Nachtexpress

21
Okt
2009

Extremes Altern ohne anti-ageing

Vor einer Weile eins dieser Gespräche, die noch lange nachhallen: mein Vater und ich waren uns einig, dass Unsterblichkeit zwar unerträglich wäre, aber dass ein paar hundert Jahre Lebensspanne doch angemessener wären angesichts der Unmenge Wissens, die man sich aneignen und dann auch geniessen möchte.
Aber stell dir vor, gab mein Vater zu bedenken, diese Nekrose würde im selben Tempo fortschreiten wie jetzt in unseren Leben! Wie sähe ich denn mit 300 Jahren aus!, ich würde mich furchtbar schämen, wenn du mich besuchst.
Du könntest einen Wandschirm aufstellen, durch den wir halt reden würden, wenn du mir den Anblick nicht zumuten magst, sagte ich. Doch dann fiel mir siedend heiss ein: ich sähe ja bis dahin genauso übel aus wie du, denn ich wäre selbst schon an die 270!
Eigenartig, wie wir mit der Zeit die eigenen Eltern einholen, ja fast überholen. Es könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Zeit noch zigfach relativer ist, als wir sie uns vorstellen. Je älter wir werden, umso schneller scheint uns die Zeit zu verfliegen (es könnte sein, dass es nicht nur so scheint), jeder über 18 bestätigt das. Das Kindindividuum nimmt mit zunehmendem eigenen Tempo die Zeit der Elternindividuen langsamer wahr (vielleicht ist sie langsamer); die Zeit passt sich wie Gummi dem subjektiven wie dem "objektiven" (Vorsicht, das ist nicht!) Beobachtungspunkt an. Wobei ein Beobachter, dessen Existenz per definitionem eine objektive Perspektive voraussetzt, nur ein Hilfskonstrukt ist. Die Zeit wirft, wenn überhaupt, in uns Blasen. Oder rund um uns, als Zeitaura, oder zwischen mehreren von uns wie ein Pingpongturnier. Wir können sie bestenfalls so biased wahrnehmen wie die Gase im Gedärm. Nur die Messung der Zeit tickt immer und für alle gleich schnell, oder besser, die zerfallenden Atömchen. Die Zeit selbst hat gar keine Geschwindigkeit. Sie ist mehr so ein Fluidum (oder eben eine Blähung).

Addendum, ein herziger Witz: stehen der 121-jährige Vater und die 119-jährige Mutter am offenen Grab ihres soeben verstorbenen 93-jährigen Sohnes. Flüstert der Vater unter Tränen: "Der Junge war von Anfang an ein Kümmer, ich hab dir doch gleich gesagt, dass wir ihn nicht durchbringen!"

12
Okt
2009

Berufswunsch und Todesziel

Das wäre mein Traumberuf: die Leiche in Kriminalfilmen spielen. Ganz still liegen und gebrochen leer blicken kann ich besonders gut, es kostet mich nicht die geringste Anstrengung. Das mit dem Atemstillstand würde ich hinkriegen. Manchmal vergesse ich ja sogar, das Wasser runterzuschlucken, und erinnere mich erst daran, wenn nach einer halben Stunde die geblähten Backen zu schmerzen beginnen.
Als Kinder spielten wir neben Indianer auch oft Beerdigung. Dramatis personae: 1 Leiche, 1 Pfarrer, möglichst viele heulende Angehörige und Klageweiber. Meist wollte man mir die Pfaffenrolle anhängen, weil ich Reden schwingen konnte. Ich sah aber nicht ein, weshalb ich nicht auch als Leiche quatschen könnte und warf mich in den Sarg. Da dieser nur durch eine besonders grosse Steinplatte angedeutet war, lagen wir bald zu viert oder zu sechst darinnen. Keiner wollte predigen, niemand weinte um uns, wir wälzten uns vollzählig im geräumigen Sarg herum und prügelten uns um den (ebenfalls imaginären) Fensterplatz. Diese Beerdigung war jedesmal ein Heidenspass, mehr als Indianer eigentlich.
Und das ist mein Todesziel: nicht einfach so auszuschnaufen oder umzukippen oder runterzustürzen. Sondern ENTRÜCKT zu werden, wie die Helden in germanischen Sagen und die Propheten in der Bibel. Das ist ein glamouröser Einzug ins Drüben (oder Zwischen?) und für Passanten bestimmt ein unvergessliches Spektakel.

