Postbestiarium

12
Aug
2009

Das Fenster zum Zweiten

Ungeheuerlich. Ein Ka-pitaler Fehler im Logeintrag vom 22. Jul, zu dessen Entlarvung ich geschlagene 21 Tage benötigte (sicher hab ich mich auch noch verzählt). Ich lasse nach. Was ohnehin niemandem entgangen sein dürfte. Hier die Karrekte Version:


(Da ist kein Vorhang.)



Fast alle Einhörner sind verkleidete Pferde.

Fast.





(Geradezu lächerlich wenige Eichhörner sind verkleidete Eichen.)



Ansonstiger Lagebericht: Das Stadtpersonal darf ab jetzt keine Hand mehr schütteln (ausser die eigene andere, nehme ich an), von Wangenküsschen nicht zu reden. Jeder, der da städtens arbeitet, kriegt Gasmasken und Gummihandschuhe, damit die wichtigsten Dienste in dieser schweren Zeit nicht zum Erliegen kommen. Und für alle anderen gilt, dass sie gefälligst in ihrer Wohnung zu verbleiben haben, wenn sie morgens ein Zwicken in einer oder beiden Arschbacken verspüren. Oder einen Schweissfilm auf der Stirn feststellen (schon klar; in meinen 9 Wänden ist die Temperatur seit Aberwochen nie mehr unter 25°C gefallen, obwohl ich das Thermometer in nächtlichen Durchzug hänge; das Hygro zeigt stur gegen 76%). Ich habe gehört, dass in Deutschland die Schulferien bis Anno Tobak verlängert werden (warum geschah die Naturkatastrophe nie zu meiner Schulzeit, obwohl ich inkl. Kindergarten 19,5 Jahre die Schulbank drückte??). Deshalb ist es schier unmöglich, ein freies Zimmer auf einem Ponyhof im Schwarzwald zu finden, jetzt, wo ich mir kurzfristig wieder so ein Vergnügen leisten könnte. Schon krass, so eine Pandemie. Es ist weltweit bereits eine ca. 2-stellige (ZWEI-stellige!!!) Zahl Personen der Seuche erlegen! Nachdem alle Städte durchexerziert sind, kommen die Tiere dran. Der Fiebertrip damals bei der Moskau- oder Sidney-Grippe war etwas vom Abgefahrensten, was mir je zugestossen ist - jederzeit gern wieder! Freu mich schon auf die Giraffen-, Lemuren-, Ohrwurm-, Usambara-Veilchen-, Knabenkraut-, Weichkäse-, Streichwurst-, Quarzit-, Neptun- und Pluto-Grippen. Es würde ohnehin nicht schaden, wenn so eine Pannnn!-demie einmal richtig aufräumen und etwa 7/8 der Menschheit wegputzen würde, aber sowas Virulentes wie die Spanische Grippe oder die Beulenpest kriegt die Evolution irgendwie nicht mehr hin. Mein Vorschlag zur Güte: Massnahmen gegen ansteckende Krankheiten sollten erst ergriffen werden, wenn die Opferzahl diejenige des Strassenverkehrs übersteigt. Alles andere ist so verlogen wie lächerlich.
Während mich der allgemeine Wahnsinn umzuzingeln scheint, erfreue ich mich kindischen Gemüts der Krankheiten meiner Haushaltsgeräte. Der Gletscher wächst nach! Er ändert jetzt die Strategie wie ein blitzmutantes Virus: er bildet diesmal fette, glasklare, nach unten ausbauchende Eistropfen. Der weggespachtelte Gletscher war trübe und polyedrisch, er sah aus wie eine megalomane Profistrahler-Kristallstufe aus dem Haslital.

Addendum, fast vergessen: Es gibt sogar TV-Werbespots gegen Schweinegrippe. Muss schweineteuer sein. Aber es gibt ja auch Spots gegen Unfälle, Sodbrennen, Zigaretten, Selbstmord, Hämorrhoiden, Genitalherpes, Fusspilz und Zahnstein. Na denn.

