Einwegpost

3
Okt
2009

Tote Lokomotive, Holzhase, 5XII x durchschaut

Als ich klein war, erzählte man mir, dass es im Cockpit der Lokomotive ein Pedal gebe, auf das der Lokführer andauernd treten müsse. Denn wenn er es losliesse, würde die Notbremse ausgelöst und der Zug sofort zum Stehen kommen. Das sei notwendig, um Geisterzüge zu verhindern, da Lokführer jederzeit sterben könnten, und deshalb nenne man das Pedal: Totmannpedal. Das ergab nun alles keinen Sinn. Aber ein Zug fährt doch auf Geleisen und kann sich nicht verirren!, dachte ich. Und woran sollte ein Lokführer (den ich mir als breiten, starken Mann vorstellte) innerhalb von Sekunden sterben?, fragte ich mich, er würde es doch in jedem Fall noch bis zum nächsten Bahnhof schaffen. Bahnhöfe sind fast länger als die Schienenabschnitte dazwischen, schien es mir. Der arme Lokführer kriegt ja Wadenkärmpfe!, so mein Lamento.
Wie schnell Du in die Nacht verschwandest (wieder eine Gauklernacht). Das muss Deine ureigene Art des Aufbruchs sein. Irritierend, das wohl, es lässt eine kunstvoll rhythmisierte Kurve ganz unvermittelt unter die x-Achse sausen; aber so ehrlich, dieses Dein Aufbrechen (und so weit, als läge die Steppe vor Dir und hinter Dir nichts als vielleicht ein warmer Stein), dass ich nicht umhin kann, es gutzuheissen. Es war nicht so, wie Du sicher denkst: was Dir als stickstoffgefrostetes Schulterblatt vorkommen musste, war im Grunde nur eine Verlegenheitsepaulette (die goldnen Fransen hast Du wahrscheinlich nicht gesehn). Eine Abwehrabwehr auch, ohne zu wissen, ob das Not tat, blödes Sicherheitsdenken, verzeih. Aussen ist Leder, innen Porzellan. Die Chinesen sagen, ich stamme aus einem hölzernen Jahr, so bin ich Pflock; ich stamme aus einem Hasenjahr, so fliehe ich selbst den, der mir nicht übel will (stelle aber die Löffel wie verrückt!). Nie zuvor hatte ich mir gewünscht, durchschaut zu werden; ist das ein Verdienst? Weiss nicht, jedenfalls sei stolz drauf! Nicht einmal hielt ich Dir stand. Vielleicht auch drum, weil Du an der richtigen Stelle loslachtest und mich ich weiss nicht genau wie ansahst. Getroffene Hasen...
Wisse aber: gar nichts nehme ich zurück. Ich stehe zu allem, dessen ich mich erinnere. Nichts von dem, was ich verschenke, reut mich. Nichts davon ist mir peinlich (bis auf die eine oder andere formale Schlamperei vielleicht, oder das, was später langweilig erscheint). Es hätte nicht einmal an Mumm gefehlt (oh, ich hab schon Eier!). Bloss wäre alles platt gewesen, was ich hätte sagen können, und alles mir entfallen, was ich hätte fragen wollen. Ich weiss, dass ich blass aussehe. Es war nicht der Ort und nicht die Zeit. Und Befürchtungen, die mir itzt erst dämmern, und was davon nachher noch zu erzählen bleibt, oh und der Hasenjammer wieder, es muss Dich gar lustig dünken! Ich lache inzwischen auch, tapfer wie das Kind, dem man Jod auf die Schramme am Knie tröpfelt.
Ich hab den Krampf in der Wade, mein Geisterzug rattert über die Schwellen wie besoffen, seit Abermeilen konnte ich keinen Bahnhof mehr entdecken (ist auch schlecht beleuchtet hier), ich könnte durchaus innerhalb von Sekunden grundlos sterben, und woran, frage ich mich, würdest Du dann merken, dass ich das Totmannpedal fahren liess?! Ich muss also die Lokomotive auf Kurs halten. Ich will ein breiter, starker Lokführer werden. Und von Dir den Aufbruch lernen (weisst Du, elegant ist das nicht, geschweige denn galant, aber es hat verdammtnochmal Stil!). See ya at sunset, cowboy... T., valken pilgerîne

