Postbestiarium

10
Nov
2009

Michael Ende über Schildkröten

Rübergezwackt vom Thienemann Verlag:

Man hat mich des öfteren gefragt, warum fast in jedem meiner Bücher eine Schildkröte vorkommt. Ich muss zugeben, dass mir diese Tatsache selbst erst durch die Frage auffiel.
Eigentlich hat sich die jeweilige Schildkröte (Uschaurischuum, Morla, Kassiopeia, Tranquilla usw.) sozusagen immer ganz von selbst eingestellt, ohne meine Absicht. Aber vielleicht können einige Hinweise auf die Bildersprache der Mythen und Märchen die Frage wenigstens teilweise beantworten.
In der Weltmythologie wimmelt es ja geradezu von Schildkröten. Der Noah der nordamerikanischen Indianer z.B. rettet sich nicht wie der biblische in einem Schiff, sondern auf dem Rücken einer riesigen Wasserschildkröte mit seiner Familie über sie Sintflut. Im indischen Mythos steht die Welt auf dem Panzer einer kosmischen Schildkröte. Wenn man das I-Ging, das chinesische "Buch der Wandlungen", aufschlägt, so wird man finden, dass die 64 Ur-Hexagramme, von denen, wie es heißt, alle Schriftzeichen abstammen, von einem vorgeschichtlichen Weisen aus den Mustern auf den einzelnen Platten eines Schildkrötenpanzers abgelesen worden sind. (Wer Momo gelesen hat, wird sich hier vielleicht an Kassiopeias Mitteilungshinweise erinnert fühlen.) Die Beispiele sind fast beliebig vermehrbar.
Was mir persönlich an Schildkröten (ich spreche hier von der mediterranen Landschildkröte) so besonders sympathisch ist, das ist:

1. ihre vollkommene Nutzlosigkeit. Schildkröten haben weder Freunde noch Feinde in der Natur (außer dem Menschen, versteht sich, der ja inzwischen der gefährlichste Feind aller Kreatur geworden ist, aber ist kein "natürlicher" Feind). Sie nützen niemand und sie schaden niemand. Sie sind einfach da. Das scheint mir in einem Weltbild wie dem gegenwärtigen, in dem alles in der Natur vom Nützlichkeitsstandpunkt aus erklärt wird, eine bemerkenswerte und tröstliche Tatsache.

2. ihre Bedürfnislosigkeit. Schildkröten können mit fast nichts existieren. Täglich ein paar Blättchen, damit kommen sie über Wochen und Monate aus.

3. ihr Alter. Ich meine damit nicht nur, dass sie im einzelnen sehr alt werden können, sondern das Alter ihrer Spezies. Es hat sie schon gegeben, als der Mensch noch in Abrahams Wurstkessel schwamm, und es wird sie vermutlich noch geben, wenn wir längst wieder abgetreten sind.

4. ihr Gesicht. Haben Sie einer Schildkröte schon mal direkt ins Gesicht gesehen? Sie lächelt. Sie scheint etwas zu wissen, was wir nicht wissen.

5. ihre Form. Dies ist der am schwersten zu erklärende Punkt, weil er dem gegenwärtigen Denken ungewohnt ist: Wenn man eine Schildkröte einmal nicht anatomisch, sondern symbolisch betrachtet, also das ins Auge fasst, was ihre Gestalt ausdrückt, dann hat man es eigentlich mit einer wandelnden Hirnschale aus Horn zu tun. Die Hirnschale spielt in den Mythen der Welt ebenfalls eine bedeutsame Rolle. Nach der Edda wurde das gestirnte Himmelsgewölbe aus der Hirnschale des Ur-Eisriesen gebildet. In der Hirnschale befindet sich die Fontanelle, eine kleine Öffnung nach oben, die beim neugeborenen Kind noch für eine kurze Weile offen bleibt und sich dann nach und nach schließt. Das ist die Erinnerung des physischen Leibes, so sagen einige Quellen des alten Wissens, an eine Ur-Zeit, in der diese Fontanelle des Menschen sein Leben lang offen blieb. An dieser Stelle befand sich ein Organ (man kann seine eigentümliche Form noch jetzt an allen Buddha-Statuen als "Frisur" sehen), mit dem der Mensch wie träumend über die Welt von Raum und Zeit hinaus, also jenseits des Himmelsgewölbes, wahrzunehmen vermochte. Die Inder nennen es den "tausendblättrigen Lotos". Vielleicht sind sogar unsere Königskronen noch eine, inzwischen unbewusste, Nachbildung dieses Organs.
Bei den Schildkröten ist die Schale geschlossen. Das denkende Ich ist mit sich allein und wird sich seiner selbst bewusst. Mit anderen Worten: "Sie trägt ihre eigene kleine Zeit in sich."



