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Postbestiarium

28
Nov
2009

Agronomische Aufpimpung der Agricola-Regeln

agricola
Landw. Betrieb im Vordergrund: links oben Schaf- und Schweineweide (erstere mit Stall), rechts oben drei Bauern und das Haustier in der Holzhütte, unten links knapp sichtbar zwei Getreideäcker.

"Agricola", das Brettspiel der Extraklasse, das man lobenswerterweise auch Solitaire spielen kann, hilft abzuspannen, Konzentration, Taktik und Strategie zu schulen (alles drei hat bei mir Training mehr als nötig!), und in meinem Fall zudem, das Heimweh nach dem Stallmief zu stillen. Obwohl es jeweils in Stress ausartet, weil man andauernd von Hungersnot bedroht wird und deshalb fischt und taglöhnert und schlachtet und backt wie blöd (oder das teure Saatgut auffrisst), während man sich um viel zu Vieles simultan kümmern muss: Ackerbau, Viehzucht, den Ausbau und die zweimalige Renovierung des Hauses (von Holz zu Lehm zu Stein) und die Fortpflanzung der Bauernfamilie, was zwar Arbeitskräfte bringt, die einem aber die Haare vom Kopf fressen. Allerdings simuliert die ewige Futtersorge wohl sehr treffend die Situation der Kleinbauern im 17. Jahrhundert (und heute). In der Vollversion - und die ist erst richtig taff - muss man ausserdem den Landwirt weiterbilden und sich die Arbeit mit zig Anschaffungen erleichtern, und beides kommt schweineteuer zu stehen, zahlt sich aber gewaltig aus, sofern man ein starkes Blatt auf die Hand bekommt. Die neue Erweiterung (hurraaa!) "Die Moorbauern" kompliziert die Lage in orgiastischem Ausmass. Man muss jetzt auch noch Torf stechen und die Hütte heizen (hat man zur Erntezeit nicht genug Brennstoff gebunkert, werden die Figüren krank und liegen im Spital darnieder, anstatt zu rackern), Wald roden, um Holz zu ernten und Acker- und Weideland urbar zu machen, sowie eine Pferdezucht aufbauen. Die naturgegebene Verteilung der Moor- und Waldflächen erfordert eine vorausschauende Planung, dass einem Hören und Sehen vergeht. Alles in allem, müssig, es zu sagen: ich verliere eigentlich immer. Dieses Komplexum übersteigt meine intellektuellen Kräfte.


Aus agronomischer Sicht schlage ich ein paar Änderungen der offiziellen Spielregel (Download) zur Güte vor:

1. Es ist ein Unding, dass verschiedene Tierarten nicht auf derselben Weide gehalten werden dürfen. Schafe und/oder Rinder und/oder Pferde im Team sorgen erst für eine optimale Nutzung des Grünlandes (der Futterbau ist die Königsdisziplin der Landwirtschaft, es wird ihm - auch in der Praxis - zuwenig Bedeutung beigemessen). Für gemischte Weiden (Schweine ausgenommen) sollte es Extrapunkte geben.

2. Freilandschweine versauen Grasnarbe und Boden beinah irreversibel (jedenfalls für geraume Zeit). Deshalb sollte es Abzug geben für Schweine, die ohne Stall gehalten werden.

3. Zwischenfutter auf Ackerflächen sollte genutzt werden dürfen; auf jedem Acker, der zur Erntezeit brachliegt, könnte man ein Tier halten (was den notorischen Platzmangel zur Reproduktionszeit der Nutztiere entschärfen würde; wenn man nachher wieder aussäen will, bevor man mehr Weiden gezäunt hat, müsste man das Tier halt aufessen).

4. Zwar wird den geschlossenen Nährstoffkreisläufen im Spiel bereits Rechnung getragen, indem man eigentlich nicht gewinnen kann, wenn man nur einen Betriebszweig ausbaut. Hübscher wäre noch, wenn man zusätzlich für Dünger bezahlen müsste, solange der Ackerbau massiv überwiegt, und umgekehrt Abzug kriegen würde für zuviele Tiere pro Ackerfläche (oder hospitalisierte Knechte wegen Grundwasserversauung).

Allerdings ... ich würde lieber nur Zusatzregeln wollen, die das Spiel erleichtern. Aber es steht mir ja frei, durch Privatkodex meiner Vorliebe für Stressbekämpfung zu frönen.


