Fremdefedern

18
Mai
2008

Michael Perkampus: Die Geschichte des Uhrenträgers

Uhrentraeger
Michael Perkampus - Die Geschichte des Uhrenträgers - Erzählung
ISBN 978-3-9523-2363-2, 137 Seiten, Gallimard-Broschur



Sehr geehrter Herr p.-

Herzlichen Dank für die Einsendung Ihres Manuskripts. Wir haben es mit grosser Aufmerksamkeit und zunehmender Verzweiflung gelesen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass es nicht nur in unser Programm nicht passt, sondern vermutlich in überhaupt kein Programm eines anständigen, nicht-suizidal veranlagten Verlages. (Mist, ich kann kaum tippen, hab den Krampf im Daumen weil ich 2 Stunden lang Noppenfolie zerquetscht habe). Ausnahmsweise werden wir unsere Ablehnung begründen, weil es diesmal so einfach ist: Ihr Uhrenträger ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich in unvorstellbarem Masse unzeitgemäss und verzworgelt. Schamlos und inflationär benutzen Sie Wörter, die gar nicht existieren, wahrscheinlich sind Sie zu faul, den Duden auswendig zu lernen und mit den Wörtern zu schreiben, die allgemein anerkannt und grossteils verständlich sind. Sie kümmern sich nicht im Geringsten um sprachliche und formale Konventionen und halten sich nicht an grammatische Regeln, bemühen sich nicht mal um eine nachvollziehbare Syntax. Regeln gelten schliesslich für alle, auch für Sie. Haben Sie auch nur ein einziges Mal an den zeitgenössischen Leser gedacht? Wie soll er einen Satz entziffern, der mehr als fünf Wörter enthält und sich dazu noch in Nebensätze verästelt? Glauben Sie etwa, dass Sie sich das leisten können? Wer sind Sie eigentlich?

Ergäbe Ihre Erzählung irgendeinen offensichtlichen Sinn, könnte man ja noch über die Möglichkeit reden, einen Ghostwriter anzuheuern, um Ihre Ideen umzusetzen (von denen Sie offenbar zu viele haben). Aber es ist beim besten Willen kein roter Faden auszumachen, man weiss zu keinem Zeitpunkt, wo man sich in der Geschichte befindet, geschweige denn warum. Mit einer Skrupellosigkeit, die jedem distinguierten Menschen die Schamröte ins Gesicht steigen lässt, vermischen Sie Träume, historische Gestalten, geographische Schwarzwälder und solides Uhrmacherhandwerk, verquicken all das mit erotischen Phantasien, Blauen Blumen, toten Hunden, schwatzhaften Zwergen und anderen Dingen, die ins Reich der Märchen gehören. Das ist alles ganz und gar unrealistisch! Es ist ein komplettes Durcheinander, lässt logische Chronologie missen (wo Sie auch noch das Wort "Uhr" wie zum Hohn im Titel verwenden!), überhaupt fehlt jegliche Logik. In welcher Zeit leben Sie denn? Sind Sie sich nicht bewusst, dass man so nicht mehr über die Liebe und auch über sonst nichts schreiben kann? Sie täten gut daran, sich einmal bei einem Paartherapeuten darüber ins Bild zu setzen, wie eine moderne Beziehung abläuft. Der heutige Leser will sich mit den Protagonisten identifizieren können. Begreifen Sies endlich: es ist aus und vorbei mit der Romantik, so will niemand mehr leben und deshalb auch nicht lesen!! (Zurück zur Noppenfolie, Übersprungshandlung.)

Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie ein sehr verwirrter, paranoider Autor sind, der irgendwie auf die Nachtseite geraten ist oder schon immer dort war. Ihre Erzählung stellt eine ernsthafte Gefahr dar für Sie selbst und andere! Dennoch wünschen wir Ihnen alles Gute.

Mit freundlichen Grüssen

U. T. Tortuga
Cheflektorat / Verlagsleitung / Sekretariat / Reinigungsdienst


Addendum: Was ich suche aus der Dose im Bestiarium auf P.-s Veranda.

17
Mai
2008

Woher kann ich Polnisch?

Seit bald zwei Jahren bastle ich an meiner multiplen Biographie, was sich als zäher erweist als gedacht, zumal sich die literarische Aktivität zu 99% auf Dinge bezieht, die nicht im Entferntesten ich sind. Viel bunter Mörtel ist verbaut, aber immerhin habe ich noch in keiner meiner Biographien einen Mord begangen (wenn man grosszügig von zweidrei Gattenvergiftungen absieht - wohl aber wurde ich selbst ein paarmal ermordet, eine lästige Sache).

