Postbestiarium

8
Okt
2008

Kulturgeschichte des Kanarienvogels

1419 besiedelten die Portugiesen Madeira, 1439 die Azoren, und zwischen 1478 und 1496 eroberten sie die Kanarischen Inseln. Von dort brachten die Spanier den Kanarienvogel, (Serinus canaria) aus der Familie der Finken (Fringillidae) und nächster Verwandter des Girlitz, nach Europa. Ein Zürcher Arzt erwähnte ihn 1555 erstmals als "Zuckervogel", da auf den Kanaren Zuckerrohranbau betrieben wurde. Ende des 17. Jahrhunderts gelangte der Vogel ins Inntal. Das Städtchen Imst entwickelte sich zur Hochburg der Kanarienvogelzucht. Die Tiroler Vogelhändler kamen weit herum; in London, St. Petersburg und Konstantinopel sangen Kanarienvögel Tiroler Volksweisen. Erst im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum der Kanarienzucht in den Harz. Der "Harzer Roller" soll der beste Sänger unter den Finken sein, heisst es. In Papageno und in Carl Zellers Operette "Der Vogelhändler" leben die Imster Kaufleute indes weiter. Auch ohne diese musikalische Erinnerung stellt man sie sich als bunt befranste Gestalten vor. Wenn nicht gar gefiedert.


(Vielleicht eine Art, das Postbestiarium weiterzuführen: mit wehmütigen Trouvaillen aus dem Hauptfachgebiet meines Ex-Berufes, der Nutztierwissenschaft.)

30
Jun
2008

Es ist nicht Erdnüssli,

so ein ganzes Bestiarium zu zügeln. Vor allem die Aquarien entpuppen sich als uanständig rückenschädigend, und deren habe ich viele, obwohl ich doch gar nie auf die bêche-de-mer zu sprechen kam. Aber eben, wie schon im alten Bestiarium festgestellt, das Leben ist nun mal kein Ponyschlachthof.

Es ist meinem Getier die Veranda unter den Käfigen zusammengekracht, aber ich kann Euch versichern, es lag nicht an morschen Brettern. Der p.- ist einfach einer, der tut, was er weiss. Nicht so einer von denen, die sich schon fünfmal verabschiedet haben und dann noch immer auf der Schwelle rumstehen und sich noch eine Zigarette anzünden und wieder zu reden beginnen, so dass man ihnen notgedrungen ein zuvieltes Glas einschenkt (und am Ende sagen sie, dass sie nun nicht mehr fahren könnten und ob nicht vielleicht dieses Sofa ...). Nö, der p.- gestet sternig mit der Linken, der Vorhang fällt, und KaBumm!! - vigolettpurpurnes Glitzerwölklein - KaWatschz!, materialisiert er sich irgendwo anders, wo ein netteres Publikum sitzt. Aber wer weiss das so genau. Ich stells mir halt so vor. Und die Ginsterkatze, wen wunderts, ist das einzige der Ausstellungsstücke, das ihn vermisst. Grrrr! Schweig mal, du Abschaum der Feliden, dieses Geraunze geht mir auf den KeX!!!

Jedenfalls wohnen wir jetzt hier auf dem Postamt. Nicht eben ein geeigneter Ort für ein Bestiarium, allerlei Fauna steht den Meldereitern unmotiviert im Weg herum, und die Herbivoren bedrohen das Herbarium und die Philatelistische Sammlung. Ich weiss also noch nicht, ob ich mir noch weitere Tiere zulegen werde. Die Schildkröte und das Kamel werden nicht begeistert sein ( ... nicht schwer zu durchschauen, was die beiden in Wahrheit fürchten!). Viele dieser Brehmpamphlete könne man wohl in den Carnivorschriften abhandeln, meinen sie. Aber alles was recht ist, irgendwann werde ich die Badewanne füllen für eine fette Seegurke, wenigstens das!

Das Bestiarium ist fürderhin zu erreichen über die Rubrik Postbestiarium oder hier:

Zähne und Klauen (wie das Bestiarium auf der Veranda eröffnet wurde)
Ganz früher war der Himmel schwarz (über eine Waldversion)
13 Sommer Inverness (den verschenk ich, den attraktiven Russen)
Die kryptogeographische Methode kurz erklärt anhand des Breitlings
Was ich suche aus der Dose (hüte dich vor der Ginsterkatze!)
Tucholsky treibt Allotria (der Dichter kriegt dicke Post von mir)
Portugiesische Galeere (über die Portugiesische Galeere)

4
Jun
2008

Portugiesische Galeere

Wir waren hundertundein Mädchen im Inselinternat, und immer blieb ausgerechnet ich irgendwie übrig. Ich konnte mich noch so sehr schrumpfen, stülpen, kauern, ja mich richtiggehend verstecken, es half nicht. Alle Mädchen hatten blonde Zöpfchen und helle Haut; ich nicht. Das Erstaunliche war, dass die Puttmuff, die wenig anderes tat als drakonische Strafen über uns Mädchen zu verhängen, mich nicht zusätzlich schikanierte. Sicher kriegte auch ich mein Maß an Peitschenhieben, Fastentagen, Kellerarrest, Rasiermessernarben voll, aber mein Maß war nicht voluminöser als das der Blondzöpfe. Ich führte darüber heimlich Buch, nicht um das Unrecht durch die Niederschrift in Stein zu meißeln, sondern um den Mechanismus zu verstehen. Ich war überzeugt, erst aus dem Inselinternat wegzukommen, wenn ich es durchschaut hätte. Im Augenblick, in dem ich das letzte Puzzle-Teil einsetze, dachte ich, wird alles zu Staub zerbröseln, dann heißt es nur noch nach Hause schwimmen.

