Fremdefedern

31
Okt
2009

Die Dimensionen der Hölle

Franciscus Ribera, in cap. 14 Apocalyps., will have hell a material and local fire in the centre of the earth, 200 Italian miles* in diameter, as he defines it out of those words, Exivit sanguis de terra . . . per stadia mille sexcenta [blood came out of the earth for 1,600 furlongs**], etc. But Lessius, lib. 13 de moribus divinis, cap. 24, will have this local hell far less, one Dutch mile*** in diameter, all filled with fire and brimstone; because, as he there demonstrates, that space, cubically multiplied, will make a sphere able to hold 800,000 millions of damned bodies (allowing each body six foot square****), which will abundantly suffice; cum certum sit, inquit, facta subductione, non futuros centies mille milliones damnandorum [since it is beyond question that, after proper substraction is made, there will not be 100,000 millions damned].

Robert Burton: The Anatomy of Melancholy, Second Partition (The Cure of Melancholy) - Air rectified. With a digression of the Air



Sternchen von mir eingefügt. Damit man sich das mal vorstellt:

* italienische Meile: ca. 1,85 km (x 200: Höllendurchmesser 370 km)
**furlong: "Furchenlänge", 201,17 m (x 1'600: fast 322 km lange blutende Erdwunde)
*** holländische Meile: ca. 5,84 km (knapp 6x mein Schulweg als Höllendurchmesser)
**** Quadratfuss: ca. 0,09 qm (6 Quadratfuss: etwas mehr als ein halber Quadratmeter für jeden verdammten Körper)

claustrophobia!!!

