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Sorgenbriefkasten

5
Nov
2009

Märchen zum Geburtstag

Eine (professionelle!) Märchenerzählerin kam in die Stadt, um Erwachsenen "Märchen für Erwachsene" zu erzählen und anschliessend besorgten Eltern Auskunft zu geben über quälende Fragen (Sind denn Märchen noch zeitgemäss? Fürchten sich Kinder nicht vor Märchen?). Ja, Märchen sind aktueller denn je. Nein, Kinder fürchten sich nie vor Märchen. Märchen für Kinder müssen ein Happy End haben. Märchen für Erwachsene dürfen ohne Happy End ausgehen. - Ich war nicht selbst dabei. Ich gebe hier nur wieder, was ein Journalist über den Anlass schrieb.


Dann machte die Zeitung noch eine Strassenumfrage: Welches ist Ihr Lieblings-Märchen? (Ich kürze die Zitate.)

Junge Frau: "Aschenputtel fand ich zum Beispiel toll. Im Aschenputtel-Film tragen alle so schöne Kleider."
Mann mittleren Alters: "Vielleicht Rössli Hü."
Ältere Frau: "Als Kind gefiel mir Aschenputtel sehr gut. Über dieses Mädchen wurde auch ein schöner Film gedreht."
Junger Mann: "Peter Pan gefiel mir als Kind am besten. Dieses Märchen wurde von Walt Disney auch verfilmt. Den Film sehe ich mir heute noch gerne an."
Frau mittleren Alters: "Max und Moritz haben mich immer fasziniert."

Zufälligerweise las ich gestern eine literaturwissenschaftliche Abhandlung, in der Michael Endes "Theorie" demontiert wird, dass die Grenzziehung zwischen Phantastik und Realismus künstlich und obsolet sei (es ist ja nicht eigentlich eine kopfgeborene Theorie, sondern Einsicht und Erfahrung). Es wird dann akribisch sortiert nach "Fiktionalität", "Phantastie", "Phantastischem" und "Fantastik" (man beachte auch die Ph- bzw. F-Schreibung). Die Philosophen liefern beispielsweise die exakte Definition für "Phantasie", okay, auf irgendwas muss man sich einigen (obwohl Kant vielleicht nicht grade der einzige ist, der eine solche Definition formuliert hat), und überhaupt, schon klar, dass die Literaturwissenschaftler sowas tun müssen. Sie leben schliesslich von ihren Kategorien. Es wird sogar die bange Frage gestellt, ob es nicht wichtig wäre, die Kinder ganz früh an die "exstentiellen Probleme der Realität" heranzuführen anstatt sie mit Geschichten zuzumüllen. Ja ja, Literaturwissenschaftler müssen das tun. Und Pädagogen und Diktatoren und Wirtschaftsführer. Ich gebe zu, dass ich die Abhandlung nicht fertiggelesen habe (ich glaub es ist ein ganzes Buch). Ich möchte aber mal fragen, ob es nicht vielleicht "ein existentielles Problem der Realität" ist, dass ... (ich führs jetzt nicht aus. Jeder, der Kangerlussuaq kennt, hats schon 100x gehört). Und ein grosses Problem ist, das würden doch wohl auch die Literaturwissenschaftler zugeben, dass keiner mehr weiss, was ein Märchen ist, und dass Disney die "Auslegung" (wenn man das so nennen darf) für sich gepachtet hat.

Zu den Aussagen der Umgefragten sei noch ergänzt:
"Rössli Hü" ist eines der schönsten Geschichten überhaupt. Ohne Rössli Hü wäre ich vielleicht so erwachsen geworden wie professionelle Märchenerzählerinnen oder Literaturwissenschaftler (hahaa! ich hör mir die Kassetten heute noch an!).
Der Peter-Pan-Freund sagte ausserdem: "Wenn ich mal Kinder habe, werde ich ihnen Geschichten vorlesen." - Das ist einer der Wenigen, dem man die Lizenz zur Fortpflanzung erteilen darf. Sofern er sich daran hält. Sofern er den Kindern beim Gutenachtkuss nicht sagt, das seien "nur Geschichten". Sofern er nicht nur den Kindern vorliest. Auch die Unterscheidung zwischen "Kind" und "Erwachsener" ist künstlich und obsolet. Menschen sind doch Menschen, wir haben nur nicht alle am selben Tag Geburtstag.