Addendum: Dieses Spiel hat uns nicht zuletzt das wunderbare Wort animeeples beschert. Meint: hölzerne Tierfiguren, die auch ohne viel Phantasie als Tiere erkennbar sind.

10
Nov
2009

Michael Ende über Schildkröten

Rübergezwackt vom Thienemann Verlag:

Man hat mich des öfteren gefragt, warum fast in jedem meiner Bücher eine Schildkröte vorkommt. Ich muss zugeben, dass mir diese Tatsache selbst erst durch die Frage auffiel.
Eigentlich hat sich die jeweilige Schildkröte (Uschaurischuum, Morla, Kassiopeia, Tranquilla usw.) sozusagen immer ganz von selbst eingestellt, ohne meine Absicht. Aber vielleicht können einige Hinweise auf die Bildersprache der Mythen und Märchen die Frage wenigstens teilweise beantworten.
In der Weltmythologie wimmelt es ja geradezu von Schildkröten. Der Noah der nordamerikanischen Indianer z.B. rettet sich nicht wie der biblische in einem Schiff, sondern auf dem Rücken einer riesigen Wasserschildkröte mit seiner Familie über sie Sintflut. Im indischen Mythos steht die Welt auf dem Panzer einer kosmischen Schildkröte. Wenn man das I-Ging, das chinesische "Buch der Wandlungen", aufschlägt, so wird man finden, dass die 64 Ur-Hexagramme, von denen, wie es heißt, alle Schriftzeichen abstammen, von einem vorgeschichtlichen Weisen aus den Mustern auf den einzelnen Platten eines Schildkrötenpanzers abgelesen worden sind. (Wer Momo gelesen hat, wird sich hier vielleicht an Kassiopeias Mitteilungshinweise erinnert fühlen.) Die Beispiele sind fast beliebig vermehrbar.
Was mir persönlich an Schildkröten (ich spreche hier von der mediterranen Landschildkröte) so besonders sympathisch ist, das ist:

1. ihre vollkommene Nutzlosigkeit. Schildkröten haben weder Freunde noch Feinde in der Natur (außer dem Menschen, versteht sich, der ja inzwischen der gefährlichste Feind aller Kreatur geworden ist, aber ist kein "natürlicher" Feind). Sie nützen niemand und sie schaden niemand. Sie sind einfach da. Das scheint mir in einem Weltbild wie dem gegenwärtigen, in dem alles in der Natur vom Nützlichkeitsstandpunkt aus erklärt wird, eine bemerkenswerte und tröstliche Tatsache.

2. ihre Bedürfnislosigkeit. Schildkröten können mit fast nichts existieren. Täglich ein paar Blättchen, damit kommen sie über Wochen und Monate aus.

3. ihr Alter. Ich meine damit nicht nur, dass sie im einzelnen sehr alt werden können, sondern das Alter ihrer Spezies. Es hat sie schon gegeben, als der Mensch noch in Abrahams Wurstkessel schwamm, und es wird sie vermutlich noch geben, wenn wir längst wieder abgetreten sind.

4. ihr Gesicht. Haben Sie einer Schildkröte schon mal direkt ins Gesicht gesehen? Sie lächelt. Sie scheint etwas zu wissen, was wir nicht wissen.

5. ihre Form. Dies ist der am schwersten zu erklärende Punkt, weil er dem gegenwärtigen Denken ungewohnt ist: Wenn man eine Schildkröte einmal nicht anatomisch, sondern symbolisch betrachtet, also das ins Auge fasst, was ihre Gestalt ausdrückt, dann hat man es eigentlich mit einer wandelnden Hirnschale aus Horn zu tun. Die Hirnschale spielt in den Mythen der Welt ebenfalls eine bedeutsame Rolle. Nach der Edda wurde das gestirnte Himmelsgewölbe aus der Hirnschale des Ur-Eisriesen gebildet. In der Hirnschale befindet sich die Fontanelle, eine kleine Öffnung nach oben, die beim neugeborenen Kind noch für eine kurze Weile offen bleibt und sich dann nach und nach schließt. Das ist die Erinnerung des physischen Leibes, so sagen einige Quellen des alten Wissens, an eine Ur-Zeit, in der diese Fontanelle des Menschen sein Leben lang offen blieb. An dieser Stelle befand sich ein Organ (man kann seine eigentümliche Form noch jetzt an allen Buddha-Statuen als "Frisur" sehen), mit dem der Mensch wie träumend über die Welt von Raum und Zeit hinaus, also jenseits des Himmelsgewölbes, wahrzunehmen vermochte. Die Inder nennen es den "tausendblättrigen Lotos". Vielleicht sind sogar unsere Königskronen noch eine, inzwischen unbewusste, Nachbildung dieses Organs.
Bei den Schildkröten ist die Schale geschlossen. Das denkende Ich ist mit sich allein und wird sich seiner selbst bewusst. Mit anderen Worten: "Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich."