30
Sep
2009

Robinsons gescheiterte Beziehung mit sich selbst

Die heutige Robinsonade beim Turmsegler bewiegt mich dazu, auch gleich ein paar Worte zu diesem Urschiffbrüchigen zu verlieren. Es ist wahr, man kann den Robinson Crusoe einfach nicht zuschlagen, ich glaube, vor allem deshalb, weil das Buch ein einziges Ärgernis ist (ich für meinen Teil rege mich extrem gern und sehr lustvoll auf).
Szenario: Jemand kriegt einfach so gratis und franko einen Dauerurlaub, mehr noch, eine ganze Insel geschenkt. Meer und Sonne, genug Wasser und Frass, Ruhe vor dem menschlichen Gewusel, kein Beziehungsstress, kein Chef, keine Steuererklärung weit und breit. Dieser Auserwählte könnte jetzt eine ruhige Kugel schieben und hätte allen Anlass, der glücklichste Mensch zu sein.
Was aber tut der Mann? Er grämt sich, weil keiner da ist. Er fürchtet sich davor, dass sich einer zu ihm gesellen könnte. Er arbeitet rund um die Uhr, obwohl die tägliche Futterbeschaffung allerhöchstens ein Halbtagesjob wäre. Aber nein, er kann einfach nicht raus aus seinem tiefsitzenden Kapitalistenarbeitsethos. Und woran arbeitet er so hart? Die meiste Zeit spitzt er immer noch fettere Palisaden und baut noch höhere Zäune, pflegt seine Waffen und wundert sich dabei, dass ihn niemand besuchen mag, sieht ja so gastfreundlich aus, seine spröde Behausung. Er möchte von der Insel weg, glaubt er; aber den massiven Hochseekahn zimmert er am küstenfernsten Punkt der Insel und wundert sich dann masslos, dass er nicht vorher darüber nachdachte, wie das fertige Vehikel denn vom Stapel laufen soll. Kann mir doch keiner weismachen! Die Wahrheit ist, er will gar nicht weg (er wäre ja blöd!). Er kann nicht aufhören, die Zeit zu messen, was in dieser Lage gänzlich absurd ist, hat er doch das Paradies zu Lebzeiten erreicht.
Robinson liefert das präzise Psychogramm dieses weitverbreiteten Menschentypus, der einfach nicht allein sein kann und mit sich selbst absolut nichts anzufangen weiss. Er lebt lieber in miserablen Beziehungen als in gar keinen. Er schiebt die ganze Verantwortung seiner eigenen Zeitverbringung und Inspiration auf die Mitmenschen. Er ist bedauernswert phantasielos. Selbst in 28 Jahren lernt er nicht, mit sich selbst in Beziehung zu treten (was meines Erachtens eigentlich erst die Voraussetzung wäre, um Beziehungen mit anderen zu führen - denn es ist zerstörerisch, jemanden zu brauchen und gebraucht zu werden). Dementsprechend armselig entwickelt sich nachher die "Freundschaft" zu Freitag. Lieber spricht Robinson mit einer vagen Entität namens Gott als mit dem einzigen Menschen aus Fleisch und Blut, sich selbst.
Hat sich Robinson in seinen langen Ferien erholt? Hat er die Ruhe genossen? Hat er eine Strategie entwickelt gegen die Einsamkeitsdepression, die selbst Eremiten aus Leidenschaft hin und wieder heimsucht? Hat er irgendetwas Schönes geschaffen auf der Insel? Hat er je Einmanntheater am nächtlichen Strand gespielt? Nein. Nein. Nein. Nein. Auch nicht. Er hat keinen Ziergarten angelegt, es gibt kein liebevoll ausgestattetes Gästezimmer (also keine echte Hoffnung auf Besuch?), nicht mal für sich selbst hat er etwas Schönes hergestellt. Nirgendwo ein Ornament. Keine Blumen, keine hübschen Kieswege, kein Altar. Er hat keine Genussmittel und Gewürze angebaut und kein kunstvolles Geschirr getöpfert. Er ging sicher nicht zur Freude schwimmen, sondern nur, um sich zu waschen. Er hat keine Girlanden geflochten, keinen Schmuck getragen, keine Heilmittel, keine Solitairespiele und keine neuen Ziegenrezepte erfunden (ich frage mich, ob er überhaupt jemals masturbiert hat). Nie hat er sich nach Kunst gesehnt, obwohl seine Grundbedürfnisse befriedigt waren. Land-Art-Projekte wären ihm nicht eingefallen. Er hat sich nicht im Geringsten um Schönheit bemüht. Nicht ein Funken Lust, Alberei und Sinnlicheit war in diesem traurigen Mann. Alles was er tat, war nur nüchtern funktional und effizient (bis auf die nutzlosen Palisaden, die aber nicht eben zum Schönerwohnen beitragen). 97% Notwendiges (davon einiges abverreckt), 3% Nützliches, rein nichts Nutzloses und Schönes. Ich würde fast meinen, Robinson hat noch nicht einmal etwas gelernt ausser ein bisschen Handwerk, und dass Hochseewerften besser direkt am Meer liegen sollten.
Bezeichnend finde ich auch diesen Ausschnitt des vom Turmsegler zitierten FAZ.NET-Artikels (Quelle dort):

Die Chronik der achtundzwanzigjährigen Gefangenschaft ist ein unerhörter Vorgang, der aus fast nichts als Alltäglichkeit besteht. Wie sollte es auch anders sein, bei einem Buch, das in zwei Dritteln seines Umfanges jegliche Sozialität ausschließt?

Offenbar wird ganz allgemein davon ausgegangen, dass es eine Sozialität mit sich selbst gar nicht gibt. Man ist selbst also niemand, oder zumindest niemand, der der Mühe wert wäre, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Daher rührt wohl diese krankhafte Sucht nach ständiger Gesellschaft, Unterhaltung und vollem Programm. Dazu kommt: man kann sehr wohl in innigster Sozialität stehen zu abwesenden Personen. Selbst zu solchen, die man noch gar nicht kennt, die aber jederzeit zu Besuch kommen könnten.
Die Spannung in Defoes Robinson liegt darin, dass man ständig darauf wartet, diesem Pflock möge endlich der Knopf aufgehen. Eine Vision, ein Aha-Erlebnis. Die Frustration nach der Lektüre ist total.