24
Okt
2009

Der Weg ist der Weg.

Wege sind notwendige Übel. Mit irgendwas muss man halt die knappe Zeit um die Ecke bringen. Ziele sind was für Anfänger. Welcher Frust, wenn man nie ankommt, und welche vermaledeite Depression wenn doch. Ziele, die man gar nicht erst erreichen will - denn nichts anderes propagiert ja die abgedroschene hochexoterische Binsenlüge - sind was für Komplettdeppen.

(Intensive Trotzphase gegen hohle Sprüche, die man einfach nicht mehr hören kann. Offenbar ist die Zermürbung der Weg und der Ekel das längst erreichte Ziel.)

10
Sep
2009

Heureka!

Des Rätsels keine Lösung:



Ich schäme mich, weil ich mich schäme.



Himmel hilf. Welch verhängnisvoller Kurzschluss!
Im Film "The Edge / Auf Messers Schneide", in dem der attraktivste und der ekelerregendste aller Schauspieler zusammen durch die Wildnis strolchen auf der Flucht vor dem Bären und auf der Suche nach dem Ausgang, sagt der unerschrockene Millionär: "Wissen Sie, woran Menschen in der Wildnis sterben? Sie sterben aus Scham. Sie sterben, weil sie sich schämen", sinngemäss (und was ist dann erst in der Zivilisation!). Das ist so ziemlich der beste Satz der Filmgeschichte.

Weiters, alles nur Arbeitshypothesen:
sich schuldig fühlen für ...
sich schämen, weil ...

Schuld hat nur ein Objekt, Scham dagegen einen Grund. Im besten Fall. Gründe muss man "nur" suchen, finden und eliminieren. Scham aus Scham ist dann wohl unheilbar, denn was, wenn das Problem und sein Grund identisch sind??? Oh Gott. Ich bin schon tot.

Addendum: Ups. Sir Anthony Hopkins ist natürlich nur einer der zwei attraktivsten aller (Hollywood-)Schauspieler.

8
Sep
2009

Delphi-Frage:

Was ist der Unterschied zwischen Scham(gefühl) und Schuld(gefühl)?

... Habe ich ein unfassbar abstraktes Problem? Wenn nein, (warum) glaube ich dann trotzdem, ein derartiges Problem zu haben? Oder haben es die anderen und projizieren es auf mich (warum sollten sie das tun?), und wenn ja, (warum) falle ich darauf herein, oder wenn nein, wer ist dann sonst schuld daran und wer schämt sich so für mich (etwa doch ich selbst, aber warum warum warum bloss, ich bin ja auch nicht unpassender als die anderen)? Wenn ja (also wenn ich tatsächlich ein unfassbar abstraktes Problem habe), (warum) brauche ich es dann so, andernfalls ich es doch einfach zum Altöl geben könnte?

Ich schäme mich nicht so leicht, meine ich eigentlich. Ich kann ganz gut im Bademantel durch die Stadt laufen und an einer Bar ein Bier bestellen (so unternommen vorletzten Winter, ich hab nur gefroren wie ein haarloses Tier und die befremdeten Blicke einigermassen genossen). Ich kann grausige Witze erzählen, mich an peinliche Liebesabenteuer erinnern, Komplimente machen und welche empfangen, (fast) ohne rot zu werden.
Aber ich fühlte mich zeitlebens schuldig, obwohl ich mir keinerlei massiver Schuld bewusst bin. Ich habe niemanden umgebracht (nicht wissentlich jedenfalls) und mache quantitativ und qualitativ wohl sehr menschheitsdurchschnittliche Fehler. Heute gab mir jemand einen Denkanstoss wie lang nicht mehr: kann es sein, dass ich mich schäme? In einer viel tieferen Schicht, die kein Bademantel berühren kann?

(Die einzige Definition des Unterschieds zwischen Schuld und Scham, die ich bisher recherchieren konnte: Schuld = meine Taten sind nicht in Ordnung; Scham = ich selbst bin nicht in Ordnung. ... Mir graut wie ebenfalls schon lang nicht mehr.)