22
Sep
2009

Fall die Treppe runter und stirb

Verflucht seist Du! Dreimal verflucht, Du Weibsausgeburt! Furunkulaturrisse sollen Deinen Leib überziehn! Karbunkelbunker Dich durchhöhlen! Mögen peste Beulen auf Deinem Hintern spriessen, möge Deine Brust abfaulen! Stinken sollst Du wie die grüne Kiste Robidog! Säuiische Schmerzen sollen Dich zerbrezeln, alles anders Schweinische möge Dir entfallen! Niemals (wieder? kann ich mir kaum vorstellen) berühre Dich ein holder Knab, nicht einmal ein Looosermännchen! Es grause jedem noch so mickrigen Phall vor Deinem Räubernest (er phalle in ohn Macht für den Rest der Nacht und immerdar)! Was je schön an Dir war, sei nie gewesen! Talg und Eiter, Blut und Spucke! Besenreiser, Hexenhaare, Rotz! Nimmer sollst Du ruhig schlafen, 12-Augen-Monster sollen Dich in Wahnsinn hetzen, Deine Nächte seien Alb und Deine Tage scheckig! Dreimal dreimal sei verflucht!; macht neun.
Oder fall einfach die Treppe runter und stirb grausam langsam, das tuts auch.

Mit den allerbösartigsten Wünschen an die armselige Schnepfe, die meine Bettwäsche aus der Waschküche geklaut hat ---



--- da ich nicht weiss, wer sie ist, kann ich sie nicht mal bei "rotten neighbor" verpfeifen. Dass geklaut und nicht versehentlich mitgenommen wurde, leite ich daraus ab, dass mein Suchzettel jede Nacht wieder abgerissen wird, und auch der Zettel, auf dem ich darum bitte, den Suchzettel nicht abzureissen, und immer so weiter. ... Gerade kürzlich sagte meine Nachbarin zu mir: in diesem Haus wird geklaut! Ich habe nur noch ein Küchentuch! - Ich bezichtigte sie der Paranoia und notierte mir den epochalen Spruch ("Ich habe nur noch ein Küchentuch"!!! - ein Romantitel geradezu), jetzt pflichte ich ihr kleinlaut bei.
Dass es eine Frau ist, weiss ich, weil Männer nicht ahnen, wie verflucht teuer Bettwäsche ist. Nö, ein Fetischist kommt nicht in Frage. Der würde so ein Stück vor dem Waschen mitnehmen, aber doch nicht wenns nach Waschpulver riecht.
Ich weiss, dass der Fluch womöglich funktioniert, aber ich werde kein schlechtes Gewissen haben. Ich bin mir selbst die Nächste, und diese Nächste hat nur noch einen einzigen Deckenbezug, und der hat Löcher und ist schäbig (der andere war schön und heil und erst ganz wenige Jahre alt). Es ist so kindisch und lächerlich, aber eben auch ein empfindlicher Verlust, und es macht wütend, mit so einer primitiven Seele unter einem Dach zu hausen und plötzlich alle Nachbarn zu verdächtigen. Wütend, dass man sowas auf sich sitzen lassen muss, weil man vermutlich deswegen nicht polizeiliche Hausdurchsuchungen anordnen kann. Bei der Verwaltung petzen? Dann kommt ein Brief an die ganze Liegenschaft, in dem steht, dass man bitte keine Wäsche stehlen soll. Und wenn ich dereinst ausziehe (ich tendiere zu viel bälder, als ich gehofft hatte, die Gründe häufen sich), werde ich eine Schimmelsanierung berappen müssen, weil ich die Wäsche nun in der Wohnung trockne. Während sich die freche Diebin den Tumbler leisten kann, offensichtlich. ... Dass Portemonnaies und Fahrräder geklaut werden, kann ich ja irgendwie nachvollziehen. Aber Bettwäsche!!! Wie krank ist denn das!

Dabei gäbe es gerade so viel zu feiern, und ich gebe mich mit solchem Schwachsinn ab. Aber heute morgen habe ich den Morgen gesehen. Ich vermeide das sonst geflissentlich. Es hat mir gar nicht gefallen. Es tut mir nicht gut. Dass es sowas wie den Morgen geben muss, mit abstehenden Haaren, voller Blase, schmerzenden Gelenken, brennenden Augen, bösen Ahnungen, Gott!, warum muss es sowas Unerträgliches geben. Wenn es doch nur Abende gäbe und Nächte! Und Weingläser und Kerzen und lange Geschichten und saubere Eigentumsbettwäsche!