An dieser Stelle sei wiedermal auf den Schweizer Robinson hingewiesen. Auch dieses Buch ist ein Ärgernis sondergleichen. Betulich, moralinsauer, staatstragend durch "Familie über alles", unbedingten Glauben und Fernwehpatriotismus (Schweizer Kolonialismus, iiihh!), vor zweifelhaften Werten nur so strotzend und einigermassen schlecht geschrieben. Dem geforderten Sozialitätsfaktor wird Rechnung getragen, indem eine ganze Familie strandet. Aber zumindest schwelgen diese Schiffbrüchigen des öfteren und tun manche phantastische Werke. Nun ja. Diese Insel hat in Sachen Flora, Fauna und Diversität der Landschaft auch ein klein bisschen mehr zu bieten als Robinsons Eiland.

18
Aug
2009

Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut

postmann
Martin von Arndt: Der Tod ist ein Postmann mit Hut.
Klöpfer & Meyer, erscheint Ende August 2009.
ISBN 978-3-940086-37-2 7


Yeaaaahhuuuudihuuiii! Wenn meine Grümscheli-Buchhandlung jetzt nicht sofort ein ganzes Fenster damit füllt und das Kaff mit LITERATUR versorgt, dann stecke ich die Ramschkiste mit dem Sternzeichenplunder in Brand!
In diesem Buch werden nämlich endlich alle geheim-verwickelten Postmannen-Phantasien ohne Tabu aufgegriffen. Unter anderem. Viel anderem. Schichten, sorgfältig übereinandergefaltet und divers gestempelt. Nichts für faule Nerven... Mal sehn, wer sich nach der Lektüre im Morgengrauen noch allein zum Briefkasten traut!
Mehr sage ich natürlich erst, nachdem auch wir südlichen Provinzler in den Genuss einer Lesung incl. Signierstunde gekommen sind (falls uns Qaddafi nicht wie versprochen ausradiert, heisst das; dann bombt er aber dummerweise sein eigenes Buch weg, das noch auf meinem Nachttisch liegt, solange ich auf den Postmann warte).

13
Jul
2009

Postkarte aus Macondo

Das einzige was uns Europa gebracht hat, ist der Aristotelismus, und den brauchen wir eigentlich nicht.

Gabriel García Márquez



Da stand noch einiges mehr, und es hatten noch ein paar andere unterschrieben (darunter ich selbst, obwohl ich nicht dabeigewesen war), und manches konnte ich gar nicht lesen, und der Poststempel war auch verschmiert, aber das Wichtigste steht ja oben. Hauptsache, irgendwer kann Ferien machen und schreibt mir mal. Postkarten machen Fröid und wahre Worte selten auch.

Addendum nach Zubereitung des Tomatensalats (Augenwaschung durch Zwiebelschneidung): Das hier konnte ich nun auch noch entziffern!:

Ich will frei sein, auch auf Kosten aller nur erdenklichen Opfer. Wenn es um Freiheit geht, fühle ich mich manchmal jener schrecklichen Lächerlichkeit preisgegeben, wie sie ein Kind erfährt, das sich den Löffel in die Nase steckt.