P.S. Die Frage interessiert mich gar nicht so sehr auf der individualpsychologischen Ebene, sondern viel mehr aus dem Blickwinkel der Philosophie, verschiedener Zeitalter, Kulturen und Religionen. Für Hinweise (auch auf Literatur) bin ich jederzeit dankbar.

8
Aug
2009

ch

chpolitisch
Quelle: Forschungsstelle sotomo


Eine politische Karte der Schweiz (einmal mehr bei Strange Maps gefunden).
x-Achse: links - rechts; y-Achse: konservativ - liberal;
rot = französisch; gelb = italienisch; grün = deutsch;
Höhe der Hügel: Bevölkerungsdichte.
Man beachte: es gibt Gebiete, die sind so konservativ, dass sie nicht mal mehr in die Skala passen und somit über die Karte hinauslampen!

6
Aug
2009

Mondsüchtig auf dem Röstigraben

Ohne ÖV-Generalabo, wichtigstes Untensil überhaupt, brauche ich schon eine sehr gute Rechtfertigung, um wenigstens hin und wieder einfach so in der Gegend herumzurösseln, wie ich es seit Jahren gewohnt war. Obwohl das Argument "Stresstoleranztraining" allein eigentlich schon genug sein müsste; es ist eine unmenschliche Zumutung, für ein Billet Schalterschlange zu stehen (und jedesmal wollen die einem 1. Klasse andrehen, seh ich eigentlich so versnobt aus oder was?!), oder zum Voraus einen passenden Münzhaufen zusammenzuklauben (dafür muss man tagelang vorher ständig kleines Zeug (das man nicht braucht) mit grossen Noten einkaufen), um damit einen Automaten zu füttern, der nie funktioniert, das heisst, wenn man überhaupt herausfindet, was man lösen muss. Am unerträglichsten aber ist es, bereits vor der Abfahrt wissen zu müssen, welchen Zug man nimmt, wo man um-, aus- und wieder einsteigen wird und wann und auf welcher Route man zurückkommt. Eigentlich bräuchte man gar nicht loszuziehen, denn auf diese Weise verpasst man ja den gesamten Wegrand. Man weiss doch nicht, wo das Interessante lauert, bevor man darauf aufläuft!
Also war das gestern meine Rechtfertigung: ich musste Post aufgeben. Zwei absurd fette Briefe, einen halbfetten (dieser dringlich) und drei dünne. Die Postämter im Kraut draussen sind viel freundlicher, nehmen sich Zeit, der Poststempel der Dörfer lautet viel viel länger und expressiver, und es gibt in abgelegenen Poststellen nicht so bemühenden Kram wie Zolldeklarationen (was soll man denn in diese genauen Inhaltslisten schreiben?! Fussknöchelchen vom Schwein?, ich pflege ja derlei Fetische herumzuschicken). Ausserdem hatte ich noch eine überaus peinliche Rechnung mit einer verfluchten Betreibungsgebühr einzuzahlen. So irrational es auch sein mag, sowas erledige ich lieber ein Stück entfernt von meiner Stadt.
Es war ein genüsslicher Ego-Seniorenausflug. Dieser Überlandbus drückte streckenweise richtig auf die Tube, im Ernst, der fuhr manchmal wohl an die vier Minuten lang 80 Sachen, bevor er wieder durch ein Dorf schlich; so eine Weite hätte ich der Schweiz nicht zugegtraut. Wälder wie in Kanada! Nach der Post fläzte ich mich an die Sonne, den Hintern auf dem Röstigraben. Das ist eigenartig, der Röstigraben ist nämlich eine Demarkationslinie, die man sogar der Natur ansieht, als sprächen auch das Gras, die Tannen, die Steine und die Kühe ennet der (angeblich) nicht-politischen Grenze französisch. Es wird drüben sofort alles wilder, was merkwürdig kontrastet, denn zugleich sind die Romands um mehrere Zivilisationsstufen kultivierter als wir.
Das wurde mir einmal mehr schmerzlich klar, als ich nachher in der Beiz einem überaus ordinären Gespräch zweier "Damen" (?) lauschte. Es klang wirklich wie eine lautgewordene Behinderung. Ich verspürte Mitleid und ärgerte mich über die eigene Überheblichkeit. Aber das ist eben schräg, ich habe ein derartiges Gespräch in der frankophonen Schweiz noch nie gehört, obwohl der IQ im Schnitt ja auch nicht wesentlich höher liegen wird als hier.
Dann starrte mich ein Mann ungläubig an und sagte: "Das ist nicht selbstverständlich, dass eine Frau Bier trinkt!", in dem Ton, in dem man sagt: "Es ist nicht selbstverständlich, dass einem jemand die Tür aufhält!" - Als wäre weibliches Biertrinken ein Akt der Höflichkeit. Aber hallo! Was soll man denn sonst trinken bei der Hitze? Ich bezahle doch nicht für Wasser, das ich von jedem Brunnen zapfen kann!
Sogar die Trinkgeschwindigkeit musste ich noch dem Abomangel anpassen, damit ich exakt den Bus erreichte, für den ich ein Billet hatte, und der exakt mit dem Anschlusszug, für den ich dasselbe Billet hatte, koinzidierte, und der wiederum mit dem nächsten Zug, für den das Billet auch gültig war. Ach, es ist schlicht kein Zustand.