Die Puttmuff verteilte die Ämter. Wir verbrachten unsere zarten Jahre ämterverrichtend. Natürlich, das Inselinternat erhielt sich autark, wir besorgten Ställe und Gärten, kochten, putzten, wuschen. Aber hundertundein Mädchen hätten das Essen und den übrigen Kleinkram für eine Puttmuff, fünf Puttmuffgehilfinnen und hundertundein Mädchen in zwei Stunden erledigen können. Wir arbeiteten sechzehn Stunden, wovon vielleicht drei als Werkstatt im didaktischen Sinne durchgehen konnten. Es waren teils erschreckend sinntote Arbeiten, aber das war nun etwas, das ich bereits eingepuzzelt hatte: diese Arbeiten gewöhnten uns daran, nicht nachzudenken. Es wäre gefährlich gewesen, darüber nachzudenken, während man so eine Arbeit ausführte. Sinntot sage ich nicht ohne Grund. Einmal musste ich einem Mädchen den Rücken aufschlitzen und ihm einen Reißverschluss in die Haut nähen, von unten nach oben, während ein anderes Mädchen meinen Rücken aufschlitzte und mir einen Von-unten-nach-oben-Reißverschluss einsetzte, während das Mädchen, dem ich den Reißverschluss verpasste, einem weiteren Mädchen dasselbe antat. Ein geschlossener Reißverschluss-Einsetzkreis aus hundertundeinem Mädchen; von einem Helikopter aus müsste das einen prächtigen Anblick geboten haben.

Donnerstags schickte uns die Puttmuff zum Fischen. Wir durften nicht zu weit von der Insel wegschwimmen, obwohl nirgendwo Festland auszumachen war (die meisten von uns hatten eine blasse Erinnerung an eine tagelange Überfahrt). Und wir fischten so:
Wir hundertundein Mädchen legten uns ins seichte Wasser, da wo sich die Wellen brechen, und fassten uns alle an Händen und Füssen. Derart verbunden wanden wir uns etwas weiter ins Meer hinaus, bis dahin, wo Hotelpoolblau in Preußischblau übergeht. So dümpelten wir und pressten alle gleichzeitig große Mengen Schleim aus sämtlichen Poren, bis wir ganz davon eingehüllt waren. Die obersten Mädchen bogen den Rücken auf, so dass Gallertkugeln uns an der Wasseroberfläche hielten, die untersten – zu denen ich stets gehörte – ließen burgunderrote Nesselfäden aus unseren Bäuchen herausklungeln. Nun mussten wir uns nur noch treiben lassen, und sie schwammen uns alle freien Willens in den filigranen Vorhang, den wir durchs Wasser zogen, die Bonitos, Doraden, Makrelen, Kabeljaue, Sardinen, auch Thunfische, Haie und manchmal gar Delphine, um die wir schrecklich weinten, wenn sie sich in unserem Gift auflösten.

Und plötzlich hatte ich es verstanden. Das schattige Schiff, in dessen Kielwasser wir jeweils gerieten und dessen flappendes Segel manchmal unseren einzigen Rücken streifte, wenn der Seegang Unwetter ankündete, das war nur in gewisser Weise ein Schiff. Es war auch kein Schiff. Das Schiff war eine Karacke und war ein Holländer, war ein Holländer mit kupfernen Flügeln und rotem Bart und grünen Flaschen um den Gürtel. Ich entnesselte mich und quoll auf ihn zu, schwappte mich ihm in die Arme, und er trug mich fort. Es war erstaunlich leicht gewesen, mich aus dem Pulk aus hundertundeinem in Schleim gehüllten Mädchen herauszulösen, vielleicht deshalb, weil ich ohnehin immer irgendwie übrigblieb.

Nur der Holländer schien nicht ganz zufrieden. Die Puttmuff hat nur Mädchen mit blonden Zöpfchen, grummelte er in seinen Bart. Die hier hat schwarze Borsten. Sie sieht aus wie eine Drahtbürste. Aber er musste nehmen, was er bekam, dass sah er wohl ein. Er spielte an meinem Rückenreißverschluss herum. Der ist verkehrtrum, stänkerte er wieder. Der ist bei allen verkehrtrum, auch bei den Blondzöpfchen, zickte ich. Und ich ging daran, die Holländerei zu verstehen, um bald wegzukommen.

24
Mai
2008

Tucholsky treibt Allotria

Sehr geehrter Herr Tucholsky, wie Sie wissen, leide ich unter mannigfaltiger Insomnia und werde dadurch selbst immer faltiger. Es gibt freilich mehrere Arten der Insomnia (von denen mich alle reihum befallen). Gestern ereilte mich die Funkelinsomnia, mit eine der erhabensten Formen: ich war verliebt. Diese schlafraubende Verliebtheit ist ungerichtet, bezieht sich nicht auf eine Person oder einen bestimmten Gegenstand, sondern zerwirbelt sich in Spiralen durch das gesamte mir unbekannte Weltall. Es bleibt mir in solchen Situationen nichts anderes übrig, als so lange zu lesen, bis mir die Augen zufallen. Das kann dauern! Ich goss mir einen Becher Milch ein und griff nach Ihrem Buch. Es brachte mich zum Lachen, weshalb ich Schluckauf kriegte, also musste ich Wasser trinken, und nachdem ich eine Zigarette geraucht hatte, wollte das Wasser wieder raus, ich las weiter, lachte wieder, trank, rauchte, pinkelte, lachte, las – und wurde alles in allem immer noch wacher, Sie Schlawiner, Sie!