César Vallejo

3
Jul
2009

64 Künste

Gesang, Instrumentalmusik, Tanz, Zeichnen, Ritzen von Umrissen in Blätter zum Bemalen der Stirn, Anfertigen verschiedener Muster aus Reis und Blumen, Streuen von Blüten, Färben von Zähnen, Gewändern und Körperteilen, Fussbodenschmücken mit (eingelegten) Juwelen, Herrichten einer Lagerstatt, Wassermusik, Wasserspritzen (als Spiel), wundertätige Praktiken, die Arten des Kranzwindens, das Anbringen von Stirn- und Kopfschmuck, Wahl der (passenden) Garderoben, Arten des Ohrschmückens, Parfümzubereitung, Anbringen von Schmuck, Erlernen von Zauberkunststücken, Kucumāra-Praktiken, Handfertigkeit, Zubereiten verschiedener Arten von Gemüse, Brühen und (anderen) Gerichten, Herstellen von Getränken, Säften, Würztränken und Likören, Näh- und Webarbeiten, Fadenspiel, Komponieren und Spielen von Musikstücken auf der Laute und der Trommel, Komposition und Lösen von Rätseln, Rezitationsspiele, Hersagen von Zungenbrechern, Vorlesen aus Büchern, Kenntnis von Schauspielen und Erzählungen, Vervollständigen der Zeilen eines Gedichtes, Flechten von Bändern und Bambus, Drechseln, Zimmern, Kenntnis von Architektur, (Echtheits-) Prüfung von Silber, Metallurgie, Kenntnis von Juwelen, Farben und Mineralien, Praktiken der Baumpflege, Veranstalten von Widder-, Hahnen- und Wachtelkämpfen, Sprechdressur von Papageien und Predigerkrähen, Geschicklichkeit im Einreiben, Massieren und Frisieren, Erzählen mit Hilfe der Fingersprache, die Arten von Geheimsprachen, Kenntnis der Provinzdialekte, Herrichten von Blumenwagen, Kenntnis der Vorzeichen, des Alphabets der Diagramme, der Gedächtniskunst, gemeinsames Rezitieren, in Gedanken (erfolgendes) Abfassen von Gedichten, Kenntnis der Lexikographie, der Metrik, der literarischen Arbeit, Arten der (Verstellung durch) Gestikulation, Verkleidungen, Arten des Glücksspiels, Würfelspiel, Arten der Kinderspiele, Kenntnis der Wissenschaften von den Anstandsregeln, Strategien und Leibesübungen - das sind die 64 Wissensgebiete, welche Glieder des Kāmasūtra sind.

Mallanāga Vātsyāyana: Kāmasūtra. Erster Hauptteil, drittes Kapitel (Darlegung der Wissenschaften), 15. sūtra. Übersetzung von Klaus Mylius.



Keine Chance!!! Muss ich mich allen Ernstes um eine Wiedergeburt bewerben, um nicht ständig von vorn anfangen zu müssen? Wieso deprimiert mich das jetzt?! Dieser scham- und masslose Anforderungskatalog könnte doch genausogut von mir stammen. Ja, mindestens soviel erwarte ich (farb-quantitativ und phantast-qualitativ) von Anderen, vor allem aber von mir selbst (wohl deshalb kann ich noch immer rein gar nichts). Also nennt mir mal einen, der alle nötigen Talente hätte, und der so bunt und breit wäre, um sich überhaupt für all das zu interessieren, geschweige denn so tief, wenigstens 28 Künste zu erlernen (ich glaube das ist es, was mich deprimiert)! Auch wenn ich die Schwerpunkte ein klein wenig verschieben würde: etwas weniger Tussi-Kram (das ganze Klamotten-, Schmuck- und Parfüm-Tamtam könnte man doch unter einer einzigen Wissenschaft zusammenfassen), dafür mehr Handfestgemütliches, wie die Kunst des Schlachtens und des Feuermachens oder die Auffindung und Entfernung von Zecken. Das Gemüse muss natürlich raus, sonst würgt man ja immer noch, wenn man bald darauf zum Kapitel über die Umarmungen kommt. Fleisch eröffnet da ganz andere Dimensionen. Dann möchte ich dem Lehrmeister noch ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel, ob das Anbringen von Kopfschmuck an Kühen und die Echtheitsprüfung von Dollarscheinen auch gilt (diese beiden Dinge kann ich nämlich, immerhin!!), ob man die Wassermusik selber erfinden darf und ob zum Färben der Zähne auch Coffein, Tein und Nikotin zugelassen sind. Aber ich glaube schon. Vātsyāyana ist ja sehr kulant, letztlich verweist er immer darauf, dass man nach eigenem Ermessen entscheiden und die Regeln nicht zu starr interpretieren sollte. Überhaupt alles so pragmatisch und entspannt. Ich werde alt (oder wurde ich schon zigmal wiedergeboren, jedesmal reset?!).