An erster Stelle die vollkommene Nutzlosigkeit! Allein das wäre einen Orden wert (für Ende und die Schildkröten). Anzufügen wäre (Auswahl): Schildkröten sind so zäh und dauerhaft, weil sie keinen Sport treiben, den Energieverbrauch so gering wie möglich halten und nicht so nervös herumhypern wie die meisten anderen Tiere (insbesondere die Menschen). Sie tragen die Rippen, also die Fassreifen des Herzens, aussen, und keiner merkts. Niemand strahlt so charmant "lasst mich einfach in Ruhe" aus wie eingepanzerte Schildkröten. Sie veranstalten bei der Paarung den lustigsten Lärm, der je ein menschlich Ohr erreicht. Sie sind - vor allem auch als Spezies - unerhört stur. Immens anachronistisch und endlos erfolgreich, obwohl sie das Konzept "Erfolg" gar nicht erst verstehen wollen. Schildkröten sind die Zier jedes Sultansgartens, der Trost trauriger alter Frauen und die Lehrmeister der Einsiedler. Und sie haben Tausenden Seeleuten das Leben gerettet ... aber zu welchem Preis.

12
Aug
2009

Das Fenster zum Zweiten

Ungeheuerlich. Ein Ka-pitaler Fehler im Logeintrag vom 22. Jul, zu dessen Entlarvung ich geschlagene 21 Tage benötigte (sicher hab ich mich auch noch verzählt). Ich lasse nach. Was ohnehin niemandem entgangen sein dürfte. Hier die Karrekte Version:


(Da ist kein Vorhang.)



Fast alle Einhörner sind verkleidete Pferde.

Fast.





(Geradezu lächerlich wenige Eichhörner sind verkleidete Eichen.)



Ansonstiger Lagebericht: Das Stadtpersonal darf ab jetzt keine Hand mehr schütteln (ausser die eigene andere, nehme ich an), von Wangenküsschen nicht zu reden. Jeder, der da städtens arbeitet, kriegt Gasmasken und Gummihandschuhe, damit die wichtigsten Dienste in dieser schweren Zeit nicht zum Erliegen kommen. Und für alle anderen gilt, dass sie gefälligst in ihrer Wohnung zu verbleiben haben, wenn sie morgens ein Zwicken in einer oder beiden Arschbacken verspüren. Oder einen Schweissfilm auf der Stirn feststellen (schon klar; in meinen 9 Wänden ist die Temperatur seit Aberwochen nie mehr unter 25°C gefallen, obwohl ich das Thermometer in nächtlichen Durchzug hänge; das Hygro zeigt stur gegen 76%). Ich habe gehört, dass in Deutschland die Schulferien bis Anno Tobak verlängert werden (warum geschah die Naturkatastrophe nie zu meiner Schulzeit, obwohl ich inkl. Kindergarten 19,5 Jahre die Schulbank drückte??). Deshalb ist es schier unmöglich, ein freies Zimmer auf einem Ponyhof im Schwarzwald zu finden, jetzt, wo ich mir kurzfristig wieder so ein Vergnügen leisten könnte. Schon krass, so eine Pandemie. Es ist weltweit bereits eine ca. 2-stellige (ZWEI-stellige!!!) Zahl Personen der Seuche erlegen! Nachdem alle Städte durchexerziert sind, kommen die Tiere dran. Der Fiebertrip damals bei der Moskau- oder Sidney-Grippe war etwas vom Abgefahrensten, was mir je zugestossen ist - jederzeit gern wieder! Freu mich schon auf die Giraffen-, Lemuren-, Ohrwurm-, Usambara-Veilchen-, Knabenkraut-, Weichkäse-, Streichwurst-, Quarzit-, Neptun- und Pluto-Grippen. Es würde ohnehin nicht schaden, wenn so eine Pannnn!-demie einmal richtig aufräumen und etwa 7/8 der Menschheit wegputzen würde, aber sowas Virulentes wie die Spanische Grippe oder die Beulenpest kriegt die Evolution irgendwie nicht mehr hin. Mein Vorschlag zur Güte: Massnahmen gegen ansteckende Krankheiten sollten erst ergriffen werden, wenn die Opferzahl diejenige des Strassenverkehrs übersteigt. Alles andere ist so verlogen wie lächerlich.
Während mich der allgemeine Wahnsinn umzuzingeln scheint, erfreue ich mich kindischen Gemüts der Krankheiten meiner Haushaltsgeräte. Der Gletscher wächst nach! Er ändert jetzt die Strategie wie ein blitzmutantes Virus: er bildet diesmal fette, glasklare, nach unten ausbauchende Eistropfen. Der weggespachtelte Gletscher war trübe und polyedrisch, er sah aus wie eine megalomane Profistrahler-Kristallstufe aus dem Haslital.

