Früchteschale
In den letzten Tagen rückte ich zum Flanieren irgendwie mit einer anderen Haltung aus als sonst, ich weiss nicht wie und warum. Ich nahm die Form einer offenen Schale an und wurde wie durch Zauberei reichlich mit Geschichtengeschenken gefüllt. Bemerkenswerte Zeitgenossen, die ich traf:
Eine mit allen Wassern vieler Jahre gewaschene Ladendetektivin. Sie verriet mir bei einem Glas Prosecco sämtliche Schliche, die der Diebe wie die der Detektive. Beinah hätte sie mir noch die Narben der Handgemenge gezeigt.
Einen Logistiker, der alles über das Hoch- und Tief- und das Stapeln im Allgemeinen und überhaupt weiss. Mit einem Blick aus intelligentesten Augen und einem Lächeln auf cleverem Mund teilte er mir mit, dass er in seinem Land sehr lange studiert hat, um nun hierzulande einfach ... zu stapeln. "Nur" kann man aber bei seiner Arbeitsweise nicht sagen.
Einen Pilger aus einem französischen Fischerdorf, der mir nicht kohärent zu erzählen wusste, was er eigentlich vertritt. Es ging um ein zutiefst existentialistisches und annähernd marxistisches Weltbild auf der Basis des Christentums, Judentums und des Islam, glaube ich, aber ohne eine Religion zu sein (Religion sei so verlogen wie Politik). Von einem brennenden Dornbusch so gross wie ein brennender Urwald. Jesus sei nicht Gott, sondern Mensch und Prophet genau wie Muhammad, die Kreuzigung eine Folterhinrichtung, die man nicht mit verklärenden Bedeutungen aufladen und somit verharmlosen dürfe, die heilige 3faltigkeit existiere nicht, es gehe einzig darum, gütig zu sein. Er hielt das Buch, das er weder verkaufen noch pentrant gratis aufdrängen wollte (bei Interesse in der Buchhandlung bestellen, sagte er), verkehrt herum, so dass ich den Titel gar nicht sah. Ich musste nichts kaufen, nichts glauben (glauben sei schädlich für den Geist des freien Menschen), nicht beten (beten nütze nichts, denn der Vater denke nicht daran, den Karsumpel aufzuräumen, den seine Kinder ganz allein veranstalten, handeln müsse man, nicht beten). Vielmehr schenkte er mir franko eine wilde Geschichte und ein Weilchen Windschutz. Ich fühlte mich gerade kalt und elend und allein und allso von ihm gerettet für wertvolle Augenblicke, und nachher, als er sich zuerst verabschiedete, geradezu ausgesetzt. Nie war ein Missionar unaufdringlicher. Er ist ja auch ein Pilger, kein Missionar. Hätte seinem warmen Akzent noch lange zuhören mögen; frage mich, ob ihm klar ist, dass er genau das in Vollendung ist: gütig. (Wenn er das doch jetzt lesen würde!)
Einen Spaziergänger, der im Walde stundenlang vom Blitz gefällte Bäume von allen Seiten betrachtet und Horrorszenarien entwirft, wenn diese Blitze in die Stadt umgeleitet würden undsoweiter, man stelle sich mal vor!, und andere Spaziergänger grosszügig mit wohligem Gruseln versorgt, selbst solche wie mich, die sich nun gar nicht vor Gewittern fürchten, sondern sie im Gegenteil herbeisehnen (man sollte jedoch, wenn sie kommen, keinen BH mit Metallbügel tragen, aber die gehen in der Wäsche sowieso immer kaputt und im Ernst, wer braucht im Walde einen BH).
Ha. Was für eine Früchteschale! Es könnte daran liegen, dass ich neue Schuhe habe, die mich häufiger und aufrechter aus der Haustür jagen. Die alten musste ich ja nach jedem Ausflug wieder zusammenkleben, also blieb ich oft lieber gleich auf dem Ofen hocken.
Eine mit allen Wassern vieler Jahre gewaschene Ladendetektivin. Sie verriet mir bei einem Glas Prosecco sämtliche Schliche, die der Diebe wie die der Detektive. Beinah hätte sie mir noch die Narben der Handgemenge gezeigt.
Einen Logistiker, der alles über das Hoch- und Tief- und das Stapeln im Allgemeinen und überhaupt weiss. Mit einem Blick aus intelligentesten Augen und einem Lächeln auf cleverem Mund teilte er mir mit, dass er in seinem Land sehr lange studiert hat, um nun hierzulande einfach ... zu stapeln. "Nur" kann man aber bei seiner Arbeitsweise nicht sagen.
Einen Pilger aus einem französischen Fischerdorf, der mir nicht kohärent zu erzählen wusste, was er eigentlich vertritt. Es ging um ein zutiefst existentialistisches und annähernd marxistisches Weltbild auf der Basis des Christentums, Judentums und des Islam, glaube ich, aber ohne eine Religion zu sein (Religion sei so verlogen wie Politik). Von einem brennenden Dornbusch so gross wie ein brennender Urwald. Jesus sei nicht Gott, sondern Mensch und Prophet genau wie Muhammad, die Kreuzigung eine Folterhinrichtung, die man nicht mit verklärenden Bedeutungen aufladen und somit verharmlosen dürfe, die heilige 3faltigkeit existiere nicht, es gehe einzig darum, gütig zu sein. Er hielt das Buch, das er weder verkaufen noch pentrant gratis aufdrängen wollte (bei Interesse in der Buchhandlung bestellen, sagte er), verkehrt herum, so dass ich den Titel gar nicht sah. Ich musste nichts kaufen, nichts glauben (glauben sei schädlich für den Geist des freien Menschen), nicht beten (beten nütze nichts, denn der Vater denke nicht daran, den Karsumpel aufzuräumen, den seine Kinder ganz allein veranstalten, handeln müsse man, nicht beten). Vielmehr schenkte er mir franko eine wilde Geschichte und ein Weilchen Windschutz. Ich fühlte mich gerade kalt und elend und allein und allso von ihm gerettet für wertvolle Augenblicke, und nachher, als er sich zuerst verabschiedete, geradezu ausgesetzt. Nie war ein Missionar unaufdringlicher. Er ist ja auch ein Pilger, kein Missionar. Hätte seinem warmen Akzent noch lange zuhören mögen; frage mich, ob ihm klar ist, dass er genau das in Vollendung ist: gütig. (Wenn er das doch jetzt lesen würde!)
Einen Spaziergänger, der im Walde stundenlang vom Blitz gefällte Bäume von allen Seiten betrachtet und Horrorszenarien entwirft, wenn diese Blitze in die Stadt umgeleitet würden undsoweiter, man stelle sich mal vor!, und andere Spaziergänger grosszügig mit wohligem Gruseln versorgt, selbst solche wie mich, die sich nun gar nicht vor Gewittern fürchten, sondern sie im Gegenteil herbeisehnen (man sollte jedoch, wenn sie kommen, keinen BH mit Metallbügel tragen, aber die gehen in der Wäsche sowieso immer kaputt und im Ernst, wer braucht im Walde einen BH).
Ha. Was für eine Früchteschale! Es könnte daran liegen, dass ich neue Schuhe habe, die mich häufiger und aufrechter aus der Haustür jagen. Die alten musste ich ja nach jedem Ausflug wieder zusammenkleben, also blieb ich oft lieber gleich auf dem Ofen hocken.
La Tortuga - 20. Okt, 19:33