26
Mai
2009

Zweimal kremieren, bitte

Jede Lebensphase ist eine Bearbeitung, die die vorangegangenen korrigiert und in der Folge ebenfalls korrigiert wird, bis das Ende erreicht ist, das der Bearbeiter den Würmern präsentiert.

Machado de Assis, zitiert von Alberto Manguel in: "Tagebuch eines Lesers"


Hullalla!

@Senhor de Assis: Kuhl! Noch ein Argument für die Feuerbestattung. Meine Verschlimmbesserungen mag ich nicht mal den Würmern vortraben. Das Problem mit dem Krematorium ist bloss, dass der Ofen genau so gebaut ist wie ein Computertomograph. In letzterem wäre ich beinahe vorzeitig abgelebt wegen der Klaustrophobie - die war so unerträglich grausam! Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir das nichts mehr anhaben könnte, und wäre ich noch so tot.

@Señor Manguel: ein schönes, feingesponnenes Buch mit vielen wunderlichen Denkanstössen und einigen Leseempfehlungen mit Geheimtippcharakter. Dennoch (es liegt nicht an Ihnen!): mit einem Schlag habe ich es so pappsatt, immer und immer wieder zu hören, haaaach, die Bücher!!, wie sie meine Kindheit geprägt und meine Phantasie wachgeküsst und meine Leiden erträglicher und mich überhaupt intelligenter gemacht haben, und wie sie mir jetzt Trost spenden und Erkenntnis einträufeln und Fragen auftürmen! Natürlich erging es mir ebenso, und ich gestehe, ich habe an diesem Quatsch auch schon zur Genüge mitgetan. Ganz plötzlich kotzt mich dieses Gesülze gewaltig an - man liebt Griessbrei mit Zimt, aaaber: nur ein einziger Löffel zuviel, und man kann ihn für den Rest der Zeit nicht mal mehr riechen, ohne dass es einem den Magen umstülpt. Es ist nun mal so, dass es vielleicht 15% aller Menschen so mit Büchern ergeht (Krankheiten, die als extrem häufig gelten, betreffen 2% der Bevölkerung, darüber mag keiner mehr was hören) - es ist obsolet und belanglos und langweilig, noch länger darüber zu schwadronieren. Es ist auch ein Sich-Aufspielen, a) vor anderen Lesern und b) vor den 85%, die von Bäumen oder Wasser oder Flugzeugen oder Streichhölzern oder einem Saxophon zum Leben erweckt wurden. Dazu kommt ausserdem, dass diejenigen Bücher (manchmal ist es ein einziges), die einen wirklich irreversibel aus dem Orbit geschleudert haben, viel zu intim sind, um sie presizugeben. Das wäre ja so, als würde man die Erste Liebe - oder schlimmer, die einzige Wahre Liebe - bei e-bay verscherbeln. Ich bin überzeugt, dass auch Sie rein gar nichts öffentlich enthüllt haben. Darum war diese Lektüre für mich - bei aller Schönheit - absolut überflüssig. Sie dürfen es (bitte bitte!!) nicht persönlich nehmen, es ist reiner Zufall, dass gerade Ihre Vor-der-ganzen-Welt-Leserei der eine letzte Löffel Griessbrei war.

Aber eine Bemerkung kann ich mir nicht verklemmen (Sie können das schultern): Ist es nicht insgesamt ein bisschen billig? Meine Notizen eines Jahres in Buchform wären nicht weniger interessant (und ebensowenig von allgemeinem Interesse) wie die Ihren. Das Aussortieren, Zusammenstellen und Überarbeiten wäre ein Spaziergang im Gegensatz dazu, einen Roman oder ein Sachbuch zu überarbeiten. Und ich für meinen Teil würde nicht einen Viertel der Arbeit auf die Zitierten abwälzen (kriegten die noch Lebenden Tantiemen?!). Es wäre schon sexy, meine ganz private Passion oder Sucht, wie man will, ein paar Millionen Mal zu verkaufen - Sie können das, weil Sie sich Ihren Ruhm hart erarbeitet haben. Das ist ja okay. Aber trotzdem. Wenn es ein wirksames Plädoyer für das Lesen wäre, sähe es anders aus; allein, Sie erreichen damit nur die 15%, die schon immer gelesen haben, somit ist es kollektive Masturbation einer rändlichen (aber doch legionären) Bevölkerungsgruppe.