Der Versuch, Mauern einzureissen, die ohnhin nicht existieren, wurde und wird immer wieder unternommen. In meiner derzeitigen Lektüre zum Beispiel: Cortázars Rayuela; niemand wird bestreiten, dass damit ein Meilenstein gesetzt wurde. Danielewski's House of Leaves finde ich - nach anfänglicher Begeisterung - eher nicht gelungen; am Ende war ich einfach nur noch müde, und letztlich scheint mir dieses Erzählen nicht bahnbrechend (wohl aber die olympische Leistung der Setzer...). Es ist ja, zieht man die Typo, die Anhänge und das (überaus reiz- und anspruchsvolle) Fussgenote ab, ganz konventionell: Erzählung und Rahmenerzählung.

Wer weiss, vielleicht hat der polnische Schriftsteller Krystian Bala nun die Schleusen zwischen hüben und drüben geöffnet. Oder er hat sich eines ungeheurlichen Marketingtricks bedient, weil sich sein Buch nicht verkaufte. Oder er ist tatsächlich ein psychopathischer Sadist und Mörder mit einem Hang zur Buchführung. Oder er ist ein Schriftsteller, der sich 25 Jahre Klausur fürs Schreiben mit Kost und Logis verschaffen wollte. Alle Fragen bleiben offen, ist das nicht das eigentliche Ziel? Wer hat den Kommissar erfunden? Oder hat ebendieser das Buch geschrieben? Oder die (wessen?) Ex-Frau? Das Mordopfer, eigentlich ein Verschollener? Haben Journalisten die ganze Geschichte als Ente in die Welt gesetzt? Habe ich geträumt, dass ich heute beim Kaffee diesen Artikel las? Da doch mein Zeitungsabo letzte Woche abgelaufen ist - oder habe ich das in "Amok" gelesen? Hat mir die Buchhandlung wieder ein falsches Buch zugestellt? Woher kann ich Polnisch? Und überhaupt, was hat irgendeins meiner Ichs mit all dem zu tun!

Der Artikel von David Grann erschien ursprünglich im New Yorker, leider steht nur ein Abstract zur Verfügung.

Heute ist der gesamte Artikel im Magazin abgedruckt - leider nicht aufgeschaltet, ich hoffe das kommt noch.

Eine weitere Besprechung findet sich in einem ohnehin interessanten Blog namens The Absent Narrative (der Autor gibt als Beruf "Medium" an, das ist doch vielversprechend).

9
Mai
2008

Angewandte Sprachwissenschaft

"Dass Sicherheit ein relativer Begriff ist, zeigt sich schon daran, dass selbst die beste Materialprüfung nichts hilft, wenn das Kondom unsachgemäss angewendet wird. (...) Zu solchen Anwendungsfehlern tragen nicht zuletzt unverständliche Gebrauchsanweisungen bei. Nach einer Untersuchung von Sprachwissenschaftlern der University of California in Los Angeles aus dem Jahre 1988 war bei 25 getesteten Kondommarken zumindest eine abgeschlosene High-School-Ausbildung für das Verständnis der Texte notwendig. Bei einigen Texten war sogar ein College-Abschluss erforderlich."

Aus: Robert Jütte, Lust ohne Last - Geschichte der Empfängnisverhütung


Was sagt uns das jetzt? ... Mögliche Schlussfolgerungen: Wenn das Licht aus (oder die Kontaktlinse raus) ist, hilft auch ein College-Abschluss nicht. Nicht die Gebrauchsanweisungen sind das Problem, sondern das amerikanische Bildungssystem. Man könnte auf lustige Piktogramme umsatteln. Man sollte vor dem Verlust der Jungfräulichkeit den Crash-Kurs "Chinese for Business" belegen. Sprachwissenschaftler stellen zu hohe Ansprüche an reine textuser. Dass das Kondom eine intuitive Benutzeraussen- und -innenfläche hat, ist ein Trugschluss. Das würde mir am besten gefallen: Hardcore-Leser sind in jeder Liebeslage safer (oder sie können wenigstens das Latexroulette voll geniessen, weil sie gelesen und verstanden haben, was passieren kann).
Und der berittene Bogenschütze Kassai Lajos sagt (wobei er mehr an Dreifachsalti mitsamt Pferd denn an Kondome dachte): Je mehr wir im Leben nach Sicherheit streben, umso mehr sind wir bereits tot.

3
Mai
2008

Pflege der Ketzergesinnung

Irgendeine kleine Weigerung ist eine unerlässliche Aufnahmebedingung für die Mystik.

Wer die so genannte Wirklichkeit (inklusive Wurzelziehen, doppelter Buchführung, Religionszugehörigkeit usw.) kritiklos hinnimmt, taugt nicht einmal zum Anfänger.