All diese Aktivitäten führten mich abwechslungsweise vom Schlafzimmer in die Küche auf den Balkon ins Bad. In letzterem zum ungefähr vierten Male angelangt stellte ich mit einigem Ärger fest: der Spiegel funktionierte nicht mehr! Und in der Ecke waren die Fliegen gelb angestrichen. In der Badewanne lag Karl der Dicke, ein historischer Spaß. Ekelhaft! Ich trat aus dem Badezimmer. Es trieb sich zu viel Kruppzeug in der Wohnung herum! Augenblicklich hatte sich ein zahlreiches Gesindel eingefunden:

Die „Milchkuh“, ein sonderbar melancholisches Geschöpf auf zwei Beinen, gelb und dünn und unglaublich lang, mit Hörnern und einem Tiergesicht, knapp ansitzendem Fell und Rollen unter den Füßen. „Anton, der Feuerriese“, der aber noch nicht illuminiert hatte. Sieben hygienische Kinder mit Wasserspülung. Merkwürdige wibbelnde und kribbelnde Dinger, wie sie Herr Gischtschiner zu erschaffen pflegte, wenn er zuviel Knödel gegessen hatte (den soll ich anrufen, sagen Sie?! Sind Sie vom Wahnsinn umzingelt, ich soll eine Ihrer Ausgeburten anrufen??). Der Lange, der immer mit den Glasaugen jongliert. Das lebende Reimlexikon. Das kleine, mit Gras besäte Schweinchen, das langsam die Wand hinaufkletterte. Die Spiegelwanzen (aha! Die hatten also den Spiegel versaut!). Ein hohes C für Kehlkopfgröße 4. „Alle Neune“, ein Ding mit vielen Kegelbeinen, das man gut als Briefbeschwerer gebrauchen konnte.

Das alles schilderte ich Ihnen telefonisch, Herr Tucholsky. Sie waren der Urheber dieser Heimsuchung, und ich erwartete von Ihnen selbstverständlich, dass Sie den ganzen Quatsch auch wieder wegräumen. Ein gewöhnlicher Kammerjäger wäre einer Invasion dieses Ausmaßes ja wohl kaum gewachsen, außerdem müsste ich den aus eigener Tasche bezahlen. Sie gaben mir also die Nummer des Stadtzauberers Gischtschiner, der sei für den Budenzauber verantwortlich, er habe sich wohl in der Wohnung geirrt. Es blieb mir nichts anderes übrig als tatsächlich anzurufen. Am Apparat war Frau Aurora – es fiel ihr nicht ein, sich für ihren Gatten zu entschuldigen (Recht hatte sie ja). Aber sie hieß mich einen Notizblock holen und diktierte mir, was ich tun sollte: 1) Suchen Sie Zebedäus. 2) Blasen Sie den und das andere Geviech weg. 3) Sagen Sie dazu laut: REHEM!

Ich bat Frau Aurora, einen Augenblick am Apparat zu blieben („Der Schlappschwanz“ … hörte ich sie beim Niederlegen des Hörers brummeln), ging reihum durch die Zimmer und suchte Zebedäus. Auf keins dieser Biester passte die Beschreibung. F.. äh … REHEM!

„Frau Aurora“, sagte ich weinerlich, „der Hauptkerl ist weg!“

„Ja, dann kann ich Ihnen nicht helfen, tut mir sehr leid. Schlafen Sie gut!“ – Eingehängt.

Schlafen Sie gut!!! Die Frau hatte Nerven! Aber die lebte ja schon jahrelang in einer Wohnung voller Irrläufer. Ich legte mich mit offenen Augen hin. In einer stillen Ecke stiegen rote und grüne Kugeln auf und ab. Und wenn ich schon nicht schlief, konnte ich den Allotria genauso gut feiern. Ich schickte eine kleine Eisenbahn in den Keller, die Sekt herauffahren sollte.

Werter Herr Tucholsky, Rache muss sein. Meine kleine Retourkutsche besteht darin, dass ich einen Text geschrieben habe, der zu großen Teilen aus Ihrem Text besteht. Ich muss den Kräfteverlust durch Funkelinsomnia wieder aufholen, also lasse ich nach dem Verursacherprinzip andere für mich arbeiten. Darf ich Ihnen auch ein Glas Sekt einschenken?

Mit herzlichem Gruße.

Kursiv: Zitate aus Kurt Tucholsky, „Bei Stadtzauberers“, 1918.

18
Mai
2008

Was ich suche aus der Dose

Was würdest du kaufen?, fragte ich meine Ginsterkatze, die ich in an der Leine in den Supermarkt mitgenommen hatte. Normalerweise ernährt sie sich von meinen Tischabfällen und von dem, was ihr die Walfänger der benachbarten Transiederei hinwerfen. Aber heute hatte meine Ginsterkatze Geburtstag, ich wollte ihr ein richtig dekadentes Menu kredenzen, Haustierfutter nämlich. Ich kann Haustierfutter nicht unterstützen. Es besteht aus bankwürdigem Fleisch, das nur deshalb als „Schlachtnebenprodukte“ deklariert wird, weil sich die Menschen reicher Länder zu gut sind, Innereien, Köpfe, Füße, Schwänze und Geschlechtsorgane zu essen.