Oder war es doch eine notwendige Lektüre?: mir wurde bewusst, dass ich über meine persönliche Lesensgeschichte höchstens noch mit denen reden sollte, die explizit danach fragen. Und dass ich mir die Ohren zuhalten muss, wenn ein anderer davon anfängt, es sei denn, ich hätte danach gefragt. Alles in allem, auf jeden Fall danke! Kaufen Sie sich eine Flasche Wein von dem Ertrag meines Exemplars (29 weitere müssen Sie dazunehmen; doch, ich gönne es Ihnen!).

16
Apr
2009

Kompendium der Religionen

Ich weiss nicht, wann und wo mir das über den Weg lief (ich glaube zu der Zeit, als ich nach dem Kirchenaustritt als "dissident" in die Annalen der politischen Gemeinde einging), geschweige denn, wer es geschrieben hat. Die Liste ist jedoch so anschaulich, dass man sie zitieren muss.


Close-to-complete Ideology and Religion Shit List

• Taoism: Shit happens.
• Confucianism: Confucius says, "Shit happens."
• Buddhism: If shit happens, it isn't really shit.
• Zen Buddhism: Shit is, and is not.
• Zen Buddhism #2: What is the sound of shit happening?
• Hinduism: This shit has happened before.
• Islam: If shit happens, it is the will of Allah.
• Islam #2: If shit happens, kill the person responsible.
• Islam #3: If shit happens, blame Israel.
• Catholicism: If shit happens, you deserve it.
• Protestantism: Let shit happen to someone else.
• Presbyterian: This shit was bound to happen.
• Episcopalian: It's not so bad if shit happens, as long as you serve the right wine with it.
• Methodist: It's not so bad if shit happens, as long as you serve grape juice with it.
• Congregationalist: Shit that happens to one person is just as good as shit that happens to another.
• Unitarian: Shit that happens to one person is just as bad as shit that happens to another.
• Lutheran: If shit happens, don't talk about it.
• Fundamentalism: If shit happens, you will go to hell, unless you are born again. (Amen!)
• Fundamentalism #2: If shit happens to a televangelist, it's okay.
• Fundamentalism #3: Shit must be born again.
• Judaism: Why does this shit always happen to us?
• Calvinism: Shit happens because you don't work.
• Seventh Day Adventism: No shit shall happen on Saturday.
• Creationism: God made all shit.
• Secular Humanism: Shit evolves.
• Christian Science: When shit happens, don't call a doctor - pray!
• Christian Science #2: Shit happening is all in your mind.
• Unitarianism: Come let us reason together about this shit.
• Quakers: Let us not fight over this shit.
• Utopianism: This shit does not stink.
• Darwinism: This shit was once food.
• Capitalism: That's MY shit.
• Communism: It's everybody's shit.
• Feminism: Men are shit.
• Chauvinism: We may be shit, but you can't live without us ...
• Commercialism: Let's package this shit.
• Impressionism: From a distance, shit looks like a garden.
• Idolism: Let's bronze this shit.
• Existentialism: Shit doesn't happen; shit IS.
• Existentialism #2: What is shit, anyway?
• Stoicism: This shit is good for me.
• Hedonism: There is nothing like a good shit happening!
• Mormonism: God sent us this shit.
• Mormonism #2: This shit is going to happen again.
• Wiccan: An it harm none, let shit happen.
• Scientology: If shit happens, see "Dianetics", p.157.
• Jehovah's Witnesses: Knock Knock; Shit happens.
• Jehovah's Witnesses #2: May we have a moment of your time to show you some of our shit?
• Jehovah's Witnesses #3: Shit has been prophesied and is imminent; only the righteous shall survive its happening.
• Moonies: Only really happy shit happens.
• Hare Krishna: Shit happens, rama rama.
• Rastafarianism: Let's smoke this shit!
• Zoroastrianism: Shit happens half of the time.
• Church of SubGenius: BoB shits.
• Practical: Deal with shit one day at a time.
• Agnostic: Shit might have happened; then again, maybe not.
• Agnostic #2: Did someone shit?
• Agnostic #3: What is this shit?
• Satanism: SNEPPAH TIHS.
• Atheism: What shit?
• Atheism #2: I can't believe this shit!
• Nihilism: No shit.
• And of course we must add ... Alcoholics Anonymous: Shit happens one day at a time!