11
Okt
2009

Die Physik ist falsch

Dass gerade die weichen Herzen brechen und nur selten die harten, wenn überhaupt, zeigt doch überdeutlich, dass mit der Physik etwas nicht stimmt. Mehr noch: dass die Physik nicht stimmt. Und dennoch glauben ganze Herden von Menschen (wolllose Schafe) trotzig an die Physik. Die Sprache ist exakt, nicht die Physik. Hätte die Physik recht, würden weiche Herzen nicht gebrochen, sondern gefaltet, zerknüllt, zerrissen, zerfetzt, zertreten, eingestampft.

Ein Herz, das nicht mindestens 10x gebrochen wurde, taugt nichts; ich kann das Zitat im Notizbuch nicht wiederfinden, es stammt entweder von einem alten Griechen oder von einer ebenfalls alten anonymen Grossmutter. Mag wohl sein. Dann muss ich mich halt beeilen, um noch ins zweistellige Weh zu geraten. Oder ist es die Erinnerung, die versagt? (Aber sowas weiss man doch! Aber sowas übersteht man doch nimmer 10x!)
Ich meine: was ist dann erst mit dem Kopf! Ein Kopf, den man sich nicht 150tausendmilliarden Mal zerbrochen hat, taugt noch weniger als ein unversehrtes Herz! Zum Glück hält der Kopf auch ein bisschen mehr aus als das Herz.

28
Sep
2009

Diese nagende Angst

, dass dies tröstliche Lichtlein, das ich für den Abendstern halten will, einfach nur ein Satellit sein könnte. Und wäre denn ein Satellit nicht wesentlich tröstlicher als irgendein idiotisch weit entfernter Himmelskörper, der jeden vernüftigen Menschen daran erinnern würde, dass jener so viel langsamer stirbt als dieser?

Addendum: Arme-Leute-Sushi heut abend geht so: Hering aus der Büchse mit Maggi und Wasabi, bis die Nase tropft.

20
Sep
2009

What have I been doing there.

You know what!
(Nor do I.)

Sept. 19th A.D., frei nach B.C.


Lauter Königinnen und Könige rutschten zusammen, um einen Platz an der Tafel für mich freizumachen, ohne dass ich darum gebeten hätte, eine organische Einladung (obwohl ich doch nach Zwiebel roch!), als hätten sie mich erkannt (aber woran?, und womit verdiene ich das (jetzt schon)?!).
horizonte & herdfeuer. Trostwort, Wunsch auf den Weg, Antwort auf Ratlosigkeit Nr. 137 (heisst: ja, ich hör dir zu).
Das Leibhafte dagegen, ah Bannwald!, unleserlich, ich unkuhler Analphabet trau mich ja nicht hinzusehn. Ich wünschte, ich wär selbst wie mein numeriertes Papier... Wär fulminant & furchtlos.
Die schmerzenden Ohren nur sperrangelweit offen.
Ich schwörs, ich bin ein treuer Tempeldiener, nur so viel grüner noch als Ihr.
Spät forten in die Nacht. Lebt wohl Ihr alle!
When shall we hear your like again.

Die Absteige: das Rattenloch, durch das jede angehende Königin wohl zigmal hindurch muss. Am blassgelben Frühabend noch die Quelle unbändiger Heiterkeit - bröslige Tiffany-Lampe unter barockem Stuck, beinah möchte mans Stil nennen -, ich verschluckte mich schier am Picknick, so glucksten die Lacher mir. Dann aber (ich wusste sehr wohl, was kommen würde) ein dickhäutiger Morgen; Muffel, kalter Rauch, übernächtigter Schweiss (die Zwiebelnote auf mein Konto) und Urin; alles flapp und flau ums Herz; warum müssen ein paar Stunden hermelingekragten Glücks (mit schwarzen Tupfen) immer so ein langes Elend kosten. Stoa. Ich zahle ungern und bereitwillig. Das "Hotel" jedoch war sooo billig dann auch wieder nicht!

