löcher mitten in den Seiten. Wer die reingeschranzt hat, weiss ich nicht (vielleicht sogar ich), und die wurden fürsorglich mit transparentem Scotchband verklebt. Wie Fenster! Das gibt der übernatürlichen Plastizität Barbapapas eine weitere ungeahnte Dimension.
Der einzige Wermutstropfen ist, dass der Band nur "Barbapapa" und "Barbapapas Reise" enthält. Aber halb so wild. Schon praktisch, so ein Patenkind! Manchmal packt mich ja das schlechte Gewissen wegen meiner aggressiven Leseförderung. Doch mit Barbapapa (allen Eltern, Grosseltern, Paten, Kindergärtnern seis ins Ohr gebrüllt!) kann man nichts falsch machen. Und ich leg ihn jetzt prominent und obeliskisch freistehend unten links auf den Nachttisch.

Viele viele bunte Barbapapas von Talus Taylor und Annette Tison, neu aufgelegt beim Orell Füssli Verlag.

2
Jan
2009

Das Privileg der Grosselternzunge

Manche Schweizer und Österreicher Schriftsteller sagen, dass sie Deutsch als erste Fremdsprache empfinden, und viele überlegen zumindest sehr lange, wenn man danach fragt. Daran studiere ich auch schon ewig herum. Ich komme zur Überzeugung, dass Deutsch (ich sage bewusst nicht Hochdeutsch, denn wer soll das Höhenmonopol innehaben?) meine Elternsprache ist. Schweizerdeutsch gibt es nicht, diverse Ostschweizer Dialekte sind mir ferner als der Mond, und einige davon lösen geradezu vestibulocochlearen Brechreiz aus. Meine Grosselternzunge ist das Berndeutsche. Zunge, weil das Erlernen der ersten Sprache im vorverbalen Tierzustand des Kleinkindes ein rein körperlicher Vorgang ist, so archaisch, organisch und lustvoll wie Fressen, Ficken, Scheissen. Ein sprachfixiertes Deutschschweizer Kind verbringt die ersten zwanzig Jahre des Lebens damit, einen Komplex abzubauen, bis irgendwann die Epiphanie hereinplatzt, dass wir keine sprachliche Randgruppe sind, sondern mittendrin und zugleich stolz wie Basken und Waliser (die einzige finsterstprovinzielle Region der Schweiz ist Zürich mit seiner aufgeblasenen Möchtegernattitüde). Von da an reagiert man sehr empfindlich auf den Begriff "Deutsche Literatur" (solange nicht explizit eine Nationalliteratur gemeint ist); unser Komplex ist nicht ausschliesslich hausgemacht. Und man hört auf, sich die Helvetismen wegzustreichen, es sei denn, ein Text erlaube aus irgendeinem inhaltlichen oder formalen Grund kein Lokalkolorit. Übrigens werden Romands in Paris als Sprachprovinzler angehört, während wir in Deutschland manchmal einen Niedlichkeitsbonus "geniessen" (merci bien!).
Bis dahin aber... Das Kind, selbst wenn es völlig TV-frei aufwächst wie ich damals, glaubt, dass Deutsch die "richtige" Sprache sei (das "Wichtige" im Radio - Nachrichten, Wetter, Verkehrsmeldungen - wird auf Deutsch gesendet, und alles Gedruckte erscheint auf Deutsch). Wenn wir Indianer spielten, sprachen wir dabei immer Deutsch, so gut wir halt konnten, weil es uns sonst nicht "echt" vorgekommen wäre (unvergessen: mein Bruder springt mit dem Gewehr hinter einem Baum hervor und droht: "Halt! Oder ich scheisse!"). Es gab auch die Geheimsprache der Erwachsenen, das Französische. So war die Motivation riesig, sich eine erste Fremdsprache anzueignen, um all das zu hören, was Kinder nicht hören sollten. In unserer Familie war zudem Italienisch präsent. Wenn etwas an der Schweiz patriotische Gefühle auslösen kann, dann (neben Fondue und Cervelat, alles Zunge!) unsere selbstverständliche Vielsprachigkeit, auch wenn der Röstigraben leider eine Realität bleibt. Ich fahre manchmal extra nach Biel Bienne oder Freiburg Fribourg und kaufe etwas am Kiosk oder frage nach dem Weg, um mich gescheckt zu unterhalten. Unsere bilingues habe ich immer beneidet, obwohl sie in der Schule oft länger mit dem schriftlichen Ausdruck kämpfen. Das Beste an unserem Schulsystem ist der Fremdsprachenunterricht, der aber besser noch früher beginnen würde. Zu meiner Zeit kam Französisch zuerst, danach konnte man wählen zwischen Englisch und Italienisch. Dass heute dem Englischen der Vorzug gegeben wird, ist traurig. Englisch lernt man nachher immer noch; wer einmal glaubt, es zu können, ist meist zu faul, sich eine weitere Sprache anzueignen. Die Diskriminierung des Romanischen (indem es z.B. nicht auf Verpackungen aufgedruckt wird) ist eine Schande.
Insbesondere anglophone, aber auch manche deutsche Schriftsteller sehen keinen Sinn darin, Fremdsprachen zu lernen, oder glauben allen Ernstes, sie könnten ihr ganzes Potential ausschöpfen, ohne sich am Übersetzen abzuarbeiten und andere Literaturen in der Originalsprache zu lesen. Selber schuld, kann ich dazu nur sagen. Fremdsprachen erweitern nicht nur den grammatischen, räumlichen und kulturellen Horizont, sondern auch den zeitlichen. Denn man beginnt immer wieder bei der Zunge, der Fremdzunge (aber auch: die (Literatur-)Geschichte erschliesst sich aus anderer Perspektive). Man durchlebt die Lebensphasen neu; als Kleinkind lernt man Guten Tag, Eins bis Zehn, Ich heisse, Wie heisst du, Wochentage, Wie spät ist es. In der Pubertät darf man Kitschromane und Frauenzeitschriften lesen, beim Ersten Mal wird man von einem grossen Dichter verführt, und mündig wird man mit dem Gefühl, sich nicht mehr ganz fremd zu fühlen. Man ertappt sich dabei, in der eroberten Sprache (in Wahrheit wurde man erobert) zu denken und zu träumen, yeah, das erste graue Haar!
Ich jedenfalls werde nie aufhören, in neue Welten aufzubrechen. Man trifft mich selten im Zug ohne einen Stapel Voca-Karteikärtchen. Und was die deutschsprachige Literatur angeht, habe ich nicht proportional, sondern absolut mehr schweizerische und österreichische Lieblingsdichter als deutsche. Das kristallisierte sich bereits in der Zeit heraus, als ich den Minderwertigkeitskomplex noch schob, wohlverstanden. Es muss eine natürliche Affinität geben (das betrifft auch den Humor), obwohl ich mir wünschte, es gäbe diese kindischen Abgrenzungen innerhalb eines Sprachraums nicht.
Es ist bei allen Mühen ein grosses Privileg, eine Grosselternzunge zu haben. Wenn ich überhaupt irgendwas als "Zuhause" bezeichnen müsste, dann wäre es das Berndeutsche. Es ist rauh und roh, breit, kehlig, dunkel, resonant, verfügt über mehrere Oktaven ch's, über den ganzen Hals verteilt, und über ein rrrrrr wie harschiger Schnee. Es ist der Berg, die Landschaft, die mir überall vertraut ist. Berndeutsch besitzt weder eine Orthographie noch ein Imperfekt, aber eine epische, dramatische und lyrische Tradition, die sich sehen lassen kann. Ich werde meine Nachlasskiste nicht ohne ein paar berndeutsche Werke versiegeln. Et voilà, verehrte Ahnen. Eine Liebeserklärung an Eure Zunge! Wenn nicht gar ein Manifest.