Addendum: Ich kann mich einfach nicht lösen von dem Wunsch, dass die Erde zwei bis drei weitere Monde hätte. Es ist einer meiner vier grössten Wünsche und geradezu eine Obsession. Ich meine, das müsste doch technisch inzwischen möglich sein!!

24
Jul
2009

Mein Königreich für ziemlich viel Quark!

Endlich lassen sich die Supermärkte einmal eine erfrischende Abwechslung zur pentranten Bio-, Wellness- und Darmbakterien-Erziehungs- und Marketing-Gag-Welle einfallen: es gibt plötzlich allerlei Futter aus Kroatien, Tschechien, Ungarn, Polen, der Türkei und von anderen Nachbarn. Ein kleines Trostpflaster für Einwanderer, die sich (zu Recht) hier schwertun. Denn Heimweh geht durch den Magen. Entzugserscheinungen sind praktisch die einzige Form des Heimwehs, die ich kenne. Ich wäre einmal beinah gestorben an Quarkmangel, und das, obwohl ich über die Gastgeberküche nicht das Geringste zu rüsseln hatte. Aber Quark!!! Ich brauchte Quark, um wieder die Füsse auf den Boden zu kriegen, aber es gab keinen Quark. Sonstiger Frischkääs schaffte keine Abhilfe. Irgendwann musste ich mich in mein Schicksal fügen. Nicht mal Joghurt, der nicht trinkbar ist, richtig fetten Joghurt, der den Namen Joghurt verdient, konnte ich aufstöbern. Welch ein Martyrium!
Und für uns Eingeborene sind diese Importe lustig anzusehn (die Packungen!! die Aufschriften!!!), spannend zu probieren, vielleicht verliebt man sich sogar in etwas, ohne zu wissen, wie man es zubereitet, auch wenn es sich natürlich nur um profane Supermarktprodukte von dorten handelt. Das ist gut so, denn der heimwehkranke Magen verzehrt sich ja nicht nach seltenen Delikatessen, sondern nach Alltagsfrass von zuhause.

Aber was geschieht?! Es hagelt Reklamationen von Eidgenossen, die schon die totale Übernahme nun auch noch auf dem Teller fürchten! Obwohl die Eurovision de la Cuisine nur ein viertel Regälchen auf mehreren Hektaren Supermarktfläche einnimmt; obwohl es keinen Kaufzwang gibt. Es ist einfach nicht zu fassen!!! Ich entwickle eine Gürtelrose! Mit tschechischem Bier sollte man diese Idioten abfüllen, bis sie kotzen kotzen kotzen. (Bloss schade um das exzellente Bier...)

7
Jul
2009

Wo ich (verdammtnochmal!) wohne ist immer ein Unfall

mammutweg
Jetzo, wo das Wünschen nicht mehr hilft ...