(Und: das ist, was ich leben will. Sei der Preis wer immer er sei.)

18
Sep
2009

cette belle héroïne a souffert beaucoup

Unser Französischlehrer am Gymnasium, den ich heute über die Massen schätzen würde, aber damals war ich zu jung, um zu verstehen, worum es ihm ging, pflegte in jeder Stunde stapelweise Übungsblätter auszuteilen, die so wohlriechend fliedrig vervielfältigt worden waren (ich weiss nicht mehr, wie man das nennt), wohlriechend!, ich glaube, ich war nicht die einzige, die sich daran jeweils ein Flash anschnüffelte, und schön war das Flieder, bloss waren die Buchstaben so zerlaufen, und die Lücken, in die man Grammatikpartikelchen hätte schreiben sollen, so winzig und wolkig, und die Übungen hoffnungslos endlos wiederholsam trocken und aussichts- und rettungsloser als jedes buddhistische Rerereinkarnationsrädchen, - dass mir stets der Rolladen runterrasselte, noch bevor ich den Füller zücken konnte. Aber einmal!
Einmal stand da dieser Satz, eine fliedre Flammenschrift in einem uralten Buch:

Cette belle héroïne a souffert beaucoup.

(Ich hoffe, ich schreibe es jetzt fehlerfrei.)
Mein inneres Kaleidoskop explodierte. Diese schöne Heldin unter Folter, die leuchtenden Berge hinter der Streckbank, mehrere Sonnen gehen gleichzeitig unter und ein halber Mond und zwei Abendsterne auf, der Prinz wirft sich ins Schwert, aber über die Lippen der schönen Heldin kommt kein Laut, ihre Haare angesengt. Wie sie dann aufrecht steht (auf einer Treppe, vor dem Palast des Königs, did she report?) und sich erinnert und mit nichts einverstanden ist, mit schwarzen Striemen auf der Wange, mit tapferen geschundenen Schultern, mit dem Blick, der sich auch rückwirkend nichts gefallen lässt. Flieder! Wohlgeruch und Tränen. Natürlich auch immer ein Pferd. Ich glaube, es ging darum, zu merken, dass das Partizip sich keinem Geschlecht anpasst. Die schöne Heldin bin selbstverständlich ich, sie trägt ein wallendes, rauschendes, fliegendes meerblaues Kleid (in Fetzen, blutbefleckt jetzt), mit so vielen Blau, es ist mehr ein tatsächliches Meer als ein Kleid, denn es gibt ein solches nirgends, nicht beim Schneider, nicht auf Gemälden aus keiner Zeit (es ist das Kleid, das ich immer trage, wenn ich mich so sehe, wie ich bin, wenn ich sein kann, aber bisher konnte ich nie und ich fürchte, diese ich existiert gar nicht).
In Wahrheit leidet man furchtbar viel (siehe unten), aber man wird davon weder schön noch eine Heldin. Seit man diese Französischstunden abgesessen hat, ist man kein bisschen besser geworden. Das einzige, was ich niemals aufgebe (und so lange bleibt auch jenes Meerkleid eine reale Möglichkeit, irgendwo ganz weit weit draussen): ich kaufe Kleider immer eine Nummer zu gross (T-shirts, Jeans, ich meine, wo warten die Heldentaten, bei denen man ein Kleid tragen könnte?!) und nehme mir ganz fest vor, da schon noch hineinzuwachsen. Und die narzisstische Überzeugung, Jeanne d'Arc wesentlich mehr zu gleichen als Lara Croft.

