Die Seegurke rief mich. Sie ruft zunehmend lauter, aber ich lasse sie noch ein Weilchen quengeln, denn es ist etwas dazwischen gekommen, beziehungsweise mehrmals dazwischen gekommen, anhand dessen ich exemplarisch aufzeigen kann, wie der Kryptogeograph arbeitet. Die orthodoxen Wissenschaftler nennen es „Material und Methoden“ – heute werden wir keine Resultate präsentieren und deshalb auch nicht diskutieren, schlussfolgern und ausblicken. Es sei auch darauf hingewiesen, dass ein mehrmaliges Auftauchen eines Zeichens nicht
a priori ein deutlicheres Zeichen ist als das einmalige Auftauchen desselben oder eines anderen Zeichens. Oft ist das Umgekehrte der Fall.
Die Fakten interessieren den Kryptogeographen wenig, sie sind zu simpel. Aktuelles Beispiel: ich erhalte eine Mail, die im Spamfilter hängt. Subject: Breitling. Das Wort weckt Assoziationen, aber wer wäre so blöd, eine solche Mail zu öffnen. Zwei Tage später erhalte ich eine Mail, die im Spamfilter hängt. Subject: Breitling. Eigenartiges Wort! Ich schreibe es mit Bleistift ins Notizbuch, ganz an den Rand. Heute morgen kommt Breitling zum fünften Mal. Ein Zeichen! Was ist ein Breitling? Google findet Luxusuhren (die Bildersuche spuckt auch noch Segelyachten und herrliche Pferde aus). Damit gebe ich mich nicht zufrieden, es wäre Wortverschwendung.
Der Kryptogeograph arbeitet weder induktiv noch deduktiv, beide Arbeitsweisen implizieren ja, dass es Ursachen und Wirkungen gibt, und wer sich danach richtet, maßt sich überdies noch an, zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden zu können. Die Methodik des Kryptogeographen ist intuitiv. Instinktiv legt er sich erst einmal hin und lässt die Wolken vorüberziehen. Man mag es für primitiv halten, es ist jedoch erstaunlich effektiv.
Schritt 1: Zuordnung. Der Name Breitling könnte dem Klang nach entweder der Kryptogeologie, der Kryptoethnologie oder der Kryptozoologie zugeordnet werden. Auch an Fungi ist zu denken, das Fungi-Kryptoreich, um das sich Wissenschaftler aller Sparten streiten – mal wollen sie es an sich reißen, dann wieder loswerden. Da muss man manchmal eine Grenzentscheidung treffen, die sich dennoch selten als falsch herausstellt. Ein bisschen Opportunismus schadet nie; nehmen wir an, der Kryptogeograph hat sich zu einer Kolumne verpflichtet, die sich der Fauna widmet. Dann ist der Breitling ganz leicht als Tier zu identifizieren.
Schritt 2: Legendenforschung (vorgelagerte Legende). Jedem Kryptophänomen geht zumeist eine Legende voraus, die sich bereits replizierte, noch bevor das Phänomen irgendwo sichtbar wurde. Es ist sogar zu vermuten, dass manche Tiere (siehe
Okapi) erst in die Welt erzählt wurden. Aber wenn wir glauben, wir müssten nur die Mythen der Menschen nach dem Wort Breitling absuchen, haben wir uns geschnitten; wenn es so einfach wäre, hieße es nicht
krypto. Der Legendenschatz der Menschen ist nun mal kein Google. Die intuitive Entsprechung ist rasch gefunden, der Breitling entlarvt: er ist der Tatzelwurm vor der alpenländischen Haustür, man muss gar nichts an den Haaren herbeiziehen. Kurzweilige Nachmittage in Klosterbibliotheken, ein Anruf ins Haus der Natur in Salzburg, dort ist die Vitrine für den Tatzelwurm seit langem reserviert (Schild neu anschreiben! Breitling!).