Meine launische Ginsterkatze hat Starallüren; sie kümmerte sich einen Feuchten um die Supermarktregale, sondern hielt nach zu heiß gewaschenen Pudeln alter Damen Ausschau, um sie zu belästigen. Lachsstreiflein, Rindsgulasch, Speckwürfelchen, zartes Hühnchen, frische Sardinen – ich war drauf und dran, den Supermarkt unverrichteter Dinge zu verlassen, als mir ein ausnehmend gutaussehender Mann auf die Schulter tippte. Trau niemals schönen Menschen!, sagte ich mir. Kommen Sie, ich weiß was Sie suchen, sagte er, und ich folgte ihm (nicht wenig verärgert über mich selbst), die Ginsterkatze hinter mir herzerrend, vorbei an Delikatessfleischkäse, Landjäger, Bauernspeck, Aufschnitt aller Gattung. Das da suchen Sie!, lächelte er und drückte mir eine unscheinbare Konservendose in die Hand. Wohl bekomm‘s!, rief er und verbeugte sich schwungvoll wie ein Musketier. Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas zu beanstanden haben!, sagte er noch – er flüsterte beinah –, meine Nummer steht auf der Etikette.

Ich bezahlte und ging, es eilte, denn die Ginsterkatze war im Begriff gewesen, einen dieser bodennahen Hunde zu bespringen, einen Yorkshire-Terrier. Das hätte bloß wieder Ärger gegeben.

Zuhause angekommen, spülte ich sofort den Ginsterkatzennapf und suchte den Dosenöffner. Ich wollte den leidigen Ginsterkatzengeburtstag unverzüglich hinter mich bringen. Man muss wissen, dass eine Ginsterkatze alles andere als ein Kuscheltier ist. Im Gegenteil, man vermeidet jede Berührung, ja, jede Begegnung, man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass es überhaupt keine Ginsterkatzen gäbe. Eine Ginsterkatze ist auserlesen hässlich und nachgerade abstoßend, sie besteht fast nur aus Zähnen und Klauen und einem struppigen, übelriechenden Balg, dessen Muster an Hämorrhoiden erinnert, und er zieht jegliche Parasiten an, die man sich nicht mal vorstellen mag. Die Frage, weshalb ich eine Ginsterkatze habe, stellt sich nicht. Die Ginsterkatze hat mich, es gibt kein Entrinnen. Sie war eines Tages aus der Transiederei spaziert, wo sie sich glücklicherweise auch jetzt noch die meiste Zeit des Tages aufhält (aber wirklich unheimlich ist die Ginsterkatze nachts) – ich bete vergeblich darum, dass sie einem Unfall zum Opfer fällt, denn das Zerlegen der Wale ist eine gefährliche Arbeit, fast täglich verunglücken Männer da drüben.

Ich kratzte den Inhalt der Dose mit einem Löffel in den Blechnapf. Die undefinierbare Masse, gespickt mit Klauen, Zähnen, Schuppen, Flossen, Knorpeln, Augen, Saugnäpfen war schlicht ekelerregend. Es stank bestialisch. Es knisterte und blubberte. Es schimmerte feucht und faulig grün. Wie ein Teig ging das Zeug auf und troff über den Napf hinaus, tropfte auf den Küchenboden. Als ich es hastig aufwischte, hatten sich bereits Löcher in das Linoleum geätzt. Erst jetzt fiel es mir ein, die Etikette auf der Dose zu lesen. Sea cucumber? Kein Wort davon. Überhaupt kein Wort. Eher Hieroglyphen, unheilschwanger wirkten die, düstere Götterkonterfeie. Darunter kleingedruckt in lateinischer Schrift: Allzeit Ihr Dr. Definite. Und eine Telefonnummer so lang, dass sie viermal um die ganze Dose reichte.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis ich die Zahlenfolge ins Telefon getippt hatte. Unter dieser Nummer kein Anschluss, leierte eine gelangweilte Frauenstimme. Ich tippte neu. Die Inhaberin eines Hundefrisiersalons meldete sich; falsch verbunden. Diesmal wählte ich ganz langsam, es ging inzwischen auf Mitternacht zu. Es klingelte an die dreißigmal, bis ich schließlich hörte, was ich eigentlich gar nicht hören wollte: ich weiß, was Sie suchen! Was für eine wohlklingende Stimme … Ich sank in den Ohrensessel und ging auf wie ein Teig. Dr. Definite redete und redete, suggestiv, lasziv, definitiv. Ich ging auf und auf, blubberte und knisterte. Ich vergaß zu fragen, was in der Dose gewesen war. Ein bedrohliches Zischen aus der Küche war alles, was ich noch registrierte, und die Ginsterkatze, die auf dem Gesimse saß, nur mehr eine Silhouette im Mondlicht, und mich mit bösen giftgrünen Augen musterte. Sie schien zu grinsen, sie ginsterte. Ein Stück glänzenden Walspecks hing ihr aus den Lefzen. Etwas Zentnerschweres saß auf meiner Brust, und noch immer ging ich auf. Unter Aufbietung aller Kräfte holte Luft. Reden Sie weiter, Dr. Definite, bitte, reden Sie weiter!

8
Mai
2008

Die kryptogeographische Methode kurz erklärt anhand des Breitlings

Die Seegurke rief mich. Sie ruft zunehmend lauter, aber ich lasse sie noch ein Weilchen quengeln, denn es ist etwas dazwischen gekommen, beziehungsweise mehrmals dazwischen gekommen, anhand dessen ich exemplarisch aufzeigen kann, wie der Kryptogeograph arbeitet. Die orthodoxen Wissenschaftler nennen es „Material und Methoden“ – heute werden wir keine Resultate präsentieren und deshalb auch nicht diskutieren, schlussfolgern und ausblicken. Es sei auch darauf hingewiesen, dass ein mehrmaliges Auftauchen eines Zeichens nicht a priori ein deutlicheres Zeichen ist als das einmalige Auftauchen desselben oder eines anderen Zeichens. Oft ist das Umgekehrte der Fall.