Exorzismus: Vermaledeite Ohren!, lassen mich immer dann im Stich bzw. stechen mich (cette - öhm - héroïne souffre beaucoup!), wenn ich etwas vorhabe. Natürlich genau dann, wenn ich ganz Ohr sein will. Mal abgesehen davon, dass ich die nächsten Wochen ohnehin extrem bei Kräften sein muss. Das lasse ich mir nicht bieten! In drei Apotheken (damit's nicht so peinlich und verdächtig ist) habe ich mir einen Chemiebaukasten zusammengekauft. Alles von Blümchenesoterik bis Hardcore-Chemie, und dazu mit Zwiebeln gefüllte Socken auf die Ohren gebunden. Irgendwas davon muss ja helfen! Viel-hilft-viel-mehr-als-weniger-wenig-bis-nicht-hilft! Hinweg!, FinderdeyN! Ich bezahl doch nicht ein leeres Billighotelzimmerli, das verstehe ich nicht unter Geld-aus-dem-Fenster-werfen. Wenn ich schon Geld aus dem Fenster werfe, dann aus so vollem Herzen, dass ich hinterherspringe. Placebo wirkt immerhin schon, beim Anblick dieses bunten Medikamentenparks kommt wieder gute Laune auf und Lachepilepsie; aber noch bin ich taub wie ein schnöder Maulwurf. Bloss schade, dass ich nachher nicht wissen werde, welches der Mittel meine Eustachischen Röhren freigeblasen hat (das geschieht nämlich, heut nacht!).

FouFF! Hinweg!!

sose benrenki
sose bluotrenki
sose lidirenki
ben zi bena
bluot zi bluoda
lid zi geliden
sose gelimida sin

15
Jul
2009

Der Hüterpapagei trägt Trauer.

Der Wald versteinert, der Fluss geliert. Die Geissenschellen schweigen. Der Blaue Pilz stinkt nicht mehr (es weiss nun ohnehin niemand mehr, wo er ist). Und alles was zu geschehen scheint, geschieht achtzehn Meter über dem Boden. Ich werde mit zugestöpselten Ohren herumlaufen, bis ich mit den Augen hören kann; aber zu spät, ich konnte Dir nur den Namen von den Lippen lesen, den Du für mich hattest. Ich werde an meiner inneren und äusseren Hässlichkeit so lange arbeiten, bis es keine Blume mehr gibt, die zu mir passt, damit niemand so um mich weinen wird wie ich jetzt um Dich (um Euch - denn mit Dir entfernen sich nach Zeiten auch die anderen). Ich werde eine Renegatensekte gründen, werde predigen an den Strassenecken, dass das Universum ein Denkfehler ist, bis ihnen die Augen auf- und übergehen, den ewig positiven Weltanschauungskapitalisten. Niemals werde ich sagen, "ein schöner Tod", "ein langes Leben", oder dümmer noch, ein "erfülltes". Das Unerfüllte lebt uns schliesslich, jedes Leben ist belanglos; stehen wir doch mal zu unseren schütteren Spuren! Lang wären vielleicht 970 Jahre, und die noch immer nicht lang genug, um so viel und tief zu lernen, dass unser Wissen Bedeutung annähme. Kein Tod ist schön. Es macht ihn doch nicht schön, dass die Geburt noch brachialer und vulgärer ist - und sie ist wenigstens vermeidbar. Denn wer nun einmal hier ist, den müssen wir lieben ohne Wenn und Aber, inklusive - und das ist das Gipfeli der Zumutung - uns selbst, und an den, der gegangen ist, müssen wir uns erinnern. Für all dies ist kein Trost und keine Erklärung, wer das nicht zugibt, ist ein feiger Scheisshaas, punktum. Falls es Gott gibt, ich schliesse das überhaupt nicht aus (was fürn eigenartiger Humor, ich kann nicht umhin, gegen meinen Willen fasziniert zu sein), dann lade ich ihn herzlich ein, zu mir zu beten (huhuuuu, Gott!, mich gibt es hundertpro!). Wenns mich dann grad ankommt und ich nichts besseres zu tun habe, höre ich ihm vielleicht eine Runde zu; aber ich verspreche nichts, was ich womöglich nicht halten kann, gelle.