Schritt 3: Legendenbildung (nachgelagerte Legende). Jetzt muss sich der Kryptogeograph selbst ins Reich der Legenden katapultieren. Er hat niemals eine Mail erhalten, wie denn auch, er lebt Mitte des 19. Jahrhunderts. Was er erhielt, ist ein Brief, nein, ein
billet (der Kryptogeograph ist in diesem Fall eine Frau, das
billet stammt daher von einem jungen Edelmann). Wäre das
billet Spam gewesen, hätte der Schreiber unverhohlen von Tatzelwurm oder doch zumindest von Längling oder Riesling gesprochen. Natürlich erkannte man damals Spam erst, nachdem man die Nachricht geöffnet hatte. Der junge Edelmann hegte nur redliche Absichten, nämlich die Naturwissenschaft voranzubringen. Die Legendenbildung ist die eigentliche Knochenarbeit, denn man muss nicht nur an der Uhr drehen bis zur Karpalgelenkentzündung, sondern auch sehr viel lesen, zuhören, unnütze Legenden (ha!) aussortieren oder zur späteren Verwendung notieren, aber erst danach fängt es richtig an: in wenigen Wochen muss der Kryptogeograph Konvolute, Pamphlete, ja ganze Enzyklopädien niederschreiben, um Jahrhunderte an Legenden und seriösen Beobachtungen, Forschungen, Zeugenaussagen zusammenzutragen, sprich, sie sich aus den Fingern zu saugen. Er kann zwar die Bücher in die Hände eines kundigen Restaurators geben, um ihnen die täuschend echte Patina anzupinseln und aufzupudern (Fungi!), aber der Aufwand ist dennoch kolossal.
Schritt 4: Legendenverbreitung. Man wäre versucht, dieses Verfahren analog der Geschichtswissenschaft „Erfundene Tradition“ zu nennen, aber das wäre geradezu grotesk falsch. So rückwirkend die Methode auch erscheinen mag: in Wahrheit spult sie nicht zurück, sondern hebt die Zeit auf. Nichts an den Legenden ist erfunden, ansonsten ja auch ihr Gegenstand erfunden wäre. Das jedoch ist völlig unmöglich, denn die Existenz des Breitlings ist bereits bewiesen (siehe oben), und zudem können wir jetzt mit Sicherheit sagen, dass es sich um den alpenländischen Tatzelwurm handelt, den wir nun den Taxonomen (und dem Haus der Natur in Salzburg) übergeben können, damit sie ihm einen Vor- und Nachnamen nach Linné verpassen. Ausserdem müssen wir ihn von nun an auch vor den Naturschützern schützen.
Schritt 5: Zweifelentsorgung. Ich hatte mir den Breitling zwar durchaus wurmartig, aber doch viel kleiner vorgestellt. Intuitive Bedenken sind sehr ernstzunehmen, oft weisen sie auf gravierende Fehler hin. Man darf die Mühe nicht scheuen, das gesamte Schrifttum, das man über die Jahrhunderte erarbeitet hat, notfalls zu verbrennen, wenn man feststellt, dass man sich geirrt hat (selbiges gilt für den Fall, dass sich herausstellt, dass die Legenden (nachgelagert) nicht schön genug sind). Mein inneres Bild des Breitlings ähnelt stark demjenigen des Grossen Legeregels,
Fasciola hepatica. Er lebt parasitisch, daran besteht kein Zweifel, und eher in heißen Sümpfen und in den Haarzotteln schwerfälliger Wiederkäuer als auf Alpengranit. Überhaupt ist er nicht kälteresistent.
Schritt 6: Resteverwertung. Riesling ist eine Rebsorte, die bis vor kurzem der Kryptobotanik angehörte. Das
billet als Briefsorte ist Forschungsgegenstand der Kryptokryptologie. Der junge Edelmann mit redlichen Absichten gehört mittlerweile dem Reich der Kryptoanthropologie an.