Bolivar
Tortuga (Urslä) und Bolívar unterhalten sich auf Bärdeutsch.

29
Nov
2008

Der Mann ist Kult

Denis Scheck nämlich. Oh, welch Geständnis! Das reicht jetzt in Sachen Outings für elf Monate, gell. Dieses Interview mit dem Isländer Arthúr Bollason beispielsweise ist mal wieder absolut hinreissend. In keiner dieser schnöden Verlagsmarketing-Sendungen erfährt man ja etwas Weltbewegendes, und schon gar nicht findet man ein Buch, von dessen Existenz man sonst nie gehört hätte. Die meisten muss man nicht unbedingt lesen. Das Literaturclub-Geschwurbel, das pseudointellektuelle Gelaber im Foyer, das ehemalige dummgeschwätzige Brachialgelese bei Elke Heidenreich, auf all das sollte man verzichten, jedenfalls wenn man Geld ausgibt für blutdrucksenkende Medikamente. Aber Denis Scheck!, der ist eine Klasse für sich. Für seine manchmal danebenschiessenden Fragen, die auf den Autor zielen anstatt aufs Werk, würde ich jedem anderen Journi den Hals umdrehen wollen. Aber bei ihm gucke ich auf die Ohren, die sich nach vorne richten wie bei einem freundlich-neugierigen Pferd, und auf die Augenbrauen, die sich in ehrlichem Interesse so charmant anheben. Er liebt wirklich, was er tut. Ach, ich mag ihn! Obwohl ich ihm nicht so blind vertraue, egal wie oft er mich dazu auffordert, das tut dem Zauber keinen Abbruch. Oh Gott, wie ranzig würde ich, wenn mich jemand in der Buchhandlung mit Empfehlungen zumüllen wollte, als ob ich nicht genau wüsste, was ich suche! (In einem Kleidergeschäft, ja, da wär ich dankbar für sowas Penetrantes). Dann die off-the-beaten-track-Kitschsettings, die Nobelkörnung, diese eigenartige Kameraführung wie im skandinavischen Psychothriller. Alles weder Visch noch Fogel; nicht so dekadent, dass man schwach würde, und richtig Stil hat es auch nicht, aber irgendwie doch auf undefinierbare Weise. Es ist so ähnlich wie ein Lachanfall beim Sex. Äh ja, hinreissend eben. ... Jetzt wüsste ich doch noch gern, ob so ein heisses Geysirschwefelbad einen Anzug auf alle Zeiten ruiniert. Doch doch, ein klein wenig dekadent, das alles.