16
Jul
2009

Violetter Elefant

Mein Gottenkind wünscht sich zum dritten Geburzel - mennoooooo!, immer diese Herausforderungen! - einen: Violetten Elefanten! Da komme selbst ich als Tierzüchter ans Limit. Wie man zu einem violetten Elefanten gelangt, ist zunächst einfach. Es braucht nur je ein blaues und ein rotes Elternteil. Dann erinnerte ich mich, dass ich für die Mitkindergärtler ständig Farben mischen musste, weil diese Banausen einfach nicht sahen, aus welchen anderen Farben eine Farbe besteht. Seither finde ich, dass Kinder früh lernen sollten, dass nicht der Storch die Farben bringt. Also entschied ich sogleich, auch einen grünen und einen orangen Elefanten zu liefern, mit den jeweiligen Grundfarbeneltern. Da fing das züchterische Problem erst richtig an, denn bei drei Elternfanten kommt man, egal wie man zählt, immer auf entweder zwei Kühe und einen Bullen oder auf eine Kuh und zwei Bullen. Man kann sie anpaaren wie man will, drei verschiedenbunte Komplementärkälber gewinnt man aus dem Genpool nie. Also mussten sechs Elternteile her.
Ich wollte edle Elefanten mit Stosszähnen, Schwanzquasten und Zehen, aber ich musste die Ansprüche ganz schnell runterschrauben (denn welches Gottenkind wünscht sich zum dreizehnten Geburzel einen violetten Elefanten?!). Es gibt ja Leute, die machen aus Fimo solche Skulpturen (nicht dass ich mir so ein Wesen auf den Nachttisch stellen würde, aber vor dieser Fingerfertigkeit gehe ich in die Knie). Eine Tube Uhu sollte ich besser auch beilegen, diese Lotterohren werden kaum lange dranbleiben ... Ich hoffe, ich werde in der Gottenkindgunst nicht sinken, aber ich habe in der Bastelei sehr geschwelgt, das ist vielleicht, was wirklich zählt.
(Liebe Affenschwester, falls Du mitliest: wehe, Du kannst die Klappe nicht halten!! -- Und Du wirst wohl einen anständigen Kinderfilter auf dem Comp installiert haben!)

Fimofantenstall
Fimofantenstall, von links: Familie Glittergelb x Glitterblau = Glittergrün; Familie Rouge metallisé x Bleu metallisé = Marmoriertviolett; Transparentgelb x Glitterrot = Transparentorange. Dem violetten Kalb habe ich Wachstumshormon gespritzt, es wiegt fast soviel wie zwei erwachsene Elefanten zusammen, deshalb hat es schon eine eigene Box. Seine Eltern leben getrennt. Tierschützer bitte nicht überbeissen, ich werde noch einstreuen!

Fimofantenherde
Fimofantenherde im Auslauf. Auf den Schabracken tragen sie die Farben der jeweils zwei anderen Familienmitglieder, damit die Pedigrees rekonstruierbar bleiben.

Fimofantenkroeten
Durch fluoreszierende Augen und Schabracken (... letztere sehen ehrlich gesagt aus wie alte Kaugummis) können sie sich im Dunkeln als Schildkröten tarnen.

4
Apr
2009

Die Fabel von dem Nacktmull und von dem Zebrastreifen auch

oder: Die Fabel von dem keinen Bock.

Kam ein Nacktmull des Weges und wollte sich in den Schatten eines stoppelbärtigen Sukkulents legen, denn er fürchtete sich so vor dem Sonnenflammeninferno (und er hatte blöderweise sein Après-Soleil nicht mit). Aber da stand eine Gnuherde in Einerreihe Schlange vor dem Sukkulent und scheuerte sich individuell am Stoppelbart. Als sich die Gnuherde fertig gescheuert hatte - das dauerte nämlich 40 Tage und 39 Nächte lang (oder verlangt die Fabel Kleinheit von Ort, Zeit und Handlung?! - Hab ich vergessen) - war der Schatten des Sukkulents so dünn geworden, dass der Nacktmull, ein Tier, das sowieso zeitlebens aus der Not geboren ist, es halbherzig vorzog, im Lee der Gnuherde mitzuwandern. Sie kamen an einen Zebrastreifen.
"Man sollte immer von Gelb zu Gelb springen, sonst hast du geschissen, wenn dich einer auf dem Grauen über den Haufen fährt (wegen der Lebensversicherung)", riet die Gnuherde dem Nacktmull.
"Ach so", sagte der Nacktmull.
Nachher kamen sie zu einem Kebabtakeaway.
"Achte immer gut drauf", mahnte die Gnuherde, "dass die da drin kein Gnufleisch verwursten!, unter dem Scharf merkst dus vielleicht nicht".
"Oukidouki", sagte der Nacktmull.
Dann kamen sie an eine Riviera. Dort klebte an einem Marmorbrocken ein ziemlich mondänes Seegürklein und flörtete mit einem keinen geilen Bock.
"Pack den keinen Bock beim Einhorn!", ätzte das Feld der Gnuherde, und "man muss Seegürklein mit Essig einreiben!", grölte die Vorhut der Gnuherde (die vordere Nachhut bestellte gerade Vegikebab, die hintere Nachhut hüpfte noch von Gelb zu Gelb).
Das geht irgendwie zu weit, hätte der Nacktmull jetzt einwenden müssen. Aber er sagte zu der Gnuherde: "Na wenn du meinst."

