Fremdefedern

9
Mai
2008

Angewandte Sprachwissenschaft

"Dass Sicherheit ein relativer Begriff ist, zeigt sich schon daran, dass selbst die beste Materialprüfung nichts hilft, wenn das Kondom unsachgemäss angewendet wird. (...) Zu solchen Anwendungsfehlern tragen nicht zuletzt unverständliche Gebrauchsanweisungen bei. Nach einer Untersuchung von Sprachwissenschaftlern der University of California in Los Angeles aus dem Jahre 1988 war bei 25 getesteten Kondommarken zumindest eine abgeschlosene High-School-Ausbildung für das Verständnis der Texte notwendig. Bei einigen Texten war sogar ein College-Abschluss erforderlich."

Aus: Robert Jütte, Lust ohne Last - Geschichte der Empfängnisverhütung


Was sagt uns das jetzt? ... Mögliche Schlussfolgerungen: Wenn das Licht aus (oder die Kontaktlinse raus) ist, hilft auch ein College-Abschluss nicht. Nicht die Gebrauchsanweisungen sind das Problem, sondern das amerikanische Bildungssystem. Man könnte auf lustige Piktogramme umsatteln. Man sollte vor dem Verlust der Jungfräulichkeit den Crash-Kurs "Chinese for Business" belegen. Sprachwissenschaftler stellen zu hohe Ansprüche an reine textuser. Dass das Kondom eine intuitive Benutzeraussen- und -innenfläche hat, ist ein Trugschluss. Das würde mir am besten gefallen: Hardcore-Leser sind in jeder Liebeslage safer (oder sie können wenigstens das Latexroulette voll geniessen, weil sie gelesen und verstanden haben, was passieren kann).
Und der berittene Bogenschütze Kassai Lajos sagt (wobei er mehr an Dreifachsalti mitsamt Pferd denn an Kondome dachte): Je mehr wir im Leben nach Sicherheit streben, umso mehr sind wir bereits tot.

3
Mai
2008

Pflege der Ketzergesinnung

Irgendeine kleine Weigerung ist eine unerlässliche Aufnahmebedingung für die Mystik.

Wer die so genannte Wirklichkeit (inklusive Wurzelziehen, doppelter Buchführung, Religionszugehörigkeit usw.) kritiklos hinnimmt, taugt nicht einmal zum Anfänger.

Auch Ereignisse mit der Wahrscheinlichkeit Null können eintreten.


Aus: Adolf Holl, "Mystik für Anfänger", einige Merksätze (Titel des Eintrags stammt aus einer Kapitelüberschrift).

19
Apr
2008

Unwiderruflich

In my craft or sullen art
Exercised in the still night
When only the moon rages
And the lovers lie abed
With all their griefs in their arms,
I labour by singing light
Not for ambition or bread
Or the strut and trade of charms
On the ivory stages
But for the common wages
Of their most secret heart.

Not for the proud man apart
From the raging moon I write
On these spindrift pages
Not for the towering dead
With their nightingales and psalms
But for the lovers, their arms
Round the griefs of the ages
Who pay no praise or wages
Nor heed my craft or art.

Dylan Thomas, "Deaths and Entrances", 1946


So lege ich den Homerischen Eid ab: in diesem Geiste will ich arbeiten bis zum letzten Tintentropfen. Seit dem 16. April des Jahres 2008 unserer Scheinzeit als Mitglied der Lärmenden Akademie und als Raubtier- und Getierbändiger des Bestiariums auf P.-s Veranda.

11
Apr
2008

Neues von der Gelatine

Die Verwendungsmöglichkeiten für das essentielle Nahrungsmittel Gelatine sind schier unbegrenzt, Gelatine dient nicht nur der Herstellung von Büffuschnuder oder von homemade Gummibärli, nicht nur zur historischen Rekonstruktion meines geliebten Gotenkönigs Gahlarich (von dem jetzt noch immer nichts erzählt ist), sondern auch - beispielsweise - für die Verfilmung grosser Gedichte (Seamus Heaney, Death of a Naturalist).

Übrigens: Gelatine durch Agaragar zu ersetzen, ist wie der Name der vegetabilen Schweinerei schon anklingen lässt, reinste Barbarei; Vegiweicheiertum. Schmeckt nicht. Sieht eklig aus.