Addendum, fast vergessen: Es gibt sogar TV-Werbespots gegen Schweinegrippe. Muss schweineteuer sein. Aber es gibt ja auch Spots gegen Unfälle, Sodbrennen, Zigaretten, Selbstmord, Hämorrhoiden, Genitalherpes, Fusspilz und Zahnstein. Na denn.

16
Jul
2009

Violetter Elefant

Mein Gottenkind wünscht sich zum dritten Geburzel - mennoooooo!, immer diese Herausforderungen! - einen: Violetten Elefanten! Da komme selbst ich als Tierzüchter ans Limit. Wie man zu einem violetten Elefanten gelangt, ist zunächst einfach. Es braucht nur je ein blaues und ein rotes Elternteil. Dann erinnerte ich mich, dass ich für die Mitkindergärtler ständig Farben mischen musste, weil diese Banausen einfach nicht sahen, aus welchen anderen Farben eine Farbe besteht. Seither finde ich, dass Kinder früh lernen sollten, dass nicht der Storch die Farben bringt. Also entschied ich sogleich, auch einen grünen und einen orangen Elefanten zu liefern, mit den jeweiligen Grundfarbeneltern. Da fing das züchterische Problem erst richtig an, denn bei drei Elternfanten kommt man, egal wie man zählt, immer auf entweder zwei Kühe und einen Bullen oder auf eine Kuh und zwei Bullen. Man kann sie anpaaren wie man will, drei verschiedenbunte Komplementärkälber gewinnt man aus dem Genpool nie. Also mussten sechs Elternteile her.
Ich wollte edle Elefanten mit Stosszähnen, Schwanzquasten und Zehen, aber ich musste die Ansprüche ganz schnell runterschrauben (denn welches Gottenkind wünscht sich zum dreizehnten Geburzel einen violetten Elefanten?!). Es gibt ja Leute, die machen aus Fimo solche Skulpturen (nicht dass ich mir so ein Wesen auf den Nachttisch stellen würde, aber vor dieser Fingerfertigkeit gehe ich in die Knie). Eine Tube Uhu sollte ich besser auch beilegen, diese Lotterohren werden kaum lange dranbleiben ... Ich hoffe, ich werde in der Gottenkindgunst nicht sinken, aber ich habe in der Bastelei sehr geschwelgt, das ist vielleicht, was wirklich zählt.
(Liebe Affenschwester, falls Du mitliest: wehe, Du kannst die Klappe nicht halten!! -- Und Du wirst wohl einen anständigen Kinderfilter auf dem Comp installiert haben!)

Fimofantenstall
Fimofantenstall, von links: Familie Glittergelb x Glitterblau = Glittergrün; Familie Rouge metallisé x Bleu metallisé = Marmoriertviolett; Transparentgelb x Glitterrot = Transparentorange. Dem violetten Kalb habe ich Wachstumshormon gespritzt, es wiegt fast soviel wie zwei erwachsene Elefanten zusammen, deshalb hat es schon eine eigene Box. Seine Eltern leben getrennt. Tierschützer bitte nicht überbeissen, ich werde noch einstreuen!