Das muss ich allerdings um meinen eigenen spirituellen Weg ergänzen:

Poetryism: Cherish, ye Poets, every creature's Shit, for our Blue Flower feasts on it! (Shit. It's junk verse, isn't it ...)

31
Mrz
2009

Lehrbuch für plastische Chirurgie

Der beratende Redner muss alle Staatsformen kennen und unter anderem wissen, durch welche "inneren Faktoren" Verfassungen zerbröseln können, so wie beispielsweise eine Demokratie sowohl durch zu geringen Druck als auch durch Überspannung vor die Hunde gehen kann.

Zitat:
Es ist so wie bei der Haken- und Stupsnase: Nicht nur durch Nachlassen der Krümmung erlangt sie eine ausgeglichene Proportion, sondern durch Steigerung der jeweiligen Krümmung mutiert die Nase zu einer Form, die sie gar nicht mehr wie eine Nase aussehen lässt.

Aus: Aristoteles, Erstes Buch der Rhetorik

15
Mrz
2009

Markus A. Hediger: Das TamTam Grand Hotel

tamtam
Markus A. Hediger: Das TamTam Grand Hotel.
edition taberna kritika, 2008. 130 S., ISBN: 978-3-905846-04-1


"Wenn du einen Spiegel zerschlägst und du dich darin nicht länger siehst, heisst das doch nicht, dass du aufgehört hast zu existieren, oder?"


Lieber Markus. Wie versprochen, wenn auch spät. Du weisst ja, dass bei mir alles sein Weil hat. In diesem Fall wollte ich sogar bewusst etwas Zeit verstreichen lassen, um Dein Buch neu zu lesen. Rezensionen, auch das weisst Du, sind nicht das Meine. Mir ist ein Brief lieber.
Zwei Ereignisse sagten mir, dass es nun Zeit war für die Relektüre: Beim Wechseln der Bettwäsche stand ich plötzlich in einem Blizzard. Mein Daunendeckbett, wohl mehrere Dekaden alt, ist in Auflösung begriffen. Milliarden Federn flogen! Und ein feiner weisser Staub, vermutlich Zersetzungsprodukte von Vogelmilben, wirbelte umher und setzte sich nur langsam. Auf einmal wurde mir klar, dass meine nächtlichen Erstickungsanfälle nicht vom Rauchen und auch nicht vom Kummer herrühren, wie ich mir bisher eingeredet hatte, sondern in direktem Zusammenhang stehen mit dem Umstand, dass ich diesen Winter wie nie zuvor an den Hintern gefroren habe. Auch das zweite Ereignis war eine Folge meiner Hardcore-Notsparerei: eine Kerze, die ich aus bereits zigmal recyclierten Wachsresten gegossen hatte, explodierte. Das Wachs entzündete sich, der ganze Tisch schien lichterloh zu brennen, in Zeitlupe zogen sich krachend Risse ins Laternenglas, bevor es mit einem Knall in drei Teile zersprang.

Mein Schlafzimmer eine Volière! Federn, Vögel! In meiner Küche Schüsse wie in den Strassen Rios! Wie bei einem Showdown in einem gespenstischen Hotel.
Ja, es war Zeit. Ich las Dein TamTam Grand Hotel wie zum ersten Mal.

