Michael Perkampus: Die Geschichte des Uhrenträgers

Michael Perkampus - Die Geschichte des Uhrenträgers - Erzählung
ISBN 978-3-9523-2363-2, 137 Seiten, Gallimard-Broschur
Sehr geehrter Herr p.-
Herzlichen Dank für die Einsendung Ihres Manuskripts. Wir haben es mit grosser Aufmerksamkeit und zunehmender Verzweiflung gelesen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass es nicht nur in unser Programm nicht passt, sondern vermutlich in überhaupt kein Programm eines anständigen, nicht-suizidal veranlagten Verlages. (Mist, ich kann kaum tippen, hab den Krampf im Daumen weil ich 2 Stunden lang Noppenfolie zerquetscht habe). Ausnahmsweise werden wir unsere Ablehnung begründen, weil es diesmal so einfach ist: Ihr Uhrenträger ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich in unvorstellbarem Masse unzeitgemäss und verzworgelt. Schamlos und inflationär benutzen Sie Wörter, die gar nicht existieren, wahrscheinlich sind Sie zu faul, den Duden auswendig zu lernen und mit den Wörtern zu schreiben, die allgemein anerkannt und grossteils verständlich sind. Sie kümmern sich nicht im Geringsten um sprachliche und formale Konventionen und halten sich nicht an grammatische Regeln, bemühen sich nicht mal um eine nachvollziehbare Syntax. Regeln gelten schliesslich für alle, auch für Sie. Haben Sie auch nur ein einziges Mal an den zeitgenössischen Leser gedacht? Wie soll er einen Satz entziffern, der mehr als fünf Wörter enthält und sich dazu noch in Nebensätze verästelt? Glauben Sie etwa, dass Sie sich das leisten können? Wer sind Sie eigentlich?
Ergäbe Ihre Erzählung irgendeinen offensichtlichen Sinn, könnte man ja noch über die Möglichkeit reden, einen Ghostwriter anzuheuern, um Ihre Ideen umzusetzen (von denen Sie offenbar zu viele haben). Aber es ist beim besten Willen kein roter Faden auszumachen, man weiss zu keinem Zeitpunkt, wo man sich in der Geschichte befindet, geschweige denn warum. Mit einer Skrupellosigkeit, die jedem distinguierten Menschen die Schamröte ins Gesicht steigen lässt, vermischen Sie Träume, historische Gestalten, geographische Schwarzwälder und solides Uhrmacherhandwerk, verquicken all das mit erotischen Phantasien, Blauen Blumen, toten Hunden, schwatzhaften Zwergen und anderen Dingen, die ins Reich der Märchen gehören. Das ist alles ganz und gar unrealistisch! Es ist ein komplettes Durcheinander, lässt logische Chronologie missen (wo Sie auch noch das Wort "Uhr" wie zum Hohn im Titel verwenden!), überhaupt fehlt jegliche Logik. In welcher Zeit leben Sie denn? Sind Sie sich nicht bewusst, dass man so nicht mehr über die Liebe und auch über sonst nichts schreiben kann? Sie täten gut daran, sich einmal bei einem Paartherapeuten darüber ins Bild zu setzen, wie eine moderne Beziehung abläuft. Der heutige Leser will sich mit den Protagonisten identifizieren können. Begreifen Sies endlich: es ist aus und vorbei mit der Romantik, so will niemand mehr leben und deshalb auch nicht lesen!! (Zurück zur Noppenfolie, Übersprungshandlung.)
Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie ein sehr verwirrter, paranoider Autor sind, der irgendwie auf die Nachtseite geraten ist oder schon immer dort war. Ihre Erzählung stellt eine ernsthafte Gefahr dar für Sie selbst und andere! Dennoch wünschen wir Ihnen alles Gute.
Mit freundlichen Grüssen
U. T. Tortuga
Cheflektorat / Verlagsleitung / Sekretariat / Reinigungsdienst
Addendum: Was ich suche aus der Dose im Bestiarium auf P.-s Veranda.
La Tortuga - 18. Mai, 21:16