Vor einem Umzug studiere ich immer zuerst den Ortsplan des anvisierten Kaffs, um mir den schönsten Strassennamen auszusuchen. Es ist mir überaus wichtig, wie die Adresse auf einem Briefumschlag wirkt. Sie muss etwas aussagen und zu mir passen, Gesamtklang und -bild müssen mit meinem Namen harmonieren (was bei meinen Adelstiteln schier unmöglich geworden ist). Ein sensibler Briefeschreiber würde sich darob genauso freuen wie ich, und mir aus tiefstem Herzensgrunde schreiben. Ich zumindest richte das geschriebene Wort mit Inbrunst an klangvolle Namen und Adressen.
Aber eben: Bahnhof und Supermarkt müssen mit kurzen Fussmärschen erreichbar sein. Der Supermarkt muss zudem Migros sein, denn wer dauernd bei Coop einkauft, verspitzt ein paar Hunderter pro Monat mehr ins Futter, ausserdem schmeckt das meiste zu snobistisch. Ohne Balkon geht nicht, denn meine Bücher wollen nicht passivrauchen. Fast noch wichtiger als all dies ist RUHE, und zwar im und ums Haus. Das Bett muss man so hinstellen können, dass die Füsse nicht zur Tür weisen (wie man sich bettet, so wird man hinausgetragen). Auch das Auslaufgebiet ist überaus bedeutend, ansonsten ich den Arsch zuwenig bewege.
Den Mammutweg inspizierte ich also zuerst. Basse Enttäuschung: er ist kurz, sehr kurz. Es stehen an ihm ungefähr vier spiessigste Einfamilienhäuser, das wäre gut für die Ruhe, aber ist nur für Reiche. Sicher wird auch nie was frei, denn die Leute übernehmen solche Hütten meist von ihren Eltern und ziehen dann darinnen wieder Kinder "gross", bis diese 30 oder mehr sind.
Hier an meiner hässlichen Adresse ist es nicht schlecht (Bahnhof, Supermarkt, Auslauf tiptop). Aber auch nicht gut. Es ist innen und aussen viel zu laut. Lebensfrohe, sportliche, sippengewohnte, streitsüchtige Nachbarn. Eine verdammte Durchgangsstrasse. Die Feuerwehr um die Ecke. Allein dem Güterbahnhof und dem Fluss lausche ich mit meditativer Hingabe. Es wird gerade eine Umfahrungsstrasse gebaut, versicherte der Verwalter, dann wird es ruhig wie auf einem Friedhof. Inzwischen weiss ich, dass die 2013 fertiggestellt wird, bis dahin dröhnen Baustellen. Hahaaa! Was denkt der sich? Wenn ich bis dahin nicht über alle Berge bin, stimmt mit mir was nicht! ... Nach eineinhalb Jahren habe ich etwa ein Drittel der Kisten noch nicht ausgepackt, nämlich.
Es ist ja für Schweizer Verhältnisse eine relativ billige Unterkunft. Aber die dünnhäutigen Wände sind eine absolute Zumutung. Zudem fällt so einmal im Monat der Strom aus, und im Sommer kommt abends oft nur warmes Wasser und im Winter nur kaltes. Andernorts stört mich das überhaupt nicht, und hier nur aus Prinzip - das Preis-Leistungs-Verhältnis ist miserabel. Es ist immerhin doch ein Schweizer Preis, also verlange ich Schweizer Standard, ich bin ein Pedant. Und die Adresse auf den Briefumschlägen, oh Gott. Kein Wunder schreibt mir keiner, dem Kalligraphie und Kadenz am Herzen liegen.
Ich weiss, ich weiss, dass man nicht alles haben soll, sonst könnte man sich ja gleich mit den Füssen zur Tür schlafen legen. Aber ach, ich seufze mir den ganzen Speichel weg ... Mammutweg!