Wir tragen Trauer, die Deinen und der Hüterpapagei. Ich trinke auf Dich!, und ich trinke auf die Tapferen, die den Universengesamtstuss mit Gelächter fressen, ohne sich daran zu verschlucken, und dabei standhaft und unermüdlich wütend bleiben in unerschütterlicher, liebevoll zynischer Verneinung.
(Du hättest das nicht unterschrieben, ich weiss. Und ich muss mich nicht an Dich erinnern, F., und nicht an Euch, K. und M., und F. vor mir. Ich will mich erinnern. Von Euch erzählen werde ich, und davon, wie gut Ihr zu mir wart.)

11
Jul
2009

Neunzehntzwanzigster April diesenjahrs

Ein Mann in einem orange-roten Heissluftballon, der in der Luft Schneetiere schnitzt und am Boden so lebt, wie man jeweils dort lebt, wo er landet.

27
Jun
2009

Zweierlei Lava

Das Grosse-Schwester-Syndrom, vielleicht das Privileg der Vermutterungsweigerung: ich, die Grosse Schwester, bilde kleine Mädchen aus. In einem Stall bauen sie unter meiner Anleitung eine konvexe Brücke, über die zwölf Kühe, immer zwei nebeneinander, gleichzeitig laufen können sollen. Die Mädchen sind mit Feuereifer bei der Sache. Sie hieven Holzplanken auf Strohballen, mit einem Ärmchen verschieben sie kichernd das Vierfache ihres eigenen Körpergewichts. Beinah routiniert arbeiten sie, obwohl sie zum ersten Mal eine Kuhbrücke bauen (viele von ihnen sind ja noch nicht mal eingeschult). Ich kann sie machen lassen, das tut ihnen gut, wenn sie sich selbständig beraten und organisieren müssen. Ich ziehe mich in die leere Kälberbox zurück, wo ich die Schützlinginnen hören kann, und sortiere ihre Jahrgänge und Siedlungsorte und bereite ihre Kuhbrückenbau-Zertifikate vor. Stemple sie bereits, denn keines meiner Mädchen wird durchfallen.
Du stehst in der Boxentür. Wirfst wohlbeherrschten Schatten, Du, für den ich einst die Blumenbande eines erhabenen Gebäudes verwüstete, für den ich sogar ein Grosses Gewächs ermordete und es wieder tun würde, so unvermittelt wirfst Du diesen fransenlosen Schatten, dass ich nicht dazukomme zu denken, dass ich nicht mehr mit Dir gerechnet habe (ich habe doch...). Das passiert ja immer wieder, dass Du plötzlich auftauchst, ohne Dich vorgängig zu vermitteln, und wie jedes Mal auch dieses Mal: Du schaust SO. So, dass ich rückwärts weiche, bis sich mir die Schultern in die Ecke falten, dann kann ich nicht weg und will es gar nicht, aber mit diesem Blick verhinderst Du, dass wir es aussprechen, was jedes Mal (nicht dieses Mal, schwöre ich mir, während ich weiche), immer und immer wieder, zum Letzten Kuss führt. Verstehst Du denn nicht, wie grausam die Wiederholung des Letzten ist?! Ich bleibe stehen, bevor sich meine Schultern in die Ecke falten. - "Was ist es, was du mich seit zwölf Jahren fragen willst?" frage ich. - "Das weisst du ganz genau," antwortest Du. - "Nein, ich habe keine Ahnung!" lüge ich. (Wir haben nie etwas kaputtgemacht.) - "Was willst du denn von mir wissen seit zwölf Jahren?" so drehst Du den Spiess um. Dein gediegenes Kupfer noch heute, und die Pupille aus Grünspan, die mich anfleht und notabweist, vor und rück - "meine Frage ist dieselbe wie deine," gebe ich nach zwölf Jahren endlich zu in hilfloser Kapitulation. Ich breche in Tränen aus, als wär ich so Kind wie meine Schützlinginnen, sinke an Deine Schulter fast wie im richtigen Kitsch. Der Letzte Kuss findet bei jedem Wetter statt. Er beginnt gerade.
Ein Schrei von der Kuhbrücke. Ein Mädchen schrie! Ich materialisiere mich unter der fertigen Brücke, lege mir den Kopf des gestürzten Kindes in den Schoss, rufe die Ambulanz mit meiner Hundepfeife (für solche Notfälle, ich weiss, was ich tue, wenn ich Kuhbrückenbaukurse gebe), das Mädchen stirbt einige Male in meinen Armen, sie weiss noch nichts von Letzten Küssen, aber jedesmal wenn sie die milchigen Augen kurz aufschlägt, liegt kein Groll in ihrem Blick, nur die Sorge, dass die Brücke keine zwölf Kühe tragen wird. Gaffer drängen sich im Stall. Die feiste Insektenkönigin mit dem winzigen Kopf und dem geschwollenen Abdomen verdrängt das Gedränge, immer war das so, ich muss das Mädchen an der Schwelle vor ihr schützen, sonst entreisst sie es mir und gar noch dem Tod. Du klebst mit Deiner ganzen einen Seite an dem Insekt und willst nicht mehr wollen, da stehst Du und schaust SO, Deine Schultern, die fürs Hängen nicht vorgesehen sind, hängen, und Dein grünes Hemd hat an der einen Schulter einen nassen Fleck und der Fleck hat einen feinen weissen Rand aus Salz. Ich habe dieselbe Frage wie Du, Kupfer & Grünspan.
Später, nach dem Kaffee, fallen schwindlige Bienen aus dem schwülen Himmel und legen sich mir vor die Füsse und sterben, gleich neben den beiden Lavastücken, und weisst Du noch, was Du damals sagtest, flehentlich und notabweisend, vor und rück, als Du sie mir gabst? (Natürlich weisst Du.) Was ich Dir sagen würde, wenn es ginge (warum fragen wir, was wir wissen), dann, dass jener Abend auf und in dem See, dass, an jenem Abend, das Boot mit dem blauen Streifen, zwölf Sommer, die Luftbläschen im Dunkelgrünen, dass ein wackliger Graureiher am Aprikosenhimmel über dem Wasser, wie ich fast erstickte vor Lachen beim Ausspucken, dass wir etwas hätten kaputtmachen sollen, ja, dass es das ist, das Nichtkaputtmachen im Einen Augenblick, was ich in meinem Leben von Allem am Meisten bereue, Kupfer & Grünspan. Und das will was heissen.