30
Aug
2009

Nachwehn ...

Hermes: Es sagt eben alles, dass Du ihn auch gesehen hast, den Silberschleier über die Äste der Tannen gebreitet. Eine mannshohe Ameisenmetropole, verwitterte Geheimnisse und nagelneue Sehnsüchte wie Karten ausgespielt, wir wollen einander gewinnen lassen, nicht wahr?, mit einer Lotterkarawane durch die Gobi (wir versifften Anfänger, also echt!). Der "Schweisstropfen auf dem Schlüsselbein des Glasbläsers", kristalline Zeitaussetzer; vielleicht würde ich mich innerhalb einiger Monate wieder ans Frühstücken gewöhnen; Du weisst nicht, wie leid es mir tut, dass ich morgens so giftgenudelt bin; aber ich kenne gegen den Morgen ganz generell kein Gegengift. Wir gewannen jedoch die Tretbootregatta auf einem Touristentümpel, hey!! Die blonde Herde hast allein Du gezähmt. Den lecken Geldbeutel wir beide nicht. Wir haben weder ausgesät noch Schweinebuchten gezimmert, die ergonomischen Liegestühle zu wenig ausgekostet. Ich habe versagt (und bin ernsthaft in Sorge, ob ich jemals wieder zu irgendwas taugen werde, war mir nicht darüber im Klaren, wie weit mein Zerfall schon fortgeschritten ist). Ich sage auch immer, man soll geographisch nichts wiederholen wollen - dennoch, dennoch. "Eine barbarische Gegend, in der nur Tannenzapfen hängen", ein Kleienkotzer und alles, was am Ende bleibt, ist diese verdammte Traurigkeit (wenn ich Dir aus dem Küchenfenster nachschaue, wie Du im die Ecke biegst, allein nun mit Bruce Willis über GPS), was ausserdem bleibt, ist eine illegal entsorgte Petflasche voller Zigarettenkippen. Ein gefüdeltes Foto vom Ortsschild eingangs Hinternbrück. Wie ich Deine spezifischen Geräusche des abends vermissen werde, keiner knackert wie Du! Es ist ohne Dich anders still, ich will es nicht... Und keiner beigt so charmant Registertonnen Sauerkraut. Das grösste "Danggeschöön!" gebührt natürlich Dir. Und das - was hast denn Du sonst gedacht, Götterbruder! - wünsche ich uns beiden: "Kürbisjoghurt mit ganzen Früchten" (welche Verjüngungskur, mit deutschen Teenies Zug zu fahren)!
Auf ein Neues, so bald als irgend möglich, bitte bitte...

Tröim üppig vo Surchabis u Güggupüppi!

Addendum, wie konnte ich das bloss vergessen: Gotthilf Fischer foreveeeer! 2x "Strasse der Lieder" gegen 4x "Bauer ledig sucht" und Du bist im Rennen!