Auch Ereignisse mit der Wahrscheinlichkeit Null können eintreten.


Aus: Adolf Holl, "Mystik für Anfänger", einige Merksätze (Titel des Eintrags stammt aus einer Kapitelüberschrift).

19
Apr
2008

Unwiderruflich

In my craft or sullen art
Exercised in the still night
When only the moon rages
And the lovers lie abed
With all their griefs in their arms,
I labour by singing light
Not for ambition or bread
Or the strut and trade of charms
On the ivory stages
But for the common wages
Of their most secret heart.

Not for the proud man apart
From the raging moon I write
On these spindrift pages
Not for the towering dead
With their nightingales and psalms
But for the lovers, their arms
Round the griefs of the ages
Who pay no praise or wages
Nor heed my craft or art.

Dylan Thomas, "Deaths and Entrances", 1946


So lege ich den Homerischen Eid ab: in diesem Geiste will ich arbeiten bis zum letzten Tintentropfen. Seit dem 16. April des Jahres 2008 unserer Scheinzeit als Mitglied der Lärmenden Akademie und als Raubtier- und Getierbändiger des Bestiariums auf P.-s Veranda.

11
Apr
2008

Neues von der Gelatine

Die Verwendungsmöglichkeiten für das essentielle Nahrungsmittel Gelatine sind schier unbegrenzt, Gelatine dient nicht nur der Herstellung von Büffuschnuder oder von homemade Gummibärli, nicht nur zur historischen Rekonstruktion meines geliebten Gotenkönigs Gahlarich (von dem jetzt noch immer nichts erzählt ist), sondern auch - beispielsweise - für die Verfilmung grosser Gedichte (Seamus Heaney, Death of a Naturalist).

Übrigens: Gelatine durch Agaragar zu ersetzen, ist wie der Name der vegetabilen Schweinerei schon anklingen lässt, reinste Barbarei; Vegiweicheiertum. Schmeckt nicht. Sieht eklig aus.

8
Feb
2008

The Leaden Notebook

Ich hoffe, ich tue Doris Lessing nicht Unrecht, indem ich ein Fitzelchen ihrer Nobelpreis-Rede aus dem Zusammenhang reisse (schlimmer noch, dieses habe ich aus einem etwas grösseren Fitzelchen herausgeschnitten und zwar, Schande!, ohne zuvor die ganze Rede gelesen zu haben - auf mich zu schiessen ist also legitim):

"...das Schreiben, ein Schriftsteller kommt nicht aus einem Haus ohne Bücher. Wenn man schreiben, wenn man Literatur produzieren will, muss man in enger Verbindung zu Bibliotheken stehen, zu Büchern, zur Tradition."

Was heisst das?! Dass man von Anfang an satt gewesen sein muss, um kochen zu können? Dass nur diejenigen, die in den Genuss einer Wassergeburt kamen, jemals schwimmen lernen? Welche Bücher meint sie? Wie viele? Was ist mit denen, die erst durch einsame Arbeit erfahren, dass es überhaupt eine Tradition gibt? Haben sie kein Recht auf diese Tradition, wird sie nur über das Geschlecht weitergegeben? Was ist mit denen, deren Laufgitter nicht in einer Bibliothek stand, sondern die sich ihre persönliche Regalfüllung (oder auch nur den Büchereiausweis) über Jahrzehnte hinweg vom Mund absparen?
Mich treibt der Hunger, wenn es ums Schreiben geht. Deshalb fühle ich mich getroffen (und belle, nein heule). Warum sagt das Doris Lessing, ausgerechnet sie? Müsste nicht gerade jemand mit ihrem Lebenslauf abschätzen können, wohin es führen würde, dächte man diesen Gedanken konsequent weiter, über das Schreiben hinaus?

29
Jan
2008

Reisefieber

unter dem Motto:

I'm old and tired and full of no coffee.

Raymond Chandler



Kulturlos besoffen (Whiskey Cola) beim Rucksackpacken (Mammut) und jetzt schon verdammt gut gelaunt. Bis demnächst, ich liebe Euch!

23
Jan
2008

"auffällig einfältig"

Muss gerade ein wenig zitieren aus einem nicht überaus erhellenden Interview im heutigen Tages-Anzeiger zur Gretchen-Frage (denn um die Gretchen dieser Welt geht es), weshalb es massenhaft Paare gebe wie Carla Bruni x Nicolas Sarkozy oder Naomi Campbell x Hugo Chávez, aber keine wie Angela Merkel x Til Schweiger oder Condoleeza Rice x George Clooney (...halten die das nicht nur geheim?!). Nicht erhellend wars deshalb, weil die Theorie eben nichts Neues bietet. Die Antworten gab Ludwig Hasler, Hochschuldozent für Philosophie und Medientheorie, Kolumnist und Referent zu Fragen der Zeitdiagnose. (Zeitdiagnose!! a) geiles Wort! und b) offensichtlich diagnostiziert er auch Zeiten wie die Stein- bis Jetztzeit!).