18
Jun
2009

Die Inquietüden der Kaiserin Sissyphüdi VII

Da ist plötzlich ein gewaltiger Gletscher in meinem Kühlschrank, ich weiss nicht, wo der über Nacht hergekommen ist und ob findenswerte Leichen darin sind, und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich dagegen etwas unternehmen sollte, und wenn ja was, und ob ich es noch hinauszögern kann. Denn wenn einmal etwas entschieden ist, heisst das noch lange nicht, dass ich mich auch zu Massnahmen entschliessen kann. Ich wage es nicht, das Gefrierfach zu öffnen. Überhaupt kann ich mich immer seltener erinnern, ob etwas gestern oder heute war, vor allem dann, wenn ich dazwischen nicht geschlafen habe, die Tage verschwimmen so, und wenn es die lästige Aussenwelt nicht gäbe, wäre das sehr angenehm. So aber führt es zu Komplikationen, Konfrontationen, Konvulsionen und Kollisionen. Das Wasser hier ist so hart, dass ich in der Pfanne, in die ehemals 6 Eier passten, nur noch 2 aufs Mal kochen kann, und selbst an meinen Zähnen wachsen - im Ernst! - Stalaktiten (das sind die von unten nach oben, nämlich seltsamerweise nur in der unteren Zahnreihe). Die ungeheurlichen Parasiten fliegen noch immer, endlich habe ich ihr geheimes Nest gefunden, hoffentlich das letzte: nämlich im Barte dieser schrecklichen Narrenmaske. Von der ich nach längerer Betrachtung bald überzeugt bin, dass sie eine grausige Erinnerung an die Hunnen darstellt. Der Duschenschlauch knickt ab und ich kann von unten die Seife nicht wegspülen. Ständig erledige ich irgendwas und sogleich entledigt sich etwas anderes, um sich mir wie ein Findling in den Weg zu legen. Vom Putzen nicht zu reden. Vieles kriegt man nie wieder sauber, seit den Vormietern nicht, selbiges gilt für die Kleider, und vor Gästen schäme ich mich und sage ihnen, dass es nur dreckig aussieht, aber eigentlich sauber ist ( ... zumindest geputzt, ich schwöre!), was es nur peinlicher macht, denn so stosse ich sie mit der Nase darauf, aber es sieht eben dermassen dreckig aus, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es jemand übersehen könnte. Und wenn ich selbst irgendwo zu Gast bin, frage ich mich verzweifelt, wie die das machen, alles so blanz und blik, dabei haben alle viel mehr los als ich, und sogar wenn sie eine Putzfrau haben sollten, weiss ich nicht, wie eine ausgebildete Reinigungskraft solche Privatkrankenhäuser zustandebrächte. Meist wünsche ich mir ein Gewehr, wenn ich das Staubsaugerrohr anfasse; es würde weniger Mut brauchen. Es ist verschwendete Lebenszeit! Ich komme gar nie zum Arbeiten vor lauter Sinnblödung. Wann habe ich mich zum letzten Mal ob der 4 Wände gefreut? Überhaupt jemals? Es hat ursächlich mit dem "Wohnen" zu tun, diesem Quadratquatsch. Es ist eine gerechte Strafe. Man sollte nicht "wohnen". Ich konzentriere die Kräfte darauf, einen Ausweg aus dem "Wohnen" zu finden, sonst bringt es mich um. Ich weiss nur noch nicht wie. Erwähnte lästige Aussenwelt ( derentwegen ich die 4 Wände auch als Schutzmembran benötige) beharrt darauf, dass ich gefälligst eine feste Adresse haben müsse, ohne mir aber eine Putzfirma, einen Klempner, einen Schreiner, einen Küchengehilfen und einen Kammerjäger freihaus zu stellen. Schreiendes Elend! Nur die Post kommt von selber. Das ist ein Trost, obwohl andauernd keine Post kommt, nichts jedenfalls, was den Namen "Post" verdient.