19
Jul
2009

Midir & Étaín die 5XII. Version, und der Wunsch des Gastes nach einer Kläranlage

Ich kann nicht akzeptieren, wie die Geschichten enden! Vor allem jene Sagen über Kings of Old. Das, mon Sire, ist der Tod: der Blinde Fleck auf der Retina; die fremde Frequenz, die die Flimmerhärchen im Ohr erstarren lässt; Moleküle von solcher Undichte, dass keine Nase so eine Leere riechen kann; die Berührung unter der Haut, die weder Öffnung noch Abwehr noch widerstreitende Impulse hervorruft. Ich aber habe den Tod wahrgenommen als Geschmack auf der Zunge. Trinkt man je einen Schluck aus einem Fässchen Meerwasser, aus einem Töpfchen Honig, aus einem Phiölchen Blausäure und aus einem Krüglein Limonensaft, lässt man das alles im Mund ineinanderlaufen ohne zu schlucken, dann findet man den Toten Punkt auf der Zunge, den keine irdische Essenz zu reizen vermag. So schmeckt der Tod. (Man spucke die infame Mischung jetzt aus, sie beleidigt nämlich jeden Feinschmecker tödlich; war ja nur ein illustratives Experiment). Niemand darf den Toten Punkt der Zunge jemals berühren, das ist das Schwere beim Lieben, und kein Wort darf je diesen Punkt mit einer Unterlänge streifen, das ist das Gefährliche beim Erzählen. (Es sei denn, man kennte die EINE Geschichte). Wie Du wieder einmal bei mir einkehrst in der halbrunden Hütte am See - gut siehst Du aus, und schwer trägt Dein Maultier an Fabelstoff und an wilden Früchten, und Du schüttelst den Kopf darüber, dass das Plumpsklo direkt in den See mündet, aber was soll ich denn machen?! - bereite ich Dir Nachtmahl und Tukanenfedernlager. Ich öle Deine Weitwanderstiefel und stimme die Schnürsenkel. So ein Überschwang! Ich erzähle Dir von Midir und Étaín. Nur mir zuliebe tust Du so, als hättest Du von ihnen nie gehört, aber in Wahrheit prüfst Du, was ich gelernt habe im Zwischenraum. Ich erzähle die Geschichten stets so, wie ich sie haben will. Étaín beginnt als Raupe, Schmetterlingsein muss sie sich erst abverdienen, was wär das für ein Anfängerfluch sonst. Den neuen Göttern wird auf der Schwelle die Tür gewiesen, und Fúamnach wird nie vom Echsesein erlöst. Elf Prinzessinnen warten sehnsüchtig auf Eochaids Handanhaltung, der König hat keine Not. Ausserdem verunfallte Étaín bei einem allzu kühnen Looping zu Beginn ihres Schmetterlingszeitalters (das mit der Retrospektive hab ich nicht drauf) und ist nun ein wenig entstellt, deshalb verdampft Eochaids Liebe zu ihr wie - wie - ... (Vorsicht vor rohrkrepierenden Bildern! -- Jetzt lass mich doch erzählen, Mann!!). Also, wo war ich, eben, Eochaid mag kein Blut vergiessen und keine Anderländer verwüsten um der verkrüppelten Étaín willen. Midir dagegen ist nicht so heikel, er hat naturwisschenschaftliches Interesse an div. Defekten. Sein Ego ist gesund genug, dass es ihm nicht einfiele, sich selbst mit einem Vergessenszauber aus Étaíns Herz zu löschen. ... Oh Mist ... Und jetzt?! Ich hab das Ende verkackt! Niemand muss weinen, und die beiden können einem leidtun, denn obwohl die Geschichte fertig ist, sind sie es nicht. Du hast mich reinrasseln lassen, und jetzt lachst Du, dass ich mich um Deine Luftzufuhr sorge. Schlimm findest Du meine Erzählung nicht, aber auch nicht grade gut. Später kämmst Du mir die Augenbrauen (das nun bringt mich zum Weinen). Flüsterst mir Schlaf, das ist das schönste Geschenk. Auch das ist der Tod, mon Sire: eine Einstülpung im Mark, darin sich unsere Erinnerung umkehrt, einkapselt, abschnürt, nie gewesen ist. Im Wegdämmern verspreche ich Dir noch, dass ich Klärschlamm züchten werde, damit Du bei Deinem nächsten Besuch hier bedenkenlos baden kannst, und ein fidchell-Brett schnitzen werde ich, und mir ein anderes Ende für Midir und Étaín ausdenken, so dass sich - dass sich - Berge in Salzwasser auflösen? Kings of Old ins Schwert stürzen? Äch. Dreh eine weitere Runde durch ein paar Länder (hüte Dich vor dem Toten Punkt auf der Zunge!) und komm dann wieder, es wird schon noch.

P.S. Wer mir die Legende erzählte, war entweder selbst ein Stümper, oder er wollte seine Nacherzählung jugendfrei gestalten und liess daher Fúamnachs Enthauptung (freigegeben ab 16) und Eochaids versehentlichen Inzest (freigegeben ab 18) weg. Aengus und Ailill hat er ausgebaut, ums nicht so kompliziert zu machen (oder aus Rücksicht auf Grossdruckverlage), und das happy end für Midir und Étaín versaut, um dem Kitschverdacht zu entgehen. Ich hab mir also unnötig Arbeit gemacht. Das ist ja auch nicht zu verstehen, dass alles, was früher einfach nur schön war oder gut ausging, heute als Kitsch gilt. (Dass ich mich nicht gleich von Beginn weg an die Alten Bücher wandte, ayayay! Und Du merkst auch wirklich alles!)