Die Fakten interessieren den Kryptogeographen wenig, sie sind zu simpel. Aktuelles Beispiel: ich erhalte eine Mail, die im Spamfilter hängt. Subject: Breitling. Das Wort weckt Assoziationen, aber wer wäre so blöd, eine solche Mail zu öffnen. Zwei Tage später erhalte ich eine Mail, die im Spamfilter hängt. Subject: Breitling. Eigenartiges Wort! Ich schreibe es mit Bleistift ins Notizbuch, ganz an den Rand. Heute morgen kommt Breitling zum fünften Mal. Ein Zeichen! Was ist ein Breitling? Google findet Luxusuhren (die Bildersuche spuckt auch noch Segelyachten und herrliche Pferde aus). Damit gebe ich mich nicht zufrieden, es wäre Wortverschwendung.

Der Kryptogeograph arbeitet weder induktiv noch deduktiv, beide Arbeitsweisen implizieren ja, dass es Ursachen und Wirkungen gibt, und wer sich danach richtet, maßt sich überdies noch an, zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden zu können. Die Methodik des Kryptogeographen ist intuitiv. Instinktiv legt er sich erst einmal hin und lässt die Wolken vorüberziehen. Man mag es für primitiv halten, es ist jedoch erstaunlich effektiv.

Schritt 1: Zuordnung. Der Name Breitling könnte dem Klang nach entweder der Kryptogeologie, der Kryptoethnologie oder der Kryptozoologie zugeordnet werden. Auch an Fungi ist zu denken, das Fungi-Kryptoreich, um das sich Wissenschaftler aller Sparten streiten – mal wollen sie es an sich reißen, dann wieder loswerden. Da muss man manchmal eine Grenzentscheidung treffen, die sich dennoch selten als falsch herausstellt. Ein bisschen Opportunismus schadet nie; nehmen wir an, der Kryptogeograph hat sich zu einer Kolumne verpflichtet, die sich der Fauna widmet. Dann ist der Breitling ganz leicht als Tier zu identifizieren.

Schritt 2: Legendenforschung (vorgelagerte Legende). Jedem Kryptophänomen geht zumeist eine Legende voraus, die sich bereits replizierte, noch bevor das Phänomen irgendwo sichtbar wurde. Es ist sogar zu vermuten, dass manche Tiere (siehe Okapi) erst in die Welt erzählt wurden. Aber wenn wir glauben, wir müssten nur die Mythen der Menschen nach dem Wort Breitling absuchen, haben wir uns geschnitten; wenn es so einfach wäre, hieße es nicht krypto. Der Legendenschatz der Menschen ist nun mal kein Google. Die intuitive Entsprechung ist rasch gefunden, der Breitling entlarvt: er ist der Tatzelwurm vor der alpenländischen Haustür, man muss gar nichts an den Haaren herbeiziehen. Kurzweilige Nachmittage in Klosterbibliotheken, ein Anruf ins Haus der Natur in Salzburg, dort ist die Vitrine für den Tatzelwurm seit langem reserviert (Schild neu anschreiben! Breitling!).

Schritt 3: Legendenbildung (nachgelagerte Legende). Jetzt muss sich der Kryptogeograph selbst ins Reich der Legenden katapultieren. Er hat niemals eine Mail erhalten, wie denn auch, er lebt Mitte des 19. Jahrhunderts. Was er erhielt, ist ein Brief, nein, ein billet (der Kryptogeograph ist in diesem Fall eine Frau, das billet stammt daher von einem jungen Edelmann). Wäre das billet Spam gewesen, hätte der Schreiber unverhohlen von Tatzelwurm oder doch zumindest von Längling oder Riesling gesprochen. Natürlich erkannte man damals Spam erst, nachdem man die Nachricht geöffnet hatte. Der junge Edelmann hegte nur redliche Absichten, nämlich die Naturwissenschaft voranzubringen. Die Legendenbildung ist die eigentliche Knochenarbeit, denn man muss nicht nur an der Uhr drehen bis zur Karpalgelenkentzündung, sondern auch sehr viel lesen, zuhören, unnütze Legenden (ha!) aussortieren oder zur späteren Verwendung notieren, aber erst danach fängt es richtig an: in wenigen Wochen muss der Kryptogeograph Konvolute, Pamphlete, ja ganze Enzyklopädien niederschreiben, um Jahrhunderte an Legenden und seriösen Beobachtungen, Forschungen, Zeugenaussagen zusammenzutragen, sprich, sie sich aus den Fingern zu saugen. Er kann zwar die Bücher in die Hände eines kundigen Restaurators geben, um ihnen die täuschend echte Patina anzupinseln und aufzupudern (Fungi!), aber der Aufwand ist dennoch kolossal.

Schritt 4: Legendenverbreitung. Man wäre versucht, dieses Verfahren analog der Geschichtswissenschaft „Erfundene Tradition“ zu nennen, aber das wäre geradezu grotesk falsch. So rückwirkend die Methode auch erscheinen mag: in Wahrheit spult sie nicht zurück, sondern hebt die Zeit auf. Nichts an den Legenden ist erfunden, ansonsten ja auch ihr Gegenstand erfunden wäre. Das jedoch ist völlig unmöglich, denn die Existenz des Breitlings ist bereits bewiesen (siehe oben), und zudem können wir jetzt mit Sicherheit sagen, dass es sich um den alpenländischen Tatzelwurm handelt, den wir nun den Taxonomen (und dem Haus der Natur in Salzburg) übergeben können, damit sie ihm einen Vor- und Nachnamen nach Linné verpassen. Ausserdem müssen wir ihn von nun an auch vor den Naturschützern schützen.