8
Feb
2008

The Leaden Notebook

Ich hoffe, ich tue Doris Lessing nicht Unrecht, indem ich ein Fitzelchen ihrer Nobelpreis-Rede aus dem Zusammenhang reisse (schlimmer noch, dieses habe ich aus einem etwas grösseren Fitzelchen herausgeschnitten und zwar, Schande!, ohne zuvor die ganze Rede gelesen zu haben - auf mich zu schiessen ist also legitim):

"...das Schreiben, ein Schriftsteller kommt nicht aus einem Haus ohne Bücher. Wenn man schreiben, wenn man Literatur produzieren will, muss man in enger Verbindung zu Bibliotheken stehen, zu Büchern, zur Tradition."

Was heisst das?! Dass man von Anfang an satt gewesen sein muss, um kochen zu können? Dass nur diejenigen, die in den Genuss einer Wassergeburt kamen, jemals schwimmen lernen? Welche Bücher meint sie? Wie viele? Was ist mit denen, die erst durch einsame Arbeit erfahren, dass es überhaupt eine Tradition gibt? Haben sie kein Recht auf diese Tradition, wird sie nur über das Geschlecht weitergegeben? Was ist mit denen, deren Laufgitter nicht in einer Bibliothek stand, sondern die sich ihre persönliche Regalfüllung (oder auch nur den Büchereiausweis) über Jahrzehnte hinweg vom Mund absparen?
Mich treibt der Hunger, wenn es ums Schreiben geht. Deshalb fühle ich mich getroffen (und belle, nein heule). Warum sagt das Doris Lessing, ausgerechnet sie? Müsste nicht gerade jemand mit ihrem Lebenslauf abschätzen können, wohin es führen würde, dächte man diesen Gedanken konsequent weiter, über das Schreiben hinaus?

29
Jan
2008

Reisefieber

unter dem Motto:

I'm old and tired and full of no coffee.

Raymond Chandler



Kulturlos besoffen (Whiskey Cola) beim Rucksackpacken (Mammut) und jetzt schon verdammt gut gelaunt. Bis demnächst, ich liebe Euch!

23
Jan
2008

"auffällig einfältig"

Muss gerade ein wenig zitieren aus einem nicht überaus erhellenden Interview im heutigen Tages-Anzeiger zur Gretchen-Frage (denn um die Gretchen dieser Welt geht es), weshalb es massenhaft Paare gebe wie Carla Bruni x Nicolas Sarkozy oder Naomi Campbell x Hugo Chávez, aber keine wie Angela Merkel x Til Schweiger oder Condoleeza Rice x George Clooney (...halten die das nicht nur geheim?!). Nicht erhellend wars deshalb, weil die Theorie eben nichts Neues bietet. Die Antworten gab Ludwig Hasler, Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie, Kolumnist und Referent zu Fragen der Zeitdiagnose. (Zeitdiagnose!! a) geiles Wort! und b) offensichtlich diagnostiziert er auch Zeiten wie die Stein- bis Jetztzeit!).

Jetzt Augen schliessen und geniessen:

"Studien belegen, dass eine Frau mit einem IQ über 115 die Männer abschreckt."
"Frauen interessieren sich für das Interessante, Männer haben wenig Interesse am Interessanten."
(Journi: aber am Schönen?) -> "Ja, doch das Schöne muss dann auch wieder eindeutig oder konform sein, sonst sind sie schnell erschreckt."
"Der Chromosomensatz des Mannes - das Y-Chromosom - ist nun mal eine auffällig einfältige Ausstattung."

Der Titel "Macht allein ist noch nicht erotisch" wurde durch den Hinweis darauf untermauert, dass unsere Bundesräte für schöne Frauen nicht eben attraktiv seien (wer weiss das schon so genau? Einige davon sind jedenfalls ansehnlicher als Schweiger, oder?, aber ich bin nicht schön genug, um das zu beurteilen). Weitere Erklärungsansätze: Machtmänner wirken anziehender als Männer, die zuhause Eurosport schauen (mmhh... es gibt doch auch Nicht-Machtmänner, die NICHT Eurosport schauen?!? Sonst erschiesse ich mich jetzt gleich). Ein weiterer Vorteil der Machtmänner sei ihr ständiges Unterwegssein, wodurch sie nicht so rasch langweilig würden (es gibt doch auch Männer, die zuhause warten, bis die IQ-115plus-Geliebte von ihren Reisen zurückkehrt oder sie gar begleiten, oder?! Ich glaub ich verwese schon...).
Wenn ich jetzt noch zugebe, dass ich Sarkozy und Chávez mit Abstand sexier finde als den weichgespülten Kaffeeschaumclooney - von Sonnenuntergang bis -aufgang streiten mit Nicolas und dabei besser Französisch* lernen, aaaahh!, mit Hugo Fallschirm springen und mich an diesen legendären bolivarischen Ohren festkrallen, uuuuhh!, ...dann bin ich wohl definitiv eine Durchschnittsgretchentussi; nur im Gegensatz zu Bruni und Campbell ohne jegliche Chancen. Ich kann aus den Zitaten höchstens einen kümmerlichen Ansatz zur Zeittherapie (Stein bis Jetzt) ableiten: Abschrecken, erschrecken - der Mann ist ein ängstliches Wesen. Man muss ihn also vielleicht nur irgendwie beruhigen, zwischen den Hörnern kraulen, ihn in den Schlaf wiegen, was weiss ich.