8
Mai
2009

pachakuti

Nunca supimos cantar en unisonancia. No he logrado ser la ñusta imaginada, sapa inka. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. De vez en cuando un momento brillante de felicidad. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Y vuelta la caída al abismo. Golpes del destino y todo fuera de control. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Dos ciegos en el eclipse total del sol y de la luna. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado. Somos un disco rayado.
¡Hagamos saltar aquella aguja tan cansada! Pachakuti: más allá hay otro surco en el disco del que nacerá una canción de lo más profundo. Es la canción antigua que ya cantaron los gentiles siglos y siglos atrás en el cañon de Tinajani. Cuenta de los hijos reales que no se podían juntar, a pesar de perderse de vista jamás.

24
Apr
2009

5XII Lektionen vom Gras

Complex systems cannot be optimized.
C. J. Pearson & R. L. Ison, "Agronomy of Grassland Systems"

In diesem Buch steht alles, was ich wäre und bräuchte, wenn ich nie alphabetisiert worden wäre. Bestimmt ist es eins der zwei Fachbücher, die mich in der formbaren Phase am nachhaltigsten geprägt haben, und eins der wenigen zeitgenössischen, das auf gewisse Art poetische Qualitäten aufweist (was sich bereits aus dem Thema ergibt). Ich kenne kein anderes Fachbuch, das dermassen weit ausgreift. Es war die Bibel an der Grasland-Akademie, der besten Schule, durch die ich jemals ging; ein geheimer, winziger, lichter Tempel aus Ziegenhaut und ohne Dach, inmitten eines Bordells der Antibildung. Wir Graslandschüler lernten Geduld, Beobachtungsgabe, Langsamkeit, Ausdauer, Respekt, Wandern und Wandlung, Plastizität, Präzision, Sturheit, Einsatz aller Sinne, Denken in Äonen (ohne dass ich irgendwas davon je ganz gemeistert hätte), während uns in allen anderen Sälen das genaue Gegenteil eingebläut wurde; vor allem aber lernten wir Metaphern. Im Grasland äst die Metapher, käut wieder und zieht weiter. Das schwebende Wunder, das Ausläufer bildet bis in die nächsten Jahrhunderte, findet immer an den Schnittstellen statt, beispielsweise dort, wo Schafszähne gerade ein Rhizom verbeissen. Und Wind ist sowieso immer, es ist kompliziert, sich eine Zigarette anzuzünden. Siehst Du, so ungefähr, nur noch viel phantastischer, hatte ich mir das vorgestellt, als ich vor Unzeiten Formulare ausfüllte, die das Bureau der Society gar nie ausgestellt hatte. Dass ich nicht verstand! Seither filze ich Wände für die Tempeljurte, unbeirrt in den lichtlosen Häuserschluchten, ich baue die Stangen auf für einen Stillen Raum, und wenn ich damit fast fertig bin, werde ich ihn nicht mehr brauchen und Dir begegnen unter Freiem Himmel. Draussen im Grasland, und Du wirst sagen: Schau!, das ist Alles. Und ich werde sagen: Ja. --- ( ... Und jetzt wirf mir bitte einen Windschatten, damit ich die Zigi anzünden kann.)