Fimofantenherde
Fimofantenherde im Auslauf. Auf den Schabracken tragen sie die Farben der jeweils zwei anderen Familienmitglieder, damit die Pedigrees rekonstruierbar bleiben.

Fimofantenkroeten
Durch fluoreszierende Augen und Schabracken (... letztere sehen ehrlich gesagt aus wie alte Kaugummis) können sie sich im Dunkeln als Schildkröten tarnen.

4
Apr
2009

Die Fabel von dem Nacktmull und von dem Zebrastreifen auch

oder: Die Fabel von dem keinen Bock.

Kam ein Nacktmull des Weges und wollte sich in den Schatten eines stoppelbärtigen Sukkulents legen, denn er fürchtete sich so vor dem Sonnenflammeninferno (und er hatte blöderweise sein Après-Soleil nicht mit). Aber da stand eine Gnuherde in Einerreihe Schlange vor dem Sukkulent und scheuerte sich individuell am Stoppelbart. Als sich die Gnuherde fertig gescheuert hatte - das dauerte nämlich 40 Tage und 39 Nächte lang (oder verlangt die Fabel Kleinheit von Ort, Zeit und Handlung?! - Hab ich vergessen) - war der Schatten des Sukkulents so dünn geworden, dass der Nacktmull, ein Tier, das sowieso zeitlebens aus der Not geboren ist, es halbherzig vorzog, im Lee der Gnuherde mitzuwandern. Sie kamen an einen Zebrastreifen.
"Man sollte immer von Gelb zu Gelb springen, sonst hast du geschissen, wenn dich einer auf dem Grauen über den Haufen fährt (wegen der Lebensversicherung)", riet die Gnuherde dem Nacktmull.
"Ach so", sagte der Nacktmull.
Nachher kamen sie zu einem Kebabtakeaway.
"Achte immer gut drauf", mahnte die Gnuherde, "dass die da drin kein Gnufleisch verwursten!, unter dem Scharf merkst dus vielleicht nicht".
"Oukidouki", sagte der Nacktmull.
Dann kamen sie an eine Riviera. Dort klebte an einem Marmorbrocken ein ziemlich mondänes Seegürklein und flörtete mit einem keinen geilen Bock.
"Pack den keinen Bock beim Einhorn!", ätzte das Feld der Gnuherde, und "man muss Seegürklein mit Essig einreiben!", grölte die Vorhut der Gnuherde (die vordere Nachhut bestellte gerade Vegikebab, die hintere Nachhut hüpfte noch von Gelb zu Gelb).
Das geht irgendwie zu weit, hätte der Nacktmull jetzt einwenden müssen. Aber er sagte zu der Gnuherde: "Na wenn du meinst."

Und die Moral von der Geschicht
ist
ich weiss auch nicht
was ein Nacktmull (Mist!, das passt da nicht rein
in das Gedicht)
ist.

Eine Gnuherde schon. (Aber das passt auch nicht rein.)

23
Mrz
2009

Alle meine Karawanen

salzkarawane

Mein Dromedarkrieger ist sich einfach zu fein, Salzbarren aus dem Sudan heranzuschaffen, so oft ich ihn auch darum bitte (dafür zieht er allnächtlich für mich in die Schlacht, die Poesie-Ungläubigen hinzumetzeln, allahu akbar!). Nun hat es endlich ein Ende mit meinem osmotischen Durchfall wegen Salzmangels: dies wunderbare Trampeltier aus der Gobi hat der famose Bruder Hermes anlässlich meines 34. Nekrosefestleins auf dem Viehmarkt zu Karakorum für mich erstanden. Es stammt aus den Herden des Grosskhans höchstselbst und schleppt mir unermüdlich Fässchen mit Jurasalz aus den Rheinsalinen heran, immer zwei aufs Mal (billiger als im Sudan, gratis nämlich!). Es muss noch ein Traggeschirr genäht werden, das nicht scheuert. Derweil ruht sich der Stolz meiner Karawane üppig aus im Karawansaray, wo erzählt wird, erzählt wird, bis die Zungen brennen. Und ich frage mich, wohin die Tage fliehen, wo meine Zeit eigentlich bleibt ...

