Agronomische Aufpimpung der Agricola-Regeln

Landw. Betrieb im Vordergrund: links oben Schaf- und Schweineweide (erstere mit Stall), rechts oben drei Bauern und das Haustier in der Holzhütte, unten links knapp sichtbar zwei Getreideäcker.
"Agricola", das Brettspiel der Extraklasse, das man lobenswerterweise auch Solitaire spielen kann, hilft abzuspannen, Konzentration, Taktik und Strategie zu schulen (alles drei hat bei mir Training mehr als nötig!), und in meinem Fall zudem, das Heimweh nach dem Stallmief zu stillen. Obwohl es jeweils in Stress ausartet, weil man andauernd von Hungersnot bedroht wird und deshalb fischt und taglöhnert und schlachtet und backt wie blöd (oder das teure Saatgut auffrisst), während man sich um viel zu Vieles simultan kümmern muss: Ackerbau, Viehzucht, den Ausbau und die zweimalige Renovierung des Hauses (von Holz zu Lehm zu Stein) und die Fortpflanzung der Bauernfamilie, was zwar Arbeitskräfte bringt, die einem aber die Haare vom Kopf fressen. Allerdings simuliert die ewige Futtersorge wohl sehr treffend die Situation der Kleinbauern im 17. Jahrhundert (und heute). In der Vollversion - und die ist erst richtig taff - muss man ausserdem den Landwirt weiterbilden und sich die Arbeit mit zig Anschaffungen erleichtern, und beides kommt schweineteuer zu stehen, zahlt sich aber gewaltig aus, sofern man ein starkes Blatt auf die Hand bekommt. Die neue Erweiterung (hurraaa!) "Die Moorbauern" kompliziert die Lage in orgiastischem Ausmass. Man muss jetzt auch noch Torf stechen und die Hütte heizen (hat man zur Erntezeit nicht genug Brennstoff gebunkert, werden die Figüren krank und liegen im Spital darnieder, anstatt zu rackern), Wald roden, um Holz zu ernten und Acker- und Weideland urbar zu machen, sowie eine Pferdezucht aufbauen. Die naturgegebene Verteilung der Moor- und Waldflächen erfordert eine vorausschauende Planung, dass einem Hören und Sehen vergeht. Alles in allem, müssig, es zu sagen: ich verliere eigentlich immer. Dieses Komplexum übersteigt meine intellektuellen Kräfte.
Aus agronomischer Sicht schlage ich ein paar Änderungen der offiziellen Spielregel (Download) zur Güte vor:
1. Es ist ein Unding, dass verschiedene Tierarten nicht auf derselben Weide gehalten werden dürfen. Schafe und/oder Rinder und/oder Pferde im Team sorgen erst für eine optimale Nutzung des Grünlandes (der Futterbau ist die Königsdisziplin der Landwirtschaft, es wird ihm - auch in der Praxis - zuwenig Bedeutung beigemessen). Für gemischte Weiden (Schweine ausgenommen) sollte es Extrapunkte geben.
2. Freilandschweine versauen Grasnarbe und Boden beinah irreversibel (jedenfalls für geraume Zeit). Deshalb sollte es Abzug geben für Schweine, die ohne Stall gehalten werden.
3. Zwischenfutter auf Ackerflächen sollte genutzt werden dürfen; auf jedem Acker, der zur Erntezeit brachliegt, könnte man ein Tier halten (was den notorischen Platzmangel zur Reproduktionszeit der Nutztiere entschärfen würde; wenn man nachher wieder aussäen will, bevor man mehr Weiden gezäunt hat, müsste man das Tier halt aufessen).
4. Zwar wird den geschlossenen Nährstoffkreisläufen im Spiel bereits Rechnung getragen, indem man eigentlich nicht gewinnen kann, wenn man nur einen Betriebszweig ausbaut. Hübscher wäre noch, wenn man zusätzlich für Dünger bezahlen müsste, solange der Ackerbau massiv überwiegt, und umgekehrt Abzug kriegen würde für zuviele Tiere pro Ackerfläche (oder hospitalisierte Knechte wegen Grundwasserversauung).
Allerdings ... ich würde lieber nur Zusatzregeln wollen, die das Spiel erleichtern. Aber es steht mir ja frei, durch Privatkodex meiner Vorliebe für Stressbekämpfung zu frönen.
Addendum: Dieses Spiel hat uns nicht zuletzt das wunderbare Wort animeeples beschert. Meint: hölzerne Tierfiguren, die auch ohne viel Phantasie als Tiere erkennbar sind.
La Tortuga - 28. Nov, 19:39