20
Apr
2009

Die Nacht, in der Herr Bandhäuser ausbrach

Ich hatte mir im Spätherbst wochenlang eine Gewalt angetan, die so heftig und berauschend war, dass sie definitiv von aussen kam, und in jener Nacht, als sie im Gnadenstoss und den Wehen der Wiedergeburt gipfelte, änderte Herr Bandhäuser ganz plötzlich seine sommer- und herbstlichen Gepflogenheiten und: brach aus. Ich hätte es ihm niemals zugetraut. Seit er aus dem Ei geschlüpft war, das sich in meinen Weiberkräutertopf verirrt haben musste, als er noch in einem Garten stand, drehte er täglich dieselbe Runde. Er pennte 22 Stunden am Topfrand und kroch auf die Grünzeugjagd, sobald es dämmerte, tat sich gütlich am Klee (während er die Weiberkräuter geflissentlich mied) und gummierte sich wieder zu seinem ewig gleichen Schlafplatz zurück, sobald es schwarzdunkel wurde und ich meine Gutenacht-Kippe ausdrückte. Herr Bandhäuser nahm immer einen umständlich langen Weg, was mich sehr wunderte, denn das Futterangebot hätte auch ein Bettfrühstück hergegeben. Zunächst mochte ich den Mitbewohner nicht, überlegte mir lange, ihn zu meinem und auch seinem Wohle am Waldrand auszusetzen. Aber mit der Zeit ergänzten wir uns gut in unserer mollusken und humanen Einsamkeit, und ich zweigte hin und wieder etwas von meinem Deluxe-Salat für ihn ab (ass sogar mehr Salat als üblich, allein seinetwegen).
Es ist natürlich doof, eine Gartenschnecke (Cepaea hortensis) mit "Herr" anzureden, gehört sie doch mehreren Geschlechtern an. Aber er pflegte dermassen geräuschvoll zu essen, da ersparte ich es mir, nach einer hermaphroditischen Höflichkeitsform zu suchen.
An jenem Abend also, als mich meine eigene exogene Misshandlung bewusstlos prügelte, der Triumph mich ertränkte, endlich durchgebrochen!, fand ich Herrn Bandhäuser nicht an seinem üblichen Fressplatz, nein, er spazierte aussen am Topf herum mit leerem Bauch. Mir wurde unheimlich zumute.
Andernmorgens konnte ich ihn nicht finden. Ich gerate in heillose Panik, wenn ich weiss, dass irgendwo ein Weichtier lauert, es aber nicht sehe. Unendlich auf der Hut trank ich erst mal Kaffee, und plötzlich, oh Graus!, fiel mein Blick auf das von Dreck opake Glas der Balkontür - eine wasserklare, gewundene Spur bis ganz oben liess eine trübe Scheibe Sonnenstrahl auf den Teppich fallen. Selten hat mich ein Entsetzen so versteinert. Vollkommen absurd, dass das Vieh so weit gewandert war wie man auf diesem Balkon nur kann - zuerst ganz rüber, dann ganz rauf, geometrisch länger geht nicht -, mit Ehrenrunden und allem, wie die Schnörkelspur bewies. Eine sinnlose, bizarre Anstrengung. Als ich wenigstens wieder zittern konnte, klaubte ich Herrn Bandhäuser vom Türrahmen. Er klebte mit einer Vehemenz, die mich wütend machte. Beinah hätte ich ihn mit dem Meissel wegspachteln müssen. Raus mit ihm! In derselben Nacht gingen wir beide ganz hoch hinaus; diese Geschichte war zuende. Ich glaube, er war einverstanden, als ich ihn im Gebüsch neben den Briefkästen zurückliess wie Hänsel & Gretel. Vermutlich hat ihn der nächste Schuh erwischt, vielleicht hat ers sogar bis unter Räder geschafft, denn ich habe ihn nie wiedergesehen, obwohl ich mit Aortenklemmen nach ihm Ausschau hielt, wann immer ich kam und ging. Er wäre ohnehin in der ersten Frostnacht gestorben. Sogleich putzte ich auch dieses Balkonfenster und warf den Putzlappen weg. Die Spur machte mich völlig kirre. Dieses Zittern!
Adieu ... Hoffentlich bist Du gut gestorben, Herr Bandhäuser, das war ein merkwürdiger Sommer mit Dir, so ... ambivalent.

Addendum: Heute in der Ramschkiste erstöbert: Calvino, "Das Schloss, darin sich die Schicksale kreuzen"; Eliade, "Das Mädchen Matreyi"; Brentano, "Godwi" - zum Preis von Fr. 9.- gleich drei Mahlzeiten. Sowas ist mir in dieser Buchhandlung noch nie begegnet. Banzai!