Schritt 5: Zweifelentsorgung. Ich hatte mir den Breitling zwar durchaus wurmartig, aber doch viel kleiner vorgestellt. Intuitive Bedenken sind sehr ernstzunehmen, oft weisen sie auf gravierende Fehler hin. Man darf die Mühe nicht scheuen, das gesamte Schrifttum, das man über die Jahrhunderte erarbeitet hat, notfalls zu verbrennen, wenn man feststellt, dass man sich geirrt hat (selbiges gilt für den Fall, dass sich herausstellt, dass die Legenden (nachgelagert) nicht schön genug sind). Mein inneres Bild des Breitlings ähnelt stark demjenigen des Grossen Legeregels, Fasciola hepatica. Er lebt parasitisch, daran besteht kein Zweifel, und eher in heißen Sümpfen und in den Haarzotteln schwerfälliger Wiederkäuer als auf Alpengranit. Überhaupt ist er nicht kälteresistent.

Schritt 6: Resteverwertung. Riesling ist eine Rebsorte, die bis vor kurzem der Kryptobotanik angehörte. Das billet als Briefsorte ist Forschungsgegenstand der Kryptokryptologie. Der junge Edelmann mit redlichen Absichten gehört mittlerweile dem Reich der Kryptoanthropologie an.

30
Apr
2008

13 Sommer Inverness

Ich werde selten eingeladen, aber wenn, dann stets zu reichlich eigentümlichen Anlässen. Meistens zu solchen, für die eher festes Schuhwerk denn Abendgarderobe erforderlich ist. Warum man mir so viel zutraut? Sagen Sie es mir! Ich habe keine Ahnung. Es war wiedermal so weit, ich bekam Post und dachte zuerst, es handle sich um eine Hochzeit oder Taufe (wo ich doch in dem Alter bin, in dem man praktisch nur noch Todesanzeigen erhält, es ist wundervoll). Eine Karte aus schwerem rosafarbenem Büttenpapier, darauf ein Schwarzweiss-Foto in antiken Fotoecklein. Das Wesen – es musste wohl ein Wesen sein – auf dem Bild war nur vage zu erkennen. Es schwamm halb im Wasser und sah aus wie ein meergrüner Luftballon mit einem Stück vorgelagertem Gartenschlauch. Mir schwante Unheil, und in der Tat:

Übermorgen in Inverness. Festes Schuhwerk, Lunchpaket.

Am übernächsten Tag stand ich in festem Schuhwerk am Bahnhof von Inverness mit meinem carnivoren Lunchpaket unter dem Arm. Ich weiss selber nicht, warum ich diesen anmassenden Marschbefehlen immer ohne Zögern Folge leiste. Schon so oft hatte man mir einen Ehrendoktor, eine Sonderprämie, einen reichen Mann versprochen, aber alles, was ich jeweils von diesen Reisen mit nach Hause nahm, waren nasse Socken, Parasiten (unaussprechlich), le mal de Naples und offene Hotelrechnungen, einmal sogar einen Haftbefehl. Und diesmal hatte ausserdem kein Absender auf der Karte gestanden. Was zum Geier trieb mich dennoch nach Inverness?

Ich hatte es geahnt: same procedure as every year. Es war der russische Paläontologe Ignatieff, der mich vom Bahnhof abholte.

Aber Ignatieff! Nicht schon wieder Nessie! Wir haben letztes Jahr bewiesen, dass wir es nicht gefunden haben!

Als ob das ein Argument gewesen wäre. Ignatieff liess sich nicht beirren. Seit zwölf Jahren hatten wir uns jeden Sommer in Inverness getroffen (und einmal am Baikalsee). Im ersten Jahr bewiesen wir, dass es Nessie gibt. Im zweiten Jahr bewiesen wir, dass Nessie kein Brontosaurier ist. Im dritten Jahr bewiesen wir, dass Nessie, wenn überhaupt ein Saurier, dann ein Plesiosaurier ist. Im vierten Jahr widerlegten wir einen amerikanischen Forscher, der behauptete, Nessie sei eine bis dato unbekannte Delphingattung. Im fünften Jahr bewiesen wir, dass es eine ganze Nessiepopulation gibt und dass sie sich weiterhin fortpflanzt. Im sechsten Jahr bewiesen wir, dass die Population gross genug ist, um Inzucht zu vermeiden und sich langfristig zu erhalten. Im siebten Jahr liebten wir uns am Baikalsee, aber ich bereue es ewig (le mal de Naples). Im achten Jahr bewiesen wir, dass es ein Leben nach der Liebe am Arbeitsplatz gibt und analysierten feierabends Nessies Kotproben. Im neunten Jahr geriet die These, Nessie sei überhaupt ein Saurier, ins Wanken, und wir erstellten neue Arbeitshypothesen (Fünfjahresplan). Im zehnten Jahr organisierten wir einen internationalen Plesiosaurierkongress, der im vierzehnten Jahr stattgefunden hätte. Im elften Jahr bewiesen wir, dass es niemals eine Dinosaurierart gab, die dem postulierten Plesiosaurier auch nur im Entferntesten ähnlich sah und verbrachten den Sommer damit, Briefe an Experten weltweit zu verschicken, um die im zehnten Jahr versandten Einladungen zum Kongress zu annullieren (das erwies sich als komplex; wir luden Exponenten aus, die wir peinlicherweise gar nicht eingeladen hatten und umgekehrt). Im zwölften Jahr bewiesen wir, dass wir Nessie nicht gefunden hatten.

Was willst du, Ignatieff, im dreizehnten Sommer?!