5
Dez
2008

Wehwarts Nemesis: Das Ai

In den Katakomben des Naturhistorischen Museums sitzt Wehwart auf dem Drehstuhl an seinem Präparationstisch, ein Tisch so gross wie das Diktatorencockpit einer Bananenrepublik. Die Strahlen mehrerer Spotlichter weben sich durch den subtilen Schwebstaub und verknoten sich zwischen Wehwarts emsigen Händen zu einem grellen Lichtknäuel. Der Heizstrahler surrt. Irgendwo raschelt ein inkognitoter Nager. Wie trockener Seetang knistert das angegrünte graue Fell des Riesenfaultiers, als Wehwart es auf die Seite legt. Er hat dieses Tier schon einige Male hervorgekramt und sich dann doch immer wieder darum herumgedrückt. Selbst das Nashorn ist ihm als weniger unlösbare Aufgabe erschienen, und er hat es auch ganz gut gemeistert (es ist beinahe fertig), obwohl Nashörner ein beliebter Alptraum der Präparatoren sind. Aber viel länger kann Wehwart das Faultier nicht im Kühlraum lassen; er muss sich stellen. Was ist denn für einen routinierten Präparator so schwierig an einem Faultier?, mag man sich fragen. Nun: Das Faultier ist das einzige behaarte Lebewesen, das den Scheitel auf dem Bauch trägt. Dadurch muss es sich nicht an einen geschützten Ort umhängen, wenn der tropische Regen losprasselt. Wie bei einem clever geschnittenen Anorak läuft das Wasser am Scheitel einfach ab. Für den Präparator bedeutet das aber, dass er das Tier am Rücken aufschneiden muss, weil es unmöglich wäre, den zerschnittenen Scheitel spurlos wieder zusammenzunähen. Überhaupt lautet das oberste Gebot der Präparation: leg niemals Hand an das, was ein Wesen einzigartig macht! Wehwart bleibt nichts anderes übrig, als die Haut über dem Rückgrat zu eröffnen und mit einer Geflügelschere XXL, wie sie von südafrikanischen Straussenzüchtern benutzt wird, alle Rippen der linken Seite möglichst nah am Wirbel zu durchtrennen. Nach dem Entfernen der Innereien und dem Ausstopfen wird er diese Rippen mühselig wieder anleimen müssen; ein auch nur minimal entstellter Klebewinkel würde ein so unnatürliches Aussehen nach sich ziehen, dass man das Tier nicht mehr als Exponat gebrauchen könnte. Kein Museum kann sich einen Präparator leisten, der ein so teures Tier versaut. Dazu kommt, dass man nach einem Bauchschnitt an rückengescheitelten Tieren die Innenseiten der Beine nach einem simplen Schnittmuster, sozusagen ohne das Messer abzusetzen, öffnen und ausräumen kann, ohne dass die Nähte nachher auffallen würden. Nach einem Rückenschnitt jedoch kämen die Beinschnitte auf die Aussenseite zu liegen, was ganz und gar indiskutabel ist. Die Beine des Faultiers erfordern also ein spezielles Schnittmuster, und zu allem Übel sind sie lang wie die Halteseile einer Hängematte. Es wird verdammt komplex mit dem Ai... Gedankenverloren streicht Wehwart mit einem Finger die brüchigen Faultierhaare aus dem Bauchscheitel... Er hat erst zwei Rippen geknackt, und das Hangelenk brennt jetzt schon wie Feuer. Ich kann das nicht, denkt er. Das ist mir eine Nummer zu... Wehwart trägt das Faultier auf den Schultern zurück in den Kühlraum, fischt sich einen Iltis und eine Schneeeule vom Haken, wirft sie im Vorübergehen auf den Präparationstisch und eilt auf die Toilette. Vor dem Spiegel öffnet er das Hemd und scheitelt mit dem Kamm sein spärliches Brusthaar.