9
Mrz
2009

Apollo 5XII, tödlich Regen, Kugelfisch

"Apollo lächelt dir zu", schrieb mir der Pneumatologe Athenaeus. Was er jedoch verschwieg: dass Apollo der einzige ist. Was also nützt mir das konkret?! Es heisst, von allen barbarischen Waffen sei der Kompositreflexbogen der Hunnen die tödlichste gewesen, noch vor dem Keltischen Schwert und der hinterlistigen Franziska, die man auch auf den Boden schleudern konnte anstatt direkt auf den Gegner, wodurch sie zum unberechenbaren Querschläger wurde. Nur einen Feind musste der Hunnenbogen fürchten: den Regen, der den Leim zwischen Holz und Horn aufweichte. Du lagst im Fieber, schlotternd in Deinem eigenen Saft, die Beine trugen Dich nicht und ich schämte mich, dass ich es versäumt hatte, die blutigen Laken der Lazarettpritsche zu wechseln (mein Blut). Sowie ich mich anschickte, dies nachzuholen, faselten sie, Deine alexandrinischen Ärzte: aber das ist doch nicht nötig, ist nicht nötig. Dein Blick schwamm. Und ob es nötig war! Wenn ich einmal so reich bin, wie ich es verdiene (und Du genesen), dann lade ich Dich in die angesagteste Fugu-Spelunke ein. Man kann davon scheintot werden, bei vollem Bewusstsein in die Grube gelassen, gelähmt, ausgeliefert, und so ist es, mit Kugelfischen, die sie "Meereskröten" nennen, dass die Hexenmeister auf Haiti Zombies herstellen zum eigenen Ruhme. Sechs Tage und sieben Nächte beobachtete ich den flackernden Horizont, die Rauchsäule, ohne Schlaf, dort hinter dem Hügel brannte Rom. Die Händler durften nur nachts ihre Fuhrwerke entladen, das hatte ich nicht gewusst, und auch nicht, dass die Häuser in den Elendsvierteln wie überdüngte Pflanzen zu sieben oder acht Stockwerken anwuchsen, und vier Fünftel fremde Zungen. Schau nur! Es brennt. Ach sagtest Du mir einmal, dass ich bin! Der Kontrolle verlustig. So wie Du mich siehst in meinem erschütterten Heidentum (in Deinem Delirium), heilig, mächtig und müde.

28
Jan
2009

keep fast charm 5XII behind schedule

Das Totennest verlassen und ausgeflogen habe und bin ich, die Chronistin des Hygienischen Epischen Sterbens, und bezahle nun wie immer bereitwillig in einer Währung härter als Adamant, Blut- und Gallentribut cholisch cash auf die Theke. Deine halbe Zehnerschaft hatte halbstramm exerciert, diszplinloser Haufen, und so gewannst Du den Krieg ganz allein, das Oberkommando auf einer bewundernswert agilen Zungenspitze balancierend. Deine Hände weiss, so herzerweichend weiss in dem goldnen bordeaux bordürten Licht. Distant, unmerklich verrutscht mikrometrisch verschoben, grains de chagrin, ohne dass ich wüsste wie und wohin, als wäre Dir etwas entglitten, hätte Dich etwas verschwemmt, hinter Dir das Negativ einer Silhoutte, eine flirrende Leerstelle wie von einem geopferten Stier, der auf keiner Weide keines Zeitalters jemals stand. Aus verdichteten gärenden Schichten der kompostierten Erschöpfung brach ungescheckte reinste Kraft empor und ein Ryhthmus der Ruhe, der nie aus dem Tritt gerät, den Vakuen zum Hohn. Du schriebst mir zweimal den Ort und nicht die Zeit. Das heisst noch nicht, dass Du mich mitnimmst, nur dass Du mit mir teilst (und mich zerteilst in altvordere Provinzen) (ich lachte sehr!). Erkennst Du mich denn nicht?! Wandle ich gestalt? C!!! Du hast in jeder Stadt ein ganzes Alphabet, das hätte ich natürlich wissen müssen! Ich nadle mir jetzt die Finger wund an einem Voodoo-C. Aber gar nicht widerwillig hieltst Du mir die Satteltasche hin, um meine Büchse Kondensmilch anzunehmen. Warum entschuldige ich mich dafür? Das muss ich nämlich nicht. Meine Gegenunwart! Erneut liess ich den blauweisskarierten Beutel stecken ... Zieh Dir Dein Deck ein andermal, und erzähle mir dann auch: habe ich Adieu gesagt? Oder hab ich es wieder versäumt, Dir einen keep-fast-charm zu sprechen? Jedesmal reisst mir der Film an dieser Klimax, eine fadengrade Amnesie bezüglich meiner befürchteten Unhöflichkeit. Dabei würd ich so gerne Eindruck schinden mit fin-de-siècle-Eleganz, zumal bei Dir. Hätt ich doch ein wenig Schneid! (Ich brauch jetzt eine Zigarette.) Wieder nicht vollends gemeistert, die schwere schwere ewige Übung: sich zur offnen Schale wölben und nichts erwarten und heiteren Muts nachher von der Leere trinken. Ach, ich bin noch so ungeschickt darin, den poetischen act® nach Meister h.c.a. in natura eloquent und kontrollierten Affekts auszuagieren! Ihn auszuhalten überhaupt. Gute Reise, Du seltner Komet. Bieg Deine Ellipse bald wieder hierher! Einen Regenbogen auf den Weg (sagte ich nicht, ich sei ein Schweizer Gardist?): T. die Skrithifinenfürstin