Einmal mehr konnte Ignatieff nicht erklären, was er wollte. Das wusste er selbst meist erst, wenn es zu spät war, einen Beweis noch zurückzupfeifen. Also bauten wir am Loch Ness unsere Zelte auf wie in den Jahren davor. Es war ungemütlich wie eh und je: unser Camp war nur eines von vielen in dieser Budenstadt. Wir Wissenschaftler machten einen geringen Teil der nomadischen Bevölkerung rund um Loch Ness aus. Die meisten waren Touristen jeder couleur, Pilger, Esoteriker, birdwatcher, Naturschützer, Sekten, Fliegenfischer, Hobbytaucher, Sportler, Landschaftsmaler, Geisterjäger, Hochzeitsreisende, Selbstmörder. Und Ethnologen, die das alles beobachteten und dokumentierten.

Ich mochte nicht mehr. Ich verschwendete mit Nessie meine Zeit, die Seegurke rief mich (warten Sies nur ab, sie rief nicht umsonst!). Ignatieff, schenk noch einmal ein!

Im dreizehnten Jahr bewies ich, dass ich in der Lage bin, einen ausgewachsenen russischen Paläontologen unter ein Klapptischchen zu saufen.

24
Apr
2008

Ganz früher war der Himmel schwarz

Eiterfreunde zu früh gefreut, heute erzähle ich. Meines Zeichens Kryptogeograph, kümmere ich mich auch mit vervé um die Kryptozoologie, umfasst doch die Geographie die gesamte belebte und unbelebte Natur, die da auf Erden ist. Dass ich mich zeitlebens auf die Erde beschränken werde, kann ich nicht versprechen, aber vorerst bleiben wir einmal hinter unserer Haustür und linsen mit dem Periskop um die Ecke in den Dschungel hinaus.

Ich bin jemand, der sich im Raum nicht zurechtfindet (in der Zeit schon gar nicht, aber das ist eine andere Geschichte), deshalb muss ich mir meine eigenen Atlanten schreiben und allem, was schon vor mir da war und synchron mit mir entsteht, einen Namen geben, um es in meine croquis einzuzeichnen; diese präsentieren sich übrigens in höchstem Masse unübersichtlich.

Es gab wo ich aufwuchs Berge, Flüsse, Seen, Wälder, Wiesen, Schlösser, Kirchen, alte und neue Häuser und wie überall ein paar nette und sehr viele schreckliche Menschen. Ich floh. Meine Fluchten riefen mich früh. Dort wo der kleine Fluss in den grossen Fluss mündete, benannte ich einen mickrigen Katarakt: das Grab der toten Helden. Dadurch schwoll der Katarakt dermassen an, dass ich unter ihm duschen konnte. Der Wald am Flusssaum, das war mein Ituri-Forst in einem Kongo finsterer als ihn Conrad jemals schrieb. In den Dinosaurierseen – diese waren kurz vor meinem Zeitalter entstanden, indem sterbende Brontos ihre Lederbäuche schwer in den Schlamm sinken liessen und so langsam hinwegwesten, dass sich die Dellen in der Erdkruste verfestigten – tauchte ich nach Trilobiten, Rädertierchen, Kerbförgeln, Himbern und Warnunkeln. Einmal schlich sich ein Bandolero an meinen Umkleidebusch heran und schickte sich an, mein Gewand zu stehlen. Doch noch bevor er den linken Ärmel berührt hatte, begann er zu weinen wie ein Kindergärtler; über den Dinosaurierseen nämlich waberte eine Traurigkeit, die ich allein, die die Namen gerecht und liebevoll verteilt hatte, aushalten konnte.

Eines Tages überbrachten mir die Pygmäen einen Fetzen Fell, geradezu chatwinesque war das, nur dass die ominöse Vitrine fehlte. Direkt von Hand zu Hand wurde das Stück gereicht, das mir nicht die rationale Erkenntnis zutrug: es gibt von so ziemlich allem eine Steppenversion und eine Waldversion. Ich drückte das Fell an die Wange, völlig unmöglich es nicht zu tun, und fand keinen Namen für dieses Muster, weder damals noch heute. Es war weder girf noch pard, nicht zeber oder dalmat oder constrictor oder frell. Es war einzig. Ich kann es, ein paar schöne und traurige Geschichten anthropologischer Art später, nur behutsam umschreiben: fällt Nachmittagssonne durch Monsundampf und Blätterdach durch Bambusstäbe oder Holzlatten einer Hütte auf die schlaftrunkene Hinterbacke eines schwarzen Mannes, dann. Das ist das Muster.

Zeigt mir das Tier, bat ich die Pygmäen; es sieht fast so aus wie dein Pferd, sagten sie. Ich wagte mich nur beritten in den Ituri-Forst, deshalb hatten die Pygmäen eine Referenz und ein Wort für mein Tier (darüber hatten sie lange beraten). Unter der Bedingung, dass du es nicht verrätst, sagten sie, und ich musste grausame orale (rein) und anale (raus) botanische Rituale bestehen, bevor sie mir den Anfang der Fährte anvertrauten. Das Tier am anderen Ende musste ich alleine finden.

Da stand es schliesslich, ebenholz schimmernd, eine fein abgestimmte Intarsie eingelassen im Halbschatten, und blickte aus Obsidianaugen mit Wimpern, mit Wimpern! Mit der Zunge holte es sich Blätter von den Bäumen, und diese Zunge war himmelblau, himmelblau! Dieses Tier, wusste ich, hatte die Atmosphäre unseres Planeten blaugeleckt, ganz früher war der Himmel schwarz gewesen. Das bestätigten mir nachher die Pygmäen. Sie waren erfreut, dass ich das Tier gesehen hatte, das nicht existiert.

Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts galt es plötzlich als entdeckt, man entschied, dass das Tier von nun an existiere und teilten ihm Vor- und Nachnamen zu und Seitenzahlen in der Enzyklopädie. Sie schnitten es auf, vermassen es, erforschten seine Lebensgewohnheiten und befanden: es ist eine Giraffe, und zwar die Waldversion der Steppenversion. Welch ein Frevel! Es ist ein Fabeltier, man kann es nicht durch Entdeckung in die Existenz rufen. Bei der Giraffe ist das freilich anders, sie existiert, sie ist ja viel zu auffällig um das Gegenteil zu behaupten. Das Okapi ist keine Giraffe, es sieht vielmehr fast so aus wie mein Pferd. Es ist eine Legende, man kann es nur herbeierzählen, nur erzählt und zugehört ist es wahr. Wenigstens mit dem Namen des Tieres kann ich mich abfinden, ich habe ihm keinen neuen gegeben: Okapi. Okapi ist ein schöner Name, die Pygmäen haben ihn herbeierzählt.

20
Apr
2008

Zähne und Klauen

Hinter dem grüngestrichenen Provisorium der Raumzeit hangelt sich ein voller Mond empor, der sich gewaschen hat. Vor dieser Baracke, gelbe Fensterrahmen hat sie auch!, erstreckt sich P.-s ein- und ausladende Veranda, ja wirklich, sie erstreckt sich, so breit und lang, dass, wie man den Kopf auch wendet, keine Buchsbaumbegrenzung zu sehen ist. Wer weiss, vielleicht reicht sie rundherum! Diese Bodenplanken sind, mit Verlaub, nicht gerade klinisch sauber, und es riecht hier sympathisch. Immer bin ich zu früh dran und scheu, besonders wenn ich eine Einladung habe. Dennoch habe ich dem buckligen garçon schon einen Kelch vom Tablett geschnappt (es ist dunkel und das ist gut, ich möchte gar nicht wissen, was das für ein Saft ist!), laufe nun Slalom um die intermittierenden Kakteen und stolpere beinah über einen schlafenden Hund.

So langsam sollte ich mir eine Schlachtplatte zurechtlegen. Noch vor Mitternacht wird auch der geduldige Spiegel meines eitlen Gastgebers in den standby-Modus schalten. Dann wird er heraustreten, dieser Gatsby, und mich den anderen Gästen vorstellen. Bis dahin muss ich also wissen, was ich hier eigentlich tue (ich bin nur wegen der Lachsbrötchen gekommen!). Was also tu ich hier?!

Ich werde mich da herumtreiben, wo das Efeu am dichtesten rankt, und getreulich Auskunft geben über die belebte Natur hinter den Grünzeugkulissen. Nennen wir es Ringvorlesung oder Fernkurs. Ich werde dozieren, es geht hier um tierisches Material, über das man vegetarische Ohren frontal unterrichten muss. Es entsteht nun mal aus Chlorophyll kein Hämokrit, wer das nicht einsieht, kippt allenthalben in Ohnmacht und es wird ihm auch noch geholfen, das geht nicht an! Aufklärung tut not.

Ich bin nicht die Person, die hier popelnd auf der Veranda steht, aber einfach alles auf das lyrische Ich abzuschieben wäre dann doch ein bisschen infam. Ich benötige, um im Bestiarium meinen Mann zu stehn (wer immer er auch sein mag), ein Zwischenich. Man darf es, anders als ein nacktes Ich oder ein lyrisches, bespucken. Mein Geschwürich wird hier sprechen, ein Tumor, ein Abszess, prallgefüllt mit Eiter, und sich nach und nach abschnüren. Das Geschwürich ist ein Briefkastenich, Aussenpostenich, buchstäblich absonderlich. Wer hat sich nie dabei ertappt, sich selbst die Pest an den Hals zu wünschen, nur um eine Beule aufzustechen und zuzusehen, wie ein stinkender Geysir an die Decke schiesst?!

Von Fleisch und Fett und Mark und Knochen wird die Rede gehen, von Eiter, Urin, fermentiertem Schweiss und ranzigem Blut, von Wammen, Wänsten, Wampen, Klabustern, Zotten, Pansen, Appendices, von Gekröse Gewölle Gewese, und, tatata-taa: von Adipocire! Es ist an Koprophagie und Kannibalismus nichts auszusetzen, zieht man die wildernden Umstände in Betracht. Feste Schuhe und Allwetterjacken werden dringend empfohlen, ferner eine Küchenschere, ein Schweizer Messer und diese laminierten Tüten, die man in Flugzeugen am Sitz des Vordermanns findet. Vielleicht fläzen wir uns aber auch nur in die Schaukelstühle und zählen die Wiesel am Nachmittagshimmel, trockener Hand und sterilen Geistes.

Vorkurs: der Furunkel ist ein Pickel derabartigen Ausmasses, dass er den niedlichen Namen Pickel nicht verdient. Ein Karbunkel ist eine wohlgeordnete Traube ungezählter Furunkel. Pickel, Furunkel Komparativ, Karbunkel Superlativ. Das Leben ist ein Sprachkurs, kein Ponyschlachthof.
Da tritt er ja aus der grünen Baracke, der Gastgeber. Tatsächlich, seine Veranda reicht ganz herum, und ich, bitte stecken Sies ihm nicht!, hab den Saft in einen Kakteenkübel geleert. Klauen und Zähne!
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.

Tritt ein, lieber Gast, der Hund ist tot. (Aber den Wein musst Du bringen.)

Du bist nicht angemeldet.

Zugehör

Anlaufstelle für Dichter und Mäzene:

U. T. Rossel Escalante Sánchez clandestin0 primatenschwanz mixmail.com (Das vermeintliche O ist eigentlich eine 0, ein vedisches K0sm0s-Ei.)

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