29
Okt
2008

Tiere mit Rädern

Wehwart stopft in den Katakomben des Naturhistorischen Museums Tiere aus. Sein Beruf hat ihn gelehrt, toten Tieren mit Gleichgültigkeit zu begegnen und lebende Tiere zu hassen. Um sechs verlässt er das Museum. Es ist bereits dunkel, und es regnet noch immer. Seine Finger schmerzen; er hat seit acht Uhr morgens den Bauch eines Nashorns zugenäht.
Obwohl er weit ausserhalb der Stadt wohnt, zieht er es vor, zu Fuss nach Hause zu gehen. An der Schafweide bleibt er kurz stehen. Die Schafe sind schmutzig und versinken bis zu den Sprunggelenken im Schlamm. Dampf steigt ihnen aus den verklebten Zotteln. Wehwart stellt überrascht fest, dass er diese Schafe mögen möchte, vielleicht wegen ihrer sprichwörtlichen Blödheit. Schafe sehen auch geradezu grotesk doof aus, denkt er. Das Sympathische an den Schafen ist, dass sie gar nicht erst versuchen, gescheit auszusehen. Sie sind wie sie sind ohne Wenn und Aber, sie verdauen, käuen wieder, lassen sich Wolle wachsen und haben es nicht nötig, Bedeutung vorzutäuschen. In jeder einzelnen Schafszelle, jedem Wollhaar, jedem Hornpartikel ist die Nutz- und Sinnlosigkeit der Schafe sowohl als Individuen als auch als Spezies festgeschrieben. Die Schafe strahlen Nutz- und Sinnlosigkeit so selbstverständlich aus, dass Wehwart unwillkürlich eine Träne ins Auge steigt.
Er schaut auf die dünnen Beinchen der Schafe. Welche Fehlkonstruktion, der Bewegungsapparat der Tiere, aller Tiere! Fortbewegung, Fortpflanzung, Apparat, fort, fort, fort! Könnten Tiere nicht einfach Räder, Vögel Propeller haben? Es gäbe dann nur noch ein einheitliches Rollen. Kein ekelhaftes Laufen, Schreiten, Hüpfen, Springen, Kriechen, Krabbeln, Winden, Traben, Gleiten, Galoppieren, Schwanken, Schleichen, Flattern, Flügelschlagen mehr. Insgesamt würde die Ätherstörung durch tierisches Fortbewegen massiv eingedämmt. Das wäre ein vergleichsweise friedlicher Planet dann.
Wehwart blinzelt. Diese Drecksschafe sind die ersten Lebewesen an diesem Tag, die er mögen könnte, wenn nur die Empfindung lang genug andauern würde. Die Träne ist im Grunde bereits ein Nachweinen. Er denkt an all das Bösartige, das ihm über die Schafe durch den Kopf gegangen ist, und daran, dass jeder Gedanke unfehlbar das Ziel trifft. Wehwart blickt nicht zurück. Er weiss auch so, dass die Schafe nun tot im Dreck liegen, erstickt an dem, was ein Passant ihnen angedacht hat. Ihre Räder drehen leer in der Luft und stehen dann stockend still. Propellernde Vögel stürzen vom Himmel, durchbohrt von bösen Gedanken. Durch einen Sumpf verwesender Tiere watet Wehwart nach Hause.

22
Okt
2008

Lichterbaum

Glühwürmchen verwandeln Energie mit einem Wirkungsgrad von 98% in vollkommen kaltes Licht (der Wirkungsgrad einer Glühbirne beträgt 3%). Der südamerikanische Cucujo-Schnellkäfer strahlt so hell, dass die Einheimischen ihn in ein Marmeladenglas sperren und als Taschenlampe benutzen. In Indien setzen sich Millionen von Glühwürmchen in die Bäume und blinken stundenlang im selben Rhythmus; ein, aus, ein, aus, ein, aus. Lichtergirlanden auf Weihnachtsbäumchen sind ein Scheissdreck dagegen. Warum ich das weiss? Weil ich mir wünsche, diese Art von illuminiertem Indien einmal selber zu sehen.

