Märchen zum Geburtstag
Eine (professionelle!) Märchenerzählerin kam in die Stadt, um Erwachsenen "Märchen für Erwachsene" zu erzählen und anschliessend besorgten Eltern Auskunft zu geben über quälende Fragen (Sind denn Märchen noch zeitgemäss? Fürchten sich Kinder nicht vor Märchen?). Ja, Märchen sind aktueller denn je. Nein, Kinder fürchten sich nie vor Märchen. Märchen für Kinder müssen ein Happy End haben. Märchen für Erwachsene dürfen ohne Happy End ausgehen. - Ich war nicht selbst dabei. Ich gebe hier nur wieder, was ein Journalist über den Anlass schrieb.
Dann machte die Zeitung noch eine Strassenumfrage: Welches ist Ihr Lieblings-Märchen? (Ich kürze die Zitate.)
Junge Frau: "Aschenputtel fand ich zum Beispiel toll. Im Aschenputtel-Film tragen alle so schöne Kleider."
Mann mittleren Alters: "Vielleicht Rössli Hü."
Ältere Frau: "Als Kind gefiel mir Aschenputtel sehr gut. Über dieses Mädchen wurde auch ein schöner Film gedreht."
Junger Mann: "Peter Pan gefiel mir als Kind am besten. Dieses Märchen wurde von Walt Disney auch verfilmt. Den Film sehe ich mir heute noch gerne an."
Frau mittleren Alters: "Max und Moritz haben mich immer fasziniert."
Zufälligerweise las ich gestern eine literaturwissenschaftliche Abhandlung, in der Michael Endes "Theorie" demontiert wird, dass die Grenzziehung zwischen Phantastik und Realismus künstlich und obsolet sei (es ist ja nicht eigentlich eine kopfgeborene Theorie, sondern Einsicht und Erfahrung). Es wird dann akribisch sortiert nach "Fiktionalität", "Phantastie", "Phantastischem" und "Fantastik" (man beachte auch die Ph- bzw. F-Schreibung). Die Philosophen liefern beispielsweise die exakte Definition für "Phantasie", okay, auf irgendwas muss man sich einigen (obwohl Kant vielleicht nicht grade der einzige ist, der eine solche Definition formuliert hat), und überhaupt, schon klar, dass die Literaturwissenschaftler sowas tun müssen. Sie leben schliesslich von ihren Kategorien. Es wird sogar die bange Frage gestellt, ob es nicht wichtig wäre, die Kinder ganz früh an die "exstentiellen Probleme der Realität" heranzuführen anstatt sie mit Geschichten zuzumüllen. Ja ja, Literaturwissenschaftler müssen das tun. Und Pädagogen und Diktatoren und Wirtschaftsführer. Ich gebe zu, dass ich die Abhandlung nicht fertiggelesen habe (ich glaub es ist ein ganzes Buch). Ich möchte aber mal fragen, ob es nicht vielleicht "ein existentielles Problem der Realität" ist, dass ... (ich führs jetzt nicht aus. Jeder, der Kangerlussuaq kennt, hats schon 100x gehört). Und ein grosses Problem ist, das würden doch wohl auch die Literaturwissenschaftler zugeben, dass keiner mehr weiss, was ein Märchen ist, und dass Disney die "Auslegung" (wenn man das so nennen darf) für sich gepachtet hat.
Zu den Aussagen der Umgefragten sei noch ergänzt:
"Rössli Hü" ist eines der schönsten Geschichten überhaupt. Ohne Rössli Hü wäre ich vielleicht so erwachsen geworden wie professionelle Märchenerzählerinnen oder Literaturwissenschaftler (hahaa! ich hör mir die Kassetten heute noch an!).