14
Jun
2009

Penthesilea unter Betablocker

Mein Amazonenvolk (Männeranteil 30%) verehrte mich, und die feindlichen Stämme zitterten vor mir, das ja schon. Die fürchterlichsten Krieger wurden blass und liessen ihre Kindergartentaschen fallen, wenn sie nur meinen Namen hörten. Meine tapferen Heerführer brachten mir Beeren- und Bonbonopfer dar (die begehrten grünen Smarties und überhaupt sämtliche Löwenbeuteanteile immer für mich!). Aber dann, bei der Schlacht an der General-Guisan-Strasse, die Nemesis ... Soeben hatte ich meine Kartonschwert-Infanterie und die Wasserpistolen-Artillerie aufgestellt, gedeckt von Haselruten-Bogenschützen, und die Drahtpferd-Kavallerie an die Flanken beordert, als meine Sollbruchstelle (das schnell verliebte Auge) auf den Häuptling an der feindlichen Schlachtlinie fiel: und Teufel auch, es verdampfte mein Blutrausch und löste sich in süssem Sirup auf! Wenig überzeugend war wohl mein Kampfschrei, aber ich hatte schwer abverdienten Vertrauensbonus bei meinen Truppen (im Ernst, die wollten für mich sterben!), sie stürzten sich todesmutig ins Getümmel. Als ich die erste Alibi-Wunde eingefangen hatte - ein Kratzer am Arm, von dem zu befürchten war, dass er keine respektheischende Narbe hinterlassen würde - fällte ich ein paar schlecht ausgebildete gegnerische Milizionäre, die allesamt einen halben Kopf kleiner waren als mich, kämpfte mich dann in die Schusslinie des Häuptlings und fingierte eine Ohnmacht durch Blutverlust. Plan aufgegangen! Er riss mich hinter sich auf sein Drahtpferd (... man kann auf ein solches schwerlich gezwungen werden, nicht wahr), galoppierte die Heerstrasse entlang bis zu seiner Festung und sperrte mich in den unterirdischen Kerker. Nachdem er mich auf den Folterstuhl gefesselt hatte, holte er mir Decken und stahl unter Einsatz seines Lebens die üppigsten Speisen aus der Küche seiner Stammesältesten. Ich gestehe: ich trug noch meinen Dolch (Pfadfindermesser mit abgebrochener Spitze) am Gürtel. Es wäre ein Leichtes gewesen, mich zu befreien und meinem Peiniger (?) lautlos den Garaus zu machen. Ich hörte draussen meine treue Leibgarde verzweifelt nach mir suchen - ich aber gab keinen Mucks von mir. Oh, ich verriet mein Volk, das derweil die Schlacht für uns entschieden hatte! Ich blieb ihren Siegesfeiern fern in freiwilliger Gefangenschaft, nachdem ich sie feig im Stich gelassen hatte! Es fiel mir nicht einmal ein, den Häuptling zum Zweikampf zu fordern und die Liebe mit Unterwerfung oder gar mit dem Tod zu gewinnen. Stattdessen fragte ich ihn, ob er mich heiraten würde. Pffff! Um der Götter Willen!!! - Wahrscheinlich schon, sagte er, aber sind wir nicht zu jung?, nächstes Jahr reden wir wieder drüber (ich war 7, er 8 - die Hochzeit kam glücklicherweise nie mehr aufs Tapet; ein paarmal führte ich meine Amazonen zwar noch in die Schlacht, aber unsere Macht war gebrochen, lang bevor uns hinderliche Brüste wuchsen).
Oh, die Schmach, die Scham!! Diese widerstreitenden Kräfte: der Wunsch nach einem gemütlichen Routineabend vs. die Sehnsucht, ein abenteuerliches, gefährliches, romantisches, kopf- und sinnloses Leben zu führen. Das Herz ist willig, aber das Fleisch ist schlapp. Es ist grausam, Penthesileas Mascara- und Blumenunfähigkeit zu teilen, ohne Penthesilea bis ins Mark zu sein. Ich nenne es meine Trägödheit.


Ach, Nereïdensohn - Sie ist mir nicht,
Die Kunst vergönnt, die sanftere, der Frauen!
Nicht bei dem Fest, wie deines Landes Töchter,
Wenn zu wetteifernd frohen Übungen
Die ganze Jugendpracht zusammenströmt,
Darf ich mir den Geliebten ausersehn;
Nicht mit dem Strauß, so oder so gestellt,
Und dem verschämten Blick, ihn zu mir locken;
Nicht in dem nachtigalldurchschmetterten
Granatwald, wenn der Morgen glüht, ihm sagen,
An seine Brust gesunken, daß er's sei.
Im blut'gen Feld der Schlacht muß ich ihn suchen,
Den Jüngling, den mein Herz sich auserkor,
Und ihn mit ehrnen Armen mir ergreifen,
Den diese weiche Brust empfangen soll.

Heinrich von Kleist: Penthesilea - Trauerspiel, 15. Auftritt
Pituffik

Notizen aus Kangerlussuaq

Das Postamt, der Atlas, die Seekarten.


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kann die löschung...
kann die löschung gut verstehen , liebe Tortuga...
czz (Gast) - 5. Dez, 05:41
Und das von jemandem,...
Und das von jemandem, die den Westfrauen die Autogenitalverstümmelung.. .
La Tortuga - 3. Dez, 21:45

Hohler Stein steht den Tropfen.

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Zuletzt aktualisiert: 5. Dez, 05:41

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