*auf Französisch streiten: tiefste Wunden schlagen, schneiden, stechen, alles ohne ein einziges unanständiges Wort! Das allein ist doch schon so sexy, dass - könnte ich gar nicht lernen. Mein IQ beträgt 79.

31
Dez
2007

asco

"La tierra que habitamos es un error, una incompetente parodia. Los espejos y la paternidad son abominables porque la multiplican y afirman. El asco es la virtud fundamental."

Jorge Luis Borges, "El tintorero enmascarado Hákim de Merv"


Erfolgloses, unzufriedenes, glückliches neues Jahr wünscht Tortuga allen treuen Besuchern und Zufallsgästen. Ja genau! Erfolg täuscht nämlich und lenkt von echten Spiegeln ab. Zufriedenheit ist etwas für Tote. Tut alles, was ich auch gern täte und tut bloss nicht, was ich tue, denn a) ist es nicht empfehlenswert und b) will ich die einzige sein!
Herzlich, La Tortuga

25
Nov
2007

Blutiger Daumen und ozeanischer Karsumpel

p. 119: "Existenz ist das, was einer aushalten muss, gefragt oder ungefragt. Kommt von Herausstehen. Wir stehen ins Leere wie ein blutiger Daumen, und solange er steht, kriegt er immer noch mehr ab. Einziehen kannst du ihn nicht. Fehlt die Hand dazu."

p. 320: "Es kommt darauf an, ausgelitten zu haben. Alles vorher ist nicht schön."

Aus: Adolf Muschg, "Sutters Glück", Suhrkamp 2001.



Unterschreibe ich alles. Und werde noch depressiver, indem ich erfahre, dass es sowas Abartiges wie den Great Pacific Garbage Patch gibt. Warum erinnern sich die Götter nicht daran, dass ich nie um ein Leben gebeten habe?!

14
Okt
2007

Genau, strukturlos!

Er hat recht: Alex Capus an der Lesung aus "Eine Frage der Zeit" in Zürich (Video-Clip vom 29. Aug.):

Es isch nid wohr, dass ds Läbe di beschte Gschichtä schriibt. Ds Läbe schriibt überhoupt keni Gschichtä. Ds Läbe, dös het ja kei, öh, eh, aso, ke Sinn, gäu.

(Einspruch?? Jedenfalls Unruhe bei Moderatorin und Publikum.)

Nei, aso, i meine, zumindescht hets ke Schtruktur. D'Sachä bassierä n-eifach so, mr putzä d'Zähn u gö i d'Migros u si itz doo,...

(Nun wird ihm definitiv das Heft aus der Hand gerissen.)
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.

Tritt ein, lieber Gast, der Hund ist tot. (Aber den Wein musst Du bringen.)

Du bist nicht angemeldet.

Zugehör

Anlaufstelle für Dichter und Mäzene:

U. T. Rossel Escalante Sánchez clandestin0 primatenschwanz mixmail.com (Das vermeintliche O ist eigentlich eine 0, ein vedisches K0sm0s-Ei.)

Eilbriefkasten

Die Geographie meiner...
Meine allererste Weltkarte tauchte wieder aus dem Meer...
La Tortuga - 11. Mai, 16:56
Gegen und für alles...
Gegen und für alles ist bekanntlich ein Kraut...
La Tortuga - 11. Mai, 12:37

*****

Auf dem Nachttisch


Vincent Virga and The Library of Congress
Cartographia: Mapping Civilizations






Mark Z. Danielewski
House of Leaves



Julio Cortázar
Rayuela

In der Post wühlen:

 

Hohler Stein steht den Tropfen.

Online seit 724 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Mai, 16:58

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