Und die Moral von der Geschicht
ist
ich weiss auch nicht
was ein Nacktmull (Mist!, das passt da nicht rein
in das Gedicht)
ist.

Eine Gnuherde schon. (Aber das passt auch nicht rein.)

23
Mrz
2009

Alle meine Karawanen

salzkarawane

Mein Dromedarkrieger ist sich einfach zu fein, Salzbarren aus dem Sudan heranzuschaffen, so oft ich ihn auch darum bitte (dafür zieht er allnächtlich für mich in die Schlacht, die Poesie-Ungläubigen hinzumetzeln, allahu akbar!). Nun hat es endlich ein Ende mit meinem osmotischen Durchfall wegen Salzmangels: dies wunderbare Trampeltier aus der Gobi hat der famose Bruder Hermes anlässlich meines 34. Nekrosefestleins auf dem Viehmarkt zu Karakorum für mich erstanden. Es stammt aus den Herden des Grosskhans höchstselbst und schleppt mir unermüdlich Fässchen mit Jurasalz aus den Rheinsalinen heran, immer zwei aufs Mal (billiger als im Sudan, gratis nämlich!). Es muss noch ein Traggeschirr genäht werden, das nicht scheuert. Derweil ruht sich der Stolz meiner Karawane üppig aus im Karawansaray, wo erzählt wird, erzählt wird, bis die Zungen brennen. Und ich frage mich, wohin die Tage fliehen, wo meine Zeit eigentlich bleibt ...