Einen Teufel werd ich tun und zusammenfassen, interpretieren, urteilen. Wer nicht selber liest, ist selber schuld (und in Sicherheit). Wer liest und dann nicht erschüttert vor den Spiegel tritt, sich nicht sofort das (linke oder rechte?? Markus!!) Hosenbein hochkrempelt und nach Narben sucht, der hat nichts begriffen. Das TamTam bleibt mir unbegreiflich! Wie kann jemand, der zwei oder drei in einem ist, die eigene Beerdigung verpassen?!, naja, in gewisser Weise? Wann hast Du Bruna Lombardi und Rubem Fonseca erfunden, vor oder nach dem Buch (wie mir scheint, sind sie in Brasilien berühmt)? Oder sie Dich? Oder steckt Mandrake hinter dem Urheberrecht? Bin ich es, die in Schachtelhaft sitzt? Glaube ich an Gott, und wenn nein, wer glaubt an mich? Während Du noch am TamTam arbeitetest und unsere Diskussion durchaus theologische Dimensionen annahm - es war mir eine Freude dabeizusein, und es hat mich beflügelt - kam es mir so vor, als würde ich neben Dir (oder einem Deiner (?) Protagonisten) auf jener Treppe in Flagstaff sitzen; manchmal war mir unheimlich zumute, und jeder Leser wird an der Stelle den Spiegel fallenlassen. Dabei lag zwischen uns der halbe Globus, und eigentlich könnte ich physikalisch gesehen nicht schwören, dass Du existierst (ist ein Buch ein Beweis, oder wenigstens ein Indiz?). Aber ich schwöre! Unter anderem sehe ich das am letzten Kapitel. Es sitzt.
Und das TamTam mir im Nacken. Ich hatte gehofft, diesmal vorbereitet zu sein und ungeschoren davonzukommen. Gehofft, zu begreifen und damit über der Sache zu stehen. Stattdessen klafft eine Wunde auch unter meinem linken Schlüsselbein, Durchschuss!, war ich dort? In Rio? Am Lago Maggiore? In einem erinnerten Hotel? Papageien und Singvögel in schreienden Farben stürzen sich auf meinen Kadaver. Vielleicht gibts aber noch Originale von mir. Und vielleicht ist alles irgendwie gar nicht wahr. Gewiss ist: Deine mit feinem Strich gezeichneten Augenblicke sind hyperreal, sagen wir (ein Beispiel unter vielen), wie der sechsjährige Junge ruhig zusieht, wie zwei Männer einander ins Messer fallen.
Ich wünsche Dir ein glückliches Rends-toi; und mir, dass Du schreibst; ein Buch, eine Doppelung, einen Spiegel, ein Kaleidoskop, eine Geisterachterbahn ... eine Schöpfung? - - - - -
Herzlich, U.

(Was mich betrifft: mit der nächtlichen Atemnot werde ich mich zwar bis auf weiteres abfinden müssen, doch mit dem Brand habe ich Schwein gehabt. Bin mit einem Russfleck an der Wand davongekommen.)

7
Mrz
2009

Death of a Naturalist


Seamus Heaney: Death of a Naturalist, 1987, gelesen von ihm selbst.

Und weil diese frische Verfilmung eines meiner Herzensgedichte ausserdem ganz neue Horizonte bezüglich der vielseitigen Verwendbarkeit von Gelatine eröffnet, widme ich diesen Eintrag meinem erfinderischen Wunderbruder Hermes. Wünsch Dir einen schönen Tag, ich freu mich auf morgen!
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


Du bist nicht angemeldet.

Postdata & Briefaufgabe:

***** T. U. Rossel Escalante Sánchez ***** la trouvère

*****

Zugehör:

In der Post wühlen:

 

Eilbriefkasten:

Haha, wer weiss. Ein...
Haha, wer weiss. Ein Priester mit Hang zum heiteren...
La Tortuga - 7. Nov, 22:57
Ah, Robert Burton war...
Ah, Robert Burton war also ein Fetischist mit Hang...
tinius - 7. Nov, 22:31

Hohler Stein steht den Tropfen.

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