Der Peter-Pan-Freund sagte ausserdem: "Wenn ich mal Kinder habe, werde ich ihnen Geschichten vorlesen." - Das ist einer der Wenigen, dem man die Lizenz zur Fortpflanzung erteilen darf. Sofern er sich daran hält. Sofern er den Kindern beim Gutenachtkuss nicht sagt, das seien "nur Geschichten". Sofern er nicht nur den Kindern vorliest. Auch die Unterscheidung zwischen "Kind" und "Erwachsener" ist künstlich und obsolet. Menschen sind doch Menschen, wir haben nur nicht alle am selben Tag Geburtstag.
Dann machte die Zeitung noch eine Strassenumfrage: Welches ist Ihr Lieblings-Märchen? (Ich kürze die Zitate.)
Junge Frau: "Aschenputtel fand ich zum Beispiel toll. Im Aschenputtel-Film tragen alle so schöne Kleider."
Mann mittleren Alters: "Vielleicht Rössli Hü."
Ältere Frau: "Als Kind gefiel mir Aschenputtel sehr gut. Über dieses Mädchen wurde auch ein schöner Film gedreht."
Junger Mann: "Peter Pan gefiel mir als Kind am besten. Dieses Märchen wurde von Walt Disney auch verfilmt. Den Film sehe ich mir heute noch gerne an."
Frau mittleren Alters: "Max und Moritz haben mich immer fasziniert."
Zufälligerweise las ich gestern eine literaturwissenschaftliche Abhandlung, in der Michael Endes "Theorie" demontiert wird, dass die Grenzziehung zwischen Phantastik und Realismus künstlich und obsolet sei (es ist ja nicht eigentlich eine kopfgeborene Theorie, sondern Einsicht und Erfahrung). Es wird dann akribisch sortiert nach "Fiktionalität", "Phantastie", "Phantastischem" und "Fantastik" (man beachte auch die Ph- bzw. F-Schreibung). Die Philosophen liefern beispielsweise die exakte Definition für "Phantasie", okay, auf irgendwas muss man sich einigen (obwohl Kant vielleicht nicht grade der einzige ist, der eine solche Definition formuliert hat), und überhaupt, schon klar, dass die Literaturwissenschaftler sowas tun müssen. Sie leben schliesslich von ihren Kategorien. Es wird sogar die bange Frage gestellt, ob es nicht wichtig wäre, die Kinder ganz früh an die "exstentiellen Probleme der Realität" heranzuführen anstatt sie mit Geschichten zuzumüllen. Ja ja, Literaturwissenschaftler müssen das tun. Und Pädagogen und Diktatoren und Wirtschaftsführer. Ich gebe zu, dass ich die Abhandlung nicht fertiggelesen habe (ich glaub es ist ein ganzes Buch). Ich möchte aber mal fragen, ob es nicht vielleicht "ein existentielles Problem der Realität" ist, dass ... (ich führs jetzt nicht aus. Jeder, der Kangerlussuaq kennt, hats schon 100x gehört). Und ein grosses Problem ist, das würden doch wohl auch die Literaturwissenschaftler zugeben, dass keiner mehr weiss, was ein Märchen ist, und dass Disney die "Auslegung" (wenn man das so nennen darf) für sich gepachtet hat.
Zu den Aussagen der Umgefragten sei noch ergänzt:
"Rössli Hü" ist eines der schönsten Geschichten überhaupt. Ohne Rössli Hü wäre ich vielleicht so erwachsen geworden wie professionelle Märchenerzählerinnen oder Literaturwissenschaftler (hahaa! ich hör mir die Kassetten heute noch an!).
Der Peter-Pan-Freund sagte ausserdem: "Wenn ich mal Kinder habe, werde ich ihnen Geschichten vorlesen." - Das ist einer der Wenigen, dem man die Lizenz zur Fortpflanzung erteilen darf. Sofern er sich daran hält. Sofern er den Kindern beim Gutenachtkuss nicht sagt, das seien "nur Geschichten". Sofern er nicht nur den Kindern vorliest. Auch die Unterscheidung zwischen "Kind" und "Erwachsener" ist künstlich und obsolet. Menschen sind doch Menschen, wir haben nur nicht alle am selben Tag Geburtstag.
La Tortuga - 5. Nov, 11:43