5
Dez
2008

Wehwarts Nemesis: Das Ai

In den Katakomben des Naturhistorischen Museums sitzt Wehwart auf dem Drehstuhl an seinem Präparationstisch, ein Tisch so gross wie das Diktatorencockpit einer Bananenrepublik. Die Strahlen mehrerer Spotlichter weben sich durch den subtilen Schwebstaub und verknoten sich zwischen Wehwarts emsigen Händen zu einem grellen Lichtknäuel. Der Heizstrahler surrt. Irgendwo raschelt ein inkognitoter Nager. Wie trockener Seetang knistert das angegrünte graue Fell des Riesenfaultiers, als Wehwart es auf die Seite legt. Er hat dieses Tier schon einige Male hervorgekramt und sich dann doch immer wieder darum herumgedrückt. Selbst das Nashorn ist ihm als weniger unlösbare Aufgabe erschienen, und er hat es auch ganz gut gemeistert (es ist beinahe fertig), obwohl Nashörner ein beliebter Alptraum der Präparatoren sind. Aber viel länger kann Wehwart das Faultier nicht im Kühlraum lassen; er muss sich stellen. Was ist denn für einen routinierten Präparator so schwierig an einem Faultier?, mag man sich fragen. Nun: Das Faultier ist das einzige behaarte Lebewesen, das den Scheitel auf dem Bauch trägt. Dadurch muss es sich nicht an einen geschützten Ort umhängen, wenn der tropische Regen losprasselt. Wie bei einem clever geschnittenen Anorak läuft das Wasser am Scheitel einfach ab. Für den Präparator bedeutet das aber, dass er das Tier am Rücken aufschneiden muss, weil es unmöglich wäre, den zerschnittenen Scheitel spurlos wieder zusammenzunähen. Überhaupt lautet das oberste Gebot der Präparation: leg niemals Hand an das, was ein Wesen einzigartig macht! Wehwart bleibt nichts anderes übrig, als die Haut über dem Rückgrat zu eröffnen und mit einer Geflügelschere XXL, wie sie von südafrikanischen Straussenzüchtern benutzt wird, alle Rippen der linken Seite möglichst nah am Wirbel zu durchtrennen. Nach dem Entfernen der Innereien und dem Ausstopfen wird er diese Rippen mühselig wieder anleimen müssen; ein auch nur minimal entstellter Klebewinkel würde ein so unnatürliches Aussehen nach sich ziehen, dass man das Tier nicht mehr als Exponat gebrauchen könnte. Kein Museum kann sich einen Präparator leisten, der ein so teures Tier versaut. Dazu kommt, dass man nach einem Bauchschnitt an rückengescheitelten Tieren die Innenseiten der Beine nach einem simplen Schnittmuster, sozusagen ohne das Messer abzusetzen, öffnen und ausräumen kann, ohne dass die Nähte nachher auffallen würden. Nach einem Rückenschnitt jedoch kämen die Beinschnitte auf die Aussenseite zu liegen, was ganz und gar indiskutabel ist. Die Beine des Faultiers erfordern also ein spezielles Schnittmuster, und zu allem Übel sind sie lang wie die Halteseile einer Hängematte. Es wird verdammt komplex mit dem Ai... Gedankenverloren streicht Wehwart mit einem Finger die brüchigen Faultierhaare aus dem Bauchscheitel... Er hat erst zwei Rippen geknackt, und das Hangelenk brennt jetzt schon wie Feuer. Ich kann das nicht, denkt er. Das ist mir eine Nummer zu... Wehwart trägt das Faultier auf den Schultern zurück in den Kühlraum, fischt sich einen Iltis und eine Schneeeule vom Haken, wirft sie im Vorübergehen auf den Präparationstisch und eilt auf die Toilette. Vor dem Spiegel öffnet er das Hemd und scheitelt mit dem Kamm sein spärliches Brusthaar.

29
Okt
2008

Tiere mit Rädern

Wehwart stopft in den Katakomben des Naturhistorischen Museums Tiere aus. Sein Beruf hat ihn gelehrt, toten Tieren mit Gleichgültigkeit zu begegnen und lebende Tiere zu hassen. Um sechs verlässt er das Museum. Es ist bereits dunkel, und es regnet noch immer. Seine Finger schmerzen; er hat seit acht Uhr morgens den Bauch eines Nashorns zugenäht.
Obwohl er weit ausserhalb der Stadt wohnt, zieht er es vor, zu Fuss nach Hause zu gehen. An der Schafweide bleibt er kurz stehen. Die Schafe sind schmutzig und versinken bis zu den Sprunggelenken im Schlamm. Dampf steigt ihnen aus den verklebten Zotteln. Wehwart stellt überrascht fest, dass er diese Schafe mögen möchte, vielleicht wegen ihrer sprichwörtlichen Blödheit. Schafe sehen auch geradezu grotesk doof aus, denkt er. Das Sympathische an den Schafen ist, dass sie gar nicht erst versuchen, gescheit auszusehen. Sie sind wie sie sind ohne Wenn und Aber, sie verdauen, käuen wieder, lassen sich Wolle wachsen und haben es nicht nötig, Bedeutung vorzutäuschen. In jeder einzelnen Schafszelle, jedem Wollhaar, jedem Hornpartikel ist die Nutz- und Sinnlosigkeit der Schafe sowohl als Individuen als auch als Spezies festgeschrieben. Die Schafe strahlen Nutz- und Sinnlosigkeit so selbstverständlich aus, dass Wehwart unwillkürlich eine Träne ins Auge steigt.
Er schaut auf die dünnen Beinchen der Schafe. Welche Fehlkonstruktion, der Bewegungsapparat der Tiere, aller Tiere! Fortbewegung, Fortpflanzung, Apparat, fort, fort, fort! Könnten Tiere nicht einfach Räder, Vögel Propeller haben? Es gäbe dann nur noch ein einheitliches Rollen. Kein ekelhaftes Laufen, Schreiten, Hüpfen, Springen, Kriechen, Krabbeln, Winden, Traben, Gleiten, Galoppieren, Schwanken, Schleichen, Flattern, Flügelschlagen mehr. Insgesamt würde die Ätherstörung durch tierisches Fortbewegen massiv eingedämmt. Das wäre ein vergleichsweise friedlicher Planet dann.
Wehwart blinzelt. Diese Drecksschafe sind die ersten Lebewesen an diesem Tag, die er mögen könnte, wenn nur die Empfindung lang genug andauern würde. Die Träne ist im Grunde bereits ein Nachweinen. Er denkt an all das Bösartige, das ihm über die Schafe durch den Kopf gegangen ist, und daran, dass jeder Gedanke unfehlbar das Ziel trifft. Wehwart blickt nicht zurück. Er weiss auch so, dass die Schafe nun tot im Dreck liegen, erstickt an dem, was ein Passant ihnen angedacht hat. Ihre Räder drehen leer in der Luft und stehen dann stockend still. Propellernde Vögel stürzen vom Himmel, durchbohrt von bösen Gedanken. Durch einen Sumpf verwesender Tiere watet Wehwart nach Hause.