19
Dez
2008

Dem Ritter einen Reisesegen

Deine Sohlen entschwanden am Himmel, während ich so tat, als ob ich schliefe. Noch immer, wenn ich Deine Füsse von unten sah, ahnte ich, dass Du unsterblich bist. Weit wirst Du kommen, und wenn Du Dir keine Richtung auferlegst, dann Irgendwohin, auch da aber ohne jemals anzukommen. Du musst darauf gefasst sein, dass einige von uns Dir nicht werden folgen können. Weisst Du noch, wie Du den Bruchmoment verpasstest, als das Schwein ins Wasser fiel? Das war ein Exempel. So geschehen die Dinge. Was haben wir gelacht! Das Bedürfnis, die Schuhe auszuziehen, bevor ich das Dorf betrat, war nagender als der Hunger und verzehrender als das Begehren. Du stelltest mich den Ahnen vor. Ich stolperte über fünf frische Grabhügel, zwei lange und drei kurze, bereits mit Gras bewachsen nur nach Tagen. Die Familie, die sich vergiftet hatte aus Armut, war kreuz und quer über die Wege begraben worden, weil kaum Platz blieb auf dem pi-dimensionalsten Friedhof, den ich je hörte (die Vögel. Molle. Eukalyptus). Auch so geschehen die Dinge. Wir wanderten nie weit genug. Alle paar viertelstundenlang fragte ich Dich, ob Du eine Weile reiten wollest. Aber Du sagtest, das Pferd tue Dir leid. Dabei hast Du in Kindertagen Pferde "geliehen", um einige Dörfer weiter illegal ins Kino zu gehen, corazón ambivaliente! Abends beim Bier dann erzähltest Du Deinen Freunden, diese Frau habe Dich verdammtnochmal neun Stunden hinter ihrem Pferd herkeuchen lassen! Und nach Mitternacht, beide längst ertrunken im Bier, versprachst Du, dass Du meinetwegen "durch den ganzen Ozean schwimmen" würdest usw. (wenn es sein müsste?!), was habe ich geweint. Abgekarteter Quatsch! Das kann man zu einer Frau sagen, die so alt und abgezäht und ausgezählt ist wie ich; es würde mich jetzt übrigens erheitern. Diejenige von damals vertrug das nicht. Sie glaubte allen Ernstes, ein Mann könne und müsse gerettet werden (irgendwie), und eine Frau könne das und müsse es womöglich. Ah, es gibt bessere Arten, das Herz zu verschwenden, nicht wahr? Nie haben zwei einander so gründlich auf den Keks gefühlt wie wir. Und mehr. Die Tüten mit den Wundern, die Säcke mit dem Lachen, die Wunden in Geschenkpapier! Narben mit Klettverschluss, die wir uns dorthin kleben können, wo sie am wenigsten schmerzen und am heroischsten aussehen. Wir wollen ja immer auch, geben wirs nur zu, diejenigen beeindrucken, die ausserhalb unseres Dunstkreises leben. Ich wünsche Dir, Vitucho, eine glückliche Reise, mögest Du suchen, Biscochito, was Du gern finden würdest. Tu nicht so, als ob Du es nicht wüsstest! Oh, und über die Verdauung in Amsterdam reden wir noch; aber nicht über die Fossilientasche. Und vergiss bitte nicht, die Gebrauchsanleitung fürs polvo llama plata rüberzufaxen.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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Ach sooooo! Das ist aber...
Ach sooooo! Das ist aber seltsam (bzw. wiederum mir...
La Tortuga - 6. Nov, 20:39
das bezog sich auf diese...
Leute, die gegen Charme, Charisma, Intelligenz, Humor...
tja - 6. Nov, 15:59

Hohler Stein steht den Tropfen.

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