5
Jun
2009

Bekenntnisse einer Kaminfegerin

Ich kroch unter jeder Leiter hindurch, nahm Umwege auf mich, um der schwarzen Katz stets von rechts über den Weg zu laufen, reservierte in allen billigen Hotels das Zimmer 13 und bewohnte es auch, zertrümmerte so manchen Spiegel und stiess wie unabsichtlich mit dem Ellenbogen den Salzstreuer vom Tisch, frisierte mein Hörgerät, um keinen Käuzchenschrei zu überhören, verpasste nie auch nur den mickrigsten Kometen, ruinierte mich in Zoohandlungen, um Schlangennester und Totenvögel aufzukaufen. Allein meine Episteln an den Papst mit dem Begehr, den Kalender auf einen immerwährenden 13. Freitag umzuschalten, fruchteten nicht. Ich schmolz alle Hufeisen ein, derer ich habhaft werden konnte. Ich zertrampelte jedes vierte Blatt auf Kleefeldern so gross wie Brasilien, stach Legionen von Ferkeln ab und schlug Marienkäfer tot, bis sie auf die Rote Liste gesetzt wurden. Aber ich glaube nichts geschah. Mit 57 liess ich mich zur Kaminfegerin umschulen; selbsternannte Untiefenpsychologen behaupteten, um wenigstens einen der Kaminfeger zu ersetzen, die ich erdrosselt hatte. Aber ich glaube nicht. Nichts geschah. Ausser dass alles, einfach alles, an mir kleben blieb wie Pech, so wie immer schon.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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***** T. U. Rossel Escalante Sánchez ***** la trouvère

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Haha, wer weiss. Ein Priester mit Hang zum heiteren...
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Ah, Robert Burton war also ein Fetischist mit Hang...
tinius - 7. Nov, 22:31

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