22
Okt
2008

Lichterbaum

Glühwürmchen verwandeln Energie mit einem Wirkungsgrad von 98% in vollkommen kaltes Licht (der Wirkungsgrad einer Glühbirne beträgt 3%). Der südamerikanische Cucujo-Schnellkäfer strahlt so hell, dass die Einheimischen ihn in ein Marmeladenglas sperren und als Taschenlampe benutzen. In Indien setzen sich Millionen von Glühwürmchen in die Bäume und blinken stundenlang im selben Rhythmus; ein, aus, ein, aus, ein, aus. Lichtergirlanden auf Weihnachtsbäumchen sind ein Scheissdreck dagegen. Warum ich das weiss? Weil ich mir wünsche, diese Art von illuminiertem Indien einmal selber zu sehen.

8
Okt
2008

Kulturgeschichte des Kanarienvogels

1419 besiedelten die Portugiesen Madeira, 1439 die Azoren, und zwischen 1478 und 1496 eroberten sie die Kanarischen Inseln. Von dort brachten die Spanier den Kanarienvogel, (Serinus canaria) aus der Familie der Finken (Fringillidae) und nächster Verwandter des Girlitz, nach Europa. Ein Zürcher Arzt erwähnte ihn 1555 erstmals als "Zuckervogel", da auf den Kanaren Zuckerrohranbau betrieben wurde. Ende des 17. Jahrhunderts gelangte der Vogel ins Inntal. Das Städtchen Imst entwickelte sich zur Hochburg der Kanarienvogelzucht. Die Tiroler Vogelhändler kamen weit herum; in London, St. Petersburg und Konstantinopel sangen Kanarienvögel Tiroler Volksweisen. Erst im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum der Kanarienzucht in den Harz. Der "Harzer Roller" soll der beste Sänger unter den Finken sein, heisst es. In Papageno und in Carl Zellers Operette "Der Vogelhändler" leben die Imster Kaufleute indes weiter. Auch ohne diese musikalische Erinnerung stellt man sie sich als bunt befranste Gestalten vor. Wenn nicht gar gefiedert.


(Vielleicht eine Art, das Postbestiarium weiterzuführen: mit wehmütigen Trouvaillen aus dem Hauptfachgebiet meines Ex-Berufes, der Nutztierwissenschaft.)

30
Jun
2008

Es ist nicht Erdnüssli,

so ein ganzes Bestiarium zu zügeln. Vor allem die Aquarien entpuppen sich als uanständig rückenschädigend, und deren habe ich viele, obwohl ich doch gar nie auf die bêche-de-mer zu sprechen kam. Aber eben, wie schon im alten Bestiarium festgestellt, das Leben ist nun mal kein Ponyschlachthof.