An erster Stelle die vollkommene Nutzlosigkeit! Allein das wäre einen Orden wert (für Ende und die Schildkröten). Anzufügen wäre (Auswahl): Schildkröten sind so zäh und dauerhaft, weil sie keinen Sport treiben, den Energieverbrauch so gering wie möglich halten und nicht so nervös herumhypern wie die meisten anderen Tiere (insbesondere die Menschen). Sie tragen die Rippen, also die Fassreifen des Herzens, aussen, und keiner merkts. Niemand strahlt so charmant "lasst mich einfach in Ruhe" aus wie eingepanzerte Schildkröten. Sie veranstalten bei der Paarung den lustigsten Lärm, der je ein menschlich Ohr erreicht. Sie sind - vor allem auch als Spezies - unerhört stur. Immens anachronistisch und endlos erfolgreich, obwohl sie das Konzept "Erfolg" gar nicht erst verstehen wollen. Schildkröten sind die Zier jedes Sultansgartens, der Trost trauriger alter Frauen und die Lehrmeister der Einsiedler. Und sie haben Tausenden Seeleuten das Leben gerettet ... aber zu welchem Preis.

4
Apr
2009

Die Fabel von dem Nacktmull und von dem Zebrastreifen auch

oder: Die Fabel von dem keinen Bock.

Kam ein Nacktmull des Weges und wollte sich in den Schatten eines stoppelbärtigen Sukkulents legen, denn er fürchtete sich so vor dem Sonnenflammeninferno (und er hatte blöderweise sein Après-Soleil nicht mit). Aber da stand eine Gnuherde in Einerreihe Schlange vor dem Sukkulent und scheuerte sich individuell am Stoppelbart. Als sich die Gnuherde fertig gescheuert hatte - das dauerte nämlich 40 Tage und 39 Nächte lang (oder verlangt die Fabel Kleinheit von Ort, Zeit und Handlung?! - Hab ich vergessen) - war der Schatten des Sukkulents so dünn geworden, dass der Nacktmull, ein Tier, das sowieso zeitlebens aus der Not geboren ist, es halbherzig vorzog, im Lee der Gnuherde mitzuwandern. Sie kamen an einen Zebrastreifen.
"Man sollte immer von Gelb zu Gelb springen, sonst hast du geschissen, wenn dich einer auf dem Grauen über den Haufen fährt (wegen der Lebensversicherung)", riet die Gnuherde dem Nacktmull.
"Ach so", sagte der Nacktmull.
Nachher kamen sie zu einem Kebabtakeaway.
"Achte immer gut drauf", mahnte die Gnuherde, "dass die da drin kein Gnufleisch verwursten!, unter dem Scharf merkst dus vielleicht nicht".
"Oukidouki", sagte der Nacktmull.
Dann kamen sie an eine Riviera. Dort klebte an einem Marmorbrocken ein ziemlich mondänes Seegürklein und flörtete mit einem keinen geilen Bock.
"Pack den keinen Bock beim Einhorn!", ätzte das Feld der Gnuherde, und "man muss Seegürklein mit Essig einreiben!", grölte die Vorhut der Gnuherde (die vordere Nachhut bestellte gerade Vegikebab, die hintere Nachhut hüpfte noch von Gelb zu Gelb).
Das geht irgendwie zu weit, hätte der Nacktmull jetzt einwenden müssen. Aber er sagte zu der Gnuherde: "Na wenn du meinst."

Und die Moral von der Geschicht
ist
ich weiss auch nicht
was ein Nacktmull (Mist!, das passt da nicht rein
in das Gedicht)
ist.

Eine Gnuherde schon. (Aber das passt auch nicht rein.)
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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