27
Sep
2008

Kraft & Kontrolle

Lila Downs verfügt über eine Stimme, die mich immer wieder wegfegt, und ausserdem über ein Charisma, dem man nichts entgegensetzen kann. Sie singt das ganze breite Spektrum mittelamerikanischer Volksmusik, beispielsweise Rancheras, die unsterbliche Tödin La Llorona in einer schier beängstigenden Interpretation, aber auch traditionelle Lieder auf Mixtekisch (Hörprobe: Yunu Yucu Ninu), Nahuatl (Hörprobe: Icnocuicatl) und Zapotekisch (Hörprobe: Simuna). Abgesehen davon, dass ich ganze Nachmittage damit vertrödeln (?) kann, mich durch alle möglichen Sprachen hindurchzulauschen, halte ich mir gern eine solche Stimme vor Ohren, um mich darauf zu besinnen, was auch das Ziel des Dichteradepten sein muss: unbegrenzte Kraft bei vollkommener, anstrengungsloser Kontrolle.
Seit Lila Downs in Julie Taymors Film "Frida" mitgewirkt hat, geniesst sie weltweiten Ruhm. Ich hoffe fest, dass sie sich nicht verkauft und am World-Music-Einheitsbrei mitmixt.
Paloma Negra ist wohl dortzulande das, was hierzulande Ruedi Rymanns Schacher Seppäli ist (himmlische Kopfstimme!) - ich mag beides und lächle über diejenigen, die das belächeln.


Lila Downs, Paloma Negra

11
Sep
2008

Die Federboas könnten lachen

Der Stundenansatz des Jammerjägers liegt jenseits meiner Unmöglichkeiten. So sieht es aus in meinen zwei Kummern: es wackeln Getisch und Gestühl. Der Fauteuil lässt die Ohren hängen. Keine Schränke; nur begehbare Fehler und alles Ungebügelte und ein Karton, in dem ein Gespenst wohnt, von dem ich den Kindern nichts erzählen darf, weil sich ihre Eltern sonst fürchten. Ein Wasserbett, das keine Tränen mehr hat, daneben ein Wachtisch, der in Habachtstellung jede Nacht ein bisschen weiter einknickt. Zahnlose Reihen verblauter Bände auf durchhängenden Irregalen. Eine rostige Büchse mit bröckelnden Schmerzkeksen, angeschrieben nach Tageszeiten und Wochentagen. Die Badewanne erinnert sich nicht mehr ans Meer; sie hat vergessen, dass Enten schwimmen und Schiffe fahren. Trauergardinen vor lidlosen Fenstern, an denen das Glas so langsam hinunterrinnt, dass ich es von blossem Auge nicht erkennen kann. Sogar die Schimmelsporen legen sich zum Sterben hin. Selbst die Weberknechte sind schon ausgewandert. Nur Wimmerfischchen und Desolaken halten es hier noch aus. Alles vertanzt! Aber gemäss den Gelben Zeiten will kein Jammerjäger für weniger Gelb arbeiten.
Heut früh unter dem Leichentuch hervorgekrochen, die Pappschildchen von den Zehen geklaubt (ich schreibe sie an mit "links", "rechts", um mich im Morgen-Grauen richtig zusammenzusetzen, ich schreibe auch, wie ich heisse, sollte mich jemand nicht rechtzeitig entdecken), zum Schiefkasten gewankt, gefunden: einen Umschlag voller Sorgizid. Darauf steht in Buchstaben, die ich mir genau so vorgestellt habe: Atmen! Vorsicht, Melancholieklasse 1!
Genau. Genug der niederen Klagen! Hinweg, Gedankenungut! Manege frei für die traurigen Zirkuspferde, die grollenden Wellenberge, die Eichenfässer mit dem Wein, den wir uns nicht leisten können! Was kann uns passieren, wenn wir ausser Tintenzoll gar nichts zahlen? Hahaa, ja: Die Federboas könnten lachen.

(Für Dich, Ken. Vorerst - Du wirst von mir hören!)
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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Postdata & Briefaufgabe:

***** T. U. Rossel Escalante Sánchez ***** la trouvère

*****

Zugehör:

In der Post wühlen:

 

Eilbriefkasten:

Ach sooooo! Das ist aber...
Ach sooooo! Das ist aber seltsam (bzw. wiederum mir...
La Tortuga - 6. Nov, 20:39
das bezog sich auf diese...
Leute, die gegen Charme, Charisma, Intelligenz, Humor...
tja - 6. Nov, 15:59

Hohler Stein steht den Tropfen.

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Zuletzt aktualisiert: 6. Nov, 20:39

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