Es ist meinem Getier die Veranda unter den Käfigen zusammengekracht, aber ich kann Euch versichern, es lag nicht an morschen Brettern. Der p.- ist einfach einer, der tut, was er weiss. Nicht so einer von denen, die sich schon fünfmal verabschiedet haben und dann noch immer auf der Schwelle rumstehen und sich noch eine Zigarette anzünden und wieder zu reden beginnen, so dass man ihnen notgedrungen ein zuvieltes Glas einschenkt (und am Ende sagen sie, dass sie nun nicht mehr fahren könnten und ob nicht vielleicht dieses Sofa ...). Nö, der p.- gestet sternig mit der Linken, der Vorhang fällt, und KaBumm!! - vigolettpurpurnes Glitzerwölklein - KaWatschz!, materialisiert er sich irgendwo anders, wo ein netteres Publikum sitzt. Aber wer weiss das so genau. Ich stells mir halt so vor. Und die Ginsterkatze, wen wunderts, ist das einzige der Ausstellungsstücke, das ihn vermisst. Grrrr! Schweig mal, du Abschaum der Feliden, dieses Geraunze geht mir auf den KeX!!!

Jedenfalls wohnen wir jetzt hier auf dem Postamt. Nicht eben ein geeigneter Ort für ein Bestiarium, allerlei Fauna steht den Meldereitern unmotiviert im Weg herum, und die Herbivoren bedrohen das Herbarium und die Philatelistische Sammlung. Ich weiss also noch nicht, ob ich mir noch weitere Tiere zulegen werde. Die Schildkröte und das Kamel werden nicht begeistert sein ( ... nicht schwer zu durchschauen, was die beiden in Wahrheit fürchten!). Viele dieser Brehmpamphlete könne man wohl in den Carnivorschriften abhandeln, meinen sie. Aber alles was recht ist, irgendwann werde ich die Badewanne füllen für eine fette Seegurke, wenigstens das!

Das Bestiarium ist fürderhin zu erreichen über die Rubrik Postbestiarium oder hier:

Zähne und Klauen (wie das Bestiarium auf der Veranda eröffnet wurde)
Ganz früher war der Himmel schwarz (über eine Waldversion)
13 Sommer Inverness (den verschenk ich, den attraktiven Russen)
Die kryptogeographische Methode kurz erklärt anhand des Breitlings
Was ich suche aus der Dose (hüte dich vor der Ginsterkatze!)
Tucholsky treibt Allotria (der Dichter kriegt dicke Post von mir)
Portugiesische Galeere (über die Portugiesische Galeere)

4
Jun
2008

Portugiesische Galeere

Wir waren hundertundein Mädchen im Inselinternat, und immer blieb ausgerechnet ich irgendwie übrig. Ich konnte mich noch so sehr schrumpfen, stülpen, kauern, ja mich richtiggehend verstecken, es half nicht. Alle Mädchen hatten blonde Zöpfchen und helle Haut; ich nicht. Das Erstaunliche war, dass die Puttmuff, die wenig anderes tat als drakonische Strafen über uns Mädchen zu verhängen, mich nicht zusätzlich schikanierte. Sicher kriegte auch ich mein Maß an Peitschenhieben, Fastentagen, Kellerarrest, Rasiermessernarben voll, aber mein Maß war nicht voluminöser als das der Blondzöpfe. Ich führte darüber heimlich Buch, nicht um das Unrecht durch die Niederschrift in Stein zu meißeln, sondern um den Mechanismus zu verstehen. Ich war überzeugt, erst aus dem Inselinternat wegzukommen, wenn ich es durchschaut hätte. Im Augenblick, in dem ich das letzte Puzzle-Teil einsetze, dachte ich, wird alles zu Staub zerbröseln, dann heißt es nur noch nach Hause schwimmen.