Jetzt Augen schliessen und geniessen:

"Studien belegen, dass eine Frau mit einem IQ über 115 die Männer abschreckt."
"Frauen interessieren sich für das Interessante, Männer haben wenig Interesse am Interessanten."
(Journi: aber am Schönen?) -> "Ja, doch das Schöne muss dann auch wieder eindeutig oder konform sein, sonst sind sie schnell erschreckt."
"Der Chromosomensatz des Mannes - das Y-Chromosom - ist nun mal eine auffällig einfältige Ausstattung."

Der Titel "Macht allein ist noch nicht erotisch" wurde durch den Hinweis darauf untermauert, dass unsere Bundesräte für schöne Frauen nicht eben attraktiv seien (wer weiss das schon so genau? Einige davon sind jedenfalls ansehnlicher als Schweiger, oder?, aber ich bin nicht schön genug, um das zu beurteilen). Weitere Erklärungsansätze: Machtmänner wirken anziehender als Männer, die zuhause Eurosport schauen (mmhh... es gibt doch auch Nicht-Machtmänner, die NICHT Eurosport schauen?!? Sonst erschiesse ich mich jetzt gleich). Ein weiterer Vorteil der Machtmänner sei ihr ständiges Unterwegssein, wodurch sie nicht so rasch langweilig würden (es gibt doch auch Männer, die zuhause warten, bis die IQ-115plus-Geliebte von ihren Reisen zurückkehrt oder sie gar begleiten, oder?! Ich glaub ich verwese schon...).
Wenn ich jetzt noch zugebe, dass ich Sarkozy und Chávez mit Abstand sexier finde als den weichgespülten Kaffeeschaumclooney - von Sonnenuntergang bis -aufgang streiten mit Nicolas und dabei besser Französisch* lernen, aaaahh!, mit Hugo Fallschirm springen und mich an diesen legendären bolivarischen Ohren festkrallen, uuuuhh!, ...dann bin ich wohl definitiv eine Durchschnittsgretchentussi; nur im Gegensatz zu Bruni und Campbell ohne jegliche Chancen. Ich kann aus den Zitaten höchstens einen kümmerlichen Ansatz zur Zeittherapie (Stein bis Jetzt) ableiten: Abschrecken, erschrecken - der Mann ist ein ängstliches Wesen. Man muss ihn also vielleicht nur irgendwie beruhigen, zwischen den Hörnern kraulen, ihn in den Schlaf wiegen, was weiss ich.

*auf Französisch streiten: tiefste Wunden schlagen, schneiden, stechen, alles ohne ein einziges unanständiges Wort! Das allein ist doch schon so sexy, dass - könnte ich gar nicht lernen. Mein IQ beträgt 79.

31
Dez
2007

asco

"La tierra que habitamos es un error, una incompetente parodia. Los espejos y la paternidad son abominables porque la multiplican y afirman. El asco es la virtud fundamental."

Jorge Luis Borges, "El tintorero enmascarado Hákim de Merv"


Erfolgloses, unzufriedenes, glückliches neues Jahr wünscht Tortuga allen treuen Besuchern und Zufallsgästen. Ja genau! Erfolg täuscht nämlich und lenkt von echten Spiegeln ab. Zufriedenheit ist etwas für Tote. Tut alles, was ich auch gern täte und tut bloss nicht, was ich tue, denn a) ist es nicht empfehlenswert und b) will ich die einzige sein!
Herzlich, La Tortuga
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.

Tritt ein, lieber Gast, der Hund ist tot. (Aber den Wein musst Du bringen.)

Du bist nicht angemeldet.

Zugehör

Anlaufstelle für Dichter und Mäzene:

U. T. Rossel Escalante Sánchez clandestin0 primatenschwanz mixmail.com (Das vermeintliche O ist eigentlich eine 0, ein vedisches K0sm0s-Ei.)

Eilbriefkasten

Gerne. ;) LG tinius
Gerne. ;) LG tinius
tinius - 19. Mai, 20:48
Es wäre doch etwas...
Es wäre doch etwas zuviel der Ehre, mich in all...
La Tortuga - 19. Mai, 20:05

*****

Auf dem Nachttisch


Vincent Virga and The Library of Congress
Cartographia: Mapping Civilizations




Janet Frame
Faces in the Water




Julio Cortázar
Rayuela

In der Post wühlen:

 

Hohler Stein steht den Tropfen.

Online seit 732 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 19. Mai, 20:48

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