8
Okt
2008

Kulturgeschichte des Kanarienvogels

1419 besiedelten die Portugiesen Madeira, 1439 die Azoren, und zwischen 1478 und 1496 eroberten sie die Kanarischen Inseln. Von dort brachten die Spanier den Kanarienvogel, (Serinus canaria) aus der Familie der Finken (Fringillidae) und nächster Verwandter des Girlitz, nach Europa. Ein Zürcher Arzt erwähnte ihn 1555 erstmals als "Zuckervogel", da auf den Kanaren Zuckerrohranbau betrieben wurde. Ende des 17. Jahrhunderts gelangte der Vogel ins Inntal. Das Städtchen Imst entwickelte sich zur Hochburg der Kanarienvogelzucht. Die Tiroler Vogelhändler kamen weit herum; in London, St. Petersburg und Konstantinopel sangen Kanarienvögel Tiroler Volksweisen. Erst im 19. Jahrhundert verlagerte sich das Zentrum der Kanarienzucht in den Harz. Der "Harzer Roller" soll der beste Sänger unter den Finken sein, heisst es. In Papageno und in Carl Zellers Operette "Der Vogelhändler" leben die Imster Kaufleute indes weiter. Auch ohne diese musikalische Erinnerung stellt man sie sich als bunt befranste Gestalten vor. Wenn nicht gar gefiedert.


(Vielleicht eine Art, das Postbestiarium weiterzuführen: mit wehmütigen Trouvaillen aus dem Hauptfachgebiet meines Ex-Berufes, der Nutztierwissenschaft.)

30
Jun
2008

Es ist nicht Erdnüssli,

so ein ganzes Bestiarium zu zügeln. Vor allem die Aquarien entpuppen sich als uanständig rückenschädigend, und deren habe ich viele, obwohl ich doch gar nie auf die bêche-de-mer zu sprechen kam. Aber eben, wie schon im alten Bestiarium festgestellt, das Leben ist nun mal kein Ponyschlachthof.

Es ist meinem Getier die Veranda unter den Käfigen zusammengekracht, aber ich kann Euch versichern, es lag nicht an morschen Brettern. Der p.- ist einfach einer, der tut, was er weiss. Nicht so einer von denen, die sich schon fünfmal verabschiedet haben und dann noch immer auf der Schwelle rumstehen und sich noch eine Zigarette anzünden und wieder zu reden beginnen, so dass man ihnen notgedrungen ein zuvieltes Glas einschenkt (und am Ende sagen sie, dass sie nun nicht mehr fahren könnten und ob nicht vielleicht dieses Sofa ...). Nö, der p.- gestet sternig mit der Linken, der Vorhang fällt, und KaBumm!! - vigolettpurpurnes Glitzerwölklein - KaWatschz!, materialisiert er sich irgendwo anders, wo ein netteres Publikum sitzt. Aber wer weiss das so genau. Ich stells mir halt so vor. Und die Ginsterkatze, wen wunderts, ist das einzige der Ausstellungsstücke, das ihn vermisst. Grrrr! Schweig mal, du Abschaum der Feliden, dieses Geraunze geht mir auf den KeX!!!

Jedenfalls wohnen wir jetzt hier auf dem Postamt. Nicht eben ein geeigneter Ort für ein Bestiarium, allerlei Fauna steht den Meldereitern unmotiviert im Weg herum, und die Herbivoren bedrohen das Herbarium und die Philatelistische Sammlung. Ich weiss also noch nicht, ob ich mir noch weitere Tiere zulegen werde. Die Schildkröte und das Kamel werden nicht begeistert sein ( ... nicht schwer zu durchschauen, was die beiden in Wahrheit fürchten!). Viele dieser Brehmpamphlete könne man wohl in den Carnivorschriften abhandeln, meinen sie. Aber alles was recht ist, irgendwann werde ich die Badewanne füllen für eine fette Seegurke, wenigstens das!

Das Bestiarium ist fürderhin zu erreichen über die Rubrik Postbestiarium oder hier:

Zähne und Klauen (wie das Bestiarium auf der Veranda eröffnet wurde)
Ganz früher war der Himmel schwarz (über eine Waldversion)
13 Sommer Inverness (den verschenk ich, den attraktiven Russen)
Die kryptogeographische Methode kurz erklärt anhand des Breitlings
Was ich suche aus der Dose (hüte dich vor der Ginsterkatze!)
Tucholsky treibt Allotria (der Dichter kriegt dicke Post von mir)
Portugiesische Galeere (über die Portugiesische Galeere)
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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Unglaublich. Ich bin...
Unglaublich. Ich bin zwar alles andere als Freud, aber...
La Tortuga - 20. Nov, 14:47
Hier hab ich doch tatsächlich...
Hier hab ich doch tatsächlich was dazu gefunden.
Talakallea Thymon - 20. Nov, 11:45

Hohler Stein steht den Tropfen.

Online seit 1281 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Nov, 14:47

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