Die Puttmuff verteilte die Ämter. Wir verbrachten unsere zarten Jahre ämterverrichtend. Natürlich, das Inselinternat erhielt sich autark, wir besorgten Ställe und Gärten, kochten, putzten, wuschen. Aber hundertundein Mädchen hätten das Essen und den übrigen Kleinkram für eine Puttmuff, fünf Puttmuffgehilfinnen und hundertundein Mädchen in zwei Stunden erledigen können. Wir arbeiteten sechzehn Stunden, wovon vielleicht drei als Werkstatt im didaktischen Sinne durchgehen konnten. Es waren teils erschreckend sinntote Arbeiten, aber das war nun etwas, das ich bereits eingepuzzelt hatte: diese Arbeiten gewöhnten uns daran, nicht nachzudenken. Es wäre gefährlich gewesen, darüber nachzudenken, während man so eine Arbeit ausführte. Sinntot sage ich nicht ohne Grund. Einmal musste ich einem Mädchen den Rücken aufschlitzen und ihm einen Reißverschluss in die Haut nähen, von unten nach oben, während ein anderes Mädchen meinen Rücken aufschlitzte und mir einen Von-unten-nach-oben-Reißverschluss einsetzte, während das Mädchen, dem ich den Reißverschluss verpasste, einem weiteren Mädchen dasselbe antat. Ein geschlossener Reißverschluss-Einsetzkreis aus hundertundeinem Mädchen; von einem Helikopter aus müsste das einen prächtigen Anblick geboten haben.

Donnerstags schickte uns die Puttmuff zum Fischen. Wir durften nicht zu weit von der Insel wegschwimmen, obwohl nirgendwo Festland auszumachen war (die meisten von uns hatten eine blasse Erinnerung an eine tagelange Überfahrt). Und wir fischten so:
Wir hundertundein Mädchen legten uns ins seichte Wasser, da wo sich die Wellen brechen, und fassten uns alle an Händen und Füssen. Derart verbunden wanden wir uns etwas weiter ins Meer hinaus, bis dahin, wo Hotelpoolblau in Preußischblau übergeht. So dümpelten wir und pressten alle gleichzeitig große Mengen Schleim aus sämtlichen Poren, bis wir ganz davon eingehüllt waren. Die obersten Mädchen bogen den Rücken auf, so dass Gallertkugeln uns an der Wasseroberfläche hielten, die untersten – zu denen ich stets gehörte – ließen burgunderrote Nesselfäden aus unseren Bäuchen herausklungeln. Nun mussten wir uns nur noch treiben lassen, und sie schwammen uns alle freien Willens in den filigranen Vorhang, den wir durchs Wasser zogen, die Bonitos, Doraden, Makrelen, Kabeljaue, Sardinen, auch Thunfische, Haie und manchmal gar Delphine, um die wir schrecklich weinten, wenn sie sich in unserem Gift auflösten.

Und plötzlich hatte ich es verstanden. Das schattige Schiff, in dessen Kielwasser wir jeweils gerieten und dessen flappendes Segel manchmal unseren einzigen Rücken streifte, wenn der Seegang Unwetter ankündete, das war nur in gewisser Weise ein Schiff. Es war auch kein Schiff. Das Schiff war eine Karacke und war ein Holländer, war ein Holländer mit kupfernen Flügeln und rotem Bart und grünen Flaschen um den Gürtel. Ich entnesselte mich und quoll auf ihn zu, schwappte mich ihm in die Arme, und er trug mich fort. Es war erstaunlich leicht gewesen, mich aus dem Pulk aus hundertundeinem in Schleim gehüllten Mädchen herauszulösen, vielleicht deshalb, weil ich ohnehin immer irgendwie übrigblieb.

Nur der Holländer schien nicht ganz zufrieden. Die Puttmuff hat nur Mädchen mit blonden Zöpfchen, grummelte er in seinen Bart. Die hier hat schwarze Borsten. Sie sieht aus wie eine Drahtbürste. Aber er musste nehmen, was er bekam, dass sah er wohl ein. Er spielte an meinem Rückenreißverschluss herum. Der ist verkehrtrum, stänkerte er wieder. Der ist bei allen verkehrtrum, auch bei den Blondzöpfchen, zickte ich. Und ich ging daran, die Holländerei zu verstehen, um bald wegzukommen.
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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***** T. U. Rossel Escalante Sánchez ***** la trouvère

*****

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In der Post wühlen:

 

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Ach sooooo! Das ist aber...
Ach sooooo! Das ist aber seltsam (bzw. wiederum mir...
La Tortuga - 6. Nov, 20:39
das bezog sich auf diese...
Leute, die gegen Charme, Charisma, Intelligenz, Humor...
tja - 6. Nov, 15:59

Hohler Stein steht den Tropfen.

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Zuletzt aktualisiert: 6. Nov, 20:39

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